Blog Filip Kolek am 28. Dezember 2020

Zwischen-den-Jahren-Interviews II: Kathrin Klingner

Als Kathrin Klingners neues Buch ÜBER SPANIEN LACHT DIE SONNE Frühjahr 2020 erschien, nahm das COVID-Jahr gerade erst Fahrt auf. Die Buch-Release auf der Leipziger Buchmesse und die anschließende Lesereise fielen ins Wasser, keine Woche nach Erscheinen waren wir im Lockdown. Und es zeichnete sich auch schon früh ab, wie relevant die Themen aus Kathrin Klingners zweiter Comicerzählung – Internet-Trolle, Hate Speech und digitale Verschwörungstheorien – für dieses Jahr werden würden.

Dieses Interview entstand Februar 2020 für unser PDF-Press-Kit. Wir wünschen eine spannende Lektüre und bis morgen an dieser Stelle!

Liebe Kathrin, vielen Dank, dass du dir die Zeit für uns nimmst. Dein neuer Comic Über Spanien lacht die Sonne erzählt von der Arbeit von Online-Moderator*innen und fusst auf deinen eigenen Erfahrungen. Wie deine Protagonistin Kitty arbeitest auch du als Moderatorin für Kommentare im Netz. Warum und wann hast du dich dazu entschlossen, das Thema in Comicform zu verarbeiten?

Eigentlich war mir schon früh klar, dass ich irgendetwas in Comicform zu diesem Job machen werde, ich wusste nur nicht, dass es gleich ein ganzes Buch wird. Ich hatte in der Vergangenheit sehr viele und teils auch etwas bizarre Nebenjobs und das war immer wieder ein Thema in meinen Comics. Die Einblicke, die man bei der Arbeit in verschiedene Lebensbereiche erhält, sind teilweise so speziell, dass es sich einfach lohnt, sie zu dokumentieren. Einer meiner ersten Comics handelte von den vier Jahren, in denen ich als Weihnachtsdekorateurin arbeitete, in meinem letzten Comic, Katze hasst Welt, war der Schauplatz ein Kaffeeladen, in dem ich während des Studiums gejobbt habe. Tatsächlich habe ich davon beim Vorstellungsgespräch für den Moderatorenjob erzählt, also dass ich in einem Kaffeeladen auf St.Pauli arbeite und darüber einen Comic mache. Meine zukünftigen Chefs fragten dann scherzhaft, ob ich als nächstes einen Comic über sie machen werde. Als ich meinem Chef dann endlich letztes Jahr erzählte, dass ich wirklich an einem Comic über Kommentarmoderatoren arbeite, fragte er nur: „Und soll ich mir jetzt aussuchen, welches Tier ich darin sein will?”

Die Handlung von Über Spanien lacht die Sonne spielt im Jahr 2015, mitten in der so genannten „Flüchtlingskrise“. Kitty wird als Aushilfe in der Moderator*innenagentur eingestellt, bis „es mit den Kommentaren wieder ruhiger wird.“ Wie hast du selbst als Moderatorin diese Monate wahrgenommen? Wie beurteilst du die Zeit im Nachhinein, was die Verschiebungen innerhalb der Online-Diskurse anbelangt?

