Blog Filip Kolek am 27. Juni 2020

Max & Moritz-Preis für Anke Feuchtenberger und fünf nominierte Reprodukt-Comics

Die Absage des Internationalen Comic-Salons Erlangen war ein schwerer Schlag für die deutschsprachige Comicbranche, ein Herzstück des Comic-Salons bleibt uns aber auch im COVID-Jahr erhalten: die Vergabe des Max und Moritz-Preises, der wichtigsten Ehrung für grafische Literatur im deutschsprachigen Raum. Die Preisgale wird dieses Jahr digital stattfinden, am 10. Juli im Rahmen einer Live-Stream-Veranstaltung. Seit gestern sind die Nominierten und auch gleich zwei Preisträgerinnen bekannt.

Wir freuen uns von ganzen Herzen mitzuteilen, dass der Max und Moritz-Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk dieses Jahr an Anke Feuchtenberger geht, die wie keine Zweite seit Jahrzehnten – ob als Künstlerin, Verlegerin oder Professorin und Mentorin – die deutschsprachige Comiclandschaft mitgestaltet und vorantreibt.

Anke Feuchtenberger wurde 1969 in Ostberlin geboren und machte ihren Abschluss an der Kunsthochschule Weißensee. Nach dem Abschluss arbeitete sie als Theatergrafikerin für verschiedene Berliner Ensembles und engagierte sich zusammen mit Detlef Beck, Holger Fickelscherer und Henning Wagenbreth in der Künstler*innengruppe PGH Glühende Zukunft. In den Umbruchszeit der Wende prägte die Gruppe das Berliner Stadtbild mit selbst gestalteten Plakaten und Flugblättern und organisierte Ausstellungen. In dieser Zeit kam Anke Feuchtenberger auch mit der Comickunst in Kontakt, die sie organisch in ihr Werk integrierte. Ihre Comicerzählungen erschienen im Berliner Verlag Jochen Enterprises, später bei Reprodukt, der Edition Moderne und im selbst gegründeten MamiVerlag.

Ihre abstrakten, oft wortlosen Geschichten erzählen von Körperlichkeit und der Auseinandersetzung mit Weiblichkeit und Geschlechterkonstrukten im Allgemeinen. Ihre meist weiblichen Figuren erscheinen oftmals gestaucht und nackt, verhandeln reale Situationen und Erlebtes mit Traumlogik. So hat die Zeichnerin nicht nur mit der ihr eigenen Ästhetik die Bildsprache des Comics radikal erweitert, sondern auch für neue Inhalte erobert. Seit 1997 lehrt Anke Feuchtenberger als Professorin für Illustration und Zeichnen an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) und hat dort unzählige Zeichnerinnen und Zeichner, deren Arbeiten bei Reprodukt, avant-verlag, Carlsen und anderen Verlagen erscheinen, ausgebildet und gefördert. In ihrer Laudatio schreibt Max und Moritz-Jurorin Brigitte Helbling:

“Schaffen und Fördern. Und dabei immer die Herausforderung an sich selbst im Blick behalten, tiefer eintauchen, weitersuchen, das graphische Erzählen nochmal neu und anders denken: Die Essenz einer Laufbahn, 30 Jahre einer Comic-Künstlerin, die jetzt hochverdient den Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk von der Max und Moritz-Jury erhält.”

Von Anke Feuchtenberger sind jüngst bei Reprodukt Wiederveröffentlichungen ihrer früheren Arbeiten “Somnambule” und “Das Haus” erschienen. Für 2021 ist ihre lang erwartete biografische Arbeit “Ein deutsches Tier im deutschen Wald” in Vorbereitung, die 2015 bereits auf der Shortlist des Leibinger-Comicbuchpreises stand.

Eine von Anke Feuchtenbergers ehemaligen Studentinnen an der HAW ist die Hamburger Zeichnerin Kathrin Klingner, deren Debüt “Katze hasst Welt” in Anke Feuchtenbergers und Stefano Riccis MamiVerlag erschienen und später bei Reprodukt in überarbeitetet Ausgabe nachgedruckt worden ist. Kathrin Klingners neues Buch “Über Spanien lacht die Sonne” ist dieses Frühjahr erschienen und wurde nun für den Max und Moritz-Preis nominiert. Glückwunsch also auch an Kathrin! (Daumen gedrückt für den 10. Juli!)

Neben “Über Spanien lacht die Sonne” sind noch folgende Reprodukt-Titel für den Max und Moritz-Preis nominiert: “Cassandra Darke” von Posy Simmonds, “Hexen hexen” von Pénélope Bagieu, “Ariol: Wo ist Petula? von Marc Boutavant und Emmanuel Guibert und “Tante NonNon” von Shigeru Mizuki.

Wir gratulieren allen nominierten Autor*innen! Danke an Andrea Heinze, Christian Gasser, Brigitte Helbling, Katinka Kornacker, Andreas C. Knigge, Isabel Kreitz, Christine Vogt und Bodo Birk von der Max und Moritz-Jury und dem Team des Comic-Salons dafür, dass sie diese Preisverleihung trotz aller Umstände möglich gemacht haben.

Unter diesem Link könnt ihr euch alle Infos zu den Preisträgerinnen und allen nominierten Comics runterladen.