Blog Marika Tauche am 26. Dezember 2015

“Jede Generation hat ihre eigenen Konflikte auszutragen” – Paco Roca im Interview

foto_2-1Paco Roca ist mit “Die Heimatlosen” einer der meist gefeierten spanischen Comics der letzten Jahre gelungen – zuvor machte er bereits mit den Comics “Der Winter des Zeichners” und “Kopf in den Wolken” über die Grenzen Spaniens hinaus auf sich aufmerksam.

Im Interview, das Christof Ruoss mit Paco Roca geführt hat, spricht er über seine historische Erzählung, die den Kampf einer legendären spanischen Panzereinheit schildert. “Die Heimatlosen”, im Original “Los surcos del azar”, wurde in Spanien mit zahlreichen wichtigen Comicpreisen ausgezeichnet.

Paco, im Mai 2015 ist dein aktuelles Buch “Die Heimatlosen” auf Deutsch bei Reprodukt erschienen. Ist es für dich von besonderer Bedeutung, dass dieses Werk nun auch in der Sprache der Gegner deiner Protagonisten gelesen werden kann?

Das Deutschland der Nazizeit an und für sich ist ja nicht der eigentliche Feind der Heimatlosen. Sie kämpfen schlicht gegen den Faschismus, die totalitäre Ideologie war der Feind und diese griff damals eben nicht nur in Deutschland oder Italien, sondern auch in Spanien, Frankreich und zeitweise sogar in Großbritannien und den USA immer stärker um sich. Natürlich herrschte aber unter den spanischen Antifaschisten ein starkes Ressentiment gegenüber Deutschland vor, welches General Franco während des spanischen Bürgerkriegs aktiv unterstützt hatte und dessen Kriegseingriffe wesentlich mitentscheidend für die schlussendliche Niederlage der republikanischen Kräfte war.

9783956400339Kannst Du uns in wenigen Sätzen den thematischen Kern Deines Buches umreißen?

“Die Heimatlosen” verfolgt beispielhaft einen der zahlreichen Wege, die einzuschlagen sich viele spanische Exilanten nach ihrer Niederlage im Bürgerkrieg gezwungen sahen. Die meisten dieser Schicksale wurden zu einem labyrinthischen Leidensweg auf welchem denen, die viele Jahre aufopfernd gegen den Faschismus gekämpft hatten, allerorten Unverständnis, Misstrauen und Ablehnung entgegenschlug. In gewisser Weise wurde der Spanische Bürgerkrieg zu einer Art Prolog des Zweiten Weltkriegs (in dessen Geschehen dann auch zahlreiche dieser Schicksalswege der spanischen Exilanten mündeten). Wie allgemein bekannt, flohen die meisten republikanischen Exilanten nach der Niederlage über die Nordgrenze nach Frankreich. Eine kleinere Zahl jedoch rettete sich über die Meerenge nach Nordafrika. Auch dort wurden sie nicht wirklich mit offenen Armen empfangen, sondern erlitten ein Schicksal, welches eher an das von Kriegsgefangenen erinnert. Unter unmenschlichsten Bedingungen schickte man sie in Arbeitslager. Sie wurden buchstäblich “in die Wüste geschickt”. Als diese Lager schließlich durch die alliierten Kräfte befreit wurden, schlossen die meisten der spanischen Antifaschisten sich dem alliierten Kampf gegen Rommels Wüstenoffensive in Tunis an. Als diese Schlacht siegreich geschlagen war, folgten viele von ihnen der Armee des freien Frankreichs, wurden in der Neunten Panzerdivision zusammengefasst und marschierten schließlich – in der Nacht des 24. Augusts 1944 – als erste in das bis dahin besetzte Paris ein. So wurden aus jenen “verlausten Spaniern”, die noch wenige Jahre zuvor im nordafrikanischen Niemandsland auf dem Abstellgleis der Geschichte gelandet waren, unverhofft und über Nacht umjubelte Freiheitshelden, denen begeisterte Französinnen beim Triumphzug auf den Champs d’Elysees Küsse zuwarfen.