Im Gegensatz zu Kitty war ich schon fast zwei Jahre Kommentarmoderatorin, als die so genannte “Flüchtlingskrise” losging. In meiner Erinnerung gab es ab dem Sommer 2015 fast kein anderes Thema mehr, zu dem kommentiert wurde. Die nächste Eskalationsstufe waren die Übergriffe an Silvester 2015, als die Anzahl der zu moderierenden Kommentare noch einmal richtig in die Höhe schoss. Neben den Intensivpostern und Hassbürgern meldeten sich nun auch viele User zu Wort, die nicht per se Flüchtlingshasser waren und auch nicht in dem typisch rechten, polemischen Jargon schrieben, sich aber gegen den Islam aussprachen. Hier waren auch auffallend viele Frauen dabei. Oder solche, die sich als Frauen aus gaben, man weiß es ja einfach nicht.
Aber eigentlich kann ich objektiv nicht mehr so richtig sagen, wie das im Einzelnen war. Wir waren einfach zu beschäftigt damit, diese Berge an Kommentaren abzuarbeiten, um uns darüber Gedanken zu machen, was das jetzt im größeren Kontext zu bedeuten hat.
Ich erinnere mich allerdings noch, dass ich einmal von einer Nachtschicht ziemlich aufgewühlt nach Hause kam und in einem Chat-Forum, in dem ich damals viel Zeit verbrachte, so etwas schrieb wie: “Ich moderiere Kommentare und die zunehmende Fremdenfeindlichkeit und der Tonfall machen mich echt fertig und ich weiß nicht, wie es mit der Gesellschaft weitergehen soll.” Ein anderer User schrieb dann zurück, so einen Job gäbe es doch überhaupt nicht und ich sei ein Troll, der sich wichtig machen will.

„Angry White Steuerzahler“, „Tacheles“, „Migrantenschreck“ – das sind einige der Usernames der Leute, deren Tiraden, Mordaufrufe, Umsturzfantasien und Beleidigungen Kitty und ihre Kolleg*innen den ganzen Tag lesen müssen. Was treibt solche Intensivposter an? Hast du das Gefühl, dass die Zahl der Hass-Kommentatoren über die Jahre zunimmt oder hält sich die Zahl des harten Kern konstant?

Was die Motive der User angeht, kann ich natürlich nur raten. Es gibt sicherlich viele klassische Trolle, denen es darum geht, zu provozieren und Grenzen zu übertreten. Da geht es um Aufmerksamkeit, um Freude daran, Empörung ausgelöst zu haben und irgendwie „krass” zu sein. Leute, die dank der Anonymität die Sau rauslassen können, was sie im Alltag wahrscheinlich nicht hinkriegen.
Dann sind auch viele User auf politischer Mission unterwegs und versuchen gezielt, den Diskurs immer weiter nach rechts zu verschieben und testen aus, was man schreiben kann, ohne das es gelöscht wird.
Und natürlich geht es darum, zu einer gefühlten Mehrheit zu gehören. Viele AfD-Sympathisanten sind sehr aktiv in Foren, man hat teilweise beim Lesen den Eindruck, die Kanzlerschaft von Björn Höcke stünde kurz bevor. Und trotzdem ist es in der Realität eine Partei mit einem Ergebnis von 13% bundesweit. Das ist nicht wenig, aber entspricht in keinster Weise der Präsenz, die diese Partei im Internet hat.
Ob die Zahl der Hasskommentatoren zunimmt, kann ich nicht sagen. Wichtiger finde ich allerdings die Frage: Warum interessiert uns denn überhaupt so brennend, was diese Leute schreiben? Wenn irgendwer, über den man überhaupt nichts weiß, unter einem beknackten Fantasienamen im Internet gegen den Islam hetzt oder eine Person des öffentlichen Lebens beleidigt – warum soll man sich eigentlich dafür interessieren?

Hast du das Gefühl, dass du in den Jahren, in denen du den Job machst, schon alles gelesen hast, oder können dich die User immer noch überraschen?

Zuletzt gab es einen User, der über mehrere Monate fast täglich bis zu 20 mal hintereinander gepostet hat, zwar unter verschiedenen Namen, aber eindeutig als dieselbe Person erkennbar. Inhaltlich war jeder Post so absurd rassistisch beleidigend, dass von vornherein eine Veröffentlichung ausgeschlossen war. Das muss diesem User auch klar gewesen sein, spätestens nach ein paar Wochen. Trotzdem hat er einfach immer weiter gepostet, monatelang. Das fand ich schon ein verrückte Vorstellung, dass er diese ganze Energie quasi nur für uns Moderatoren aufwendet.

Trotz des ernsten Themas ist Über Spanien lacht die Sonne ein bisweilen urkomisches Buch. Der Humor entsteht vor allem aus dem Zusammenprall aus stinknormalem Büroalltag und dem bizarren Job, den Kitty und die anderen ausüben. Wie wichtig ist Humor für dich als Erzählerin und welche Rolle spielt Komik in deinem aktuellen Projekt?

