Blog Filip Kolek am 30. Dezember 2019

Zwischen-den-Jahren-Interviews VI: Sascha Hommer

Der Hamburger Comickünstler Sascha Hommer zählt zu den wichtigsten Stimmen der deutschen Comiclandschaft. 2006 debütierte er bei Reprodukt mit „Insekt”, einer verstörenden Fabel über Rassismus und Ausgrenzung. Mit seinem neuen Projekt „Spinnenwald” kehrte er 2019 wieder in fantastische Gefilde zurück. Der Comic erzählt von (im wahrsten Sinne des Wortes blindem) Glauben, Überwachung und Erwachsenwerden. Für unsere Pressearbeit gab uns Sascha dieses sympathische Interview. Viel Spaß mit dem vorletzten Zwischen-den-Jahren-Interview! Morgen dürft ihr euch noch auf die großartige Posy Simmonds freuen, und dann ist Sense mit 2019 …!

Dein Debüt „Insekt” war eine Geschichte, die ein reales Thema in einer fiktiven Welt aufgreift und behandelt. Nach „Insekt” hast du vorrangig autobiografisch geprägte Bücher geschrieben. Mit „Spinnenwald” kehrst du nun zu deinen fantastischen Wurzeln zurück. Was hat dich dazu bewegt?

Ich habe über die Jahre ganz unterschiedliche Bücher gemacht. Die beiden Bände „Im Museum” (2008, 2010) waren Sammlungen von Comicstrips, „Vier Augen” (2009) hatte tatsächlich einen klar autobiografischen Hintergrund. „Dri Chinisin”  (2011) war eine Sammlung von Adaptionen von Texten der leider mittlerweile verstorbenen Hamburger Schriftstellerin Brigitte Kronauer, und „In China” (2016) war dann eine Reisereportage. Insofern lässt sich vielleicht eher sagen, dass ich mit jedem neuen Buch versucht habe, auch eine andere Form des Erzählens zu erproben. Ich denke aber ebenfalls, dass „Spinnenwald” wieder näher bei der Erzählhaltung aus meinem Debüt anzusiedeln ist. Ich wollte nach der sehr recherchelastigen Arbeit an „In China” wieder ein Buch machen, das etwas freier zu entwerfen ist. Letztlich ist es dann eine Geschichte geworden, die sich sogar noch mehr als „Insekt” auf eine magische Welt einlässt, in der die Regeln unseres Alltagslebens aufgehoben sind.

Die Geschichte von Albi und Dan ähnelt einer klassischen Heldenreise, zumindest zu Beginn …

Ich habe mich tatsächlich bewusst an der Heldenreise orientiert. Wie eigentlich immer in meinen Büchern gibt es aber ein trügerisches Element, das sich erst bei der Lektüre offenbart. Ich will meine Leser*innen mitnehmen auf eine Reise ins Unbekannte.

Religion ist auch ein Thema mit dem „Spinnenwald” sich auseinandersetzt, in Form der Mythen und Legenden, die sich die Menschen der Felsen erzählen. Sie spenden Hoffnung, aber verklären auch den Blick auf die Realität, in der sich die Menschen der Felsen befinden. Welchen Stellenwert nimmt Glauben für dich als Erzähler ein?

Viele Methoden, Wahrnehmung kollektiv zu standardisieren, zum Beispiel religiöse Überlieferungen, funktionieren über Storytelling. Es ist nicht egal, welche Geschichten wir erzählen, denn sie prägen unser Bewusstsein und haben reale Folgen. Insofern denke ich, dass man Geschichten daraufhin überprüfen muss, welche Werte und Weltbilder sie vermitteln, und die Diskussion auf dieser Grundlage führen.

Die Legenden tragen auch dazu bei der Welt von „Spinnenwald” eine Geschichte zu geben, die vor die der Protagonisten greift. Wie gehst du bei der Kreation so einer Fantasy-Welt vor? Womit fängst du an?

