Blog Lukas Jantzen am 19. Januar 2022

Interview mit Peer Meter: »Effigie – Das Gift und die Stadt«. Der Fall Gesche Gottfried kommt ins Kino

Lieber Peer, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, mit uns zu sprechen. Am 20. Januar erscheint der Spielfilm »Effigie – das Gift und die Stadt« im Kino, für den du das Drehbuch geschrieben hast. Darin geht es um die Serienmörderin Gesche Gottfried, die in Bremen Anfang des 19. Jahrhunderts 15 Menschen tötete, indem sie ihre Opfer mit Arsen vergiftete. Seit vielen Jahren beschäftigst du dich in unterschiedlichen Arbeiten mit dem Fall – 2010 ist in Zusammenarbeit mit Barbara Yelin die Graphic Novel »Gift« bei Reprodukt erschienen. Wie bist du auf den Fall der Gesche Gottfried aufmerksam geworden?

In meiner Heimatstadt Bremen ist das Thema Gesche Gottfried ja immer präsent. Genau wie Fritz Haarmann in Hannover. Wir wachsen sozusagen damit auf.
1988 gelangten die während des Zweiten Weltkriegs zusammen mit zahlreichen anderen Bremer Archivalien ausgelagerten Gesche-Gottfried-Akten überraschend zurück nach Bremen. Da sich kein Historiker dafür interessierte, habe ich begonnen, jene Akten auszuwerten; übrigens eine Arbeit, die sich über einen Zeitraum von vielen Jahren erstreckte. Die beiden Bände haben immerhin einen Umfang von beinahe zweitausend Seiten.

Der Fall Gesche Gottfried ist vor allem auch ein rechtshistorisches Phänomen: Vor Gericht berief sich die Verteidigung auf die Schuldunfähigkeit der Frau, weil sie psychisch krank gewesen sei – scheiterte jedoch mit dieser Strategie. Schließlich wurde sie öffentlich hingerichtet. Was findest du an der Geschichte so faszinierend, dass du den Fall seit vielen Jahren in unterschiedlicher Form beleuchtest?

Die Frage nach dem seltsamen Handeln von Gesche Gottfrieds Verteidiger Friedrich Leopold Voget ist in wenigen Sätzen nicht zu beantworten. Er hatte damals zwei Bücher über den Fall publiziert, worin er eine streckenweise erlogene Sicht auf die Ereignisse und auf Gesche Gottfried gibt. Ich habe unter anderem nachgewiesen, dass er die Gerichtsakten teilweise grob verfälscht wiedergegeben und sogar eigenes hinzugedichtet hat. Meine Auswertung der Prozessakten brachte eine Fülle von neuen Aspekten ans Licht. Insbesondere den Versuch des Bremer Bürgertums, eine Mitverantwortung an den furchtbaren Taten zu verschleiern. Die Giftmordserie hätte aufgrund zahlreicher Hinweise aus dem Umfeld Gesche Gottfried bereits Jahre vor ihrer Verhaftung aufgedeckt werden müssen. Viele der Morde, vor allem aber sämtliche Giftgaben in nicht tödlicher Dosis, hätten verhindert werden können, wäre den Warnungen vor Gesche Gottfried und vor ihrem Unglückshaus, in dem die Menschen an den immer gleichen schweren Vergiftungssymptomen sterben, Beachtung geschenkt worden.
Dies zu korrigieren, die Sichtweise auf diese Frau in ein gerechteres Licht zu setzen, aber auch die verlogene Rolle des Bremer Bürgertums zu entlarven, war die eigentliche Antriebsfeder, mich mit der Auswertung der so lange verschollen geglaubten Prozessakten über so viele Jahre zu beschäftigen.

Wir sollten allerdings niemals außer Acht lassen, dass wir mit Gesche Gottfried eine gefährliche Serienmörderin vor uns haben, die in rücksichtsloser Härte gegen ihre Mitwelt vorgegangen ist.

Kannst du uns etwas über deinen Rechercheprozess zu dem Fall erzählen?

Ich wohnte damals in der Nähe des Bremer Staatsarchivs und habe mich dort jeden Vormittag für zwei Stunden mit den Akten beschäftigt. Man darf sich das nun nicht so vorstellen, dass alles wohlgeordnet vor einem liegt. Vielmehr liegt es wie Kraut und Rüben durcheinander; eben so, wie es Tag für Tag dem Gericht zugegangen war. Zudem ist alles in alter Handschrift geschrieben, die ich mühsam entziffern musste. Eine Sisyphusarbeit. Aber spannend, sehr spannend, weil beinahe jeden Tag neues ans Licht kam.

