Blog Filip Kolek am 26. Dezember 2021

Zwischen-den-Jahren-Interviews II: Mathieu Sapin

Es verspricht spannend zu werden: am 10. April 2022 sind wieder Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron, der 2017 François Hollande beerbt hat und als völliger Außenseiter überraschend in Élysée-Palast einzog, wird sein Amt verteidigen müssen. Herausforderer von links sind bislang recht profillos, die internationale Presse hat vor allem dem rechten Rand Aufmerksamkeit geschenkt.

Eine Prognose über den Wahlausgang wagte bereits Anfang 2021 der französische Comickünstler Mathieu Sapin, den wir für die Pressekampagne zum seinem neuen Buch, der Polit-Reportage „Comédie Française – Reisen ins Vorzimmer der Macht”, einige nicht minder investigative Interviewfragen schickten. „Comédie Française” beschreibt Sapins größtenteils glücklose Versuche, als zeichnender Journalist Emmanuel Macron vor die Flinte, äh Bleistift zu kriegen. Parallel zu seiner Zeit hinter den Kulissen der Macht erzählt Sapin die Geschichte des bekannten Dramaturgen Jean Racine, der im 17. Jahrhundert zum Hofberichterstatter Ludwigs XIV. wird, und stellt dabei die Frage: Was fasziniert Künstler an der Macht und den Mächtigen? Ob er die Frage in unseren Interview beantwortet, könnt ihr gleich selbst lesen. Und ob er mit seiner Wahlprognose richtig lag, werden wir alle am 10. April erfahren …

Viel Spaß beim Interview und bis morgen an dieser Stelle!

Lieber Mathieu, vielen Dank, dass du dir wieder die Zeit für uns nimmst. 2018 hatten wir schon einmal miteinander gesprochen, als die deutsche Edition deiner Comic-Reportage über Gérard Depardieu erschienen ist. Wie war eigentlich das Feedback auf den Comic in Frankreich? Wirst du noch oft darauf angesprochen? 

Ja, der „Gérard”-Comic war wirklich ein durchschlagender Erfolg und viele Leute haben mir erzählt, dass das Buch ihre Sicht auf den Schauspieler komplett gewandelt hat. Ich hatte schon mehrere Angebote, es als Kinofilm oder als Animationsserie umsetzen zu lassen. Das Buch war ein wichtiger Schritt in meiner zeichnerischen Laufbahn: Es hat mir unzählige Türen geöffnet, meine Arbeiten einem größeren Publikum bekannt gemacht, und ich habe während der Arbeit daran viel über mich gelernt. Und ja, ich werde noch viel mit dem Buch assoziiert – für die meisten Comic-Leser*innen bin ich „der Typ mit dem Buch über Gérard“.

Ich fand es bei der Lektüre von „Comédie Française” erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit du dich als Comickünstler in den hohen kulturellen und politischen Gefilden bewegst und wie anerkannt der Comic selbst im Élysée-Palast zu sein scheint. Da sind wir in Deutschland noch Jahrzehnte von weg … 

Ja, was den Comic anbelangt, hat Frankreich einen weiten Vorsprung. Die Comicbranche an sich ist schon wesentlich größer in Frankreich und dadurch auch zwangsläufig die Leserschaft. In Frankreich streitet niemand dem Comic die Kunsthaftigkeit ab. Es gibt viel beachtete Festivals wie das in der Stadt Angoulême, die von der Kulturwelt und der Politik wahrgenommen werden. Der Comic ist ein starker Wirtschaftszweig in der Buchbranche  und erreicht viele Menschen, bei weitem nicht nur Kinder. Was meine Rolle in dieser Welt anbelangt: Ich bin mir meiner privilegierten Position, die ich auch in der Comic-Reportage darstelle, bewusst, aber letztlich waren es einfach nur viele Zufälle, die es mir nach und nach ermöglichten, Zugang zu diesen politischen und kulturellen Zirkeln zu erlangen. Dem ganzen Buch liegt zum Beispiel der Zufall zugrunde, dass mit Emmanuel Macron zum ersten Mal ein Präsident im Élysée-Palast sitzt, der Comics liest. Diese bloße Tatsache hat mir schon einiges ermöglicht und ich habe sie natürlich zu meinem Vorteil genutzt.

Zu Beginn von „Comédie Française” hört man dich sagen, dass du die Schnauze voll hast von der politischen Arena. Dein letztes politisches Buch „Le Chateau” ist leider nie auf Deutsch erschienen. Könntest du uns ein bisschen erzählen, was du vorher schon für Erfahrungen mit der Politik gemacht hast? 

