Blog Filip Kolek am 27. Dezember 2021

Zwischen-den-Jahren-Interviews III: Guy Delisle

Mathieu Sapin, Cyril Pedrosa, Riad Sattouf, Lewis Trondheim en masse – 2021 war das bei Reprodukt das Jahr der französischen (bzw. französischsprachigen) Superstars. Und einer der größten in Frankreich ist der Frankokanadier Guy Delisle, der vier Jahre nach der unbequemen Entführungsgeschichte „Geisel” endlich wieder ein neues Buch vorlegte. Vom Titel her spielte Delisle an seine extrem erfolgreichen Reisebände an, nur ging die Reise diesmal in die eigene Jugend: In „Lehrjahre” erzählt Delisle mit verschmitztem Humor, gerade der richtigen Prise Wehmut und einem Blick fürs Chaplin’eske der Fabrikarbeit von seinen/m Ferienjob(s) in einer gigantischen Papierfabrik im kanadischen Quebec.

Das Interview führte Marie-Hélène Schmit, die Sommer 2021 als Qualitätspraktikantin bei Reprodukt aushalf. Als französische Muttersprachlerin hatte sie die Ehre und die Freude, mit Guy in seiner Muttersprache zu skypen. Wir wünschen viel Spaß beim Interview, bis morgen an dieser Stelle!

Lieber Guy, deine neue Graphic Novel „Lehrjahre” erschien gerade zeitgleich auf Englisch und Deutsch. Und für beide Editionen machst du gerade Promotion. Das ist sicherlich nicht wenig Aufwand. „Lehrjahre” ist schon der zwölfte Comic von dir, der bei Reprodukt auf Deutsch erscheint. Hättest du dir zu Beginn deiner Karriere vorstellen können, solch einen internationalen Erfolg haben zu können?

Es stimmt, in Frankreich habe ich inzwischen beachtliche Auflagen, aber das war eine stetige Entwicklung und kam nicht über Nacht. Wenn man zum Beispiel meine Reisereportagen nimmt, von der ersten, also „Shenzhen”, haben wir zu Beginn bei L’Association 2000 Stück verkauft. Und das war schon ein Achtungserfolg. Es war schließlich mein erstes langes Projekt. Meinen Durchbruch hatte ich dann mit „Pjöngjang”. Zu dieser Zeit hatte der Markt für Independent-Comics begonnen, sich langsam zu öffnen. Wenige Jahre zuvor war Marjane Satrapis „Persepolis” erschienen und der Erfolg des Buchs öffnete anderen Comickünstler*innen die Türen. Mit der dritten Reisereportage „Aufzeichnungen aus Birma” wechselte ich zu einem großen Verlagshaus, Delcourt, und der Unterschied in den Verkaufszahlen war immens. Auf einmal erreichte ich komplett neue Käuferschichten und Verkaufszahlen, in die ein kleiner Verlag wie L’Association nicht vorstoßen kann. Mit „Aufzeichnungen aus Jerusalem” wurde meine Leserschaft noch größer. Das Buch wurde mit dem Grand Prix in Angoulême als „Bester Comic des Jahres“ prämiert. Und spätestens ab dem Zeitpunkt ist das explodiert. Danach gab es auch andere Bücher, aber die Reisebücher waren am erfolgreichsten.

In deinen Reiseberichten erzählst du von ungewöhnlichen Orten und außergewöhnlichen Erfahrungen. Dein neues Buch spielt aber nicht in einem fernen Land, sondern in deinem Heimatort, Quebec. Warum bist du erzählerisch in deine Jugend und in deine Heimat zurückgekehrt?

