Blog Filip Kolek am 28. Dezember 2018

Zwischen-den-Jahren-Interviews IV: Bastien Vivès & Catherine Meurisse

Heute zwei Quickies: zwei französische ComickünstlerInnen, die uns für ihre Pressemappen jeweils drei Fragen beantwortet haben. Bastien Vivès stillte unsere Neugier anlässlich des Erscheinens seiner viel gepriesenen Sommererzählung EINE SCHWESTER. Und Catherine Meurisse durften wir kurz in Sachen OLYMPIA IN LOVE löchern. Beide Interviews führte Felix Freigang.

Bastien – vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses kurze Interview nimmst. EINE SCHWESTER erzählt von einem „rites de passage“, dem Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter. Kannst du uns etwas zum Entstehungshintergrund von „Eine Schwester“ erzählen. Wie bist du zu der Geschichte gekommen?

Der Übergang ins Erwachsenenalter hat mich schon immer sehr fasziniert. Das ist aber auch ein Thema, das bereits hunderte Male in Literatur, Comics und Filmen behandelt wurde. Wegen der emotionalen Herausforderungen, die mit dieser Lebensphase einhergehen, wird sie häufig mit irgendeiner Form von Gewalt assoziiert. In EINE SCHWESTER wollte ich das Gegenteil zeigen, dem Übergang ins Erwachsenenalter eine „süße Note“ verleihen. Die Geschwister-ähnliche Beziehung zwischen Antoine und Hélène eignet sich perfekt dazu, um diese Zäsur in der Entwicklung darzustellen… Während ich an dem Buch gearbeitet habe, stellte ich mir einfach die Schwester vor, die ich zwar selbst nie hatte, mir aber immer gewünscht habe. Es ist keine autobiografische Geschichte – ich habe das nie erlebt. Aber ich wollte für den Leser und mich eine Geschichte schaffen, die sich wie eine Erinnerung an etwas anfühlt, das man nie erlebt hat.

Der 13-jährige Antoine lernt durch die drei Jahre ältere Hélène die Verlockungen sexueller Begierden kennen. Zeitgleich haben die beiden ein nahezu geschwisterliches Verhältnis zueinander. Was hat dich an der Beziehung zwischen Antoine und Hélène besonders fasziniert?

Zwischen Antoine und Hélène ist nicht Liebe das bestimmende Gefühl. Im Gegenteil: Liebe existiert für die beiden gar nicht. Antoine ist zu jung, um zu lieben und Hélène ist an anderen Jungs interessiert. Als klar war, dass ich in meiner Geschichte nicht von „Liebe“ erzählen möchte, konnte ich jene sanfte Zuwendung und Zärtlichkeit in den Vordergrund rücken, die meiner Meinung nach der Kern geschwisterlicher Beziehungen ist.

War es eine Herausforderung, eine Geschichte wie EINE SCHWESTER zu erzählen, ohne in die Klischeefallen anderer Coming-of-Age-Stoffe zu tappen?

Alle Leben gleichen sich, Geschichten tun dies meiner Meinung nach auch. Ich erzähle Geschichten, die meiner Fantasie entspringen, Geschichten die nicht der Wirklichkeit entsprechen wahrscheinlich würde sich ein 16-jähriges Mädchen von einem 13-jährigen Kind niemals angezogen fühlen. Meine Aufgabe besteht jedoch darin, das Unwahrscheinliche möglichst plausibel zu machen … Das ist der Punkt, ab dem Geschichtenerzählen zu einer harten, aber lohnenden Arbeit wird.

Liebe Catherine Meurisse – für OLYMPIA IN LOVE haben Sie das Musée d‘Orsay kurzerhand in ein Hollywood an der Seine verwandelt. Wie ist das Projekt entstanden und wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Ich wurde vom Musée d‘Orsay angefragt, einen Comic über das Museum zu machen und habe diesen Auftrag mit großer Begeisterung angenommen. Die Themen Kunst und Literatur waren stets präsent in meinen Büchern und ich fühlte mich sehr geehrt, mich nun einem bestimmten Museumsraum zuwenden zu können, in seine Sammlungen einzutauchen und ihn auf diese Weise zu ehren. Die Idee, eine Art musikalische Komödie zu machen, kam mir, als ich das große Glasdach in der zentralen Halle des Museums näher betrachtete. Dort kann man die Silhouetten der BesucherInnen in einer Umgebung wahrnehmen, die starke Assoziationen zur Architektur New Yorker Gebäude weckt, besonders zu den eisernen Treppenaufgängen, die das Stadtbild prägen. Ich hatte sofort das Plakat von „West Side Story” vor Augen! So entschied ich mich, eine Art „West Side Story” im Musée d‘Orsay zu erzählen: Die Jets sollten die etablierten, akademischen Maler und die Sharks die Impressionisten sein. Ausgehend von dieser Idee war es ein Leichtes, den richtigen Rhythmus und Humor für diese Geschichte zu bestimmen…

Ihre heldenhafte Muse – Manets Olympia – ist eine integre und idealistische Person, die antritt, die starren Traditionen der europäischen Kunstwelt mit einem Bewusstsein der „Moderne” zu konfrontieren. Was motiviert die Olympia in Ihrer Geschichte?

In der westlichen Malerei sind in der Regel Männer die Maler, Frauen die Musen oder Modelle. Im Musée d‘Orsay gibt es unter 20.000 Malern nur eine Hand voll Frauen: Berthe Morisot, Rosa Bonheur und Mary Cassatt. Ich wollte die Bedeutung von Frauen in den Vordergrund stellen, ein bisschen Feminismus in die Kunstgeschichte bringen, und tradierte Codes umkehren. In OLYMPIA IN LOVE stehen Frauen im Mittelpunkt: naiv oder opportunistisch, nackt oder angezogen – sie sind diejenigen, die den Takt sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne angeben.

OLYMPIA IN LOVE ist voller Referenzen zu Gemälden des mittleren bis späten 19. / frühen 20. Jahrhunderts. War es schwierig, eine Geschichte um diese Bilder herum zu konstruieren?

Es fiel mir ehrlich gesagt gar nicht schwer, denn das Musée d‘Orsay und seine Bilder waren mir bereits sehr vertraut. Ich habe sogar mit 19 mal als Aufsicht für einen Sommer dort gearbeitet und kannte das Museum dementprechend gut! Aber auch schon zuvor habe ich viel Zeit in den Räumlichkeiten verbracht und über die Jahre eine sehr persönliche und emotionale Bindung zur Topographie des Ortes aufgebaut. Um schließlich OLYMPIA IN LOVE zu schreiben und zu zeichnen, musste ich lediglich meine Erinnerungen abrufen…