Ich hatte eine Grundidee, wohin der Plot führen soll, und habe die Welt davon ausgehend entwickelt. Die Erfindung der Figuren erfolgte eher intuitiv, und die Ausarbeitung der Details konnte dann Stück für Stück folgen. Wie eigentlich immer wenn ich eine längere Erzählung umsetze bleibt alles recht lange im Entwurfsstadium. Gleichzeitig müssen einige Zeichnungen ausgeführt werden, „als ob“ sie bereits fertige Zeichnungen wären, um den Umgang mit den Figuren zu erproben und die Szenarios aus der Zeichnung heraus stärker zu akzentuieren. Stück für Stück schält sich so eine Welt heraus, die nach eigenen Regeln funktioniert. Zusätzlich versuche ich mir konstant Feedback zu holen vom Verlag und von Kolleg*innen, denn umso länger man an so einem Projekt arbeitet, umso schwieriger wird es eine gewisse Betriebsblindheit zu vermeiden.

Welche Filme oder Bücher haben dich zu „Spinnenwald” inspiriert? Hattest du Vorbilder beim Worldbuilding?

Am meisten haben mich der Manga „Nausicaä“, die TV-Serie „Fraggle Rock“, der Kinofilm „Drachenzähmen leicht gemacht“ sowie verschiedene Mangas von Osamu Tezuka geprägt. In meiner Welt werden diese Einflüsse dann zu einer insgesamt vielleicht eher düsteren Collage arrangiert.

Du hast ursprünglich bei Anke Feuchtenberger an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft studiert und lehrst dort nun selbst, hast das Magazin “Orang” mit herausgegeben, bist Teil der Organisation des Comicfestivals Hamburg. Vom Student zum Lehrer: Wie siehst du diese Entwicklung, und wie hat sich die Comic-Szene um dich herum, oder durch dich, verändert?

2001 habe ich begonnen in Hamburg zu studieren, und seit etwa 2006 bewege ich mich professionell im Bereich der Comics. Die deutsche Comicszene ist seither durch den beständigen Einfluss japanischer Comics und den Erfolg der Graphic Novels insgesamt vielfältiger geworden. In der Öffentlichkeit gibt es heute sehr viel mehr Wertschätzung für Comics, was auch das Verdienst mutiger Verleger*innen ist. Im Bereich der Graphic Novels und der Comics aus dem Hochschulumfeld durfte ich diesen Prozess mitgestalten durch meine Arbeit für Verlage und Festivals sowie als Kurator und Künstler. Ich hatte als Student das Glück, mit dem Verlag Reprodukt und der Hochschullehrerin Anke Feuchtenberger auf ein Umfeld zu stossen, das meine Talente fördern und gemeinsame Projekte umsetzen wollte. Die große Unterstützung und Solidarität von der ich profitieren durfte, versuche ich heute im Rahmen der Festivalorganisation und der Hochschullehre weiterzugeben.

Die meisten jungen Comic-Zeichner*innen erzählen historische oder autobiografisch geprägte Werke. Genre-Comics wie Science Fiction und Fantasy sind eher spärlich vertreten. An der HAW unterrichtest du nun selbst eine neue Generation von Comic-Schöpfer*nnen. Was ist deine Sicht auf den Nachwuchs und gibt es Themen, die heute behandelt werden und mit der sich deine Generation nicht befasste?

Diversität ist ein Thema, das heute viel präsenter ist als früher. Diese Auseinandersetzung ist gesamtgesellschaftlich präsent und schlägt sich an der Hochschule ebenso in den Bereichen Animation, Game Design und Kinderbuchillustration nieder. Besonders im Bereich Comic findet man hier häufig auch einen autobiografischen Einschlag, aber grundsätzlich werden da auch jede Menge anderer Formate und Genres bespielt, etwa Fantasy, Science Fiction, Slice of Life usf. Historische Stoffe sehe ich derzeit dagegen nicht als Schwerpunkt, ausser vielleicht in Verlagsprogrammen und in Besprechungen der Zeitungen. Diejenigen aktiven deutschen Zeichner*innen, deren Arbeiten ich aktiv verfolge, etwa Max Baitinger, Michel Esselbrügge, Aisha Franz, Anna Haifisch, Kathrin Klingner, Marijpol oder Alice Socal, haben ganz eigene Erzählansätze, die in der Regel nicht so leicht in eine Schublade zu stecken sind.

Danke für das Gespräch!

Das Interview führte Jonathan Büning.