Blog Filip Kolek am 29. Dezember 2018

Zwischen-den-Jahren-Interviews V: Nicolas Mahler

Nicolas Mahler hatte ein geschäftiges Jahr 2018 – neben dem lakonischen Comicmonolog DAS RITUAL, der im November bei Reprodukt erschienen ist, illustrierte er Konrad Paul Liessmann,  adaptierte für die Reihe „Die Unheimlichen“ eine Gruselgeschichte von Elfriede Jelinek und veröffentlichte einen Band mit Überlebenstipps bei Suhrkamp. Nebenbei nahm er sich die Zeit, uns für eine Pressemappe für DAS RITUAL ein paar Fragen zu beanworten. Das Interview führte Felix Freigang. Viel Spaß dabei!

DAS RITUAL verneigt sich vor einer vergangenen Filmindustrie – dem japanischen Monsterfilm der ersten Stunde. Genauer: dem Spezialeffekte-Meister der Godzilla-Streifen Tsuburaya Eiji. Woher kommt deine Faszination für das Medium Film, und insbesondere für dieses Genre („Kaiju”)?

Ich habe in meinen Comics immer schon verschiedene Filmeinflüsse verarbeitet. Zuletzt habe ich für mein Buch DER FREMDE (Carlsen) die Stummfilme von Murnau als Inspiration genommen. Neben schwerer Filmkost habe ich mich aber immer schon für Genrefilme interessiert, und wenn man sich für Horror- und Monsterfilme interessiert, stößt man irgendwann auf die Godzilla-Filme. Die totale Künstlichkeit der Zerstörungsszenen und die inhaltliche Monotonie bei diesen Filmen hat mich immer schon angesprochen. Ich beziehe mich aber fast ausschließlich auf die japanischen Godzilla-Filme der 60er und 70er Jahre, mit dem Einsatz von Computereffekten endet auch mein Interesse an solchen Filmen.

Dein Buch gleicht einer lakonisch-kontemplativen, Zen-haften Seelenreise. Welche Weisheiten hält das RITUAL für die Lesenden bereit? Wie viel Zen steckt in „Godzilla”?

Es gibt eben KEINE Weisheiten. Ich wollte ein Buch ohne Aussage und Ziel machen, und ohne nennenswerte Handlung. Die Handlung in solchen Filmen unterscheidet sich ja immer nur rudimentär, es geht eher um das WIE. In meinem Buch habe ich mich deshalb auch auf die Zeitebenen, die Farbgestaltung und die Bewegungsabläufe konzentriert. Inspiriert ist das Buch auch durch eine Japanreise. In Japan ist dieses Nebeneinander von totaler Stille und totalem Lärm auffällig, das wollte ich in dem Buch widerspiegeln. Deshalb das Nebeneinander von Zen-Garten und Städtezertrampeln, das Nebeneinander von farbig und schwarzweiß.

Thomas Bernhard, Frank Wedekind, Robert Musil, und zuletzt Elfriede Jelinek – das sind nur einige der Autoren, deren Werke du adaptiert und vor allem verdichtet hast. Ausgangspunkt waren jeweils ihre Prosaarbeiten. DAS RITUAL hat keinen Text zur Grundlage. Wie hast du dich der Erzählung genähert?

Ich habe mir viele der Godzilla-Filme, besonders die der 70er Jahre, angesehen, und Szenen daraus verfremdet übernommen. Ausserdem gibt es viele schöne Fotos von den Dreharbeiten mit Tsuburaya, wo er und die Monsterdarsteller zwischen Miniaturbauten zu sehen sind, bei der minutiösen Planung der Zerstörung dieser Bauten. Ich bin hier also hauptsächlich vom Optischen ausgegangen, im Unterschied zu den Literaturadaptionen der letzten Zeit, wo natürlich der Text am Anfang stand.

Wenn dein Protagonist am Ende sagt „Nichts davon gehört mir”, dann ist das ein Satz, den viele Comiczeichner, die für den internationalen Markt zeichnen, vor allem in den USA und Frankreich, auch kennen werden. Wie wichtig ist es für dich als Autor, die Rechte an deinen Zeichnungen/Texten zu haben? Wie empfindest du den Umgang mit Urheberrechten in der Comicbranche?

Ich hab mit den Urheberrechten kein Problem, weil ich ja nicht für Konzerne arbeite. Prinzipiell möchte ich immer so viel Kontrolle wie möglich über meine Arbeit. Ich hab ja als Selbstverleger angefangen, da ist das ganz normal alle Rechte zu besitzen. Der Protagonist in meinem Buch hat alle Rechte an seiner Arbeit allerdings abgegeben, besitzt also nichts. Das passt auch gut zu der „Zen-Stimmung“ des Buches.

Wenn du jetzt eines Tages aus dem einen oder anderen Grund auf 100 Meter anwächst und den Drang verspürst, durch eine Großstadt zu stampfen, welche Stadt würdest du dir für deine Zerstörungsorgie aussuchen?

Ich würd mir auf jeden Fall zuerst die Autobahnen vorknöpfen, egal wo.