Ich bin weit davon entfernt zu behaupten, „Humor” wäre die Lösung in dieser ganzen vertrackten Thematik von Hass im Internet. Aber Humor ist meine Art, Geschichten zu erzählen, weil man sich als Erzähler auch unangenehmen Dingen so einfacher annähern kann. Das gilt natürlich auch für die Leser, denen durch Komik auch scheußliche Themen serviert werden können, ohne dass sie sofort davor zurückschrecken und dichtmachen. Und mit etwas Distanz betrachtet, gibt die Hassposter-Szene einfach auch viel an unfreiwilliger Komik her: Angefangen bei den selbstgewählten Usernamen bis zur Faszination für Bürgerkriegs- und Untergangsfantasien, die geradezu lustvoll ausgebreitet werden.
Allerdings geht es im Buch wirklich nicht nur darum, möglichst viele Witze über rechte Trolle zu machen. Die Komik geht auch auf Kosten der anderen Figuren, die alle etwas spleenig und mit Schwächen behaftet sind. Normale Leute halt. Und eigentlich die falsche Besetzung, um die Welt vor der Verrohung aus dem Internet zu retten.

In deine Erzählung streust du immer wieder kurze One-Pager ein, auf denen die Agenturmitarbeiter*innen auf vergangene Jobs zurückblicken, die oft kaum weniger absurd sind als ihre aktuelle Tätigkeit. So verankerst du die Arbeit, die Kitty und anderen machen, nicht nur im Kontext des Rechtsrucks der letzten Jahre, sondern auch als Beispiel für die bizarren Auswüchse des Arbeitsmarkts im Internetzeitalters. Warum war dir dieser Aspekt wichtig?

In Kommentaren, besonders zu Migration, ist “Arbeit” immer ein großes Thema: Steuern zahlen, wer nimmt wem die Arbeit weg, wie können Geflüchtete in den Arbeitsmarkt integriert werden, und so weiter. Also fand ich es nur passend, mir diese “Arbeit” mal genauer anzuschauen.
Außerdem gehören die Figuren im Comic, so wie ich, zu einer Altersgruppe, die in den jungen Jahren des Internets ins Arbeitsleben gestartet ist. Wir hatten einerseits die Vorstellung, das Internet würde jetzt irgendwie Jobs für alle generieren und andererseits wurden wir auf maximale Flexibilität und Selbstausbeutung eingeschworen.
Wie diese Internet-Jobs dann in der Realität aussahen, hätten wir uns nicht ausmalen können. Ein paar dieser Jobs wollte ich auch deshalb im Comic erwähnen, weil sie einfach überholt sind und es sie nicht mehr gibt. Nostalgiegründe, sozusagen.

In jüngster Zeit geraten Plattformen wie Facebook und Twitter immer mehr unter Druck, gegen die Flut an Hate-Speech und Falschmeldungen vorzugehen. Hast du das Gefühl, dass sich die öffentliche Wahrnehmung auf das Thema ändert? In welche Richtung wird sich, glaubst du, der Diskurs um Hasskommentare im Netz entwickeln?

Ich habe keine Ahnung, wie sich der Diskurs entwickeln wird. Aber eins ist inzwischen klar: Plattformen wie Facebook oder Youtube haben gar kein Interesse daran, gegen Hate Speech vorzugehen. Und warum auch: Die Aufmerksamkeit, die dadurch generiert wird, ist das, womit riesige Mengen Geld verdient wird. Solange Leute es sich anschauen, und auch wenn sie es nur tun, um sich darüber zu empören, wird es Hate Speech weiterhin geben. Das ganze Konzept entspricht halt der menschlichen Lust am Spektakel: In den frühen Jahren des Internets gab es rotten.com und heute eben den Twitteraccount von Alexander Gauland. Das Internet ist – um es mit den Worten Schlecky Silbersteins zu sagen – die größte Verarschungsmaschine aller Zeiten.