Blog Filip Kolek am 27. Dezember 2020

Zwischen-den-Jahren-Interviews I: Lukas Jüliger

Hohoho bzw. Yippee-ki-yay: die Zwischen-den-Jahren-Interviews auf dem Repro-Blog sind wieder da! In den kommenden Tagen werden wir euch an dieser Stelle die besten Zwiesprachen, die wir mit unseren Autor*innen in diesem Jahr für unsere Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gehalten haben, präsentieren. Den Anfang macht ein Comic, der 2020 mit der größten Presseaufmerksamkeit bedacht wurde: Lukas Jüligers Influencer-Thriller UNFOLLOW, der diesen Sommer erschienen ist und den DIE ZEIT mit dem begehrten LUCHS-Jugend- und Kinderbuch-Preis ausgezeichnet hat. Für unser Pressedossier sprach Lukas im Interview mit uns über sein Aufwachsen im Schatten der Klimakrise, Cloud Rap, digitale Avatare und die inspirierenden und deprimierenden Aspekte sozialer Medien.

Viel Spaß mit dem Interview!

Lieber Lukas, UNFOLLOW ist deine dritte Veröffentlichung bei einem Comicverlag. Dein Debüt hast du 2013 mit der atmosphärischen Charakterstudie VAKUUM hingelegt. Kannst du ein bisschen über die Zeit davor erzählen? Wann ist dein Interesse am Comiczeichnen und Geschichtenerzählen erwacht? Wie lange (und steinig?) war der Weg zu deinem ersten buchlangen Projekt?

Ich habe als Kind immer gezeichnet. Ich glaube, mein erster Kontakt mit dem Medium Comic waren die TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES, dann kamen irgendwann TIM UND STRUPPI und dann stand auch recht bald fest, was ich werden möchte, wenn ich groß bin. Rückblickend hat meine Mutter sehr früh die einzigen potenziellen Hindernisse für mich aus dem Weg geräumt, indem sie Stimmen von Lehrern ignoriert hat, die von den Themen meiner frühen Arbeiten sehr beunruhigt waren. Als ich dann irgendwann, viele Jahre später den Vertrag für VAKUUM unterschrieben habe, war ich 21. Der Weg zu meiner ersten Veröffentlichung war also zum Glück nicht allzu lang.

Zwischen VAKUUM 2013 und UNFOLLOW haben sich dein Strich, die Texturen, Perspektiven und Figurenzeichnungen gewandelt, aber viele charakteristische Elemente, die schon VAKUUM ausgemacht haben, sind immer noch vorhanden: dein Auge fürs Detail, deine überbordenden Naturszenen, die Einflüsse fernöstlicher Malerei und Comickunst … In welcher Hinsicht hat sich dein Zeichenstil entwickelt?

Die einzige bewusste Entscheidung für das Projekt war die, meinen Stil etwas herunterzubrechen, um ökonomischer arbeiten zu können. Im Vergleich zu VAKUUM ist mir das auch gelungen, vor allem indem ich die Größe der Zeichnungen relativ nahe am Endformat des Buches angelegt habe.
In Sachen Ästhetik finden weiterhin eher unterbewusst äußere Einflüsse ihren Weg in das Buch: Vordergründiger sind in diesem Fall visuelle Elemente aus Musik wie Cloud Rap und Vaporwave. Das können aber auch Einflüsse aus Videospielen, Büchern, Filmen und Serien und natürlich dem Internet generell sein. Eben das, was ich in der Zeit so konsumiere. So etwas sehe ich meistens erst später mit Abstand.

Nach VAKUUM hast du 2018 mit der kürzeren Comicerzählung BERENICE wieder von dir hören lassen. Der Comic ist eine moderne Adaption von Edgar Allan Poe und erschien in der Reihe DIE UNHEIMLICHEN von Isabel Kreitz, in der namhafte deutsche Comickünstler*innen Comic-Adaptionen von klassischen und modernen Gruselgeschichten umsetzen. Wie kam es zu dieser Kooperation, und was hat dich an dem Projekt gereizt?

