Blog Filip Kolek am 28. Dezember 2021

Zwischen-den-Jahren-Interviews IV: Matthias Lehmann

Eigenproduktionen liegen einem natürlich immer doppelt und dreifach am Herzen, vor allem, wenn sie uns schon so lange begleiten wie Matthias Lehmanns Debüt „Parallel”, das diesen Herbst bei Reprodukt erschienen ist. Ganze sieben Jahre arbeitete der Leipziger Comickünstler an seinem Erstlingwerk, unterstützt vom Reprodukt-Lektor Michael Groenewald. Dass sich die viele Arbeit gelohnt hat, stand für uns außer Frage, aber wir haben uns natürlich sehr gefreut, dass die Resonanz seitens Presse und Leser*innen auch sehr enthusiastisch ausfiel. Das Sahnehäubchen: Kurz vor den Feiertagen kürte eine 30-köpfige Kritiker*innen-Jury „Parallel” auf Platz 1 der Comic-Bestenliste des Winterquartals.

Mit Matthias Lehmann haben wir für die Pressearbeit auch ein ausführliches Interview geführt. Wir wünschen euch viel Spaß bei diesem Q&A und lesen uns morgen wieder an dieser Stelle, oder?

Lieber Matthias, herzlich willkommen in der Reprodukt-Family. Wir freuen uns schon sehr auf dein Debüt als Zeichner und Autor in Personalunion. Bevor wir über deinen lange erwarteten Erstling sprechen, erzähl uns doch erst ein bisschen über dich. Wie bist du auf den Comic gekommen? Und was bedeuten dieses Medium und seine vielfältigen Möglichkeiten für dich als Erzähler?

Dass ich mich für Comics interessiert habe, kam ganz plötzlich mit 16 Jahren. Ich habe mir aus einer Laune heraus ein Batman-Heft gekauft und fand, was darin zu sehen war, so faszinierend, dass ich begann, Panels daraus abzuzeichnen. Schnell begann ich, eigene Figuren und Geschichten zu entwickeln. Die enorme Vielfalt des Comics macht es dabei für mich aus. Alles ist möglich: von Comics komplett ohne Text zu Comicseiten, auf denen nur Text und kein Bild zu sehen ist, bis hin zu der Tatsache, dass das Medium aus dem Buchformat heraustritt und andere Medien tangiert, wie zum Beispiel Musik und Film. Außerdem macht die Bilderzählung eine sprachübergreifende Kommunikation möglich.

In „Parallel” erzählst du auf fast 500 Seiten die Geschichte eines homosexuellen Mannes, Karl Kling, der nach dem Zweiten Weltkrieg mehrfach versucht, sich selbst und seine Wünsche zu verleugnen und ein bürgerliches Leben zu führen, was dazu führt, dass er sich und andere verletzt und enttäuscht. Erzähl uns etwas zur Recherche. Wie kamst du auf diese Erzählung und was hat dich an dem Stoff so interessiert, dass du ihn in der Ausführlichkeit mehrere Jahre verfolgt hast und auserzählen wolltest?

Bei einem Gespräch mit meiner Freundin über unsere Großeltern erzählte sie mir, dass ihr Opa homosexuell gewesen sei. Trotzdem war er zweimal verheiratet. Mich interessierte die Spannung, die wohl in ihm gewesen sein muss. Diese große Divergenz zwischen Kopf und Herz. Ich sprach also als erstes mit der Tochter von Karl. Durch ihre Erzählungen, Fotos und Dokumente, die sie noch von ihm besaß, konnten wir gemeinsam recht viel seines Lebensweges nachverfolgen. Die Sache mit dem Schwulsein war zeit seines Lebens ein offenes Geheimnis. Innerhalb der Familie wurde darüber nicht gesprochen. Somit musste ich sein schwules Leben mit Hilfe von Literatur, Dokumentationen und einem Zeitzeugen rekonstruieren.

Was kannst du uns über deine Hauptfigur verraten? An welcher Stelle in seinem Leben steht er, als wir ihn kennenlernen?

