Blog Filip Kolek am 27. Dezember 2018

Zwischen-den-Jahren-Interviews III: Alessandro Tota & Pierre van Hove

Und weiter geht’s! Das heutige Interview ist bereits früh im Jahr entstanden – auf dem diesjährigen Comicfestival Angoulême traf die Reprodukt-Redakteurin Wiebke Helmchen Autor Alessandro Tota und Zeichner Pierre van Hove, um über ihre Comicerzählung DER BÜCHERDIEB zu sprechen. Tota und van Hove haben einen vergnüglichen Schmähroman über die Pariser Literatenszene der 1950er geschaffen, der den Leser auf manch eine falsche Fährte führt. Im Interview sprechen die beiden über das Spiel mit Fiktion und Realität, ihre Faszination für das Paris der 50er Jahre und ihre Geschichte zwischen Lettrismus, Situationismus und der Ästhetisierung des Alltäglichen. Das Gespräch wurde von Claudia Sandberg aus dem Französischen ins Deutsche übertragen und von Felix Freigang für die Pressemappe überarbeitet.

Alessandro und Pierre – vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für dieses Interview genommen habt. Wann hattet ihr die Idee für DER BÜCHERDIEB? Wie kam es zu diesem Projekt?

Pierre van Hove: Das war zeitgleich zu unserem Kennenlernen in einem Atelier, das Alessandro und ich mit anderen teilten. Wir wussten sofort, dass wir zusammenarbeiten wollten, obwohl wir uns noch nicht kannten. Doch da wir einen ähnlichen Geschmack hatten, sind wir ziemlich schnell auf ein Thema gekommen. Ursprünglich wollten wir etwas über das Beat Hotel machen, das ein Pariser Hotel war, das von bestimmten Persönlichkeiten der Beat Generation frequentiert wurde.

Alessandro Tota: Genau. Darauf war ich zufällig gestoßen. Im Beat Hotel haben u.a. Allen Ginsberg und William Burrough gelebt, auch Jack Kerouac ist dort gewesen. Für einige war es die Zwischenstation auf ihrem Weg in den Orient, nach Marokko. Von dieser Idee sind wir dann aber schnell wieder abgekommen, weil wir keine Berühmtheiten wie Kerouac zeichnen wollten. Und dann tauchte Pierre eines Tages mit diesem Buch im Atelier auf, das „La tribu“ heißt und von den Erinnerungen eines ehemaligen Lettristen handelt [Anm. d. Übersetzerin: Jean-Michel Mension: „La tribu“, Paris: Allia, 1. Aufl. 1998; dabei handelt sich um gesammelte Gespräche von Jean-Michel Mension, Gérard Berréby und Francesco Milo über die Lettristische Internationale und die Anfänge der Situationistischen Internationale]. Wegen dieses Buches haben wir begonnen, uns für das Paris der 50er Jahre zu interessieren, und damit war DER BÜCHERDIEB geboren. Diese Entdeckung ist also Pierre zu verdanken.

PvH: In „La tribu“ ging es um den Lettrismus, eine heute recht bekannte Bewegung. Das war die radikalste Avantgarde-Bewegung, die es nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat. Zu einem Zeitpunkt also, als der Surrealismus bereits eine altmodische und aussterbende Bewegung war. Im Grunde führt der Lettrismus die Hauptgedanken des Surrealismus weiter, hat aber einen politisch und ästhetisch radikaleren Inhalt.  Wir haben uns entschieden nicht das Leben realer Figuren zu behandeln, sondern uns von diesem Umfeld inspirieren zu lassen, um zwar einen konkreten historischen Inhalt zu haben, den wir aber mit völlig erfundenen Protagonisten zum Leben erwecken konnten.

AT: Das Interessante ist, dass diese künstlerische Bewegung einem kleinen auserwählten Kreis vorbehalten war. Wenige, sehr junge Leute – wir sprechen von 18 bis 22 Jahren – die im Bruch mit der Gesellschaft lebten. Sie standen in vollständiger Opposition zu der bürgerlichen Gesellschaft und den vorangegangenen Avantgarden. Sie waren gegen alles und jeden. Das war eine außergewöhnliche Ausgangslage für eine Erzählung.

Ihr seid beide Zeichner und habt vor diesem Buch Projekte im Alleingang realisiert. Wie habt ihr entschieden, wem bei diesem Comic welche Aufgabe zufällt, also wer das Szenario schreibt und wer dieses zeichnerisch umsetzt?

PvH: Für mich war es das erste Mal, dass ich einen Comic gemacht habe. Aber warum mir dieser Part zugefallen ist? Ich weiß es nicht. Hättest du das Buch nicht auch zeichnen können?

