Blog Filip Kolek am 17. November 2015

#JoannSfar

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Wenige Stunden nach den Terroranschlägen vom 13. November 2015 in Paris verbreitete sich im Internet eine Zeichnung des französischen Comiczeichners Joann Sfar. Das Bild zeigt einen Mann, sein rundes Gesicht fokussiert den Betrachter. Ein schwarzer Strich über seinem rechten Auge markiert die heruntergezogene Braue – kaum mehr als ein wackliger Strich und doch verändert sie die Miene des Mannes völlig. Über ihm eine Sprechblase mit den Worten: “Freunde aus aller Welt, vielen Dank für #prayforParis (betet für Paris), aber wir brauchen nicht noch mehr Religion. Wir glauben an die Musik! An Küsse! Leben! An den Champagner und die Freude! #Parisisaboutlife (Paris ist Leben).”

Kurze Zeit später stand Joann Sfar im Fokus der medialen Öffentlichkeit. Die Zeichnung, zusammen mit dem Hashtag #JoannSfar schoss auf Twitter an die Spitze und teilte sich die oberen Plätze mit #Terror, #Isis und #MTVStars.

Joann Sfars Forderung, die Gebete lieber sein zu lassen und stattdessen im Hier-und-Jetzt das Leben zu feiern, sprach vielen Menschen aus der Seele. Eine Forderung gegen die automatisierte Regelmäßigkeit, mit der gewisse Floskeln und phrasenhafte Trauerreden aus den Schubladen geholt werden. Gegen Gebete, die das Gewissen bereinigen, gegen die Abgabe der Verantwortung an eine höhere Macht.

Stattdessen die Bitte, das Leben zu genießen. An reale Dinge zu glauben, solange man noch hier ist.

Vielleicht ist es auch gerade die skizzenhafte Natur der Zeichnung, die so viele Menschen ansprach und eine so große Resonanz in sozialen Netzwerken hervorrief. Sfar geht es nicht darum, die Virtuosität seines Striches vorzuführen oder die Gewandtheit seiner Sprache. Vielmehr wohnt der Linienführung eine ehrliche Aufregung und beinahe hektische Dringlichkeit inne. Er schreibt kein Essay, er malt kein “Guernica”, stattdessen schnappt er sich einen Stift und ein raues Stück Papier und tut, was er schon immer getan hat – er zeichnet einen Comic.

Dem ein oder anderen mag die umkreiste “8” aufgefallen sein, die sich zwischen Sprechblase und Sprecher befindet. Die Zahl lässt auf weitere Bilder schließen. Tatsächlich ist die Zeichnung mit der Nummer 8, die so viele tausend Male ge-retweetet, ge-liked, ge-postet und vor allem ge-sehen wurde, Teil einer ganzen Reihe von Skizzen, die Joann Sfar nach den Terroranschlägen auf seinem Instagram Account veröffentlicht hat. Bild 8 erhielt die größte mediale Aufmerksamkeit, was wohl vor allem daran liegt, dass alle anderen Zeichnungen mit französischen Texten versehen wurden.

Insgesamt hat er jedoch 13 Zeichnungen angefertigt.

Auch diese Skizzen Sfars beinhalten eben jene Lobpreisung des Lebens und all seiner wundervollen Trivialitäten, die schon Nummer 8 zu einem Hoffnungsschimmer inmitten all der Trauer gemacht hatten. Zusammengenommen ergeben die 13 Zeichnungen ein eindrucksvolles Bild der Hoffnung und des Widerstandes, skizziert von einem der bedeutendsten Akteure der französischen Comicszene.

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“Frankreich ist ein altes Land, in dem sich Liebende frei küssen.”

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“Paris ist unsere Hauptstadt. Wir lieben die Musik, den Rausch und die Freude!”

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“Die Freunde des Todes versuchen seit Jahrhunderten, uns den Geschmack des Lebens vergessen zu lassen.”

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“Sie haben es noch nie geschafft.”

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“Diejenigen, die lieben. Diejenigen, die das Leben lieben. Am Ende werden sie immer diejenigen sein, die belohnt werden.”

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“Es ist schön, das Motto von Paris.”

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“Fluctuat nec mergitur (Sie schwankt, geht aber nicht unter)”

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“Freunde aus aller Welt, vielen Dank für #prayforParis (betet für Paris), aber wir brauchen nicht noch mehr Religion. Wir glauben an die Musik! An Küsse! Leben! An den Champagner und die Freude! #Parisisaboutlife (Paris ist Leben).”

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“Terrorismus ist nicht der Feind. Terrorismus ist nur die Ausführung. Die Phrase ‘Wir sind im Krieg’ zu wiederholen, ohne dabei den Mut zu haben, den Feind beim Namen zu nennen, führt nirgendwo hin. Unsere Feinde sind die, die den Krieg lieben. In verschiedenen Gestalten haben sie immer existiert. Die Geschichte vergisst schnell. Und Paris bleibt stark und sagt ihnen: MERDE.”

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“Die Menschen, die heute gestorben sind, haben da draußen gelebt, getrunken, gesungen. Sie wussten nicht, dass ihnen der Krieg erklärt wurde.”

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“Anstatt uns aufzuspalten, sollten wir uns daran erinnern, was wirklich wertvoll ist: Unsere Art zu Leben.”

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“Freunde des Todes, falls Gott existiert, hasst er euch. Und ihr habt bereits verloren, auf Erden und im Himmel.”

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“Das hier bedeutet: Scheiß auf den Tod – Fluctuat Nec Mergitur”

Neben der Arbeit als Karikaturist veröffentlichte Joann Sfar einige der wichtigsten und erfolgreichsten französischen Comics der letzten Jahre. Daneben ist er auch als Schriftsteller und Filmemacher tätig. “Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte” etwa war auch hierzulande in den Kinos zu sehen.

Joann Sfar, 1971 in Nizza geboren und dort Student der Philosophie, ist jüdischer Herkunft und verarbeitete das Judentum im Maghreb in seinem Comic “Die Katze des Rabbiners” (avant-verlag). Darin erzählt Sfar die Geschichte einer sprechenden Katze, die eine Bar-Mizwa haben und zum Juden werden möchte. “Die Katze des Rabbiners“ verkaufte sich in Frankreich über 450.000 Mal. Sfar bezeichnet sich selbst nicht als gläubig, er sieht das Judentum eher als Kultur und nicht als Religion. Gemeinsam mit Lewis Trondheim hat er die überaus ambitionierte Fantasy-Comicreihe “Donjon” konzipiert, die in vielen Ländern Kultstatus erreichte.

Nach der Verbreitung seiner #ParisisaboutLife-Skizze war in den sozialen Netzwerken oft die Rede von “dem ‘Charlie Hebdo’-Karikaturisten Joann Sfar”. Zu Zeiten des anhaltenden Terrors in Paris ist es verständlich, dass Sfars Zusammenarbeit mit “Charlie Hebdo”, nur zehn Monate nach den Anschlägen auf die Redaktion, besonders hervorgehoben wird. Tatsächlich hatte Joann Sfar von 2004 bis September 2005 eine wöchentliche Seite in dem Satire-Magazin. Er war eng befreundet mit vielen der Künstler und Journalisten von “Charlie Hebdo”, die am 7. Januar 2015 getötet wurden.