Blog Filip Kolek am 25. Dezember 2019

Zwischen-den-Jahren-Interviews I: Lewis Trondheim

Gab es jemals ein Jahr bei Reprodukt ohne Lewis Trondheim? Kann mich nicht entsinnen… 2019 wurde das Jahr sogar von dem überwältigend produktiven französischen Zeichner, Autor und Verleger eingeläutet, die Buchversion seines Instagram-Comicnarrativs „Die neuen Abenteuer von Herrn Hase: Das verrückte Unkraut“ erschien wenige Tage nach Neujahr, kaum dass Trondheim seine 365-Seiten/Tage-Erzählung auf Instagram beendet hatte. Ein komplettes Jahr lang, vom 1. Januar bis 31. Dezember 2018, hatte Lewis Trondheim jeden Tag eine Seite seines wortlosen “Herr Hase”-Abenteuers auf Instagram veröffentlicht. Für die Reprodukt-Presseabteilung gab er im Vorfeld der deutschen Veröffentlichung dieses symphatische Interview. Wir wünschen viel Spaß dabei!

Ach ja – und willkommen zurück bei den Zwischen-den-Jahren-Interviews auf dem Repro-Blog! Wie gehabt werden wir an dieser Stelle jeden Tag bis Silvester ein Interview veröffentlichen, das im Laufe des turbulenten Jahres für eines unserer Pressedossiers entstanden ist.

Lieber Lewis Trondheim, Ihr neues Projekt „Die neuen Abenteuer von Herrn Hase: Das verrückte Unkraut“ hat eine ganz besondere Entstehungsgeschichte. 2018 haben Sie täglich eine Seite erstellt und diese online auf Ihrem Instagram-Account veröffentlicht. Welche Rolle spielt Social Media und insbesondere Instagram in Ihrem Leben als Künstler und Verleger?

Hierzu möchte ich vorab eine kleine Anekdote erzählen. Bereits 1993 führte ich eine spannende Unterhaltung mit dem französischen Comic-Zeichner Philippe Dupuy. Er hatte sich vorgenommen, ein Jahr lang täglich ein Bild zu zeichnen – schon damals hat es mich in den Fingern gejuckt. Dieses Szenario wiederholte sich Anfang letzten Jahres. In einem ähnlichen Gespräch hat der französische Comic-Zeichner Guillaume Bianco mir erzählt, dass er sich als Vorsatz für das neue Jahr 2018 vorgenommen hatte, täglich ein Panel zu zeichnen. In diesem Zuge habe ich mir gedacht, dass es nun endlich an der Zeit sei, dass ich auch ein solches Projekt in die Hand nehme. Daraus entstand „Die neuen Abenteuer von Herrn Hase: Das verrückte Unkraut“. Ich schaute in mein Regal auf der Suche nach einem noch jungfräulichen Skizzenbuch und fand ein kleines Moleskine-Notizbuch für Aquarell, das ich schon vor vier Jahren gekauft hatte.
Ich setzte mich hin, öffnete es und nahm einen Stift in die Hand. Dann dachte ich zwei Sekunden lang nach und überlegte, was ich zeichnen wollte. Ich entschied mich spontan dafür, Herrn Hase bei einem Spaziergang zu zeichnen. Für mich war es ein guter Antrieb, diese täglichen Zeichnungen auf Instagram zu posten und daraus meine eigene Challenge zu starten. Am nächsten Tag nahm ich mir wieder mein Notizbuch und zeichnete ein weiteres Panel. Am dritten Tag genauso. Jedoch wurden mir bereits am vierten Tag die Grenzen dieser selbst auferlegten Herausforderung bewusst. Ich spürte, dass es nicht so einfach sein würde, jeden Tag eine Idee für eine Illustration zu finden. Und da Herr Hase schon seit drei Tagen herumspazierte, konnte ich mir genauso gut eine Geschichte ausdenken. Ich blieb bei der Idee, keinen Text zu verwenden, weil ich ziemlich viele nicht Französisch sprechende Follower habe und die Idee einer universalen Erzählkunst sehr mag. In der Hinsicht ist Instagram eine gute Motivationsstütze, jedoch würde ich mir wünschen, dass es eine App gäbe, die sich komplett der Kreation von Online-Comics widmet. Bedauerlicherweise ist man gezwungen, Instagram, Facebook oder Twitter zu nutzen. Gleichzeitig muss ich ehrlich gestehen, dass ich ein bisschen traurig über das Ende meines individuellen Instagram-Projekts bin.

Wie war es für Sie, Ihre Arbeit online über Instagram zu teilen und welches Feedback haben Sie zu Ihren Beiträgen erhalten? Hatte das Feedback Ihrer Leser einen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Geschichte?

