Blog Filip Kolek am 29. Dezember 2021

Zwischen-den-Jahren-Interviews V: Elína Brasliņa

Eine kleine Premiere in diesem Jahr war der charmante Kindercomic „Mimi, Jakob und die sprechenden Hunde“ von Elína Brasliņa: unser erster Comic aus dem Baltikum, genauer gesagt aus Lettland. Die lettische Kinderbuchillustratorin, die auch beim (fast) gleichnamigen Trickfilm die komplette grafische Gestaltung übersah, erzählt – nach einem bekannten lettischen Kinderbuch – von einem ordentlich meinungsstarken Hunderudel und zwei aufgeweckten Kindern, die in dem Rigaer Viertel Maskačka einem Immobilienhai in die Parade fahren.

Das lesenswerte Interview mit Elína Brasliņa führte unser ehemaliger Prakti und frischgebackener Volontär Lukas. Viel Spaß beim Lesen und (ihr kennt den Text!) bis morgen an dieser Stelle.

Liebe Elina, könntest du uns eingangs ein bisschen über dich erzählen? Wie kamst du zum Zeichnen? Und welche Rolle spielte der Comic für dich bislang als Illustratorin/Erzählerin?

Ich habe schon immer gerne gezeichnet. Mein Vater ist Maler und meine Mutter war Kunsthistorikerin, also war ich von klein auf von Kunst umgeben. Aber dass ich mit dem Zeichnen meinen Lebensunterhalt verdienen wollte, wurde mir erst klar, nachdem ich vorher vier Jahre lang Französisch für meinen Bachelor-Abschluss studiert hatte. Also schrieb ich mich an der Lettischen Kunstakademie ein, begann noch während des Studiums als Illustratorin zu arbeiten, machte einen Bachelor- und einen Master-Abschluss und habe diese Entscheidung nie bereut. In der lettischen Verlagslandschaft fangen Comics gerade erst an präsent zu sein, vor allem dank des Verlags „Liels un mazs“ (Anm. d. Red. Kinderbuchverlag aus Riga) und des Indie-Comicverlags „kuš!“. Als ich klein war, gab es nur Micky-Maus-Comics, die uns meine Eltern nicht kaufen wollten. Aber als Teenager mochte ich Manga und Anime, und seit Kurzem tauche ich in die Welt der Graphic Novels ein. Das ist definitiv ein Medium, das mich interessiert!

Für das deutsche Publikum scheint Lettland geografisch, aber auch künstlerisch weit entfernt. Nur wenige Bücher aus Lettland werden auf Deutsch übersetzt. Wie ist das umgekehrt für dich? Wie sehr fühlst du dich als Teil der europäischen Kinderbuch- und Illustrator*innen-Szene? Arbeitest du primär für den lettischen Markt oder bist du international vernetzt?

Ich arbeite in erster Linie für den lettischen Markt, obwohl ich in den letzten vier Jahren begonnen habe, ein wenig zu expandieren und Bücher für britische, irische und Schweizer Verlage zu illustrieren. Auch wurden einige der lettischen Bücher, die ich illustriert habe, im Ausland veröffentlicht. Und vor allem die Bücher, die ich zusammen mit Lawrence Schimel (Anm. d. Red. US-amerikanischer Schriftsteller) gemacht habe, zwei Pappbilderbücher über LGBTQ-Familien, „Bedtime, not playtime“ und „Early one morning“, haben international viel Aufmerksamkeit erregt und werden bald in fast 20 Ländern veröffentlicht. Lettland war leider auch noch nie Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, aber wir bewerben uns für 2025. Mal sehen, wie es läuft!

Was zeichnet die lettische Kinderbuch-Landschaft aus? Gibt es Entwicklungen, Themen und Trends, die „typisch lettisch“ sind?

