Blog Filip Kolek am 25. Dezember 2021

Zwischen-den-Jahren-Interviews I: Judith Vanistendael

Den veganen Gästebraten verdaut? Ja? Dann kann’s ja losgehen … Die schönste Zeit des Jahres beginnt: die Zwischen-den-Jahres-Interviews auf dem Reprodukt-Blog! Die Reprodukt-Presseabteilung war auch im zweiten Pandemiejahr eine fleißige Bienenkolonie, schließlich gab es so viele Bücher wie noch nie zu bewerben. Darunter neue Projekte von einigen der profiliertesten Zeichner*innen in unserem Portfolio: Guy Delisle, Roca Roca, Mathieu Sapin, Tillie Walden, Mawil, Cyril Pedrosa, Charles Burns und und und … Nicht zu vergessen, dass Reprodukt 2021 seinen 30sten Geburtstag feierte!

Über das Jahr entstanden für etliche Neuerscheinungen todschicke Pressemappen, für die unser Presseteam den jeweiligen Reprodukt-Autor*innen mit Interviewfragen auf die Pelle rückte. Wie es die Tradition verlangt, werden wir euch an dieser Stelle die (objektiv) besten der Pressemappen-Interviews präsentieren. Wir wünschen viel Vergnügen & einen schönen Jahresausklang!

Den Anfang macht die belgische Künstlerin Judith Vanistendael mit ihrer tief bewegenden Comicerzählung „Penelopes zwei Leben”, die im März diesen Jahres erschienen ist. „Penelopes zwei Leben” erzählt von einer Chirurgin, die nach einem langen Auslandseinsatz in Syrien zu ihrem Mann und ihrer Tochter zurückkehrt. Mittels Rückgriffen auf Motive aus Homers „Odyssee” zeichnet Judith Vanistendael das Bild einer Ewig-Reisenden, die zwischen ihrer Berufung und ihrer Familie zerrieben wird. Sicherlich einer der aufwühlendsten Comics des Jahres!

Viel Spaß beim Interview und bis morgen an dieser Stelle!

Liebe Judith, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, mit uns über dein neues Buch „Penelopes Zwei Leben“ zu sprechen. Als Anhang im Buch drucken wir eine Comicreportage von dir aus dem Jahre 2018 ab, in der du einen kurzen Aufenthalt im Geflüchtetenlager Moria/Lesbos im Jahr 2017 beschreibst. Könntest du uns eingangs etwas über diese Reportage erzählen? Wie kam es zu diesem Projekt und wie ist die Recherche genau abgelaufen? 

Das kam über Aimée De Jongh, eine niederländische Comiczeichnerin, zustande. Sie hatte mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, nach Lesbos zu fahren und über Moria eine Comicreportage zu zeichnen. Zu dieser Zeit hatte ich bereits mit den Recherchen für „Penelopes Zwei Leben“ begonnen. Mir schwebte ein Buch vor, das mit Elementen von Homers „Odyssee“ spielt und von einer Ärztin in einem Kriegsgebiet erzählt. Ursprünglich hatte ich sogar vor, nach Syrien zu reisen, aber das war zu riskant. Die Comicreportage über Moria bot sich als Alternative an. Dort arbeiten schließlich auch Ärztinnen und Ärzte unter erschwerten Bedingungen und mit wenigen Ressourcen. Ich hatte auch vor, mit Geflüchteten über ihre Erfahrungen zu sprechen. Als ich schließlich in Moria ankam, war ich entsetzt und geschockt über das, was ich dort mit eigenen Augen sah. Ich wurde illegal in das Lager eingeschleust, ich wollte sehen, was die Behörden einem bei offiziellen Besuchen vorenthalten. Es fiel mir schwer, hinterher Wörter und Bilder für die entsetzlichen Zustände dort zu finden.

Am Ende der Reportage sprichst du darüber, dass Fotografien die eigentlichen Zustände vor Ort nur bedingt einfangen und vermitteln können. „Die Fotos stinken nicht.“ Wie ist das mit Zeichnungen? Was kann eine Zeichnunge über die Wirklichkeit aussagen, das Fotos und bewegte Bilder nicht können? 

Klar, Zeichnungen stinken auch nicht. Sie sind wie Fotos nur eine Interpretation unserer sensorischen Wahrnehmung. Aber ich denke, dass Zeichnungen, weil sie sich von der vermeintlich objektiven Realität entfernen und gar nicht erst vorgeben, sie authentisch wiedergeben zu können, mehr Raum für Anspielungen, Interpretationen und Andeutungen lassen. Man kann nicht nur das Erlebte darstellen, sondern auch die Wirkung, die das Erlebte auf einen selbst hatte. Man kann sich selbst in das Geschehen reinzeichnen, zeigen, welche Rolle man selbst in dieser Situation spielte, wie man auf das Gesehene reagiert hat. Das alles kann ein Foto nicht.