Vor „Gérard” hatte ich mal eine Comicreportage über die Tageszeitung Libération gemacht („Journal d’un journal”), für die ich sechs Monate in der Redaktion recherchiert habe. Anschließend habe ich zwei Comics über die Politwelt gemacht, „Campagne Présidentielle”, für die ich in die Wahlkampagne von François Hollande eingetaucht bin. Und später nach Hollandes Wahlsieg habe ich mich noch mal akkreditieren lassen und durfte ein Jahr lang (2014-15) den Alltag im Élysée-Palast aus der Nähe beobachten („Le Chateau”). In diese Zeit fiel auch der Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion. Während der Ereignisse war ich als Beobachter in Hollandes Umfeld. Es hat schon etwas Berauschendes, wenn man Wahlkampagnen und politisches Leben begleiten darf, speziell wenn es aus solcher Nähe geschieht. Aber es ist auch ziemlich kräftezehrend. Es ist ein intensives Leben, man ist ständig am Anschlag. Nachdem ich das mehrere Male mitgemacht hatte, wollte ich diesen Stress nicht mehr in meinem Leben und etwas Friedlicheres, Ruhigeres anpacken … 

Warum hast du deine Meinung geändert? 

Naja, das Leben macht eben die eigentlichen Pläne. 2017, während der letzten Präsidentschaftswahlen, packte mich wieder der Ehrgeiz. Ich war bei den Anfängen Hollandes dabei und als klar wurde, dass er so oder so das Amt niederlegen würde, wollte ich auch beim Ende seiner Präsidentschaft dabei sein. Quasi den Kreis schließen. Während dieser Zeit traf ich Macron. Ich hatte kein wirkliches Gefühl für diesen Menschen, als ich die Arbeit an „Comédie Française” aufnahm, aber das war das erste Mal, dass es einen Präsidenten aus meiner Generation gab, und ich wollte mehr über ihn erfahren.

Auf dem Cover von „Comédie Française” ist weit und breit kein Macron zu sehen, sondern nur dein Comic-Alter-Ego, wie es auf einem Flughafen zu der Präsidentenmaschine hetzt. So fühlt sich auch das Buch selbst an – wenig Macron und viel Mathieu Sapin, der versucht, Macron zu fassen zu kriegen … Würdest du sagen, dass „Comedié” eher ein Buch über das Scheitern einer Reportage ist?

Mein Buch sollte ein Versuch sein, zu verstehen, was im Kopf von jemandem wie Macron vor sich geht. Und wenn das das Ziel gewesen wäre, dann wäre die Mission tatsächlich fehlgeschlagen. Im Laufe der Arbeiten an dem Buch fing ich aber an, meine eigene Faszination mit der Macht und der Mächtigen zu hinterfragen. Warum wollte ich Emmanuel Macron wirklich treffen? Was zog mich zu ihm? Und da nahm das Buch eine andere Richtung an. Es ist kein Buch über Macron, den Politiker, sondern Macron, das Machtsymbol – es geht um die Faszination der Macht und die Beziehung zwischen Kunst und den Mächtigen. Und es geht darum, zu zeigen, dass zwischen diesen zwei Polen kein wirklicher Dialog möglich ist. Am Ende des Buchs habe ich der Kunst einen kleinen Sieg über die Macht gegönnt.

Und weil du das Cover angesprochen hast, das ist die Präsidenten-Falcon – und für mich ist dieses Flugzeug ein ebenso eindrückliches Symbol der Macht. Auf dem Bild sieht man, dass jemand in der Tür des Flugzeugs verschwindet, aber man sieht nur sein Bein. Es könnte Hollande sein oder Macron oder jemand anders. Das Flugzeug ist die Verkörperung dieser ganzen verrückten Politmaschinerie, die statisch und gigantisch und doch so flüchtig ist. Meine Cover sind auch in der Regel eine Hommage an Hergés Comicklassiker „Tim und Struppi”, der eine große Inspiration für meine eigene Arbeit war. Schließlich bin ich als Comic-Reporter auch eine Art moderner „Tim“ …

Der zweite große Erzählstrang des Buchs ist die Lebensgeschichte des berühmten französischen Dramaturgen Jean Racine, dessen Schaffen du im Buch nacherzählst und als eine Art historisches Spiegelbild zu deiner eigenen Reportage über Macron verwendest. Wie bist du auf diesen Aspekt gekommen? 

