Blog Filip Kolek am 27. Dezember 2019

Zwischen-den-Jahren-Interviews III: Andreas Michalke

Eines der letzten Reprodukt-Bücher in diesem Auslausmodell von einem Jahr war Andreas Michalkes „Der analoge Mann“. Der Band sammelt die gleichnamigen Comicstrips und illustrierten Kolummen aus der Berliner Wochenzeitung Jungle World, in der Andreas Michalke seit Jahren seinen Alltag im Berliner Kiez Kreuzberg dokumentiert. Für eine schicke digitale PDF-Pressemappe sprach Andreas mit uns über über die Unmittelbarkeit von
autobiografischen Comics, die Vorteile der Gentrifizierung („Die machen uns den Kiez schön!“)
und die Vorzüge von Underground-Comicheften gegenüber Graphic Novels. Viel Spaß mit dem 3. der Zwischen-den-Jahren-Interviews!

Lieber Andreas, danke, dass du dir ein bisschen von deinem analogen Tag für uns abknappst und dieses Interview machst. Kannst du uns zum Einstieg ein bisschen über deine Anfänge als Comiczeichner erzählen. Wie bist du zum Zeichnen gekommen?

Ich habe viel zu spät angefangen, Comics zu zeichnen. Die besten Comiczeichner werden richtig gut, weil sie in der Frühpubertät sozial verkrüppeln und Comics ihr Fluchtmedium werden. Leider habe ich meine Kindheit relativ gut angepasst überstanden und dann erst Anfang der 80er aus Langeweile angefangen zu zeichnen. Meine ersten Comics veröffentlichte ich als 16jähriger in einer Schülerzeitung, die wir selbst gegründet hatten und die wir vor dem Schultor verkauften.
Comics sind immer noch das einzige Medium, in dem du Text und Bild unmittelbar und ungefiltert selbst gestalten und veröffentlichen kannst. Außerdem ist das gleichzeitige Schreiben und Zeichnen eine besondere Art des Nachdenkens, die zu ganz eigenständigen Ergebnissen führt, die kein anderes Medium so zusammenführen kann.

Im gewissen Sinne bist du mit „Der analoge Mann“ zu deinen Ursprüngen als Comiczeichner zurückgekehrt: Mit der Heftreihe „Artige Zeiten“ (1991-97) und der Comicerzählung „Smalltown Boy“ (1999) hattest weit vor der autobiografischen Welle in den Nuller Jahren Geschichten aus deinem Alltag und deinem Leben erzählt. Was, denkst du, macht den Comic so attraktiv fürs autobiografische Erzählen?

Mir ging es in meinen Comics immer um die größte mögliche Unmittelbarkeit, Ehrlichkeit und Authentizität. Seltsam anachronistische Kategorien, die ich nicht aufgeben möchte. Ich finde es sehr schön, über Comics mein Leben festzuhalten. Es ist wie öffentlich Tagebuch schreiben. Eine coole Sache und wegen der notwendigen Indiskretion des Autobiografischen nicht ganz ungefährlich. Daran hat sich in dreißig Jahren nichts verändert.Der titelgebende „analoge Mann“ ist dein Comic-Alter-Ego. Was kannst du uns über diesen Mann, was kannst du uns über dich erzählen? Wofür steht das Attribut „analog“ für dich?

Ich bin tatsächlich dieser analoge Mann mit dem Hut. 53 Jahre alt, Swing-Tänzer, Schallplattensammler, Hausmann und Comiczeichner. Ich bin sowohl Drinnen- als auch Draußenmensch. Introspektiv und Extrovertiert. Stillarbeiter und Tanzsportler. Asozial und dann wieder Übersozial. Widersprüche, die eigentlich gar nicht auszuhalten sind.

Du lebst in Berlin Kreuzberg. In deinen Comics erzählt du darüber, wie sich der Kiez nach und nach verändert. Wie nimmst du diese Wandlung wahr? Welche Rolle spielen Getrifizierung und Verdrängung für dich im Privaten und für dich als Erzähler?

