Blog Filip Kolek am 30. Dezember 2021

Zwischen-den-Jahren-Interviews VI: Alessandro Tota

Recht spät im Jahr erschien dieses Kleinod aus Italien, das in gossenpoetischer Manier von der lost generation der 1990er erzählt, von jungen Leuten, die im krisengebeutelten Italien arbeits- und antriebslos durch den Alltag und vor allem die Nächte stolpern: „Fratelli” von Alessandro Tota.

Mit dem italienischen Zeichner und Autor sprach unser Volontär Lukas. Viel Spaß bei dem Gespräch und bis morgen zu unserem – Kinder, wie die Zeit verfliegt! – letzten Zwischenjahrsinterview!

Lieber Alessandro, wir freuen uns sehr, dass du dir die Zeit nimmst, mit uns zu sprechen. Dieser Tage erscheint bei Reprodukt mit „Fratelli” eine deiner ersten Graphic Novels, die 2011 in Italien erschienen ist. Könntest du uns ein wenig über deinen Einstieg in die Comicszene erzählen? Als „Fratelli” 2011 herausgekommen ist, warst du ja schon einige Jahre in der italienischen Comiclandschaft aktiv …

Wie viele Autoren habe ich mit der Veröffentlichung von Kurzgeschichten begonnen. In meinem Fall hatte ich das Glück, an der Gründung der Zeitschrift Canicola mitzuwirken, die in Angoulême den Preis für den besten alternativen Comic gewann. Dann zog ich nach Paris, wo ich bei verschiedenen Verlagen (Cornelius, Dargaud, L‘Ecole des Loisirs, Futuropolis) veröffentlichte, Comiczeichnen unterrichtete und als Drehbuchautor mit einigen Produktionsfirmen zusammenarbeitete. Mein Hauptinteresse gilt nach wie vor den Comics, sowohl jenen für Erwachsene als auch den Kindercomics, die ich sehr liebe und die mir geholfen haben, meine Arbeitsweise zu verfeinern. Für mich sind Comics die stärkste der narrativen Ausdrucksformen.

Der erste Teil von „Fratelli” entstand schon 2007. Und der zweite, „Ein gebrochenes Versprechen“, ist aus dem Jahr 2011. Wie kam es zu dieser doch recht langen Pause?

Als ich an „Fratelli” arbeitete, gab es noch keine italienischen Comics, die sich mit der Generation der Neunziger auseinandersetzten. Also habe ich versucht, diese Geschichten ausgehend von meinen eigenen Erfahrungen zu erzählen. Damals gab es nicht viele Bücher über die Neunzigerjahre, wahrscheinlich war diese Zeit noch zu nah. Inzwischen beginnt man, sie zu historisieren, aber für mich war es damals autobiografisches Material, und ich wollte versuchen, dem eine Form zu geben. Die Idee war, eine „Landschaft“ zu schaffen, die von verschiedenen Figuren bevölkert wird. Den ersten Teil habe ich für eine Anthologie geschrieben, die eine bestimmte Seitenzahl nicht überschreiten durfte. Den zweiten Teil habe ich deshalb erst später geschrieben. Auf „Fratelli” folgten zwei weitere Bücher, „Charles“ und „Estate“ (beide Titel sind bislang nicht auf Deutsch erschienen, Anm. d. Red.), die das Werk über meinen Geburtsort Bari vervollständigten.

Die Handlung von „Fratelli” spielt in den 1990er-Jahren. Könntest du uns ein bisschen über die wirtschaftliche und politische Realität dieser Zeitspanne in Italien erzählen? Wie exemplarisch sind die Figuren für die damalige Generation? Inwieweit würdest du sagen, ließen sich Parallelen zur aktuellen Lage in Süditalien bzw. Südeuropa ziehen?