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Du hattest ursprünglich etwas anderes für die “Heimatlosen” im Sinn – eine Abenteuergeschichte im Stile von “Inglourious Basterds”. Warum hast du von dem Ansatz Abstand genommen und dich für eine historisch akkurate Erzählung entschieden?

Ich denke, der Wandel kam durch den Kontakt zu mehreren Historikern, welche die Epoche intensiv studiert hatten. Sie eröffneten mir die Möglichkeit, etwas Authentischeres, Wahrhaftigeres als die typisch verklärende Heldenerzählung zu entwickeln. Sie gaben mir Zugriff auf umfangreiche Dokumentation, welche es mir möglich machte, zahlreiche Aspekte und Details meiner geplanten Geschichte den tatsächlichen Gegebenheiten anzupassen und in einen korrekteren Kontext zu rücken. So änderte sich Schritt für Schritt der Ton meiner Geschichte, ich entfernte mich immer mehr vom klassischen Abenteuer und landete schließlich nahe der journalistischen Dokumentation. Im Zuge meiner Gespräche mit den Wissenschaftlern – besonders Robert Coale war mir hier eine unerlässliche Hilfe – ergaben sich immer mehr Widersprüche zwischen meinen ursprünglich oft sehr romanhaften Passagen und dem, was historisch tatsächlich zu belegen war. Schlussendlich entschied ich dann, mich stets so weit wie nur irgend möglich an die historischen Wahrheiten zu halten.

Zu welchem Zeitpunkt der Projektentwicklung kamst du auf den Gedanken, das Buch über zwei zeitlich unterschiedlich positionierte Erzählstränge anzulegen, die sich anfangs lediglich ergänzen, im Verlauf der Erzählung dann aber immer organischer zusammenwachsen und gegenseitig vorantreiben?

Diese Idee hatte ich tatsächlich gleich zu Anfang. Mir war klar, dass die Geschichte aus einer Gegenwartsperspektive erzählt werden musste, um somit etliche Aspekte, Informationen und Blickwinkel mit berücksichtigen zu können, welcher sich ein Kämpfer, der damals im Zentrum des Geschehens stand, logischerweise selbst unmöglich bewusst sein konnte. Die Soldaten hatten meist eine nur sehr ausschnitthafte Vorstellung des Konflikts. Ich wollte jedoch die Geschehnisse so umfassend als möglich aus dem gesamthistorischen Kontext verständlich darstellen… und das konnte ich nur aus einer heutigen Position heraus angehen. Außerdem schien es mir auch interessant, die Gesprächssituation mit einem ehemaligen Kämpfer wiedergeben zu können, die anfängliche Verschlossenheit, die Schwierigkeit, sich selbst immer wieder mit dem Geschehenen konfrontieren zu müssen, die Anonymität und Entfremdung, welche die meisten von ihnen in ihrem späteren Leben gegenüber ihren Familien und sozialen Umfeld empfanden. Und zu guter Letzt auch die eigene Bewertung der folgenschweren Entscheidungen und Taten ihrer Jugendzeit aus der zeitlichen Distanz. All dies wurde nur durch das Erzählen über die beiden Zeitebenen möglich.

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Angenommen, du hättest wirklich einen der damaligen Kämpfer – wie den fiktiven Miguel Ruiz deiner Erzählung – als Interviewpartner gehabt, meinst du, diese Technik hätte dann ebenso gut als Rückgrat der Geschichte funktionieren können?

Es wäre schlicht unmöglich gewesen, einen ehemaligen Angehörigen der “Neunten” zu finden, der tatsächlich in all den historischen Momenten, welche ich in meiner Erzählung beleuchten wollte, zugegen gewesen wäre. Andererseits bin ich aber auch sicher, dass mich ein solches reales Interview gewiss auch extrem gehemmt und im kreativen Sinn eingeschränkt hätte. Vor allem die erzählerische (und für die Charakterisierung der fiktiven Person dieser Hauptfigur enorm wichtige) Darstellung der Gespräche in der Gegenwart hätte ich so nicht umsetzen können. Trotzdem habe ich mich bei all dem, was Miguel in diesem fiktiven Interview über die historischen Ereignisse berichtet, hundertprozentig an die belegten Tatsachen gehalten. Er erzählt nichts, was nicht tatsächlich so geschehen ist.