Ich musste den Tatsachen ins Auge sehen. Solche aufwändigen, langfristigen Reisen – seien es welche für die Arbeit oder mit meiner Frau – wird es aller Wahrscheinlichkeit nach in meinem Leben nicht mehr geben. Und wenn man weniger erlebt, dann erinnert man sich mehr. Ich hatte in den letzten Jahren immer wieder Bilder aus meiner Jugend vor den Augen. Erinnerungen an die Zeit, als ich 16 oder 17 war und in der Papierfabrik gearbeitet habe. Irgendwie ist der Ort in meiner Erinnerung zu etwas Exotischem geworden. Als ich anfing, an dem Buch zu arbeiten, war es für mich in der Tat, als würde ich verreisen und die Leser*innen mitnehmen an einen Ort, den sie nie werden besuchen können. Ich kehrte auch wirklich dorthin zurück, um Fotos zu machen und Referenzmaterial zu besorgen. Ich hatte sehr klare Erinnerungen an die Zeit und die Leute, auch an die Gespräche, obwohl ich normalerweise kein sehr gutes Gedächtnis habe. Aber ich glaube, dass dieser Lebensabschnitt sich in meinem Gehirn gut eingeprägt hat. Ich habe mir Notizen gemacht, wie damals während meiner Reisen, nur dass ich sie dreißig Jahre später machte und dachte: „Genau, das ist passiert“, „Das war lustig“, „Der war ein seltsamer Typ“. Ich arbeitete wie bei meinen Reisebüchern, aber dieses Mal war die Reise in die Vergangenheit, und es freute mich sehr, nach Quebec zurückzukehren, weil ich von dort stamme. Es war auch aufregend, diese Fabrik zu zeichnen, weil sie von außen so schön ist.

Könntest du uns etwas über die Farbgebung in „Lehrjahre” erzählen? Du setzt eine Art Gelb-Orange als Zweitfarbe eine, vor allem bei der Figur von deinem Alter Ego. Was hat es damit auf sich?

Ursprünglich hatte ich geplant, das Buch in Schwarzweiß zu halten, aber dann habe ich ein bisschen experimentiert. Ich habe mich schließlich für diesen Orangeton als Zweitfarbe entschieden, weil er ein bisschen dieses Vintage-Feeling hatte. Er erinnerte mich an die alten Comics aus meiner Kindheit, die auch stets zweifarbig waren, orange und schwarzweiß. Die Farbe hat diese Siebzigerjahre-Anmutung, auch wenn der Comic in den Achtzigerjahren spielt. Und in der Fabrik war es immer warm, also musste es eine warme Farbe werden. Mit Blau zum Beispiel hat es überhaupt nicht funktioniert.

In einer Szene muss der junge Guy seine Angst überwinden, um eine Papierrolle zu wechseln, und er sieht das als einen symbolischen Moment, als einen Übergangsritus. Denkst du an andere Momente deines Lebens, die du als Übergangsritus betrachtest?

Ich würde sagen, dass der erste professionelle Job für einen Menschen so etwas wie ein Übergangsritus ist. Also als ich anfing, in der Animation zu arbeiten, war das ein wichtiger Übergangsmoment in meinem Leben. Ich denke, dass es in meiner Kindheit und Jugend viel klarere Trennungen zwischen dem Kindsein und dem Erwachsenenalter gab und solche Übergangsphasen deshalb umso bedeutsamer waren. Heutzutage sind diese Übergänge fließender und subtiler. Klar, an und für sich war die Arbeit in der Papierfabrik nichts Besonders, aber sie fiel in die Zeit, als ich an der Schwelle zum Erwachsenenalter war und mir über einige Dinge im Leben klar werden musste und wurde so auch zum Übergangsritus.

In dem Buch zeigst du schon ein großes Interesse bei Comics. Als du in der Animation anfingst, dachtest du schon, dass du danach zu Comics übergehen würdest?

Nein, eigentlich gar nicht. Damals, 1985-1987, waren Comics in Quebec noch in den Anfängen. Es gab einige Magazine, aber sich vorzustellen, dass man von Comics leben könnte, wenn man in Quebec lebt, war damals ziemlich illusorisch. Also habe ich das gemacht, was die meisten jungen Leute mit Zeichentalent machen: Ich habe Kunst studiert.

Ich habe dann schnell zur Animation gefunden, weil mir diese Art zu zeichnen viel mehr lag. Ich habe einen Zeichnungsstil, der nicht realistisch ist, sondern eher cartoon-artig. Da war Animation wie geschaffen für mich. Also habe ich erstmal versucht, mich auf diesem Feld zu etablieren. Für eine lange Zeit, während ich in der Animationsbranche arbeitete, habe ich Comics komplett aus den Augen verloren.

