Blog Filip Kolek am 31. Oktober 2020

“Monster haben auch Probleme …” Drew Weing im Halloween-Interview

Fröhlichen Gruuuuuseltag, liebe Verweserinnen und Verweser! Zum heutigen Halloween-Samstag haben wir was ganz Süßes oder Saures für euch auf dem Reproghoul-Blog aus der Unterwelt heraufbeschworen. Der grundsympathische US-Comickünstler Drew Weing, dessen uuuuuunheimliche Kindercomicreihe “Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo” seit diesem Herbst bei uns erscheint, hat uns ein charmantes Interview gegeben, das wir euch an dieser Stelle exhumiert präparieren, ähm, exklusiv präsentieren. Dazu gibt es ein paar nicht minder exklusive Skizzen aus Drews Schubladen. Happy Halloween & viel Spaß mit dem Interview!

Lieber Drew, “Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo” ist dein Einstand auf dem deutschen Comicmarkt, aber in den USA sind schon mehrere Arbeiten von dir erschienen, selbst verlegt oder auch bei Verlagen wie Fantagraphics. Darunter “Pup”, “Set to Sea”, sowie “Flop to the Top”, das du zusammen mit deiner Frau gemacht hast. Welche Rolle spielen Comics in deinem Leben und in dem deiner Familie?

Margo Maloo war ursprünglich eine Figur, die meine Frau (Eleanor Davis) und ich gemeinsam geschaffen haben. Wir haben beide ein bisschen ins Skizzenbuch gedoodelt und heraus kam Margo! Jedes Mal, wenn einer von uns beiden die Figur weiterentwickelt hat, wurde ihre Frisur wilder und wilder. Aber wir wussten zunächst nicht, was wir mit Margo anfangen sollten, bis ich Jahre später mit der Idee für die Comicserie um die Ecke kam. Eleanor und ich haben beide seit unserer Kindheit Comics gelesen, und wir sind beide zur Kunstschule gegangen, um zu lernen, wie man sie zeichnet. An der Kunsthochschule haben wir uns auch kennengelernt. Wir haben also einen sehr comic-afinen Haushalt – Regale voller Comics – und wir beide leben von unseren Illustrationen. Jetzt haben wir ein eigenes Kind. Ich gehe mal davon aus, dass unser Sohn wahrscheinlich mit einer ziemlich seltsamen Vorstellung davon aufwachsen wird, was Erwachsene so beruflich machen.

“Set to Sea” wurde von der American Library Association 2011 als eine der “10 besten Graphic Novels für Teenager” ausgezeichnet und als eine der “10 besten Jugendcomics 2010” von Booklist gelistet. “Margo Maloo” wird als Kindercomicserie vermarktet, aber Erwachsene werden den Humor, die Bilder und die Geschichten sicherlich genauso goutieren wie Kinder. Hast du eine Zielgruppe vor Augen, wenn du dir deine Geschichten ausdenkst? In wie weit spielt das in die Handlung und Figurentwicklung hinein?

Als ich mit “Margo Maloo” anfing, hatte ich tatsächlich eher eine junge Leserschaft im Sinne. Aber die Bücher und Comics, die ich als Kind am meisten geliebt habe, sind Bücher, zu denen ich heute noch greife und in denen ich immer noch Neues entdecken kann: “Harriet the Spy” z.B., “Calvin & Hobbes”, “From the Mixed-Up Files of Mrs. Basil E. Frankweiler” oder die Bücher von Roald Dahl. Es ist immer ein Fehler, die Intelligenz der Kinder zu unterschätzen. Sie sind geborene Detektive. Und selbst, wenn sie mal was nicht verstehen – wie echte Detektive geben sie nicht eher auf, bis sie den Fall gelöst haben …

Du reicherst deine Kinder- und Jugenderzählungen gerne mit “real world issues” an. In “Flop to the Top” erzählen Eleanor und du über den Umgang mit plötzlichem Ruhm. Und in “Margo Maloo” behandelst du zwischen den Zeilen Themen wie Gentrifizierung und Fremdenfeindlichkeit. Wie nimmst du die Welt auf, in der Kinder heutzutage aufwachsen? Achtest du auf ein Gleichgewicht zwischen Realität und Fantasie in deinen Kindergeschichten?

