Blog Filip Kolek am 29. Dezember 2020

Zwischen-den-Jahren-Interviews III: Mariko & Jillian Tamaki

Für dieses Interview haben wir ein bisschen in der digitalen Mottenkiste des Pressearchivs gewühlt. Das Gespräch mit den kanadischen Comickünstlerinnen Mariko und Jillian Tamaki entstand bereits 2015 zum Erscheinen der deutschen Ausgabe von EIN SOMMER AM SEE, dem sicherlich schönsten Jugendcomic im Portfolio von Reprodukt. 2020 erschien eine verkleinerte, kostengünstigere und formschöne Taschenbuch-Ausgabe von EIN SOMMER AM SEE. Aus diesem Grund veröffentlichen wir an dieser Stelle das fünf Jahre alte, aber nach wie vor charmante Gespräch mit den beiden vielfach prämierten Künstlerinnen. Viel Spaß dabei!

Liebe Mariko, Sie haben bereits mehrere Graphic Novels veröffentlicht. Wie sind Sie dazu gekommen, Comicautorin zu werden?

Mariko Tamaki (TM): Es fing damit an, dass ich die Möglichkeit bekam, für ein Literaturmagazin namens „Kiss Machine“ in Toronto einen Comic zu schreiben. Die Redakteurin, Emily Pohl-Weary, lud neue Künstler ein, gemeinsam an einem Kurzcomic zu arbeiten. Dieser Minicomic, SKIM, war mei erster Comic mit Jillian Tamaki. Als Groundwood Books Interesse daran signalisierte, wurde das schließlich unsere erste gemeinsame Graphic Novel.

Wie sieht der Schaffensprozess aus, wenn Sie an einem Buch arbeiten? Wie ist die Arbeit aufgeteilt?

MT: Comics entstehen auf eine ganz eigene Art, die sich sehr von Prosa unterscheidet. Bei Comics liegt der Fokus auf dem Skript und der Erzählung. Mein persönliches Ziel ist es, alles sehr offen zu halten, denn das meiste, was auf der Seite passiert, was der Leser sieht, sind schließlich die Illustrationen. Es ist eine ungewöhnliche Art, eine Geschichte zusammenzufügen, aus diesen ganzen Einzelteilen. Ich versuche mir vorzustellen, wie sich die Geschichte abspielt, als wäre ich eine Fliege, die an der Wand sitzt und beobachtet, wie sich die Dialoge entspinnen. Der Erzähler ist wie eine zweite Version von mir selbst und beobachtet die Entwicklung der Geschichte, während „ich“ zugleich ein Charakter in der Erzählung bin. Mir gefällt die Vorstellung, dass das nur eine begrenzte Perspektive ist, und ich versuche immer, damit zu spielen, was die Charaktere zu einem bestimmten Zeitpunkt wissen oder eben noch nicht. Wenn ich damit fertig bin, habe ich im Wesentlichen ein Theaterskript (die Erzählweise, Dialoge, Schauplätze) für Jillian beisammen, und dann ist es ihre Aufgabe, das Ganze zu interpretieren und auszufüllen. Was ein riesen Haufen Arbeit ist, das weiß ich. Ein. Riesen. Haufen. Also versuche ich zu helfen, so gut es geht. Und ich warte auf das Unvermeidliche: die Veränderungen. Denn sobald man die visuelle Ebene hinzufügt, fängt das Ganze an, wie von selbst zu laufen. Das ist witzig, denn die Gespräche, die wir führten, nachdem ich das Skript fertig hatte, waren fantastisch. Es ist so, als würde man über diese fiktionale Familie sprechen, die sich fast wie die eigene Familie anfühlt, und sich dann denken “Was ist mit Alice los?”. Ich hatte das Gefühl, dass die Frage “Wie können wir Alice helfen?” immer wieder auftauchte, und ich glaube, sie trug wesentlich zur endgültigen Geschichte bei.

Jillian Tamaki (JT): Die Leute sind oftmals erstaunt, dass unsere Bücher in Zusammenarbeit entstehen, denn für sie erweckt es oft den Anschein, als seien die Bücher von einer einzelnen Person gemacht. Das ist ein riesiges Kompliment. Ich versuche immer, der Arbeit von Mariko (oder von anderen generell) gerecht zu werden, obwohl ich auch meine eigene Note in die Entwicklung der Charaktere und der Geschichte einfließen lasse.

Womit beginnen Sie, wenn Sie einen Charakter entwickeln?

MT: Ich versuche mir vorzustellen, was die Figuren sagen, wie sie sprechen würden. Sobald ich verinnerlicht habe, wie sich jemand ausdrückt, habe ich das Gefühl zu verstehen, wie er oder sie tickt.

JT: Ich überlege mir einen Charakter, den ich aus verschiedensten Perspektiven zeichnen kann. Da bin ich sehr pragmatisch.