9783943143713Beim Lesen von “Die Heimatlosen” hatte ich immer wieder den Eindruck, in diesem anfangs verschlossenen, sich dann aber langsam öffnenden Gesprächspartner Miguel einen Verwandten der Alten aus deinem vielfach preisgekrönten Buch “Kopf in den Wolken” zu erkennen. Glaubst du, dass dir die intensive Beschäftigung mit älteren Menschen während der Vorbereitung zu “Kopf in den Wolken” hier bei der Charakterisierung bei deiner Hauptfigur zu Gute kam? 

Sicher war die Erfahrung während der Recherche zu “Kopf in den Wolken” hier eher unbewusst eine große Hilfe. Ebenso stützte ich mich aber auch auf die Lektüre zahlreicher Interviews mit ehemaligen Kämpfern. Vor allen Dingen aber orientierte ich mich bei der Figur des Miguel in hohem Maße an meinem eigenen Vater, der zu diesem Zeitpunkt bereits sehr krank war und ebenfalls nur an Krücken gehen konnte. Viele der ganz persönlichen Facetten des Miguel entspringen in Wirklichkeit dem Charakter meines Vaters.

Die Themenwahl deiner Werke über die letzten Jahre scheint uns eine Entwicklung des Künstlers und Autors Paco Roca miterleben zu lassen: Vom eher intimistischen Erzähler hin zu einer immer bewusster politisch Position beziehenden Stimme eines gesellschaftlichen Miteinanders…

Diese Entwicklung ist nicht zu leugnen, klar! Ich denke sie folgt schlicht meinem ganz persönlichen Reifungsprozess als langsam älter werdender Mensch. Als Autor fließen die Themen, die einen persönlich umtreiben, ganz unwillkürlich in die eigene Arbeit mit ein. Es ist aber sicher auch Ausdruck und Zeichen einer Weiterentwicklung des Mediums und seiner Märkte. Vor einigen Jahren noch hätte sich vermutlich nur schwer irgendwo ein Verleger für diese Art von Geschichten finden lassen. Zu “Die Heimatlosen” hätte man mir damals gewiss geraten: “Gib mehr Kampfaktion dazu und nimm den Politik-Ballast raus.” Doch die Leserschaft hat sich gewandelt und die Mehrheit des Publikums sucht in einem Comic heute nicht mehr in erster Linie nur sinnfreie Unterhaltung zum reinen Zeitvertreib.

Und zu guter Letzt: Gibt es etwas, was du den deutschen Lesern mit auf den Weg geben möchtest, die dank dir zum ersten Mal von der historischen Bedeutung der Neunten erfahren?

Die Geschichte der Neunten ist die Geschichte, derer die sich aktiv gegen eine totalitäre Idee stellten. Die Geschichtsbücher neigen dazu, die Ereignisse zu vereinfachen: Sowohl Spanien als auch Deutschland und Italien waren damals faschistisch… doch obschon die Regierungen dieser Staaten für das totalitäre System standen, so gab es doch zahlreiche Nonkonformisten, die sich gegen die Situation auflehnten und nach Kräften versuchten, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Unsere heutigen Demokratien wären ohne den unermüdlichen Kampf dieser Menschen kaum denkbar. Während der Arbeit an “Die Heimatlosen” fragte ich mich oft, ob ich selbst die Kraft und den Mut aufbringen könnte, für die Idee der Freiheit bis zum Äußersten zu gehen. Doch jede Epoche und jede Generation hat ihre eigenen Konflikte auszutragen und vielleicht besteht unsere Aufgabe im Hier und Jetzt ja darin, in unserem Umfeld Europa eine reifere und gerechtere Gesellschaft zu schaffen, welche bereit ist, Solidarität vor reine Wirtschaftsinteressen zu stellen.

Das Interview hat Christof Ruoss für das Magazin “ALFONZ” geführt. Die vollständige Fassung des Interviews können Sie in der Ausgabe 3/15 nachlesen. Wir danken der Redaktion, dass wir das Gespräch verwenden durften.