Blog Filip Kolek am 26. Dezember 2018

Zwischen-den-Jahren-Interviews II: Max de Radiguès

Ein heimlicher Redaktionsfavorit im diesjährigen Herbstprogramm war unsere erste Veröffentlichtung des belgischen Zeichners und Verlegers Max de RadiguèsBASTARD. De Radiguès, der neben Sacha Goerg (ROSES LÄCHELN) zu den Mitbegründern des Brüsseler Autorenverlags L’Employé du Moi gehört, erzählt mit BASTARD einen kompromisslosen, wüstentrockenen Thriller über ein ausgekochtes Mutter-Sohn-Gespann auf der Flucht vor Gangstern und der Polizei. Die kleine, fiese Genreperle wurde auf dem Comicfestival Angoulême mit dem Prix de Lyceés ausgezeichnet. Das Interview mit Max de Radiguès für die Pressemappe führte Felix Freigang. Viel Spaß dabei!

Max – danke, dass du dir Zeit für dieses kurze Interview genommen hast. Bevor wir uns mit BASTARD beschäftigen – deinem ersten Buch, das in deutscher Sprache erscheint – lass uns deine Anfänge als Comiczeichner in den Blick nehmen. Woher kommt dein Interesse an dem Medium und woraus speist sich deine stilistische Inspiration?

Ich war eines jener Kinder, das Comics immer gezeichnet und gelesen hat. Als Teenager gab es eine Unterbrechung; ich wurde schlicht von Freunden, Skateboard fahren und Musik abgelenkt. Aber als ich 18 wurde und ein Studienfach wählen musste, womit ich später mal meinen Lebensunterhalt bestreiten sollte, kam ich zurück zu Comics und besuchte eine Kunstschule in Brüssel namens Saint-Luc. Ich war zwar ein miserabler Zeichner (mir fehlte einfach die entsprechende Ausbildung), aber es war dennoch eine großartige Schule. Durch meinen Skate-/Punk-Hintergrund hatte ich schnell Zugang zur Brüsseler Indie-Szene und begann, Zines zu produzieren. Als ich dann Teil eines Verlages wurde, fing ich mit der Arbeit an meinen ersten Büchern an. Ein paar Jahre später habe ich dann an einem Stipendienprogramm des Center for Cartoon Studies (Hartford, Vermont, USA) teilgenommen, was im Rückblick wie eine Offenbarung für mich war. In der Folge hatte ich mein „Coming-Out” als Zeichner und arbeitete seither an Comics. Der stärkste stilistische Einfluss lässt sich als eine Mischung aus traditionellen belgischen Comics (Hergé, Franquin, Peyo, Morris) und der franko-belgischen Indie-Szene der frühen 2000er beschreiben. Hinzu kommen noch eine Menge US-amerikanischer Zines.

BASTARD fühlt sich wie ein Thriller und Drama zugleich an, in dem eine rasante, action-getriebene Handlung mit einer starken Betonung von Charakterbeziehungen und -entwicklungen verwoben wird. Was hat dich angespornt, diesen Comic zu machen? Und warum spielt er in den Vereinigten Staaten?

Viele meiner Comics sind „charakterorientiert“ und die Emotionen der Figuren stehen normalerweise im Mittelpunkt der Geschichten. Eine Menge meiner Comics handelt von Teenagern, so dass ein Freund schon im Scherz sagte, dass ich so etwas sei wie der John Hughes der Comics. Als ich mit „Bastard” begann, nahm ich mir vor, mich von diesem Image zu befreien und einen Comic zu machen, der action-orientiert und gewalttätig sein sollte. Da ich aber stets wieder auf irgendeine Gefühlsebene abgleite, ist diese Geschichte jener Hybrid geworden, der beides beinhaltet: das, was ich immer und selbstverständlich tue, wenn ich an neuen Geschichten arbeite, aber auch den Versuch, das genaue Gegenteil zu erreichen. Er spielt in den USA, weil ich dort viel Zeit verbracht habe und eine tiefe Verbindung zu den Menschen und zur Landschaft verspüre. Außerdem wollte ich, dass meine ProtagonistInnen tagelang durch eine Art „Niemandsland” fahren. In Belgien durchquert man das Land ja in zwei Stunden, so dass es schwieriger gewesen wäre, das Landschaftsbild zu erzeugen, das ich schlussendlich in „Bastard” zeigen wollte.

Im Buch erwähnst du die Lektüren von Jim Dodge, Howard Fast und einigen anderen Autoren als Inspirationsquellen für die Darstellung desUS-amerikanischen Südwestens. Gibt es noch andere Quellen, die den Ton und die Stimmung von BASTARD beeinflusst haben?

Nein, die Bücher haben mich schon maßgeblich beeinflusst. Aber ich bin im Vorfeld auch von San Francisco nach Santa Fe gefahren. Vieles, was ich während dieser Reise gesehen und erlebt habe, ist in irgendeiner Form auch in das Buch eingeflossen. Ich habe zum Beispiel meinen Freund Alec Longstreth besucht, der zu dieser Zeit in Alameda lebte. Diese Roadtrips durch die USA haben bleibende Eindrücke hinterlassen.

Die Geschichte folgt dem Duo einer Frau und eines Jungen, die umgeben sind von Truckern, skrupellosen Mördern und hilfsbereiten Native Americans. Was hat dich an dieser Figurenkonstellation so fasziniert?

Zu Beginn stand die Beziehung zwischen der Mutter und dem Kind: Wie bewahrt man sich eine familiäre Beziehung, wenn man ein hartes, gefährliches Leben führt und nicht immer moralisch handelt? Die anderen Charaktere kamen hinzu während ich schrieb. Der Trucker sollte anfangs nicht wiederkehren, aber ich mochte ihn und beschloss, ihn wieder zu benutzen. Eine Entdeckung, die ich machte als ich durch die USA reiste, waren die Zeichnungen der Native Americans. Ich habe mich regelrecht in diese mitunter naiven, aber kraftvollen und bewegenden Zeichnungen verliebt. Außerdem lese ich auch viele Western-Geschichten und so war es für mich ganz selbstverständlich, Native Americans im Buch aufzugreifen.

BASTARD wurde ursprünglich als Zine mit Beiträgen verschiedener Comickünstler wie Sacha Goerg, Luke Pearson, Lewis Trondheim und vielen anderen veröffentlicht, die letztlich auch im Buch zu sehen sind. Wie sind diese Kollaborationen zustande gekommen?

„Bastard“ ist das dritte Buch, das ich zunächst in Form eines Zines realisiert habe, bevor ich es als vollständige Geschichte veröffentlichte. In den einzelnen Ausgaben der Zines hatte ich jeweils eine Gästeseite. Es ist eine großartige Möglichkeit, auf diese Weise mit Menschen zusammen zu arbeiten, deren Werke man schätzt. Es ist auch eine Möglichkeit, sich mit anderen ComiczeichnerInnen auszutauschen. In einem vorherigen Zine hatte ich übrigens auch zwei deutsche ZeichnerInnen zu Gast: Arne Bellstorf und Aisha Franz.

An welchen Projekten arbeitest du gerade, auf die wir uns freuen können?

Momentan arbeite ich am dritten und letzten Band einer Abenteuer-/ Fantasy-/ Romance-/ Mystery-Geschichte für junge Erwachsene namens STIG & TILDE. Sobald ich damit fertig bin, möchte ich auf jeden Fall ein neues Zine starten, vielleicht eine Science-Fiction-Geschichte.