Blog Filip Kolek am 29. Dezember 2019

Zwischen-den-Jahren-Interviews V – Paco Roca

Paco Roca ist ein alter Bekannter bei den Zwischen-den-Jahren-Interviews auf dem Reprodukt-Blog, u.a. 2013 mit “Der Kopf in den Wolken” und 2015 mit “Die Heimatlosen”. Für sein neues Buch “Der Schatz der Black Swan”, einen packenden, stets charmanten Juristerei-Thriller um Bergungsrechte, historische Artefakte und kulturelle Identität, nahm er sich auch wieder die Zeit, für unsere PDF-Pressemappe ein Interview zu geben, über seine Zusammenarbeit mit Autor Guillermo Corral, “Tim und Struppi” und seine Bemühungen, das Abenteuergenre gegen den Strich zu lesen. Viel Spaß dabei! Und wer’s verpasst hat: Guillermo Corral, der die Ereignisse von “Black Swan” selbst miterlebt hat, hat uns gestern Rede und Antwort gestanden.


Bei den meisten deiner vorherigen Comicprojekte warst du Zeichner und Autor in Personalunion. Diesmal bist du „nur“ Illustrator. Wie kam die Zusammenarbeit mit Guillermo Corral zustande, hat er dich angesprochen, oder umgekehrt?

Ich traf Guillermo Corral in Washington auf einem Filmfestival, wo ich meinen Film „Arrugas“ (Filmadaption von “Kopf in den Wolken”) vorgestellt habe. Damals war Guillermo Kulturattaché der spanischen Botschaft. In einem Gespräch erzählte er mir, dass er eine Geschichte hätte, die als Comic gut funktionieren könnte – ein Kommentar, den ich wirklich schon sehr oft gehört habe. Ich weiß ehrlich gesagt nie, wie ich aus diesen unangenehmen Situationen herauskommen soll, da es sich meistens um Geschichten handelt, die ich nicht machen möchte bzw. nicht zu meinem Comicstil passen.
Dennoch ging ich mit Guillermo mittagessen. Dabei erzählte er mir die wahre Geschichte hinter dem Odyssey-Fall und dem Schatz der versunkenen Mercedes. Ich kannte die Hintergünde schon aus der spanischen Presse. Was mich wirklich ermutigt hat, daraus einen Comic zu machen, ist, dass Guillermo als Diplomat im Auftrag des spanischen Auswärtigen Amtes mit dem tatsächlichen Fall betraut war. Er war am Nachforschungsverfahren, dem juristischen Prozess und an der Überführung des Schatzes nach Spanien beteiligt.

Wie weit warst du als Zeichner in die Entstehung der Geschichte mit eingebunden und wie hat sich die Zusammenarbeit mit Guillermo Corral gestaltet?

Da ich normalerweise nicht mit anderen Comicautoren arbeite, bat ich Guillermo, kein Storyboard zu schreiben, sondern einen Fließtext, den ich dann in Comicsprache umwandeln konnte. Ich dachte, dass sich die Geschichte dadurch mehr als Teil meines Oeuvres anfühlen würde. Ausgehend von Guillermos Text haben wir zusammen weiter am Comic gearbeitet, indem wir der Geschichte Details hinzufügten und änderten. Diese Zusammenarbeit hat so gut funktioniert, dass daraus eine enge Freundschaft entstanden ist.

Wie präsent waren die diplomatischen und juristischen Verwicklungen um die Black Swan in der spanischen Presse?

Sehr – es handelte sich ja um den größten Schatz, der je auf dem Meeresgrund gefunden wurde. Das war ein großes Ereignis in Spanien, da dieser wertvolle Schatz geborgen werden konnte und Teil des spanischen Kulturerbes blieb. Bevor das Schatzsucherunternehmen Odyssey den Fall verlor, hatte ich außerdem einen Dokumentarfilm gesehen, der deren Perspektive aufzeigte und ihren Standpunkt verteidigte.

Die Bergung und der folgende Rechtsstreit berührt viele verschiedene Thematiken: wie mit verschollenen Kulturgütern zu verfahren ist, wo und wann die Rechte des Staates enden oder auch wie mit Seegräbern umgegangen wird. Was hat dich besonders am dem Stoff interessiert?