Da bin ich mir nicht sicher. Ich denke, bei uns war es vielleicht ein bisschen anders, als Lettland noch Teil der Sowjetunion war und es nicht so viele westliche Einflüsse gab. Es gibt Künstler*innen einer älteren Generation, die diesen inzwischen retro wirkenden Stil bis zu einem gewissen Grad beibehalten – nicht zuletzt, weil sie hauptsächlich mit traditionellen Medien arbeiten und sich an einen gewissen Realismus halten usw. Aber die jüngere Generation von Illustrator*innen ist sicherlich Teil einer globaleren Gemeinschaft – vielleicht weil wir alle auf Pinterest und Instagram nach Inspiration suchen (lacht). Ich bin mir also nicht sicher, wie ein typisch lettischer Trend aussehen würde, aber ich denke, für ein so kleines Land mit einem so winzigen Markt haben wir eine große Vielfalt an Stilen und Herangehensweisen und können sicherlich mit anderen Künstler*innen auf europäischer Ebene mithalten!

Der Kindercomic „Mimi, Jakob und die sprechenden Hunde“ basiert auf einem Animationsfilm, der wiederum ein bekanntes lettisches Kinderbuch als Vorlage hatte. Kannst du uns etwas über den Film verraten? Wie bist du damals zu dem Projekt gekommen und welche Rolle hattest du inne? Was hat dich an dem Projekt gereizt?

Ich war die Hauptzeichnerin und Szenenbildnerin für den Trickfilm. Nachdem Reinis Pétersons, der Illustrator des Kinderbuchs „Die Geschichte der Moskauer Vorstadt“ von Luīze Pastore, auf dem der Film basiert, die Rolle nicht übernehmen konnte, kontaktierte mich Edmunds Jansons, der Regisseur. Ich fühlte mich erst sehr überfordert und hätte fast Nein gesagt, aber Edmunds hat mich freundlich überredet, es doch zu versuchen. Das war eine ganz schöne Herausforderung, die mich einiges an Nerven und Tränen gekostet hat, mir aber auch half, über mich selbst hinauszuwachsen. Ich habe knapp drei Jahre lang an dem Film gearbeitet und am Ende alle Figuren, alle Requisiten und alle Hintergründe fast ganz allein entworfen. Es war eine der intensivsten Arbeiten, die ich je gemacht habe. Ich glaube, ich habe Blut geleckt, denn ich arbeite bereits an einem anderen Animationsfilm mit demselben Studio und demselben Regisseur.

Erzähl uns etwas über diesen Transformationsprozess. Wie wurde der Film zu einem Comicbuch?

Der Comic war ursprünglich als Teil der Marketingkampagne für den Film selbst geplant – die Produzenten wollten, dass ich bestehendes Material dafür verwende, damit es schneller fertig wird. Ich habe aber sofort gemerkt, dass das nicht gut aussehen würde. Also habe ich mir damit sechs Monate Zeit gelassen, zuerst ein Storyboard für den Comic entworfen, mich mit Sanita Muižniece beraten, die mir bei den Texten geholfen hat, und dann das Ganze bis auf ein paar bestehende Hintergründe von Grund auf neu gezeichnet.

Wie unterscheidet sich die Arbeit für einen Animationsfilm von der Arbeit für einen Comic? Gibt es narrative Elemente, die man besser in einem Comic ausdrücken kann als in einem Film und umgekehrt?

Ich denke, es ist schwer, die beiden zu vergleichen. Comics genauso wie Animationsfilme sind schon ziemlich große Projekte – Letztere durch die Zusammenarbeit mit einem Team vielleicht noch größer. Die Herausforderungen sind dabei sehr unterschiedlich: Wenn man an einem Film arbeitet, hat man eine Reihe von Zuständigkeiten. Die Arbeit kann sich zwar ein wenig wiederholen, aber dafür muss man sich nicht um das Ganze kümmern. Bei einem Comic trägt man alleine die ganze Verantwortung, vor allem wenn man zeichnet und schreibt – damit muss man umgehen können. Bei einem Comic ist eine gewisse „Ökonomie des Ausdrucks“ gefordert, man muss mit einer begrenzten Anzahl von Panels und Seiten haushalten. Jedes Bild muss sozusagen „einschlagen“, eine Wirkung haben, die Erzählung vorantreiben. Ich habe während der Entstehungszeit nur an diesem einen Comic gearbeitet, der eine Adaption von einer schon bestehenden Geschichte ist. Ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie es ist, an einer eigenen Geschichte zu arbeiten – aber ich hoffe, dass ich das eines Tages tun werde!