Zu Beginn der Geschichte steht die Hauptfigur vor einem neuen Lebensabschnitt. Er geht in Rente und verliert seinen geliebten Beruf, der ihm Zugehörigkeit in eine Gesellschaft gegeben hat, die er über sein Privatleben nicht bekommen hat. Er lässt sein Leben Revue passieren und sucht nach Gründen, warum seine Tochter den Kontakt zu ihm abgebrochen hat.

Wie exemplarisch siehst du Karl Klings Geschichte, seine Angst vor Einsamkeit und seine Selbstsabotage für die Schicksale von vielen homosexuellen Männern und Frauen im Nachkriegsdeutschland? Was sticht für dich an seinem Leben heraus?

Wenn ich anderen Menschen erzählte, mit welcher Geschichte ich mich gerade beschäftigte, konnte ich öfter den Satz hören: „So jemanden kenne ich auch.“ Oft aus der Familie. So gesehen ist die Geschichte von Karl eine, die es wohl in Deutschland zu Tausenden gegeben hat. Natürlich jede mit ihren eigenen Facetten. Homosexualität im Nachkriegsdeutschland stand nach wie vor unter Strafe, wobei der Paragraph 175, der vor 1945 galt, einfach übernommen wurde. Was wirklich heraussticht, kann ich nicht sagen. Er war eigentlich ein ganz normaler Mann aus der Arbeiterschicht, der in Ruhe sein Leben leben wollte. Er war kein Held, der für die Rechte von Homosexuellen einstand, sondern versuchte eher mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, das beste aus seiner Situation zu machen.

„Parallel” spielt nicht nur in der Nachkriegs-BRD, sondern auch mehrere Jahre in der DDR kurz vor dem Mauerbau. Dabei spielen die politischen Verhältnisse und Unterschiede weder für dich als Erzähler noch für Karl Kling eine Rolle. Die homophobe Stimmung in der Gesellschaft scheint in Ost und West die gleiche zu sein …

Seit Ende der 50er Jahre waren homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen in der DDR straffrei. Das war natürlich ein Fortschritt gegenüber der BRD, den man wahrscheinlich als progressiv betrachten kann. Aber das nützte den Betroffenen recht wenig, wenn Homosexualität in der Gesellschaftlich trotzdem geächtet war.

In beiden Systemen wurde Homosexualität genutzt, um politische Gegner zu beschädigen. In der BRD gab es seit Mitte der 60er Jahre einen gesellschaftlichen Wandel, der sich durch weniger Verurteilungen bemerkbar machte. Aber der Paragraph bestand nach wie vor, erst 1994 wurde er ersatzlos aufgehoben.

In den letzten Jahren war in der Rezeption von Kunst die Debatte über kulturelle Aneignung und die soziale Stellung des/der Künstler*in in Bezug auf ihr Thema nicht unwichtig. Hast du als heterosexueller Mann damit gehadert, als Erzähler in die Haut eines schwulen Mannes zu schlüpfen und sein zerrissenes Innenleben zu imaginieren? Wie bist du mit diesem Widerspruch umgegangen? Und ist das überhaupt ein Widerspruch?

Ich bin mir bei der Frage selbst sehr uneins. Einerseits denke ich, dass ich nicht auf dem Rücken einer Gemeinschaft Geschichten erzählen möchte, zu der ich keinen Zugang habe. Andererseits wäre ich sehr limitiert, wenn ich nur Geschichten aus meiner Lebenswirklichkeit erzählen würde. Wobei meine Lebenswirklichkeit sich ja auch immer mit der anderer überschneidet. Wir existieren ja nicht losgelöst voneinander. Vielleicht kommt es auch ein bisschen darauf an, wie man erzählt. Deshalb war es mir wichtig, homosexuelle Menschen in den Entstehungsprozess mit einzubeziehen.

