Blog Filip Kolek am 31. Dezember 2019

Zwischen-den-Jahren-Interviews VII: Posy Simmonds

Die mit zahllosen Auszeichnungen bedachte britische Illustratorin und Comickünstlerin Posy Simmonds gab uns im Herbst anlässlich der deutschen Ausgabe ihrer lang erwarteten neuen Graphic Novel „Cassandra Darke” dieses galante Interview. Sie sprach mit uns über Zeitungscomics, Charles Dickens, Gentrifizierung und die Auswirkungen des Brexits auf die Stimmung und die Farbgebung in ihrer Comic-Erzählung.

Mit diesem Gespräch verabschieden wir uns von den Zwischen-den-Jahres-Interviews auf dem Reprodukt-Blog und vom geschäftigen, aufregenden und zum Schluss auch unsagbar traurigen Jahr 2019. Wir hoffen, dass ihr euch unsere Bücher viel Freude bereitet haben und dass ihr auch für 2020 schon den einen oder anderen Titel im Auge habt.

Bis bald im Neuen Jahr – guten Rutsch!

Wie haben Sie Ihre Liebe zum Medium Comic entdeckt? Gab es da eine Übergangsphase zwischen Illustration und Comics, oder haben Sie sich immer schon für das Medium Comic interessiert? Was macht die Kunstform Comics aus, das Sie als Erzählerin anspricht?

Als Kind war ich ein großer Leser sowohl von Comics als auch von Büchern. Englische Comics und auch viele amerikanische. In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, gab es mehrere Familien aus der US Air-Force, die dort lebten (das war kurz nach dem Krieg). Jeden Samstag wurden die Kinder zu einer Air-Base gefahren und brachten jede Menge Comics mit, die sie später an mich weitergaben. Zuhause gab es jede Menge Ausgaben des “Punch”-Magazins, manche aus dem 19. Jahrhundert, manche aus den 1930ern. Ich liebte die Cartoons darin. In meinen frühen Zeichnungen gab es immer Menschen mit Sprechblasen.

In anderen Worten, mir gefiel schon immer die Kombination von Worten und Bildern. Es liegt eine filmische Qualität in einer Abfolge von Panels, aber anders als beim Film, der sich stetig vorwärts bewegt, erlaubt ein Bande Dessinée den Lesern über den Bildern zu schweben und sich vorwärts und rückwärts zu bewegen.

In meiner zeichnerischen Laufbahn habe ich immer primär für Zeitungen gearbeitet. Meine ersten beiden Graphic Novels („Gemma Bovery” und „Tamara Drewe”) wurden ursprünglich als Strip-Serien in The Guardian veröffentlicht. Als “Gemma Bovery” in Frankreich in Form eines Buches veröffentlicht wurde, wurde mir klar, dass mein Format aus Sicht eines Comicpuristen seltsam textlastig wirken muss – eine Art Hybrid. Ursprünglich gab es eine simple Erklärung für den vielen Text: Ökonomie. The Guardian hatte das Format der Serie, die Anzahl der Episoden (100) und wie oft sie erscheinen würden (täglich), vereinbart. Es gab viel Handlung, die in jede Episode gequetscht werden musste und Text verbrauchte ganz einfach weniger Platz. Aber während ich arbeitete, entdeckte ich, wie Text und Bild zusammenarbeiten, oder verschiedene Dinge tun konnten. Wie beide gleichzeitig verschiedene Stimmen zeigen konnten: In einer Episode könnte etwa die Stimme des französischen Bäckers als Text, die Tagebuchstimme der Heldin als Handschrift, die Stimmen der gezeichneten Charaktere in Sprechblasen und meine Stimme als Illustrator/Kamera, eine allwissende Stimme, auftreten und Dinge offenbaren, derer sich der Protagonist nicht bewusst ist. Ich fand, dass die verschiedenen Stimmen sowohl den Charakteren als auch der Handlung Tiefe verleihen. In jeder Episode galt es eine Entscheidung zu treffen: Welcher Teil der Geschichte sollte in Text und welcher in Bildern erzählt werden? Ich fand, dass Bilder sich gut dafür eigneten, eine Szene zu etablieren, Beschreibung, Atmosphäre, für wichtige Szenen und Dialoge, für Charakter und für Stille – ich wünschte mir oft, es gäbe mehr Platz, um bestimmte Teile meiner Geschichte ausschließlich in Bildern zu erzählen. Text erschien mir gut geeignet, um wichtige Wechsel der Zeit oder Tonart einzuführen. Fließtext kann die Handlung voran treiben, aber auch als eine Art „Pause“ wirken, etwa nach einer handlungsreichen Sequenz mit vielen Panels oder Sprechblasen.