AT: Ich denke nicht. Der Vorteil an der Arbeit zu zweit ist, dass man seine Ideen sofort in der Diskussion überprüfen kann. Bei allen Anfangspassagen haben wir in dem Moment, als Pierre eine Seite zeichnete, gleichzeitig darüber gesprochen. Normalerweise kommt ein Szenarist mit seinem Comicskript daher und der Zeichner setzt es dann um. In unserem Fall schrieb ich ein Storyboard, das sich Pierre anschaute. Dann diskutierten wir darüber und er veränderte es dann aktiv, mitunter in erheblichem Maße. Also, selbst wenn man sagt: Comicskript von Alessandro Tota und Zeichnungen von Pierre Van Hove, waren diese beiden Bereiche in Wirklichkeit stark gemischt.

Pierre, wie kamst Du dazu, Comiczeichner zu werden?

PvH: Wie alle, habe ich Comics gelesen, als ich klein war. Mein Fall ist etwas speziell. Ich will diese Arbeit eigentlich erst seit wenigen Jahren machen. Ich hatte aufgehört zu zeichnen. Eine Zeit lang machte ich etwas anderes. Aber ich habe wieder dazu zurückgefunden. Na ja, alle Kinder lesen als Jugendliche Comics im Bett und danach hören einige damit auf, so wie ich. Ich bin nach 10, 15 Jahren zufällig wieder dazu gekommen. Es war wunderbar, Alessandro kennenzulernen, der mir die Energie dazu gegeben hat. Ich dachte, dass es unmöglich wäre, dass es für mich zu spät wäre mit Comics anzufangen.

AT: Was ich besonders an Pierres Zeichnungen mag, ist, dass sie der Comictradition verhaftet sind und gleichzeitig etwas in ihnen steckt, das nicht alltäglich im Comicgeschäft ist. Und vor allem sind sie sehr konkret: Wenn er eine Szene zeichnet, schafft er ein Bild, dem ich glaube. Ich glaube das, was ich in seiner Zeichnung sehe. Er bringt in meinem Gehirn etwas zum laufen. In all seinen Zeichnungen, selbst in seinem Skizzenbuch hat er diese Fähigkeit. Damit kann ich arbeiten. Diese Sprache verstehe ich immer und das versteht sich nicht von selbst, schließlich stammen wir nicht aus demselben Land. Ich bin Italiener und Pierre ist Franzose. Wir haben sehr unterschiedliche Laufbahnen hinter uns und es gibt einen kleinen Altersunterschied zwischen uns. Für uns war es überraschend, dass wir so gut als Team zusammenarbeiten konnten und das im Grunde vom ersten Tag an. Wir hatten nie Schwierigkeiten. Dabei hatte ich damals gerade mein zweites Buch fertig. Es war ein Independent-Comic im strengsten Sinne des Wortes. Ein Comic, der in keiner Weise die klassischen Regeln des Genres beachtet. Und dennoch hat es mit unserer Zusammenarbeit sofort ohne Probleme geklappt. Selbst als wir unser Projekt vorgestellt haben, hat man uns in der Szene sofort verstanden und das Buch gut aufgenommen.

Was waren die historischen Vorbilder für die literarischen Gruppen, die im Comic auftauchen? Könnt ihr ein wenig über die Recherchearbeit erzählen, die ihr geleistet habt, um das Setting der Geschichte im Paris der 50er Jahre möglichst realistisch zu gestalten?

PvH: Wir haben viel recherchiert. Wie wir vorhin sagten, war es interessant, auf realer historischer Grundlage Protagonisten zu entwerfen, die so nicht tatsächlich existiert haben oder eher die Verschmelzung mehrerer realer Personen darstellen. Das bedeutet, jemand, der diese Zeit gekannt hat, kann in einer erfundenen Figur Personen wiedererkennen, die wirklich existiert haben. Das interessante an dem Skript war auch, diese zwei Realitätsebenen zu mischen: eine historische und eine rein fiktionale Realität.

AT: Wir haben etliche Ausflüge in Bibliotheken gemacht, denn jede Pariser Bibliothek verfügt über ein Regal mit Büchern über die Stadtgeschichte. Ich erinnere mich, wie wir einmal in die Bibliothek hinter dem Atelier gingen. Wir haben uns die Bücher zu den Stadtvierteln, die uns interessierten, angeschaut, um etwas über deren Entwicklung zu erfahren. Uns war wichtig, dass alles – die Materialien, ein Café, die Kleidung – authentisch ist, ohne dass die Erzählung davon überladen wäre. Es sollte sehr dezent sein, und trotzdem möglichst genau – fast dokumentarisch. Außerdem haben wir viele Bücher gelesen, die wir nicht direkt in der Erzählung verarbeitet haben, die jedoch unsere Vorstellung des Handlungsortes geprägt haben. Für mich ist „Der Bücherdieb“ eine Komödie mit Abenteuerelementen. Wobei man sich die Frage stellen muss, ob das möglich ist in der Literaturwelt im Paris der 50er Jahre. Wir glauben, ja, denn es war eine Epoche großer Konflikte. Es gab einen großen Konflikt zwischen den Generationen, einen Konflikt zwischen der alten und der neuen Avantgarde, zwischen den Künstlern und den Bürgerlichen, zwischen den Marxisten und dem Staat. Es war eine Epoche großer Kämpfe auf allen Ebenen. Für uns war das ein perfekter Hintergrund für die Abenteuer unseres Anti-Helden Daniel Brodin.