Dazu kommen noch zwei weitere Aspekte: 1) Eine Kamera weckt Misstrauen in den Menschen, ein Stift und ein Zeichenblock wecken die Neugier. Die Menschen, die man porträtieren möchte, bauen eher Vertrauen zu dir auf, erzählen dir bereitwilliger ihre Geschichte. Das ist eine Eigenschaft des Zeichnens, die es einem leichter macht, auf Geschichten zu stoßen. 2) Es gibt Orte, an denen weder eine Kamera noch ein Zeichenstift gestattet sind, aber der/die Zeichner*in kann dort mit den Augen „fotografieren“ und das Geschehene später aus der Erinnerung in einer Zeichnung festhalten. Ich glaube, dass das ein essenzieller Vorteil ist, den Zeichner*innen gegenüber Fotograf*innen haben. Papier und Stift sind Waffen, die all das bloßstellen können, was vor den Augen der Welt versteckt gehalten wird. Aber natürlich ist ein Foto ein kraftvolles Beweisstück, unabhängig vom Fotografen. Um einer Zeichnung zu glauben, musst du zunächst Vertrauen in den/die Zeichner*in haben.

In der Reportage stellst du kurz die Begegnung mit einer Ärztin in Moria dar, die sehr ernüchtert über ihre Arbeit spricht. Ich nehme an, dass Teile dieses Gesprächs in die Figur von Penelope eingeflossen sind, oder? Könntest du uns verraten, wie deine Reise nach Moria die Entstehung von „Penelopes Zwei Leben“ beeinflusst und inspiriert hat? 

Die Reise nach Moria hat mir noch mal verdeutlicht, dass die Wirklichkeit, die man mit all seinen Sinnen, mit seinem eigenen Körper erlebt, niemals adäquat in ein Medium, sei es Film, Prosa, Fotografie oder Illustration, übertragen werden kann. Ich hatte in Vorbereitung auf die Reise viel recherchiert, viele Youtube-Videos geschaut, Fotos, Reportagen, Berichte studiert … Aber alles das hatte wenig mit der Wirklichkeit, die ich in Moria erlebt habe, gemein. Ich denke, dass Kunst – mit Abstrichen – mit am besten geeignet ist, diese Dissonanz aufzulösen und eine Möglichkeit zu bieten, solche Erfahrungen für andere zu übersetzen. Einfach weil Kunst immer selbst eine eigene, neue Realität schafft, in der sie Wirklichkeitswahrnehmung in abstrahierter, symbolischer Form erfahrbar macht.

Ich glaube, dass zum Beispiel Kunst in Zukunft eine wichtige Rolle spielen kann, Forschungen zur Klimakrise aus ihrer Abstraktheit herauszulösen und für Menschen erfahr- und vorstellbar zu machen. Kunst und Geschichtenerzählen können aus theoretischem Wissen (in dem Fall: Moria existiert, die Lebensbedingungen dort sind schrecklich, es ist dreckig) eine emotional spürbare Erfahrung machen. Dieser Aspekt ist auch zentral für die Figur der Penelope, die nie gelernt hat (sie ist eine Ärztin, keine Künstlerin oder Geschichtenerzählerin), ihre Erfahrungen in Syrien für ihre Familie erfahrbar zu machen. Das führt dazu, dass sie zwei Leben führt, zwei Wirklichkeiten. In dieser Hinsicht hat ihr Mann Otto, ein Schriftsteller und Lyriker, einen Vorteil gegenüber seiner Frau.

Du hast eine Tochter im selben Alter wie Penelope. Die Moria-Reportage hast du deiner Tochter gewidmet, und auch in „Penelopes Zwei Leben“ steht die Beziehung zwischen Mutter und Tochter im Zentrum der Erzählung. Welche eigenen Erfahrungen als Mutter hast du in Figuren von Penelope und Helena einfließen lassen? 

Meine Tochter ist fast 19 Jahre alt und lebt nicht mehr zu Hause. Als sie geboren wurde, hatte ich diese tiefsitzende Angst, dass ich sie eines Tages verlassen würde, dass ich meine Rolle als Mutter nicht würde annehmen können. Dass ich sie als Hindernis für meine eigene Entwicklung empfinden würde. Die Mutterolle fiel mir nicht zu, ich musste sie mir erarbeiten. Wie Penelope hatte ich ein Kind zur Welt gebracht und mich öfter gefragt, was jetzt von mir erwartet wurde. Und ja, Karriere und Kinder waren für mich nicht immer vereinbar, ich musste Entscheidungen treffen, die mich ausbremsten, und es fiel mir nie leicht. Und wie Penelope liebe ich meine Kinder sehr.

Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Penelope und mir, auch wenn ich selbst nie für längere Zeit von meinen Kindern getrennt war. Etliche Szenen aus dem Buch sind aus meinem Leben übernommen, das Klamottenkaufen mit der Teenager-Tochter zum Beispiel oder der schreckliche Ablativ, der einfach nicht in den Kopf des Kindes will. Die Figur der Helena ist zu einem großen Teil an meine Tochter angelehnt. Sie war genau die richtige Vorlage für die Figur, und ich habe sie einfach so gezeichnet, wie sie damals war: ein liebenswerter, kluger Teenager mit starkem Willen und einem eigenen Leben.

Deine Protagonistin Penelope arbeitet als Ärztin Ohne Grenzen in Aleppo. Ihren Mann und ihre Tochter sieht sie oft Monate lang nicht. In deinem Buch beschreibst du eine Periode zwischen zwei Einsätzen in Syrien, als Penelope wieder in Belgien bei ihrer Familie ist und für eine kurze Zeit ins „normale“ Leben zurückkehren muss. Ihre Arbeit in Syrien und die damit verbundenen Traumata zeigst du in Gestalt der psychischen Projektion eines toten Kindes, das Penelope nach Belgien begleitet hat. Was kannst du uns über Penelope erzählen? In welchem psychischen und emotionalen Zustand lernen wir Leser*innen sie kennen? 

Ich versuche stets zu vermeiden, als Autorin meine eigenen Figuren zu analysieren. Die Leser*innen sollen selbst entscheiden, was sie in den Figuren für sich entdecken. Aber ein Aspekt, den ich versucht habe zu vermitteln, war: Penelope tut etwas Schreckliches, sie verlässt ihr Kind, sie hört auf, eine Mutter zu sein. Ich wollte, dass die Leser*innen verstehen, warum sie diese Entscheidung trifft. Ich wollte, dass man sie als Mutter wahrnimmt, die ihr Kind liebt, aber sich trotzdem für ein anderes Leben entscheidet. Die Figur von Penelope zu konzipieren und so darzustellen, dass die Leser*innen am Ende Verständnis für sie aufbauen und sie nicht verurteilen, war eine große Herausforderung.

Als ich an dem Buch gearbeitet habe, habe ich mal ein Interview mit einem Fotografen gelesen, der die Welt bereiste, um Surfer zu fotografieren. Er war das ganze Jahr auf Achse, in 12 Monaten gerade mal drei Wochen zu Hause gewesen. Und er hatte drei Kinder. Er ließ diese Info fallen, und der Interviewer ging nicht weiter drauf ein. Wenn ich als Frau so etwas gesagt hätte, hätte sich das restliche Interview sicherlich nur noch darum gedreht: Dass ich als Mutter nur drei Wochen im Jahr zu Hause bei meinen Kindern bin. Genau dieses klassische Rollenmuster wollte ich in „Penelope” auf den Kopf stellen.

Das hat auch wieder etwas mit mir selbst zu tun: Ich bin bei meinem Vater aufgewachsen, meine Mutter war nicht da. Basierend auf meinen eigenen Erfahrungen habe ich eine Geschichte geschrieben, die das Empfinden von „Normal“ und „Abnormal“ in Familienkonstellationen infrage stellt. Ich bin gespannt, wie die Leser*innen auf Penelope reagieren, ob sie ihre Entscheidung mittragen. Das Buch stellt die Fragen: Was ist normal, was ist nicht normal? Was/Wer ist gut, was/wer ist schlecht?

Deine Comicerzählung ist durchsetzt von Motiven aus Homers „Odyssee“. Welche Rolle spielt die antike Sage für die Erzählung?

