Blog Filip Kolek am 11. März 2022

Zum 100. Geburtstag von Shigeru Mizuki

Diese Woche wäre der japanische Zeichner und Autor Shigeru Mizuki, am 8. März 1922 in Sakaiminato, einer kleinen Küstenstadt im Südwesten Japans, geboren, 100 Jahre alt geworden. Mizuki gilt als einer der ersten japanischen Zeichner, der Manga für eine erwachsene Leserschaft geschrieben und gezeichnet hat. Neben seinen Comics ist er auch für seine bebilderten Lexika über Dämonen, Hexen und anderer Wesen des japanischen Volksglaubens bekannt.

Schon von klein auf zeigte Mizuki erstaunliche zeichnerische Fähigkeiten und entwickelte ein Interesse für Mythologie sowie den japanischen Volksglauben. Die japanische Folklore wurde später ein zentrales Element in Mizukis künstlerischem Schaffen. Ebenso prägend für sein zeichnerisches Werk sind die Traumata des Zweiten Weltkriegs, die er als Frontsoldat hautnah miterlebt hat. Mit 21 Jahren wurde er in die Kaiserliche Japanischen Armee eingezogen und in Rabaul in Neubritannien, dem heutigen Papua-Neuguinea, stationiert. Shigeru Mizuki überlebte den Krieg nur knapp – er verlor während eines Luftangriffs der Alliierten seinen linken Arm. Die Verletzung rettete ihm das Leben: Der Rest seiner Einheit wurde als Selbstmordkommando in den Tod geschickt. Die Schrecken, die er dort erlebt, hat er Jahre später in dem Antikriegs-Manga “Auf in den Heldentod!” verarbeitet.

Zurück in Japan verdingte er sich zunächst als Zeichner für die als “Kamishibai” bekannten Papiertheater, bevor er 1957 seine ersten Comics veröffentlichte. Bis in den 1950ern das Fernsehen in die japanischen Wohnzimmer einzog, war die Straßentheater eines der wichtigsten Erzählmedien und unterhielten täglich bis zu fünf Millionen Zuschauer. Neben Mizuki haben auch andere spätere Manga-Zeichner wie Sampei Shirato ihre Karrieren als Kamishibai-Illustratoren begonnen. Mizukis einfluss- und erfolgreichste Comicschöpfung, der Geisterjunge Kitaro, bezieht sich auf ein Kamishibai-Theaterstück aus den 1930ern. Von 1959-1969 erzählte Shigeru Mizuki in “Kitaro” vom titelgebenden einäugigen Waisenjungen, der sich in der Welt der Yôkai, der Monster und Geister aus japanischen Legenden, bewegt. Ursprünglich als Manga für Jungs konzipiert und über traditionelle japanische Leihmagazine (Kashihon’ya) veröffentlicht, wurde “Kitaro” ab 1965 in das populärsten Manga-Magazin, “Shonen”, integriert und entwickelt sich zu einem kulturellen Phänomen, das Kinder und erwachsene Leser gleichermaßen begeisterte. Mizukis Comic zog dutzende Zeichentrick- und Realverfilmungen nach sich. Der Einfluss von Mizukis Yôkai-Erzählungen auf japanische Pop- und Hochkultur – sowohl als Inspiration für nachfolgende Manga-Generationen als auch für den Fortbestand japanischer Mythologie in neuen Erzählformen – ist kaum zu überschätzen. Zeitlebens ist Mizuki der bedeutendste “Botschafter” für die Yôkai geblieben.

Neben “Kitaro” floss seine Faszination für die Yôkai auch in weitere seiner Werke. In “NonNonBâ” (“Tante NonNon”, 1992) erzählte Shigeru Mizuki auf poetische und einfühlsame Weise über seine Kindheit, Japan im Umbruch in die Moderne und vor allem sein Kindermädchen, das ihn in die japanische Folklore einführt. Mit “Tante NonNon” knüpfte Mizuki, der sich über die Jahrzehnte immer wieder künstlerisch weiterentwickelte und neu erfand, an den Erfolg von “Kitaro” an. Der Manga wurde ebenfalls erfolgreich verfilmt und ging ins popkulturelle Unterbewusstsein Japans ein. Parallel zu seinen Yôkai-Comics schrieb und zeichnete Mizuki auch zu historischen Themen, vor allem zum Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen. Als einer der ersten Comickünstler überhaupt beschäftigte er sich mit dem Aufstieg und dem Menschen Adolf Hitler. Auf 288 Seiten entmystifiziert er in “Hitler” die Person des Diktators, ohne ihn zu psychologisieren oder zu einer bloßen Karikatur zu machen. In “Auf in den Heldentod!” erzählt er, an seiner eigenen Geschichte angelehnt, von der Sinnlosigkeit des Krieges. Bemerkenswert ist auch seine dokumentarische Comicserie “Showashi”, die zwischen 1988-1994 entstand und auf über 2.000 Seiten die japanische Geschichte der der Showa-Zeit (1925-1989) nacherzählt.

Im Laufe seiner fast 60 Jahre währenden Karriere wurde Mizuki mit den wichtigsten internationalen Comic-Auszeichnungen geehrt, darunter den renommierte Kodansha Manga Award, mehreren Eisner Awards und dem Grand Prix beim Comicfestival Angoulême, der ihm als ersten japanischer Zeichner verliehen wurde.

Vielfach ausgezeichnet, ist Shigeru Mizuki am 30. November 2015 im Alter von 93 Jahren in Tokio verstorben.

Reprodukt hat 2019 begonnen, das Werk des großen Mangaka auf Deutsch zugänglich zu machen. Bislang liegen von Shigeru Mizuki vor: “Hitler”, “Auf in den Heldentod!”, “Tante NonNon”, die autobiografische Trilogie “Kindheit und Jugend, “Kriegsjahre” und “Mangaka” sowie bislang 4 Bände der auf 13 Ausgaben angelegten “Kitaro”-Reihe. Als nächstes wird am 14. März “Kitaro 5: Das Haarmonster” ausgeliefert.