Comics kehrten erst wieder in Europa in mein Leben zurück. Ich hatte einige Zeit in Deutschland verbracht und an einem Animationsprojekt in Berlin gearbeitet. Dann zog in nach Frankreich und dort entdeckte ich dann nach und nach, dass inzwischen eine neue Art der Comickunst entstanden war: schwarzweiße, oft autobiografische Independent-Comics, vor allem um den Verlag L’Association herum. Diese Comics sprachen mich sofort an, sie waren von Künstler*innen in meinem Alter für Leser*innen in meinem Alter gemacht. Ich habe L’Association einige Kurzgeschichten geschickt und so nahm das alles seinen Lauf … Es war großartig, als junger Künstler veröffentlicht zu werden und mit so einem profilierten Verlagshaus und so tollen Leuten zusammenzuarbeiten. Aber ich muss auch gestehen, dass ich in den ersten Jahren kaum von meiner Arbeit leben konnte. Es hat einige Jahre gedauert, bis der Boom der Independent-Comics meine Arbeit so populär gemacht hat, dass ich mich nur auf das Comiczeichnen konzentrieren konnte. Nach dem Erfolg von „Persepolis” fanden viele Leute, die in ihrer Kindheit Comics gelesen haben und dem Medium dann den Rücken gekehrt haben, wieder zu Comics zurück. Und viele von ihnen stießen dann auch auf meine Comicreportagen. Wir sprachen ja vorhin von Übergangsriten und Umbruchphasen – nun, „Pjöngjang” war für mich so eine Zäsur: Zum ersten Mal dachte ich: „Das scheint wirklich zu funktionieren. Das ist kein Hobby mehr, ich könnte wirklich meinen Unterhalt mit Comics bestreiten.“

In der Papierfabrik, in der du in „Lehrjahre” arbeitest, gab es schalldichte Kabinen, in denen die Arbeiter dem Fabriklärm eine Weile entkommen konnten. Würdest du sagen, dass Comics für dich eine Art schalldichte Kabine sind, in der du dich Lärm des Lebens entziehen kannst?

Ja, tatsächlich ist das nicht unähnlich. Als Jugendlicher war ich ziemlich verschlossen und schüchtern. Und wenn ich zeichnete, dann entstand eine Sogwirkung. Ich tauchte komplett in die Zeichnung ein. Es war ein gutes, befreiendes Gefühl. Das ist sogar manchmal auch heute noch so. Beim Zeichnen erschafft man eine Welt und taucht in sie hinein. Das ist ein Gefühl, das alle Menschen, die zeichnen, empfinden, und es ist ein sehr angenehmes, fast kindliches Gefühl. Kinder zeichnen einfach aus purem Vergnügen, aus der Lust heraus, aus Strichen und Farben etwas zu erschaffen. Dieses Gefühl kann man sich auch als Erwachsener etwas bewahren.

In der Fabrik war der Lärmschutz natürlich nur einer von vielen Gründen für diese Kabinen. Ein anderer war die Klimaanlage. In der Fabrik war es brutal heiß. Das ist natürlich schwierig in einem Comic wiederzugeben – die Hitze, der Lärm und der Geruch. Die Sinneseindrücke in der Fabrik waren unbeschreiblich. Alles prallte auf dich ein. Man konnte dem auch in diesen Kabinen nicht wirklich entkommen, schließlich waren sie immer voller Menschen. Es kam selten vor, dass man darin wirklich Platz hatte und für sich war. Oft mussten wir sogar stehen, weil alle Sitzplätze belegt waren.

Hast du schon das nächste Projekt in der Pipeline?

Nein, nicht wirklich. Es gibt einige Ideen, mit denen ich herumspiele, aber ich zeichne auch einfach nur viel vor mich hin, aus der Freude am Zeichnen. Ich arbeite also an mehreren Projekten gleichzeitig und warte auf den Augenblick, bis eines von ihnen sich mir als neues Buch aufdrängt. Es ist so eine Art Wettbewerb der Ideen und ich warte noch darauf, welche von ihnen das Rennen macht.