Blog Andrea Cisnado am 3. April 2020

Preview aus dem Homeoffice: Sibylla

von Heike Drescher
Ob Max Baitinger Gefallen daran gefunden hat, seinen Büchern Frauennamen („Birgit”) zu geben? Möglich, allerdings trägt sein just bei Rotopol erschienenes (und absolut empfehlenswertes) Werk den Titel Happy Place .
Sibylla jedenfalls heißt mit vollem Namen Sibylla Schwarz und hat Max Baitinger bereits eine Auszeichnung beschert, obwohl sein Buch über ihr Leben noch gar nicht fertig ist: Der Comicbuchpreis der Berthold-Leibinger-Stiftung ging in diesem Jahr an Max, der sich dank der Dotierung von 20.000 Euro nun erst einmal ganz auf die Arbeit an seinem Comic konzentrieren kann.
Wer ist jetzt also Sibylla Schwarz?
Sibylla Schwarz lebte von 1621 bis 1638 in Greifswald, sie starb mit 17 Jahren an der Ruhr-Krankheit. Und in diesem irrsinnig jungen Alter hinterließ sie über 200 Gedichte, die dann posthum veröffentlicht wurden.

Was heute kaum mehr jemand weiß: Die jüngste Tochter des Greifswalder Bürgermeisters Christian Schwarz war eine der wenigen bedeutenden deutschen Barocklyrikerinnen – eigentlich ein Paradoxon, denn im 17. Jahrhundert galten Frauen recht wenig, hatten kaum Zugang zu Bildung und verfassten erst recht keine Lyrik.

Anders Sibylla Schwarz. Die hochbegabte junge Frau begann Im Alter von zehn Jahren Gedichte zu schreiben, in denen sich  wesentliche Zeitereignisse wie dreißigjähriger Krieg, Vertreibung und Exil spiegeln. Bedeutsam sind vor allem ihre Liebessonette, die sie in humorvollem Ton verfasste, und die offenen und vielschichtigen Andeutungen zu Geschlechterrollen.

Mit ihrem Langgedicht Ein Gesang wider den Neid verfasste sie gar das erste feministische Gedicht der Weltliteratur: Ihr Protestgesang wendet sich gegen die männlich herablassende Haltung gegenüber dichtenden Frauen.

Viele ihrer Gedichte richten sich an eine weibliche Geliebte. Dass aber eine Frau auf diese Weise zu einer Frau spricht, ist damals unvorstellbar, und in der Lyrikge­schichte wird die lesbische Deutbarkeit ignoriert: Stets unterstellt man Sibylla Schwarz, sie wende sich aus einer männlichen Perspektive an eine Geliebte.

Max Baitinger nähert sich der Dichterin auf gewohnt humorvolle Art. Er spielt mit verschiedenen Text- und Zeitebenen und setzt sich gleichzeitig mit der Lebenswirklichkeit des Dreißigjährigen Krieges auseinander.
Aus der Begründung der Jury heißt es:
„Mit ,Sibylla’ zeigt Max Baitinger, wie frisch und leichtfüßig ein biografischer Comic daherkommen kann. Gewitzt und gekonnt beginnt er ein Erzählgerüst aus verschiedenen Ebenen zu konstruieren, das von bemerkenswerter grafischer Stärke zeugt.“ (Barbara Buchholz)

Allerdings müssen wir uns noch ein wenig gedulden: „Sibylla” soll 2021 zum 400. Geburtstag von Sibylla Schwarz erscheinen.