Auf die Idee kam ich, als ich irgendwann über den historischen Fakt gestolpert bin, dass Racine seine Theaterkarriere von heute auf morgen an den Nagel gehängt hat und ein Hofschreiber, ein „historiographe du roi“, geworden ist. Er war auf dem Höhepunkt seines schriftstellerischen Schaffens gewesen, und ich wollte verstehen, was ihn dazu gebracht hat, so eine verheißungsvolle Karriere aufzugeben. Also habe ich Racine als ein historisches Schattenbild zu meinem eigenen Unterfangen mit eingebaut. Ich hatte schließlich auch schon eine Karriere als Filmregisseur begonnen und sie eingefroren, um wieder Comics über einen mächtigen Politiker zu zeichnen. Ich wollte untersuchen, warum für Künstler reelle Macht attraktiver ist als Fiktion.

Racines späteres Schaffen im Dienste des Königs nahm keinen positiven Ausgang. Nach seinem Tod gingen alle seine Aufzeichnungen aus der Zeit in einem Hausbrand verloren. Wie schwierig war es für dich, diese Periode in seinem Leben einzufangen, ohne seine Texte zu kennen. 

Ich habe natürlich viel über Racines Zeit recherchiert, habe Biografien gelesen, Bücher, die sich mit dieser Zeitepoche auseinandergesetzt haben und Autor*innen wie Marie-Madeleine de La Fayette und Duc de Saint Simon, die viel über das höfische Leben unter dem Sonnenkönig geschrieben haben. Und nicht zuletzt habe ich versucht, mich in Racines Kopf hineinzuversetzen. Für Racine war das Schreiben für den König bedeutender als alles, was er als Theaterautor verfasst hatte.

Einen großen Teil des Spaßes an deinen Büchern macht dein hyperdetaillierter, mit visuellen Anekdoten und unzähligen Textinformationen angereicherter Erzählstil aus. Wie bringst du es zustande, dir so viele Details, Namen und Kleinigkeiten zu merken?

Ich habe meine eigene spezielle Technik, wenn ich mit meinem Notizbuch unterwegs bin. Ich schreibe viel stichpunktartig auf und zeichne kleine, grobe Skizzen vor Ort. Ich fotografiere auch und mache Videos – was sich halt in einem bestimmten Augenblick anbietet. Aber am wichtigsten ist immer noch das Gedächtnis. Wenn ich mich an die Arbeit mache, dann fange ich mit einem Storyboard an und versuche dabei, alles, was ich erlebt habe, so wahrheitsgetreu wie möglich wiederzugeben. Dort wo die Bilder selbst die Informationen oder auch den Witz nicht transportieren können, helfe ich mit kleinen Textverweisen nach.

2022 wird sich Emmanuel Macron wieder den französischen Wählerinnen und Wählern stellen müssen. Wie schätzt du seine Chancen ein? 

2017 war Macron ein wenig bekannter Außenseiterkandidat, heute kennt ihn natürlich die ganze Welt, und seine Politik und sein Charakter sind in Frankreich sehr umstritten. Seine große Stärke ist jedoch, dass er es geschafft hat, seine Opposition zu spalten und zu schwächen. Alle bis auf die Rechten, muss man leider hinzufügen. Seine einzige wirkliche Widersacherin wird wohl Marine Le Pen werden. Aber ich denke, dass er die Wiederwahl schaffen kann.

In Frankreich ist gerade dein neuestes Comicalbum erschienen, das du zusammen mit Joann Sfar als Szenaristen umgesetzt hast: „Le Ministère Secret”, eine extrem lustige Spionagegeschichte, in der die früheren französischen Präsidenten Hollande und Sarkozy als Teil einer Spezialeinheit die Welt retten müssen. Und du kommst auch wieder vor … Was kannst du uns über die Serie erzählen? Und wird Macron „Le Ministère Secret” auch beitreten müssen, falls er 2022 verliert? 

„Le Ministère Secret” war ein reichlich unerwartetes Projekt. Joann Sfar kam eines Tages mit der Idee auf mich zu, eine Geschichte mit meinem Comic-Alter-Ego zu erzählen, das schräge Abenteuer erleben soll. Ich bin diesmal nur der Zeichner, die Szenarios schreibt alle Joann. Und es fühlt sich schon seltsam an, mich selbst als Comicfigur in einer Geschichte zu zeichnen, die ich mir nicht selbst ausgedacht habe. Einige Elemente der Story basieren auf meinem Leben – mein Verhältnis zu Hollande, Teile meines Familienlebens, etc. Aber der Rest ist „fake news“ pur, mit Reptilienmenschen, Explosionen, tödlichen Viren und Trump. Ein großer Spaß! Gerade zeichne ich an Band 2. Und was Macron anbelangt – wir werden sehen …