Zentrales Thema im Comic ist der Bau eines Wolkenkratzers im historischen Stadtviertel Maskačka in deiner Heimatstadt Riga, der das Bestehende zu verdrängen droht. Könntest du uns ein wenig über das echte Riga und die echte Maskačka erzählen? Wie relevant sind Themen wie Verdrängung, steigende Mietpreise und Luxussanierungen für die Bewohner*innen von Riga und speziell der Maskačka. Sind das aktuelle politische Debatten in Lettland, die „Mimi, Jakob und die sprechenden Hunde“ für junge Leser*innen aufgreift und erzählt?

Die Maskačka, wie sie in dem Zeichentrickfilm dargestellt wird, ist sicherlich eine vereinfachte, kinderfreundlichere Version des tatsächlichen Stadtteils. In der realen Maskačka gibt es eine Reihe von charmanten Holzhäusern, die mit Wohnhäusern durchsetzt sind. Wie in den meisten Städten sind einige Häuser in einem erbärmlichen Zustand, und ganz klar gibt es Armut und Obdachlosigkeit. Wenn auch vielleicht weniger als früher ist das Leben in der Maskačka mit einem gewissen Stigma verbunden. Daneben hat sich ein Trend zur Gentrifizierung entwickelt: Hier und da entstehen schickere Wohnhäuser, oft an überraschenden Orten. Ich denke, es wäre schön, wenn wir mehr in die Instandsetzung und Erhaltung bestehender Gebäude investieren würden, anstatt sie abzureißen und neue zu bauen, die häufig nicht zum historischen Charakter des Viertels passen – ich freue mich immer, wenn ein altes Holzhaus in der Maskačka oder anderswo einen neuen Anstrich erhält. Außerdem fände ich es schön, wenn die Kommune mehr Mittel in die Außenbezirke und nicht nur in das Stadtzentrum investieren würden, um sie für Menschen und Unternehmen attraktiver zu machen.

Du lebst selber in Riga, oder? Hast du ein persönliches Verhältnis zur Maskačka? Warst du zur Vorbereitung für deine Zeichnungen vor Ort? Gibt es Charakteristika des Viertels, die es dir als Zeichnerin leicht gemacht haben, seine Essenz einzufangen?

Ja – ich bin tatsächlich näher an die Maskačka gezogen, als ich mit der Arbeit an dem Film weitgehend fertig war, und fahre jetzt regelmäßig mit der Straßenbahn durch das Viertel. Ich war ein- oder zweimal zu Recherchezwecken dort, habe aber meistens – sehr unromantisch, dafür sehr effizient – Street View bei Google Maps benutzt. Was die Charakteristika betrifft, so gab es für mich mit der Holzarchitektur, den gepflasterten Straßen, der Straßenbahnlinie 7, dem Maskačka-Gartenpark und den „bunten Bewohnern“ einige Referenzpunkte, um das Viertel für das Publikum erkennbar zu machen.

In einer neueren Arbeit von dir geht es um Marketing – auch dieses Thema hast du für Kinder illustriert. Wie gehst du an so eine Arbeit heran?

Das Buch „Ting! Wie Marketing die Welt verführt“ (Anm. d. Red.: erschienen 2020 beim Helvetiq Verlag Basel/Lausanne) ist ein Gemeinschaftswerk von Cary Steinmann und Laura Simon, und sie hatten für die meisten Illustrationen bereits wunderbare Ideen, auf die ich dann aufbauen konnte. Der Stil, den ich für das Buch gewählt habe, wurde von den „Corporate Designs“, der Unternehmens-Bildsprache, inspiriert, die wir heute fast überall sehen. Zum Beispiel diese vektorbasierten, geometrischen, bunten Figuren mit leicht übertriebenen Proportionen in den sozialen Medien. Ich habe dann meinen eigenen Stil mit schrulligen Details hinzugefügt, um den Lesern hoffentlich mehr Spaß zu bereiten.

