Blog Franz Himmighofen am 10. September 2019

„West, West Texas“ – Ein traumhafter Roadtrip

Mein Name ist Franz Martin Himmighofen, und ich mache gerade ein Praktikum beim Reprodukt Verlag. Zu Beginn dieses Praktikums war eines der ersten Bücher, das in meine Hände fiel „West, West Texas“ von Tillie Walden. Ich studiere zwar in meiner Freizeit vergleichende Literaturwissenschaft, doch ist es schon länger her, dass ein Buch mich so sehr beeindruckt hat. Deswegen würde ich für „West, West Texas“ gern eine kleine Rezension schreiben und gleichzeitig eine große Empfehlung aussprechen.

„West, West Texas“ ist die Geschichte eines Roadtrips zweier lesbischer Frauen, Beatrice und Lou, der bezeichnenderweise an Luckys Tankstelle irgendwo im Nirgendwo beginnt. Es ist keine einfache Reise. Beide Frauen tragen mehr Gepäck als nur Koffer mit sich. Die Jugendliche Bea ist von Zuhause ausgerissen und auch die Mechanikerin Lou macht immer mehr den Eindruck die Orientierung in ihrem Leben grundsätzlich verloren zu haben. Die beiden kennen sich von früher, aber so wirklich wissen sie von einander nichts. Auf dem Weg sammeln sie eine verlorene Katze ein. Mit dem Beschluss sie ihrer Besitzerin zurückzubringen, wird die Reise zunehmend fantastischer, surrealer, aber auch gefährlicher, denn wegen der Katze ist jetzt auch eine mysteriöse Behörde hinter den beiden her.

Wie jeder gute Roadtrip ist „West, West Texas“ auch eine Reise ins Innere der Figuren. Die beiden Frauen finden im Verlauf des Buches nicht nur zu sich sondern auch zueinander. Wir lernen ihre Schwächen und ihre Traumata, aber auch ihre Wünsche und Träume kennen. Die Schlagabtäusche der beiden während der Fahrt sind wunderbar unterhaltsam, die improvisierten Fahrstunden für Bea gleichzeitig lustig, anrührend und symbolisch. Die zunehmend fantastischere Umgebung spiegelt das Innenleben der Figuren auf subtile sich immer mehr steigernde Art und Weise. Lou und Bea sind glaubwürdig und menschlich. Ohne jemals einfach alles zu erfahren, lernen wir die beiden im Verlauf der Reise immer besser kennen.

„West, West Texas“ ist jedoch nicht nur inhaltlich, sondern auch gestalterisch einfach schön. Tillie Walden schreckt nicht vor kräftigen Farben zurück. Lila- und Blautöne stehen im Wechsel mit leuchtendem Gelb und Orange. Viele der Fahrtszenen finden abends oder nachts statt, in der die Stationen von Lou und Bea wirken wie kleine Lichtinseln in einer atmosphärisch dunklen Landschaft. Die Ortschaften und Häuser wirken ähnlich verloren wie die beiden Hauptfiguren. Panels verfließen und lösen sich auf. Die Zeit auf der Reise, sowie die Grenzen von Innen und Außen verschwimmen.

Nachdem ich „West, West Texas“ angefangen hatte zu lesen, konnte ich es nicht mehr weglegen. Ich habe eine Vebindung zu Bea und Lou aufgebaut, mit den beiden mitgefiebert, getrauert und mich gefreut und wie bei vielen guten Geschichten hat mich das Buch ein wenig nachdenklich und traurig zurückgelassen. Roadtrips haben mich schon immer fasziniert, und Tillie Walden ist eine sehr eindrückliche und schöne Geschichte gelungen. Ich hatte vorher noch nichts von ihr gelesen und mir danach alles angeschaut. Mir bleibt nichts anderes übrig, als meine wärmste Empfehlung für „West, West Texas“ auszusprechen.

West, West Texas, ISBN 978-3-95640-195-4, 320 Seiten, farbig, 29 Euro