Die Dinge ändern sich heutzutage so schnell, und Bücher brauchen Jahre von der ersten Zeichnungen bis zur Veröffentlichung. Amerika hat sich so stark verändert, seit ich mit der Reihe angefangen habe, dass ich in meinen Geschichten kaum nachkomme, es abzubilden. Aber ich bin der festen Meinung, wenn man für Kinder schreibt, muss man sie darauf vorbereiten, sich der Welt zu stellen, die sie einmal erben werden. Charles’ Stadt ist voller Monster, aber die Figuren haben alle dieselben Probleme, die wir haben – Armut, Gentrifizierung, Rassismus. Die Kinder in meinem Comic müssen mutig sein, und nicht nur, wenn sie einem Monster in einer dunklen Gasse über den Weg laufen.

Werfen wir einen Blick auf die tollen Kinderfiguren, die du für “Margo Maloo” geschaffen hast. Was sie alle eint, ist ihre selbstbewusste, unabhängige Art: Margo, die Monster-Mediatorin, Charles, der angehende Journalist und Kevin, der Rekordjäger. Sind diese Figuren von deinen Kindheitserinnerungen inspiriert?

In allen steckt ein Teil von mir. Aber – da mache ich euch nichts vor – ich war als Kind ein viel zu großer Angsthase, um in solche Situationen zu geraten, in die ich meine Figuren katapultiere. Ich werkelte an ausgefeilten Plänen, um Rekorde zu brechen, dunkle Orte zu erkunden und große Entdeckungen zu machen, aber meistens kam ich nicht über die Planungsphase hinaus. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, kaum Kinder in meinem Alter in der näheren Umgebung. Die viele freie Zeit verbrachte ich damit, Tonnen von Papierblättern mit Zeichnungen, Geschichten und seltsamen Diagrammen zu füllen. Als ich in Charles’ oder Kevins Alter war, schlüpfte ich jeden Tag in neue Identitäten – Archäologe an einem Tag, Zoologe am anderen. Ich wollte diesen Teil der Kindheit einfangen – diese schier endlosen Möglichkeiten.

In “Margo Maloo” sammeln Monster Stofftiere und kaufen mit “Reißzähnen”, der Monster-Währung, in Lebensmittelgeschäften Salzschnecken, Taubenlebern und getrocknete Schaben ein. Es sind all diese kleinen Details, die deine “verborgene” Monsterwelt so faszinierend und “eingelebt” wirken lassen. Wovon lässt du dich beim “Worldbuilding” inspirieren? Und was würdest du kaufen, wenn du fünf “Reißzähne” hättest?

Wenn man klein ist, dann denkt man, dass alles, was die Eltern kochen, “normal” ist, und wenn man dann mal zum Abendessen bei einem Freund ist, steht da auf einmal ein großer, dampfender Topf auf dem Esstisch, mit etwas drin, das man noch nie im Leben gesehen und gerochen hat. Für wählerische, eingefahrene Kinder sind solche Ereignisse fast genauso verstörend wie eine Begegnung mit einem Monster. Ich wollte, dass Charles’ Aufeinandertreffen mit der Monsterwelt dieselben Gefühle hervorruft. Er sollte – wie die Leser – nach und nach verstehen, dass alles eine Frage der Perspektive ist. Für Monster ist es normal, getrocknete Würmer zu essen oder eine große Dose Schleim zu trinken. Genau wie es für amerikanische Kinder normal ist, ein Sandwich aus süßem Bohnenpüree zu essen und dazu ein Glas weißer Flüssigkeit zu trinken, die man aus einem Kuheuter gepresst hat. Aber um ehrlich zu sein, selbst wenn ich fünf Reißzähne hatte, bin ich mir nicht sicher, ob ich den Mumm hätte, Salzschnecken zu probieren.

Das Interview führte Shih-Wei Chou.