Jakob – eine der beiden Hauptfiguren des Comics – möchte einmal Architekt werden wie sein Papa. Er zeichnet bzw. malt sehr viel, und dabei wird das, was er gezeichnet hat, Wirklichkeit. Das scheint mir eine Metapher zu sein für die kreative und narrative Kraft des Zeichners, speziell des Comic-Mediums… War das für dich als Kind auch so? Und hat das Zeichnen immer noch diese magische Komponente für dich?

Die Macht der Fantasie kommt auch im Original bei Luīze Pastore zum Ausdruck. Jakob stellt sich eine riesige Flut in Riga vor und ein großes Schiff, das die Hauptstraße der Stadt hinunterfährt. Das ist ein sehr eindrucksvolles Bild, das mir im Gedächtnis geblieben ist. Im Buch war das etwas nuancierter und metaphorischer, wenn ich mich richtig erinnere. Edmunds, der Regisseur, hat es dann im Film etwas deutlicher gemacht – als ob Jakob wirklich glaubte, er hätte magische Kräfte. Und ich glaube, da ist etwas Wahres dran. Zeichnen (und Animieren, Filmemachen, Schreiben und bis zu einem gewissen Grad jede Form des künstlerischen Ausdrucks) ist eine Art Magie, die Fähigkeit, die Bilder, die man in seinem Kopf sieht, mit anderen zu teilen und so deren Fantasie anzuregen. Das fühlt sich manchmal an wie eine besondere Kraft, vor allem, wenn die Bilder genauso – oder sogar besser – werden, als ich sie mir vorgestellt habe.

Am Ende der Geschichte wird dann doch noch gebaut – aber nicht mehr nach den Vorstellungen des Immobilienhais Raffke, sondern nach den Plänen von Jakob. Hast du das Gefühl, dass man Kinder mehr bei der Gestaltung unserer Städte und unseres Miteinanders entscheiden lassen müsste? Wie wichtig ist für dich die „Kinderperspektive“ in der Stadtplanung?

Ich denke, es ist auf jeden Fall wichtig, die Perspektive der Kinder in diesen Fragen zu berücksichtigen – und ich freue mich, dass dies zum Beispiel beim Bau von Spielplätzen auch geschieht. Mein eigenes Viertel in Riga, Kengarags, ist trotz seines „schlechten Rufs“ recht familienfreundlich und hat eine Reihe von Spielplätzen in fußläufiger Entfernung von unserem Haus. Oder ich denke an die Bemalung von Kindergarten- und Schulgebäuden durch Künstler und Kunststudenten. Auch als Erwachsene würde ich gerne mehr Farbe in der Stadt sehen (z. B. in Form von Wandmalereien), und ich würde mir wünschen, dass die Stadt fußgänger- und fahrradfreundlicher und dadurch sicherer für Kinder und alle anderen wird.

Zum Schluss eine kleine wie entscheidende Frage: Bist du ein Hunde- oder ein Katzenmensch? Hast du selber Haustiere, die sich in der Geschichte wiederfinden?

Ich bin auf jeden Fall ein Hundemensch, obwohl ich auch gerne mit Katzen kuschle – wenn sie mich lassen. Ich hatte in meinem Leben zwei Hunde, eine französische Bulldogge namens Theo, die vor vielen Jahren verstorben ist, und einen Golden Retriever namens Bonnie, die das Baby der Familie war, bis unser richtiges Baby auf die Welt kam (und die jetzt widerwillig lernt, eine große Schwester für sie zu sein). Ursprünglich wollte ich einen Golden Retriever in die Gruppe der sprechenden Hunde aufnehmen, aber wie der Regisseur feststellte, hatten wir bereits einen Mops, einen Chihuahua und zwei Afghanische Windhunde. In diesem Rudel von Streunern war wirklich kein Platz mehr für weitere reinrassige Hunde – also wurden die anderen als Mischlinge neu gezeichnet. Aber Bonnie taucht im Film als Hintergrundfigur auf.