Isabel Kreitz kenne ich, seit ich mit 17 am Comicseminar Erlangen teilgenommen habe, bei dem sie Dozentin war. Sie wollte mich bei dem Projekt dabei haben und hat nicht lockergelassen. Nach VAKUUM war ich sehr erschöpft und hatte lange Zeit nicht die Absicht, an einer weiteren Graphic Novel zu arbeiten. Aber das DIE UNHEIMLICHEN-Projekt war die perfekte Möglichkeit, mich dem Medium wieder anzunähern: Eine Geschichte von überschaubarem Umfang, in die ich nicht all meine Emotionen hineinlege. Es war spannend, meine eigene Geschichte auf dem Grundgerüst einer existierenden Erzählung aufzubauen und dabei die zentralen Motive zu ehren und in unsere Gegenwart zu übertragen. Außerdem war die formelle Vorgabe, mit nur einer einzigen Farbe zu arbeiten eine Herausforderung, die mich stilistisch weitergebracht hat, was sich jetzt in UNFOLLOW abbildet.

Bleiben wir bei der Kolorierung. Bei BERENICE hattest du dich für einen sandgrünen Farbton entschiedenen. Bei UNFOLLOW changieren alle Farben zwischen Blau- und Rottönen. Kannst du uns ein bisschen über deinen Umgang mit Farben erzählen? Welche Wirkung wolltest du mit der Farbe in BERENICE erzeugen und welche Rollen spielen die Farbtöne in deinem neuen Buch?

Ein zentrales Motiv meiner Version von BERENICE ist die Projektion menschlicher Bedürfnisse auf digitale Avatare, in dem Buch repräsentiert durch Hatsune Miku, einer digitalen Popsängerin. Sie durchzieht das Bewusstsein des Erzählers und somit das ganze Buch. Deswegen das Grün: Es ist die Farbe ihrer Haare und ihres Kostüms. In UNFOLLOW unterstützen die Farben die Stimmung und die Idee des Buches: Fast alle Szenen spielen sich bei Dämmerung ab. Das hat etwas Schönes und Unheilverkündendes. Es ist aber das Sinnbild der nahenden ökologischen Katastrophe. Wir leben in Endzeiten und das wollte ich fühlbar machen.

Kannst du uns ein bisschen mehr über UNFOLLOW an sich erzählen? Wie kamst du auf die Idee zu dem Projekt und warum wolltest du die Geschichte von Earthboi und seinem Aufstieg als Öko-Influencer/Messias erzählen?

Ich bin mit dem Klimawandel groß geworden. Seit ich denken kann, sieht die Zukunft nicht rosig aus.  Wir stehen an einem Punkt unserer Geschichte, an dem unsere Entscheidungen und unser Verhalten die Zukunft von allem bestimmen wird, was wir als unsere Realität bezeichnen. Nichts sollte in unseren Köpfen präsenter sein. Dieser Aspekt des Buches hat seine Wurzeln also in einem Bedürfnis, mit meiner Arbeit eine Art Beitrag zu leisten und meine Frustration zu kanalisieren. Unabhängig davon umtreibt mich schon immer eine Faszination für religiöse Kulte bzw. Personenkult an sich. Und natürlich habe ich wie wir alle die Evolution der Influencer-Kultur über die letzten Jahre beobachtet, was ja einen klaren Bezug hat. Die Geschichte fußt also in diesen Kernelementen, die vielleicht in der abstrakten Fragestellung münden: Was würde die Natur tun, wenn sie eine Stimme und verifizierte Social-Media-Accounts hätte?

In allen deinen Büchern, selbst der Poe-Adaption BERENICE, erzählst du von Heranwachsenden oder jungen Männern, die außerhalb der gesellschaftlichen Normen stehen, Außenseitern, Suchenden. Was fasziniert dich an diesem Charaktertypen? Und wie würdest du Earthboi beschreiben?

Ich werde im Sommer 32. Vielleicht sind andere da weiter aber die letzten Jahre war ich definitiv noch mit Erwachsenwerden und Suchen beschäftigt. Und mit der Wahl meines Lebensstils stehe ich nicht allzu weit entfernt von deinen Beschreibungen meiner Charaktere: Das ist wahrscheinlich weniger Faszination als easy emotional access. Earthboi ist eher eine Idee als ein greifbarer Protagonist. Und so aktiv er sich, seine Marke und Ideen etabliert, wird er im Verlauf der Geschichte immer mehr zur Projektionsfläche für das, was seine Follower in ihm sehen wollen. Der Erzähler aus BERENICE wiederum ist konsumierender, passiver Geist, der sich im digitalen Raum auflöst. Beide sind Symptome unserer Zeit und beide sind so menschlich, wie der Junge aus VAKUUM. Daran erkennt man, wie schnell sich die Welt verändert. In der Figur von Earthboi treibst du das „Greta Thunberg“-Phänomen auf die Spitze. Earthboi ist der prototypische Öko-Aktivist der Y-Generation, der fast intuitiv die Social-Media-Klaviatur spielt, um mittels Internet seine Botschaft zu kommunizieren. Die Grenze zwischen Influencer, Lifestyle-Ideologe und Sektenführer ist so fließend wie die die zwischen Follower, Anhänger und Fanatiker. Ist es der Internet-Skeptiker, der da aus der dir spricht? Wie stehst du zu den Möglichkeiten, von Social Media, Influencer-Kultur und sozialen Kämpfen?