Ich war mir von Anfang sicher, dass ich zum Schluss aus dem Projekt ein Buch machen möchte. Daher widmete ich meine Aufmerksamkeit eher dem Leseerlebnis im Buch, als dem täglichen Posten auf Instagram. Deshalb entschied ich mich relativ schnell „jeden Tag eine Zeichnung zu posten”, anstatt „eine Zeichnung pro Tag anzufertigen”. Selbstverständlich habe ich dennoch immer versucht, so zu arbeiten, dass die Geschichte auf Instagram unvorhersehbar bleibt. Wenn man Leser hat, die 24 Stunden haben, um zwischen zwei Panels nachzudenken, ist es besser, man schafft es immer wieder, sie zu überraschen. Ein- oder zweimal hat die Interaktion mit den Lesern reingespielt. Beispielsweise waren viele meiner Follower erfreut, als Richard auftauchte. Ich hatte nicht vor, ihn lange dabei bleiben zu lassen, da Richards Figur von seinen dummen Kommentaren lebt. Stumm war das eine Herausforderung für mich. Da die Leser aber so erfreut waren und mir das eine andere Perspektive und Neuerung gegenüber den alten „Herr Hase“-Alben ermöglichte, habe ich ihm einen größeren Platz eingeräumt.

Die Seitenanzahl ihrer Geschichte war ja von früh an gesetzt: 356 Seiten für 356 Tage im Jahr. Aber wie war das mit dem Plot? Wie früh war Ihnen klar, wohin sich die Story entwickelt? Wie viel war geplant und wie viel ergab sich spontan?

Grundsätzlich fällt es mir leichter an Sequenzen zu arbeiten, um den Überblick zu behalten. Das heißt, gleich mehrere Panels hintereinander zu zeichnen. Wenn ich mich einmal warm gezeichnet habe, kann ich nicht mehr aufhören. Nichtsdestotrotz gibt es andere Tage, an denen ich einen kleinen Durchhänger habe und mich nicht so aufs Zeichnen konzentrieren kann. Außerdem bin ich öfters auf Comicfestivals oder im Ausland, wo ich nicht immer genügend Zeit und Ruhe habe, um zu zeichnen. Damit die Geschichte nicht darunter leidet, wurde mir schnell bewusst, dass ich mir vorab einen ungefähren Geschichtsverlauf ausdenken muss. Wenn man sich einen Plot ausdenkt, ist es schwierig, seine Arbeit ständig zu unterbrechen. Obendrein wollte ich direkt im Anschluss an die 365 Tage die Buchversion im Januar 2019 veröffentlichen. Also musste ich schon Anfang November fertig werden, um die Termine für die Druckerei einzuhalten.„Die neuen Abenteuer von Herrn Hase: Das verrückte Unkraut“ ist ein narratives Experiment – täglich über ein Jahr nur ein Panel pro Seite und das ganz ohne Text und Dialoge. Wie schwierig war es, eine Geschichte nach all diesen „Regeln“ zu erzählen? Ich denke, eine besondere Herausforderung war es, Richard und Herrn Hase zu skripten, die ja sonst viel von den launigen, sarkastischen Wortwechseln leben.

Ja, ich habe lange diesbezüglich gezögert. Eine „Herr Hase“-Geschichte in einem anderen Format und dazu noch komplett ohne Worte zu erzählen, erschien mir auf den ersten Blick als eine schlechte Idee. Meine Leser sind es gewohnt, dass ich unterschiedlichste Arten von Geschichten ausprobiere, mit unterschiedlichsten Stilen, aber nicht bei „Herrn Hase“. Ich habe versucht, eine Montage mit acht Panels pro Seite für ein Album im klassischen Format zu machen, aber das funktionierte überhaupt nicht. Ich merkte schnell, dass es für diese Art des Erzählens notwendig war, dass man beim Betrachten nur ein Panel nach dem anderen entdeckt. Mir war auch bewusst, dass einige Leser enttäuscht sein würden, dass es nicht die gewohnten Dialoge zwischen den Figuren gab. Also habe ich versucht, etwas anderes zu machen, eine besondere Atmosphäre zu erzeugen mit einem magischen Universum.

Haben Sie eine bestimmte tägliche Zeichnenroutine?

Eine richtige Zeichenroutine habe ich nicht. Mir ist es vor allem wichtig, Spaß bei der Arbeit zu haben und da ich Deadlines nicht ausstehen kann, vermeide ich es, unter Zeitdruck zu sein. Also arbeite ich immer im Voraus. Einen Vorteil hat das Ganze – und zwar ermöglicht es mir häufig, neue Projekte dazwischenzuschieben, wie zum Beispiel „Mohnblumen aus dem Irak” oder dieses neue Abenteuer von „Herrn Hase“.

Wir sind bereits sehr gespannt auf Ihre nächsten Projekte. Auf welche Abenteuerreisen werden Sie in naher Zukunft „Herrn Hase“ schicken? Könnten Sie uns einen kleinen Hinweis darauf geben?

Es wird eine Fortsetzung von „Eine etwas bessere Welt“ geben, in der Herr Hase und Richard über das Thema Laizismus diskutieren. Zudem habe ich schon eine Idee für den darauffolgenden Band.

Übersetzt von Claudia Sandberg