Was hat Sie zu EIN SOMMER AM SEE inspiriert?

MT: In meiner Kindheit habe ich fast jeden Sommer in einem Landhaus in Northern Ontario verbracht, woher ein großer Teil der Inspiration rührte. Es ist ein sehr eindrucksvoller, wunderschöner Ort, und ich dachte mir, das wäre eine gute Kulisse für eine Geschichte. Außerdem wurden mir als Kind viele von diesen seltsamen „So und so wirst du schwanger“ oder „Pass bloß auf, dass du nicht schwanger wirst“-Mythen erzählt, und etwas in der Art wollte ich schon immer in eine Geschichte einbauen. Ist es also eine autobiografische Geschichte?

MT: Als SKIM herauskam, vermuteten viele Leute aufgrund der Ähnlichkeiten zwischen dem Hauptcharakter und mir, dass das keine fiktionale Geschichte sein kann. Tatsächlich aber ist die Geschichte fiktional. Als ich dann EIN SOMMER AM SEE“ schrieb, versuchte ich mich wirklich von dem zu entfernen, was mich unmittelbar selbst betrifft, was mich selbst ausmacht. Trotzdem: Kindheitserinnerungen sind eine unbezahlbare Inspirationsquelle. Man braucht Erinnerungen, um schreiben zu können. Es geht aber auch darum, was man in seinem gegenwärtigen Leben beobachtet. Die kindlich-naive Komponente in EIN SOMMER AM SEE ist zum Großteil von Kindern inspiriert, die ich später kennenlernte und die ich faszinierend fand.

Warum haben Sie für EIN SOMMER AM SEE blaue Tusche gewählt?

JT: In erster Linie dachte ich, es würde cool aussehen. Es ist zugleich eine Bezugnahme auf klassische Manga und Risographie. Aber ich glaube, dass es den Zeichnungen auch eine undefinierbare Melancholie und Nostalgie und somit eine zusätzliche Bedeutungsebene verleiht.

Wie würden Sie Rose und Windy jemandem beschreiben, der den Comic nicht gelesen hat? Gibt es Ähnlichkeiten zwischen Ihnen und diesen beiden Figuren?

MT: Rose ist schon fast ein Teenager. Sie verbringt viel Zeit damit, die Dinge um sich herum zu verstehen, vor allem die Menschen in ihrem Umfeld. Sie ist unglaublich neugierig, aber auch unglaublich frustriert über ihre Eltern, die gerade eine schwere Phase in ihrer Beziehung durchmachen. Windy ist jünger. Sie ist ein Kind mit viel Freigeist. Sie ist ziemlich zufrieden mit der Welt um sich herum, auch mit den Dingen, die sie eigentlich doof findet. Am liebsten tanzt sie und macht alles, was Kinder eben gerne machen. Die Erwachsenen um sie herum interessieren sie nicht sonderlich. Ich glaube, ich war in meinem Leben sowohl Rose als auch Windy.

Ein wesentliches Thema Ihrer Arbeit sind die Schwierigkeiten und Herausforderungen des Erwachsenwerdens. Was verbinden Sie persönlich mit dieser Lebensphase?

MT: Ich glaube, ich interessiere mich vor allem dafür, worin sich das Erwachsensein konkret äußert. Zum einen stellt sich die Frage, woher man weiß, dass man erwachsen ist: Jobs, Steuern, Beziehungen, Verpflichtungen. Dann ist da die Frage, wie man das Erwachsensein angeht. Für mich ist das besonders in der Jugendliteratur ein großes Thema, denn das ist es, was man als Teenager tut, man versucht, erwachsen zu werden. Vielleicht bin ich einfach nur unreif und mache mir deshalb ständig Notizen zu solchen Fragen.

EIN SOMMER AM SEE handelt auch von mehreren Frauen, die mit dem Thema ‚Schwangerschaft und Kinder‘ auf sich gestellt sind. Warum war es Ihnen beiden so wichtig, verschiedene Facetten dieses Themas aufzuzeigen, oder vielmehr verschiedene Lebensentwürfe?

MT: Ich glaube, Mutterschaft ist ein ziemlich wichtiges Thema. Wenn man noch ein Kind ist, wird viel über Mütter gesprochen und wie Frauen Babys bekommen, doch als Teenager ist es dann das Wichtigste, auf keinen Fall schwanger zu werden. Davon abgesehen gibt es noch viele weitere Aspekte. Als ich für eine kommunale Elterngruppe in Toronto arbeitete, las ich eine Statistik über Fehlgeburten, und ich hatte keine Ahnung, wie viele Frauen diese Erfahrungen gemacht haben. Ich bekam das Gefühl, dass dieser Aspekt von Mutterschaft – der erfolglose Versuch, schwanger zu werden – in die Debatte mit einfließen könnte.