Das Buch bildet meinen Zwiespalt in dieser Frage ab. Die Chancen und Gefahren von Social Media, die inspirierenden und deprimierenden Erscheinungen und Auswüchse scheinen einander aufzuwiegen. Das kann ich auf meine Gefühle für die Spezies Mensch an sich ausweiten. Aber das Schreiben und Konzipieren des Buches war Ende 2018 abgeschlossen, als es noch keine Spur von Greta Thunberg oder
Rezos Video gab. 2019 habe ich ausschließlich gezeichnet und von meinem Tisch aus beobachtet, wie sich das Weltgeschehen immer mehr meiner Erzählung annähert. Deswegen glaube ich, dass dieses Buch wichtig ist: Es ist wirklich ein Produkt und Zeugnis unserer Zeit.

UNFOLLOW kommt komplett ohne Dialoge und Sprachblasen aus, du erzählst deine Geschichte mittels eines belletristischen Off-Texts aus der Perspektive der „Wurzeln“, einer „harter Kern“-Gruppe von Anhängern, die Earthbois Aufstieg von Anfang an begleiten, in den Bildern selbst aber fast nie auftauchen. Warum hast du diese Erzählperspektive gewählt?

Die „Wurzeln“ erzählen die Geschichte aus der Wir-Perspektive. Eine Art Stilmittel, das ein Phänomen oder einen Mechanismus transportiert, der Kulten zu eigen ist: Das Individuum, das individuelle Denken wird aufgelöst. Das Ergebnis ist eine fast ätherische, losgelöste Stimme, die etwas Größeres zu erzählen scheint als nur eine Geschichte. Denn gleichzeitig ist die Erzählung eine Kampfschrift, ein Evangelium. Ihre Erzähler erschaffen einen Mythos, auf dem sie ihre Bewegung aufbauen. Diese Bewegung trägt Earthbois Gesicht aber ihre Mitglieder und Akteure sind gesichtslos. Wie es bei vielen Bewegungen der Fall ist. Am Ende wissen wir nicht, wie viel von dem, was sie uns erzählen der Wirklichkeit entspricht, weil sie seine Worte und Geschichte nutzen, um ihr eigenes Narrativ zu formulieren.

Neben Earthboi folgt UNFOLLOW der Lebensgeschichte der Social-Media-Influencerin Yu, die gemeinsam mit ihm für die Rettung des Planeten kämpft. Was kannst du uns über diese Figur erzählen? Welche Rolle spielt sie für die Ereignisse in UNFOLLOW?

Yu ist für mich der wichtigere Charakter in der Geschichte, sie ist am realsten. Natürlich ist auch sie keine greifbare Figur, was der Form der Erzählung geschuldet ist. Aber sie bricht am Ende durch die Stimmen hindurch, die Earthboi zum Mythos verklären lassen und ihn vereinnahmen. Sie hat Lösungsansätze und repräsentiert das individuelle Denken. Und eine realistischere Version vom Beitrag des einzelnen Menschen im Kampf gegen den Klimawandel, jenseits des Eifers und Fanatismus der Erzähler.

Die Corona-Krise hat das Thema Klimawandel aus der kollektiven und medialen Wahrnehmung verdrängt, aber über kurz oder lang werden die „Fridays for Future“-Proteste sicher wieder zurückkehren. Wie blickst du denn auf die Zukunft? Bist du zuversichtlich und hoffnungsvoll wie Yu in ihrer Videobotschaft im Epilog von UNFOLLOW? Oder überwiegt die Sorge?

Natürlich ist es gut, dass zur Zeit weniger Flugzeuge abheben, aber am Ende wird ja das Geld gewinnen. Der Klimawandel begünstigt virale Pandemien und was wir gerade erleben, ist wahrscheinlich ein Vorgeschmack. Im besten Fall rüttelt Covid-19 also mehr und vor allem die Menschen wach, die etwas ändern können. Ich blicke nicht hoffnungsvoll in die Zukunft. Gleichzeitig weiß ich, dass Wut, Frustration und Zynismus nirgendwohin führen und der einzig sinnvolle Weg nach vorne ein konstruktiver sein muss. Genau diesen Zwiespalt bildet mein Buch ab.