PvH: Das Abenteuer ist sehr zentral für alle Lettristen und die Menschen dieser Epoche allgemein. Es sind die Nachkriegsjahre. Die Menschen waren müde. Sie hatten schmerzhafte Jahre erlebt, doch es gab nun eine Generation junger Menschen, die den Krieg nicht miterlebt hatten, weil sie damals noch sehr klein und deswegen keine Akteure waren. Diese konnten mit dem Wunsch der vorangegangenen Generation, sich auszuruhen, nichts anfangen. Also versuchten sie, Leidenschaft in ihr alltägliches Leben zu bringen. Das war der Knackpunkt bei den Lettristen und später das, woraus die Situationisten entstanden sind: der Anspruch, Abenteuer und Leidenschaft in den Alltag zu bringen. Das sind Themen, die vom Dadaismus und dem Surrealismus der 1930er Jahre herrühren und in dieser Epoche, nach dem Krieg, wieder aktuell werden.

Euren Protagonisten Daniel Brodin kann man nicht gerade als Helden der Herzen bezeichnen. Er ist ein Heuchler und lässt sich opportunistisch durch die Geschichte treiben. Andererseits beeindruckt seine Spontaneität und sein Mut, sich dem Lauf der Dinge hinzugeben. Was denkt ihr selbst von eurem Protagonisten?

PvH: Ich finde, dass er nicht genügend Haare auf dem Kopf hat. Mich persönlich hat das gestört. Alessandro wollte unbedingt, dass er eine Glatze hat. [Alessandro lacht.] Er ist ein Anti-Held, eine Figur die zwischen den anderen Figuren steht, jemand, der passiv in Situationen gerät, der niemals aktiv sein Handeln bestimmt. Er ist eine sehr biegsame Figur, die all den anderen Protagonisten ermöglicht, mehr Tiefe zu haben.

AT: Ich sehe Daniel Brodin anders. Man sollte nicht vergessen, dass er ein Jugendlicher ist. Er ist 19 Jahre alt. Wenn er älter aussieht, dann weil die Menschen damals älter aussahen. Wenn man sich die Fotos der Leute von damals anschaut, würde man sie älter schätzen. Sie sehen immer aus, als wären sie 25 Jahre alt und dann sind sie nur 19, weil sie immer in Anzug und Krawatte zur Universität gingen. Man könnte von Daniel behaupten, dass er ein Opportunist ist, aber Daniel ist sehr aufrichtig was seine Liebe zur Poesie und zur Literatur betrifft. So aufrichtig wie jemand, der von einer Frau besessen ist und er macht viele fragwürdige Dinge für diese Liebe, aber es ist eine aufrichtige Liebe. Vielleicht ist es die Liebe eines Verrückten. Ja, er ist scheinheilig. Er hängt sein Mäntelchen nach dem Wind. Er ist nicht Herr der Situation. Die Tatsache, dass er nicht Herr der Situation ist, dass er versucht sich mit mehr oder weniger komischen Einfällen aus der Situation heraus zu retten, das macht ihn sympathisch. Er ist kein Siegertyp, er wird niemals gewinnen. Aber er wird sich dessen niemals bewusst. Er ist wie er ist und versucht mit dem zu leben, was ihm die Natur gegeben hat. Er ist kein Genie. Was soll er tun? Er hat auch ein Recht auf ein bisschen Abenteuer.

Ihr habt in den letzten Jahren an einer Verfilmung von „Der Bücherdieb“ gearbeitet und seid jetzt auch an einem weiteren gemeinsamen Comicprojekt dran. Was könnt ihr uns über eure zukünftige Zusammenarbeit erzählen?

AT: Eine Produktionsfirma hat die Filmrechte von „Der Bücherdieb“ gekauft. Daher haben wir das letzte Jahr an der Kinoadaption unseres Comics gearbeitet. Das war viel Arbeit. Wir haben uns monatelang damit beschäftigt. Wir haben, zumindest was mich betrifft, unsere Figur noch mehr lieb gewonnen. Ich glaube, im Film wird er Haare haben. Daniel Brodin wird nicht glatzköpfig sein.

PvH: Mit unserem neuen Comicprojekt versuchen wir das genaue Gegenteil von diesem Buch zu machen. Es wird eher eine Art Science-Fiction-Geschichte, die im Weltall spielen wird, in einer Art großem Raumschiff. Sie wird Ende 2018 erscheinen.