Ich wollte – wie viele andere Autorinnen und Autoren auch – in Dialog treten mit einer klassischen Erzählung der abendländischen Literatur. Im Grunde sind ja alle Autor*innen von Werken der Weltliteratur beeinflusst, ob sie es sich bewusst machen oder nicht. Mir wurde aber klar, dass ich die meisten dieser Texte nur vage kannte und nur einige wenige im Original gelesen hatte. Ich wollte zuerst etwas von Shakespeare nehmen, das war mir dann aber zu gewalttätig, dann dachte ich an „Don Quichote“, aber wenn ich ehrlich bin, finde ich den Roman grottenlangweilig. Schließlich bin ich bei Homer gelandet. Ich habe mich für die „Odyssee“ entschieden, weil das im Kern eine Reiseerzählung ist, was mir mehr zusagte als „Die Ilias“, die eine Kriegserzählung ist. Beim Lesen stellte ich schnell fest, dass bei der „Odyssee“ die klassische Zweiteilung der Frauenrolle zum Tragen kommt: Die „wirklichen“ Frauenfiguren hatten keinen Handlungsspielraum, sie waren dem Gesetz der Männer unterworfen, konnten verschenkt werden, als wären sie eine dekorative Vase. Nur die Göttinnen und die mystischen Frauen konnten ungezügeltes sexuelles Verlangen zur Schau stellen und ihrem eigenen Willen folgen. Das hat mich abgestoßen. Ich beschloss, Penelope ein interessanteres Leben zu geben und ihren Mann warten zu lassen.

In Zeiten der COVID-Krise gehen das Thema Flüchtlingskrise und die katastrophalen Zustände an der Europäischen Grenze in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit unter. Wie nimmst du die Entwicklung hinsichtlich der Flüchtlingsfrage in der EU wahr? Siehst du positive Entwicklungen und Möglichkeiten, die Lage der Menschen in den Lagern an den EU-Grenzen zu verbessern, oder bist du skeptisch, was den politischen Willen der EU-Länder anbelangt? Was können wir als Bürger*innen tun, um auf diese Situation hinzuweisen? 

Ich bin keine Politikerin und würde nur ungern politische Analyse betreiben. Mein Job als Autorin ist es, das individuelle Leid zu zeigen und nach Nuancen und Grautönen zu suchen. Glücklicherweise deckt sich das auch ziemlich mit der Art und Weise, wie ich auf die Welt blicke. Aber Politiker und Beamte, die Gesetze zum Umgang mit Geflüchteten erlassen, müssen in Schwarz-Weiß denken. Es gibt Regeln, und an die haben sich alle zu halten: Du darfst rein oder eben nicht. Ich verstehe, dass das eine undankbare, unmenschliche Aufgabe ist, der ich niemals gewachsen wäre. Ich würde nicht mehr essen und schlafen können und zugrunde gehen. Gesetz ist Gesetz, und keine Gesellschaft kann ohne Gesetze funktionieren… Wie viele andere denke ich, dass Frontex eine unrühmliche Rolle in der Flüchtlingsfrage spielt. Wie viele andere denke ich, dass Geflüchtete mit Würde behandelt werden sollten. Sie müssen davor bewahrt werden, im Meer zu ertrinken, sie brauchen Schutz und Zuflucht, Lebensmittel – sie brauchen eine Zukunft. Aber ich weiß auch nicht, wie all das umgesetzt werden kann. Wie viele andere gehe ich davon aus, dass der Strom der Geflüchteten nur zunehmen wird. Der Klimawandel wird immer schlimmer und in den kommenden Jahren Migrationsbewegungen auslösen, die wir uns heute kaum vorstellen können.

Als Bürger*innen ist es unsere Pflicht, über all das zu sprechen. Es darf nicht in Vergessenheit geraten. Es muss gezeigt werden. Wir müssen zuerst auf uns blicken und sicherstellen, dass wir nie vergessen, dass Geflüchtete Menschen sind, keine Nummern oder Kategorien. Damit beginnt die Misere…

Woran arbeitest du gerade?

Ich habe gerade einen Comic beendet, den ich zusammen mit dem Szenaristen Zidrou umgesetzt habe: „Bilbiotheekwalvis“ („Die Wal-Bibliothek“), eine Fabel über einen Meeres-Briefträger, der sich mit einem Wal anfreundet, der eine Bibliothek in seinem Magen hat. Ein modernes Märchen über die Bedeutung von Geschichten und Literatur. Wird dieses Jahr auf Französisch und Niederländisch erscheinen. Außerdem wurde ich angefragt, eine Comicerzählung für die Reihe über das „Louvre“ zu machen, die seit einigen Jahren bei Futuropolis erscheint. Da bin ich gerade in den ersten Zügen. Und ich arbeite an einem Comic über einen Belgier, der durch Erderwärmung zur Flucht gezwungen wird. Belgien sieht aufgrund des Anstiegs des Meeresspiegels einer ungewissen Zukunft entgegen. In meiner Geschichte wird der Protagonist nach Finnland fliehen. Es geht also um eine andere, eine neue Art der Flüchtlingskrise – eine innereuropäische. Aber auch da stehe ich noch ganz am Anfang.