Viele Ihrer Bücher orientieren sich frei an Werken der klassischen Literatur wie Flauberts „Madame Bovary“ im Fall von „Gemma Bovery”. War „Cassandra Darke” von anderen Werken inspiriert?

„Cassandra Darke” orientiert sich frei an „Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte“. Wenn ich durch London lief, wurde mir immer bewusster, dass die reichen Gegenden reicher (glitzernde Geschäfte, riesige Limousinen, Häuser, die mehrere Millionen kosten) und die Armen ärmer (mehr Bettler und Obdachlose auf der Straße, das Fehlen von erschwinglichen Wohnmöglichkeiten, Essensausgaben für Bedürftige) wurden. Die Schere zwischen Arm und Reich erinnerte mich an das dickensianische London. Ich las die Weihnachtsgeschichte erneut und verbannte sie dann in eine Schublade – ich wollte davon nicht zu sehr beeinflusst werden. Natürlich ist Cassandra Darke eine Version von Dickens‘ Scrooge…

Der Charakter Cassandra Darke ist eine Kunsthändlerin, die ein wohlhabendes, aber einsames Leben in den vermögenderen Teilen Londons führt. Inwiefern war die Entwicklung dieses Charakters verschieden von den vorherigen und welche Herausforderungen stellten sich?

Die Heldinnen der beiden anderen Bücher waren beide jung, und selbst wenn auch nicht unbedingt durchgängig sympathisch, sexuell begehrenswert und hatten ihr Leben vor ihnen (obwohl im Fall von „Gemma Bovery” ihr Leben frühzeitig endet, was sie zu einem tragischen Charakter macht). Cassandra Darke ist dick, gemein, unhöflich und im Winter ihres Lebens, mit wenig ausgleichend wirkenden Charaktereigenschaften. Allerdings hatte ich für sie vorgesehen eine Form von Ausgleich im Lauf der Handlung zu finden… Nicht die sentimentale Erlösung über Nacht, wie bei Scrooge, sondern ein Sinneswandel, der zu ihrem Charakter passt.

Cassandra, die zynische, arglistige Kunsthändlerin und Nicki, die naive Möchtegern-Künstlerin mit politischer Motivation… Mit Ihren beiden weiblichen Protagonistinnen scheinen Sie sowohl auf die ältere, etablierte, als auch die junge, rebellische Kunstszene und -Welt abzuzielen. Was sind Ihre Erfahrungen mit der Londoner Kunstwelt und welche Aspekte davon spiegeln Cassandra und Nicki?

Ich gehe zu Kunstausstellungen in London und anderen Orten des Vereinigten Königreichs, ich gehe zu privaten Ausstellungen und kenne ein paar Künstler. Ich habe auch Museen und Gallerien in Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland besucht. Cassandra repräsentiert die alte Schule, die bei Kunstwerken Wert auf Kunstfertigkeit, Präzision und ästhetischen Inhalt legt. Diese Werte, besonders Kunstfertigkeit, spielen für Nicki keine große Rolle.

Ein anderer Aspekt von „Cassandra Darke” sind die Themen Gentrifikation, bezahlbarer Lebensraum und soziale Unterschiede. Cassandra lebt in Chelsea in einer Straße voller Villen, die größtenteils leer stehen. Als sie am Ende zum Lowbridge Road Distrikt fährt, sind die sozialen Unterschiede so markant, dass es wirkt, als wäre sie zu einem anderen Planeten gereist. Welche Rolle spielen diese Probleme in den aktuellen politischen Debatten (besonders im Hinblick auf den Brexit) im Vereinten Königreich?

Wie ich schon sagte, es gibt eine schwerwiegende soziale Kluft zwischen Arm und Reich. Das Sparprogramm der Regierung nach 2008 hat viel dazu beigetragen, besonders durch die Einsparungen im Sozialwesen. Der Brexit hat das Land noch weiter gespalten: Remainers vs. Leavers, die „Elite der Metropole“ gegen die, die Faragisten „die kleinen Leute“ nennen, schottischer Nationalismus gegen Westminster… und so weiter – Ich kann mich an keine depressivere und wütendere Atmosphäre erinnern (ich stimmte für den Verbleib in der EU).
Ich begann „Cassandra Darke” vor dem Referendum in 2016 zu schreiben. Ich glaube meine düsteren Gefühle über das Ergebnis sind in die dunklen, winterlichen Farben und Atmosphäre des Buchs gesickert.

Obwohl „Cassandra Darke” sicherlich eine düsterere Geschichte ist, ist sie nicht humorlos. Wie wichtig ist es dir, Humor in Geschichten wie diese zu bringen?

Sehr wichtig. Humor und Ironie können Ideen oft besser veranschaulichen, als trockener Sermon. Auch glaube ich nicht, dass Leser gerne belehrt werden.

Das Interview führte Franz Himmighofen.