EIN SOMMER AM SEE hat zahlreiche literarische Preise gewonnen, u.a. die Caldecott Honor Medal. Was bedeuten Ihnen diese Auszeichnungen?

MT: Künstler zu sein, ist eine oft undankbare Arbeit, die gleichzeitig von den Reaktionen der Leser, Betrachter und so weiter getragen wird. Natürlich ist es gut zu wissen, dass einige „wichtige“ Leser (Bibliothekare) deine Arbeit so gut finden, dass sie sie auszeichnen. Es bedeutet, dass man auf dem richtigen Weg ist oder zumindest etwas richtig macht. Ich glaube, der Trick ist, dass man sich davon nicht hinreißen lässt, nur noch Dinge zu tun, für die man Anerkennung bekommt, oder Dinge, von denen man glaubt, dass sie Anerkennung einbringen werden. Das ist also eine tolle Sache, aber ich will mich nicht darauf ausruhen oder es als Aushängeschild benutzen.

JT: Sehe ich genauso!

Hatten Sie beim Verfassen von EIN SOMMER AM SEE eine bestimmte Zielgruppe im Kopf?

MT: Ich wusste, dass EIN SOMMER AM SEE in einem Verlag für Jugendbücher erscheinen wird. Und ich wusste, dass es, zumindest teilweise, von Jugendlichen handeln wird. Aber ich glaube nicht, dass ich es für jemand bestimmten gemacht habe, abgesehen von Jillian und mir. Darüber hinaus denke ich, das wäre nur ein Ratespiel gewesen. Und wer mag so etwas schon?

JT: Ich versuche, Bücher zu machen, die Erwachsene ansprechen, auch wenn sie technisch gesehen als „Jugendbuch“ definiert werden. Ich mache mir eigentlich weniger Gedanken darüber, was Kindern gefallen würde.

Wie denken Sie darüber, dass EIN SOMMER AM SEE als ‚Kinderbuch‘ bezeichnet wird?

MT: Nun, es ist kein Kinderbuch. Ich würde sagen, es ist ein Buch für Leser ab 12 Jahren. Ich würde gern glauben, dass das keine kontroverse Angelegenheit ist, obwohl ich weiß, dass es das für manche Leute ist, denn Leser suchen sich, soweit ich weiß, ihre Bücher selbst aus. Als junger Leser wird man dieses Buch entweder von einem Lehrer, dem Bibliothekar oder von den Eltern bekommen, oder aber man findet es selbst irgendwo, schaut es sich an und entscheidet, ob man es lesen möchte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass einem Kind ein Comic wie EIN SOMMER AM SEE gefallen würde. Das heißt, seit wir etwas Anerkennung von Bibliothekaren bekommen haben und ich noch ein paar mehr Artikel gelesen habe, gefällt mir die Vorstellung, dass man das Buch als Kind lesen kann, dass es auch einen Platz in der Jugendliteratur hat, weil es nicht explizit für junge Leute gemacht ist, aber von diesen handelt. Abgesehen davon geht es darin um Themen, über die ich als Kind nachdachte, also warum nicht?

Ist es ein feministisches Buch?

MT: Ja. Weil es von Feministinnen geschrieben wurde.

Was ist die größte Herausforderung, wenn man an einem Comic arbeitet?

MT: Ich finde, das Redigieren ist ein seltsamer Teil des Entstehungsprozesses. Es braucht eine Menge Vertrauen seitens des Verlages, der letztendlich nur das „Skelett“ der Geschichte kennt und einem freie Hand lässt, den ganzen Körper drumherum zu formen.

JT: Abgesehen von den ewig gleichen Problemen, mit denen sich jeder herumschlägt, der Bücher macht? Die Arbeit. Die Langatmigkeit. Es ist kein besonders lukratives Unterfangen, wenn man sich den Stundenlohn ausrechnet. Die Herausforderungen für Comiczeichner sind oft ökonomischer Natur.

Was raten Sie Leuten, die neu in dieser Branche sind? Die Comics machen wollen?

MT: Legt einfach los!

JT: Um Comics zu machen, braucht man fast nichts: Ihr benötigt einen Bleistift und etwas Kopierpapier und schon kann es losgehen. Ihr müsst die Seiten nicht einmal mehr kopieren, sondern sie lediglich auf Tumblr, Twitter oder Instagram posten – oder welche Plattform auch immer gerade angesagt ist, wenn ihr das lest.

Werden Sie ein weiteres Buch zusammen machen?

MT: Klar, wenn sich ein passendes Projekt ergibt. Ich glaube, dass sich unsere Arbeit stetig weiterentwickelt, also müsste sich das auch in einem neuen Buch widerspiegeln.

JT: Genau.