Für mich, der ich 1982 geboren wurde, waren die 1990er-Jahre das Jahrzehnt vor 9/11, den Unruhen in Seattle und dem Aufkommen der Anti-Globalisierungsbewegung. Das war meine Teenagerzeit. Die Welt war wirklich sehr schlecht, aber man spürte noch nicht die Weltuntergangsstimmung, die man jetzt in den Großstädten spürt. Ich kenne die sehr unterschiedliche Situation an verschiedenen Orten: Bari, Bologna und Paris. In Paris sind die Phänomene viel stärker spürbar, in den Provinzen ist alles harmloser und langsamer. In den Neunzigerjahren in Bari zu leben, bedeutete vor allem abgeschnitten zu sein – aber dadurch hatte man auch eine gewisse Sicherheit, während man versuchte, seine eigenen Träume zu verwirklichen. Es gab kein Internet und keine Handys. Wir jungen Leute waren uns nicht bewusst, dass die Welt an der Schwelle zu einer Revolution stand. Es gab die Provinz, Langeweile, viele Drogen und eine Menge verschwendeter Energie. Meine Figuren repräsentieren nicht die Mehrheit meiner Generation, sie repräsentieren Randgruppen. Die Gründe für ihr Unbehagen und ihre Unzufriedenheit sind jedoch immer noch mit dem großen Ganzen verbunden. Es war eine Situation von „wir gegen alle“, nur dass „alle“ sich einen Dreck um uns scherten, sie sahen uns nicht einmal.

Eine deiner Figuren ist der junge Student Claudio. Er liebt Romane und Lyrik und sticht damit unter den anderen Figuren hervor. Erzähl uns etwas über ihn. Warum war es dir wichtig, jemanden mit so einem Hintergrund einzubauen?

Claudio ist einer der letzten Söhne des 20. Jahrhunderts. Für ihn kommt die Rettung aus den Büchern. Für ihn sind Baudelaire, Bukowski und Vonnegut nicht bloß Autoren aus der Vergangenheit, sie sind lebendig. Gleichzeitig ist seine Lebenswirklichkeit folgende: Er wohnt in einer Stadt, die nichts zu bieten hat, in der auch die Beziehungen zu den Menschen sehr rau sind und in der man jeden Tag auf der Straße mit einem Kampf rechnen muss. So sehr diese Situation als Abenteuer empfunden werden kann, so sehr wird sie auf Dauer zur Belastung und es entsteht der Wunsch, ihr zu entfliehen. Claudio taucht in diese Welt ein und fühlt sich von der Straße angezogen, genau wie die Schriftsteller, die er bewundert. Er ist auf der Suche nach Vorbildern und findet sie schließlich in Büchern, die zum Filter werden, durch den er die Wirklichkeit sieht. Das Problem ist, dass man sich in den Problemvierteln aufhält und Gefahr läuft, verletzt zu werden. Die Beziehung zur Literatur steht auch im Mittelpunkt von „Charles“, meinem zweiten Buch der Reihe, in dem die Jungen in Bari einem selbst ernannten Charles Baudelaire begegnen.

In „Fratelli” hast du mit in Schwarz-Weiß gehaltenen Strichzeichnungen und Schraffuren gearbeitet. Warum hast du dich für diesen Stil entschieden?

Die Geschichte gibt immer den Stil vor. Das Schwarzweiß und die für Underground-Comics typischen Kreuzschraffuren waren für diese Geschichte die notwendige Sprache. Man darf nicht vergessen, dass Underground-Comics, Crumb, Shelton, in den Neunzigerjahren noch eine lebendige Sprache waren, bevor das Internet und das digitale Zeichnen aufkamen. Ich habe angefangen, als Farbdruck noch teuer war!

In „Der Bücherdieb” geht es um einen Hochstapler, in „Fratelli” überlegen die Brüder, ein Gemälde zu fälschen. Würdest du sagen, du hast eine besondere Faszination für diese Themen und „zwielichtigen“ Figuren? Was findest du an solchen Figuren spannend?

Ich habe eine Schwäche für die Kleinganoven. Ich verabscheue die Schwerverbrecher, Spekulanten und Gewalttäter, aber wie kann man einen Jungen nicht lieben, der ein Buch von Baudelaire stiehlt, weil er kein Geld hat, um es zu kaufen? Da, wo ich herkomme, gab es keine Bibliotheken!