Ich lebe seit 22 Jahren in Kreuzberg. Hier wird fleißig gentrifiziert, ein Ende ist aber schon abzusehen. Dann werden nur noch wohlhabende, linksliberale Familien hier wohnen. Ich freu mich schon, die machen uns alles so schön hier. Ohne Scheiß, Bergmannkiez ist echt der geilste Kiez hier!

Ein weiteres Thema, das sich durch deine analogen Strips zieht, ist die türkische Community in Berlin: Autocorsos für Deniz Yücel, AKP-wählende Frisöre … Du bist ein Türkei-Fan, richtig? Du bist vernetzt mit vielen Zeichner*innen aus der Türkei, vor einigen Jahren hast du mit „Mamba“ eine Comiczeitung herausgegeben, die inspiriert war von türkischen Zeitschriften wie „Uykusuz“. Was fasziniert dich an dem Land und seiner (Sub-)Kultur?

Ich war 2005 zusammen mit der Jungle World zum ersten Mal in Istanbul. Seitdem habe ich gute Freunde dort. Zuletzt waren meine Freundin und ich im September da. Aber eigentlich fahren wir nie nach Istanbul, sondern nach Beyoglu, oder Cihangir, dem Kreuzberg von Istanbul. Der konservative Rest interessiert mich genauso wenig wie Berlin-Zehlendorf. Mich inspiriert und bewegt die progressive Türkei, die trotz aller Repression sehr lebendig und nicht unterzukriegen ist.

Und natürlich ist Musik immer wieder ein zentrales Thema – aus den Punk- und Hardcore-Konzerten deiner frühen Comics sind Swing- und Jazzabende geworden. Aber die Liebe zur Subkultur ist geblieben. Welche Rolle spielen Musik und Vinyl in deinem Leben?

Musik und Schallplatten spielen eine sehr große Rolle in meinem Leben. Ich weiß, dass Spezialistentum die meisten Leute nervt, aber ich kann nur überzeugend über Sachen schreiben, die mich interessieren. Ich versuche also die Beschäftigung mit Dixieland Jazz oder türkischem Twist in meinen Comics auf ein Minimum zu beschränken. Ab einem bestimmten Alter wird es sowieso unmöglich, den Musikgeschmack mit irgend einer anderen Person deckungsgleich zu kriegen.

Du warst einer der ersten deutschen Comiczeichner im Portfolio von Reprodukt. Als du in den 1990ern anfingst, Punk-inspirierte Comics zu zeichnen, war die deutsche Comicszene noch recht übersichtlich. Wie nimmst du die Comicszene in Deutschland heute wahr? Was hat sich alles getan? Was muss noch getan werden?

Ich war nicht „einer“ der ersten deutschen Comiczeichner bei Reprodukt, ich war der erste deutsche Comiczeichner, den Reprodukt-Verleger Dirk Rehm unter Vertrag nahm und der erste deutsche Comiczeichner, der ein nennenswertes autobiografisches Werk produziert hat. Ich glaube, vor mir hat Dirk gar nicht darüber nachgedacht, deutsche Comiczeichner zu verlegen. Es gab ja auch keine Zeichner, die nur annähernd so gut waren wie die amerikanischen Alternative-Leute. Ich war nicht gut, dafür aber frech. Indie- oder Undergroundcomics wirkten in den 90ern viel unmittelbarer als Graphic Novels heute. Hefte wurden schnell produziert und konnten sowohl stilistisch als auch inhaltlich schneller Akzente setzen, Heftserien sogar tiefer gehen und länger wirken. Graphic Novels sind zu langsam, zu teuer und zu elitär. Wenn ich heute 20 wäre, würde ich wahrscheinlich nicht umständlich Comics zeichnen, sondern einen Youtube-Kanal machen und Texte und Zeichnungen auf Facebook oder Instagram veröffentlichen. Trotzdem sind manifeste analoge Medien unschlagbar. Ich kann immer noch jeden Laptop-DJ mit einer Platte übertrumpfen und jeden Blogger mit einem Buch.