Blog Filip Kolek am 31. Dezember 2018

Zwischen-den-Jahren-Interview VII: Dorothée de Monfreid

Huch – schon wieder vorbei! Heute haben wir das letzte der Zwischen-den-Jahren-Interviews für euch. Das feiern wir dann abends, oder? So gegen 0 Uhr? Für das Finale haben wir uns die phänomenale französische Kinderbuch-Illustratorin Dorothée de Monfreid (DAS GRÖSSTE GESCHENK DER WELT) aufgehoben. Dorothée war 2018 auch omnipräsent. Ihr herzallerliebster Einschlafband SCHLÄFST DU? war dieses Jahr sowohl für den „Max und Moritz“-Preis als „Bester Comic für Kinder“ auf dem Internationalen Comic-Salon Erlangen als auch für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie „Bestes Bilderbuch“ nominiert. Der Comic-Salon Erlangen hat Dorothée eine eigene Ausstellung gewidmet, die alle Facetten ihres Schaffens beleuchtet hat. Und Ende Oktober ehrte auch das Kindercomicfestival Hamburg die französiche Künstlerin mit einer eigenen Schau. Das folgende Interview führte Kindercomiclektor Michael Groenewald, der Dorothées Ausstellung  in Erlangen kuratierte.  Viel Spaß dabei & einen guten Start ins Neue Jahr!

Danke, dass Sie sich die Zeit für das Interview nehmen, Frau de Monfreid. Könnten Sie uns zu Beginn etwas über Ihren Einstieg in die Kinderbuchbranche geben? Wie sind Sie zum Zeichnen gekommen?

Zeichnen, Malerei und Musik waren in meiner Familie sehr präsent. Mein Ur-Ur-Großvater und meine Großmutter waren Maler, mein Urgroßvater Schriftsteller, mein Vater und mein Großvater Architekten. Mutter wiederum sang im Chor und nahm mich mit zu den Proben. Natürlich hat all das mich beeinflusst.

Ich begreife mich als Autorin und Zeichnerin gleichermaßen. Meine vorzügliche Sprache ist die Zeichnung, aber es ist ein erzählendes Zeichnen. Somit ist das Erzählen immer präsent, auch wenn ich mit sehr wenig, oder gar ganz ohne Text arbeite.

Was macht für Sie eine gute Geschichte aus?

Ich mag es, wenn eine Geschichte mich überrascht. Wenn sie Fragen aufgreift, die mich im Innersten bewegen. Ich mag Geschichten, die eine schlichte Form mit großer Bedeutungsvielfalt einen, wie es beim Märchen der Fall ist. Und schließlich finde ich es immer besser, wenn es lustig ist (und das gilt für alles im Leben). Mit meinen Geschichten möchte ich den Leser*innen nicht Lehrerin sein, sondern Freundin. Dafür eignet sich der Comic gut, denn die ausschließliche Verwendung von Dialog ermöglicht es mir, Belehrendes zu vermeiden.

Und worauf legen Sie Ihr Hauptaugenmerk als Zeichnerin?

Ich bemühe mich, etwas Lebendiges zu erschaffen. Ich arbeite häufig direkt in Tusche, weil genaue Vorzeichnungen einer Illustration diese Lebendigkeit nehmen können. Wenn ich kompliziertere Bildanlagen vorzeichne, dann nicht allzu präzise. Das ermöglicht es mir, in der Gegenwart zu bleiben, wenn ich die Reinzeichnung mit Tusche mache.

Für welches Lesealter möchten Sie erzählen?

Mein Ziel ist es, Bücher zu machen, bei denen kleine Kinder auf ihre Kosten kommen, es aber genügend Inhalte gibt, explizit wie implizit, um sie lange vorhalten zu lassen und auch die Älteren anzusprechen. Dafür scheint es mir nötig, meine Arbeit auf ein aufrichtiges, persönliches Empfinden zu gründen, und nicht auf etwas, das man erzählen zu müssen glaubt, um Kinder zu interessieren.

Ich habe das Gefühl, mir innerlich alle Lebensalter bewahrt zu haben, die wie Stockwerke übereinanderliegen. Ich kann wie mit dem Aufzug von einem zum anderen fahren. Wenn ich ein Buch mache, suche ich mir die Etage aus, auf der ich anhalten möchte. Ich stelle mir vor, dass meine Leser das ebenso tun können.

Fast all Ihre Protagonisten sind Tiere. Macht es Ihnen mehr Spaß Tiere zu zeichnen als Menschen?

Tiere sind unterhaltsam, und interessant zu zeichnen, weil sie von vornherein eine Distanz zur Wirklichkeit herstellen. Sie sagen: „Dies ist eine Geschichte, alles ist möglich“.

Hunde im Speziellen haben sehr unterschiedliche Formen: Manche sind sehr groß, andere klein, langhaarig, kurzbeinig, elegant oder ungeschickt, aber alle sind sie Hunde. Ich verfüge also über eine sehr reichhaltige und kohärente, lustige Figurengruppe, ebenso vielfältig wie eine Gruppe von Kindern. Eine ideale Besetzung.

Charakterisch für Ihren Stil ist die Lebendigkeit Ihrer Figuren. Wie gehen Sie beim Zeichnen vor?

Ich behandle meine Figuren wie Schauspieler, die je nach Gelegenheit ganz Unterschiedliches zum Ausdruck bringen können. Wenn ich zeichne, fühle ich mich im Übrigen selbst ein wenig wie eine Schauspielerin. Ich versetze mich in jede meiner Figuren hinein, um sie zeichnen zu können. Wenn man mich bei der Arbeit beobachtete, sähe man mich dieselben Grimassen schneiden wie meine Figuren. Mit solcher Art Empathie hoffe ich, meinen Lesern Gefühle vermitteln zu können.

In Ihren Bilderbüchern finden sich auch immer wieder Elemente der Comicerzählsprache. Wie nah stehen Sie dem Comic?

Ich mag Mischformen, und ich habe mich dem Comic immer sehr nahe gefühlt. Daher greife in meinen Büchern schon seit langem auf die Codes des Comics zurück. Dennoch glaube ich nicht, dass ich in Frankreich einer Comicszene angehöre, da man mich vor allem für meine Kinderbücher kennt. Und leider sind die Milieus der Jugendliteratur und des Comics heute noch viel zu sehr voneinander abgegrenzt. Das ist schade.

Für die Onlineausgabe der französischen Tageszeitung Libération zeichnen Sie den autobiografischen Strip „Ada & Rosie“, der an ein älteres Lesepublikum gerichtet ist. Was hat es damit auf sich?

Ich liebe die Arbeit von Claire Brétecher. Ich mag diesen Ansatz, von sehr kleinen alltäglichen und jedermann vertrauten Dingen auszugehen, um ihr Potential an Widersprüchlichkeiten und Bedeutung auszuloten. Das ist ein wenig wie in der Philosophie: Man versucht, den Sinn der Fragestellung zu begreifen, indem man sie von allen Voreingenommenheiten befreit, mit denen sie behaftet sind. Dieses Vorgehen verfolge ich mit „Ada & Rosie“.

Vielen Dank für das Gespräch!