Ich habe eingangs von „Parallel” als deinem Debüt geschrieben, aber das war ein bisschen geflunkert. Vor einigen Jahren ist schon ein Comic von dir erschienen, eine Biografie des Malers Claude Monet, den du nach dem Szenario von Kunsthistorikerin Mona Horncastle gezeichnet hast. „Parallel” ist aber dein buchlanger Einstand als Autor. Mich würde jetzt an dieser Stelle – „Parallel” ist ja ein stark dialoggetriebenes Buch – die Szenaristen-Arbeit interessieren. Wie bist du als Autor herangegangen, um ein so umfangreiches und dialoglastiges Skript in den Griff zu bekommen?

Ich habe versucht, sehr strukturiert vorzugehen. Das heißt, ich habe mir alle Szenen, die mir wichtig sind, auf kleine Zettel geschrieben und vor mir ausgebreitet. So hatte ich alle Szenen im Blick und konnte ihre Reihenfolge durch Verschieben leicht ändern. Da es zwei Zeitebenen gibt, die ineinander verschachtelt sind, war das notwendig. Als die Reihenfolge feststand, begann ich, die Szenen mit Dialogen und Handlung zu füllen. Bei diesem Schritt hat mir mein Lektor Michael sehr geholfen, da ich, was das Schreiben anging, noch sehr unerfahren war. Wir befanden uns im ständigen Austausch, stellten uns Fragen zu den Figuren und deren Beweggründen, warfen Szenen wieder raus und fügten woanders Szenen ein. Ich hatte in den Jahren davor schon einige kürzere Comics geschrieben, aber so ein langes Buch ist natürlich etwas ganz anderes. Da fiel es mir schon manchmal schwer den Überblick zu behalten.

Und natürlich interessiert uns auch der grafische Part. Deine Figuren bestehen oft aus sehr flüchtigen Linien, die erst durch die verschiedenen Graustufen an Gewicht und Kontur erhalten. Es gibt Szenen, da scheint sich Karl Kling aufzulösen und mit dem Hintergrund zu verschmelzen. Du arbeitest rein digital, oder? Könntest du uns mehr über deinen Stil und deinen Strich in „Parallel” erzählen?

Dieser Comic ist bis auf Teile des Storyboards digital entstanden. Was mir die Möglichkeit gegeben hat, sehr locker zu arbeiten. Das heißt, ich habe über das Storyboard getuscht, ohne die Vorzeichnung groß auszuarbeiten. Was ich mir auf Papier nicht getrauen würde, da ein Tuschefehler auf Papier sehr viel mehr Arbeit nach sich zieht als ein Tuschefehler bei Photoshop. Außerdem fand ich, dass das Flüchtige und Verschmelzende gut zu der Geschichte passt. Karl Kling versteckt sich oder passt sich an.

Heutzutage erscheint es geradezu absurd, dass anti-homosexuelle Gesetzgebung in Deutschland bis in die 1990er hinein bestand hatte – so viel hat sich in Sachen LGBTQ-Rechte seither getan … Ist das Thema von „Parallel” deiner Meinung nach ein rein geschichtliches oder siehst du in der Geschichte von Karl Kling Parallelen zu heutigen Debatten und gesellschaftlichen Problemen?

Ich denke nicht, dass das Thema rein geschichtlich ist. Denn dieses Leben, das Karl geführt hat, führen immer noch Menschen – auch in Deutschland. Auch wenn sich in Sachen LGBTQ-Rechte und Akzeptanz viel getan hat, gibt es immer noch zu viele Vorbehalte, Ablehnung und konservative Kräfte, die gerne die Zeit wieder zurückdrehen würden. Das zeigt, alles Geschichtliche ist auch für die Gegenwart relevant. Das sieht man ja auch bei anderen Themen.

Du hast viele Jahre an „Parallel” gearbeitet. Brauchst du jetzt erstmal eine lange Pause, oder bist du schon mittendrin im nächsten Projekt? Worauf können wir uns als nächstes von dir freuen?

Was ich jetzt als größeres Comicprojekt machen werde, weiß ich noch nicht ganz genau. Aber ein paar Kurzgeschichten liegen bereits in der Schublade, die nun endlich gezeichnet werden können.