Normalerweise sind wir es gewohnt, dass in Schatzgeschichten die Protagonisten Archäologen sind wie Indiana Jones oder Abenteuerer wie Tim und Struppi … Diese Geschichten sind romantische Projektionen – und stehen unbewusst auch für Kunstraub und der Plünderung anderer Kulturen. Die Museen in London, Berlin, etc. sind voll mit wertvollen Exponaten, die aus Ländern wie Ägypten stammen. Zur Kolonialzeit war das normal, heutzutage ist das erfreulicherweise nicht mehr üblich. Die wertvollen Schätze sind Teil des Erbes eines Landes. Sie helfen uns, die Vergangenheit zu rekonstruieren. Sie sind nichts, womit man handeln sollte. In diesem Comic ging es darum, die Geschichte auf den Kopf zu stellen. Helden aus Beamten und Anwälten zu machen, die normalerweise nicht in diesen Geschichten auftauchen, und wenn doch, die Rollen der “bösen Jungs” übernehmen.

Mit „Die Heimatlosen” hattest du bereits vor wenigen Jahren einen umfangreichen, historischen Stoff umgesetzt, für den du viele Nachforschungen angestellt hast. Wie hat sich die Recherche bei „Der Schatz der Black Swan” im Vergleich zu „Die Heimatlosen” gestaltet?

Der Unterschied bei „Black Swan” zu „Die Heimatlosen” war natürlich, dass Guillermo alles miterlebt hat, was es zu erzählen gab, sodass für mich in diesem Sinne eine Menge Recherche wegfiel. Er hatte sogar Fotos vom Aufbewahrungsort des Schatzes in Florida. Meine Aufgabe war es nun, all diese Informationen realistisch darzustellen. Unabhängig davon reiste ich nach Washington, Madrid und schlich mich in das Kulturministerium, um die Orte zu sehen, an denen die Geschichte stattfand – bis eine Wache mich erwischte, wie ich auf dem Parkplatz fotografierte und mich rauswarf.
Im Allgemeinen ist es viel einfacher, eine Geschichte in der Gegenwart zu platzieren als in der Vergangenheit, wie beispielsweise im Fall von „Die Heimatlosen”. Die Geschichte von „Der Schatz der Black Swan” spielt zwar nicht ganz so weit in der Vergangenheit, aber in der Zwischenzeit sind mehr als zehn Jahre vergangen. Ich musste deshalb vorsichtig sein und beim Zeichnen auf Details wie die richtigen Handys und Automodelle achten. Glücklicherweise gab es so viel Archivaufnahmen zu dem Fall, dass man von fast allem Bilder finden konnte. Auf der Guardia-Civil-Website gibt es sogar ein Video, wie der Schatz vom Flugzeug zum Tresor gebracht wurde.

Das Cover von „Der Schatz der Black Swan” erinnert sicherlich nicht von ungefähr an „Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn”. Welchen Einfluss hatte der Comicklassiker von Hergé auf deine Arbeit an „Black Swan”?

Ich bin ein großer Fan von Hergés Abenteuern, allen voran von „Tim und Struppi”. Man könnte sagen, dass mein Strich sehr von Hergés “Ligne claire” beeinflusst ist. Und es ist klar, dass, wenn man in einem Comicbuch von der Bergung eines versunkenen Schatzes erzählt, einem als erstes „Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn” in den Sinn kommt. Guillermo, als guter Nachfahre der Belgier, wuchs auch mit „Tim und Struppi” auf. Und beiden war aber klar, dass wir mehr als eine Hommage an diese Figuren wollten. Die erwachsene Leserschaft sollte beim Lesen unseres Comics das gleiche Gefühl für Abenteuer verspüren wie damals als Kinder.

Neben Hergé gibt es einige weitere Anspielungen auf reale und fiktive Entdecker und Archäologen in „Der Schatz der Black Swan”. Welche Vorbilder, ob Comic, Roman oder Film, sind noch in eure Comicerzählung eingeflossen?

„Der Schatz der Black Swan” ist eine Geschichte nach wahren Begebenheiten, die primär in Büroräumen spielt. Insbesondere deshalb war es wichtig die Abenteuerlust zu erwecken. Der Schatz, Silber- und Goldmünzen, Karten, Seeschlachten sind ständig präsent…. All dies ist in anderen Abenteuergeschichten zu finden: „Die Schatzinsel“, die „Indiana Jones“-Filme, „König Salomons Schatzkammer“, Piratenfilm-Klassiker …

Woran arbeitest du aktuell? Ist nach einem so umfangreichen Projekt, bei du “nur” Zeichner warst, die Sehnsucht groß, wieder als Autor und Illustrator zu arbeiten?

Nach „Der Schatz der Black Swan” habe ich an einer Ausstellung für das IVAM Museum in Valencia gearbeitet: „The drawn one. Paco Roca“. Zurzeit schreibe ich an dem Storyboard für meinen neuen Comic. Diesmal wird es etwas Persönlicheres – mehr kann ich aber hierzu leider noch nicht sagen, ihr könnt gespannt sein. Ich hoffe, dass es bis Ende 2020 fertig ist.