Wie ist es nun zu dem Film gekommen? Gab es die Idee, aus dem Stoff ein Drehbuch zu schreiben, schon länger?

Ja. Als unsere Graphic Novel »Gift« erschienen war, hatte ein Regisseur eine einjährige Option auf eine Verfilmung erworben. Aus dem Projekt wurde allerdings nichts. Später bestand von anderer Seite Interesse an einer deutsch-französischen Co-Produktion. Allerdings ist auch dieses Projekt nie realisiert worden.
Die Vermittlung zu Udo Flohr, dem Regisseur von »Effigie«, geschah durch meinen Agenten Henning Ahlers, der sehr gut in der Filmbranche vernetzt ist.

Wie war die Zusammenarbeit mit Udo Flohr? Ihr habt auch zusammen am Drehbuch gearbeitet, oder? Erzähl uns etwas über den Schreibprozess: Ging das schnell, weil du schon länger an dem Stoff gearbeitet hattest?

Schnell ging es nicht. Udo hatte zuerst die Idee, aus meinem Theaterstück »Die Verhöre der Gesche Gottfried« ein filmisches Kammerspiel zu machen. Aus dieser Idee haben wir im Laufe der Zeit gemeinsam den Plot für »Effigie« entwickelt. Auf dieser Grundlage habe ich dann das Drehbuch geschrieben.
Da die Dreharbeiten vorgezogen wurden und mir bei einem anderen Projekt der Abgabetermin im Nacken saß, hatten wir eine Co-Autorin mit ins Boot geholt, die mir einen Handlungsstrang abnehmen sollte. Letztendlich habe ich ihre Szenen aber doch selbst geschrieben.

Warst du bei den Dreharbeiten selbst vor Ort? Falls ja – hast du vielleicht eine Anekdote vom Filmset für uns?

Ich bin der Meinung, dass ein Autor an einem Filmset nicht zu suchen hat. Diese Sichtweise mag sehr hart klingen und womöglich Kollegen empören. Aber ich meine, sobald das Drehbuch abgeliefert ist, ist die Arbeit des Autors an dem Film beendet und andere übernehmen. Es ist übrigens an einem Filmset auch todlangweilig. Die Leute haben da völlig falsche Vorstellungen.
Es ist während der Dreharbeiten zweimal passiert, dass Udo mich am Abend anrief, weil er für den nächsten Tag eine zusätzlich Szene benötigte. Dies war zum Beispiel bei der Eröffnungsszene auf der Brücke der Fall. Er hatte sie am nächsten Morgen pünktlich vor Drehbeginn vorliegen.

In beiden Fällen – Graphic Novel und Film – wird die Geschichte der Gesche Gottfried aus der Perspektive einer Frau erzählt, die neu in die Stadt kommt. In der Graphic Novel ist es eine junge Schriftstellerin, die nach Bremen reist, um eine Reisebeschreibung zu verfassen. Im Film ist es eine junge Gerichtsprotokollantin. Was war dir wichtig daran, dass die Geschichte von einer Erzählerin vorgetragen wird?

Ich wollte unbedingt aus der Perspektive einer Frau erzählen, weil ich nur so eine unmittelbare Nähe zu der Situation der Frauen in jener Zeit bekomme.

Im Film wie in der Graphic Novel setzt du dich auch mit dem Verhältnis zwischen der Gesellschaft und ihren weiblichen Mitgliedern auseinander. In der Graphic Novel heißt es, »dass eine Frau zu geistiger Arbeit nicht bestimmt« sei und im Film erkundigt sich ironischerweise Gesche Gottfried bei der eintreffenden Gerichtsprotokollantin Cato Böhmer, warum das Gericht denn eine Frau schicke. Du zeichnest in beiden Arbeiten auch ein ambivalentes Bild von Schuld und Verantwortung einer Täterin, die in einer Welt lebte, die Frauen dem Mann unterordnete. Warum ist dir dieser Aspekt an dem Fall so wichtig?

»…die Frauen dem Mann unterordnete« verharmlost die aus heutiger Sicht doch schockierende Situation der Frauen in der damaligen Zeit ganz erheblich. Einer Frau blieb es damals versagt, ein eigenständiges Leben zu führen. Sie wurde vielmehr in eine vorgeformte Lebensbahn gezwängt, aus der sie sich nicht befreien konnte.
Gesche Gottfried zum Beispiel blieb ja, obgleich hochintelligent, jede höhere Schulbildung versagt. Darum wundert sie sich in unserem Film, dass es einer Frau durchaus möglich ist, zu studieren.

Für mich trifft die Interpretation Fassbinders in seinem Theaterstück »Bremer Freiheit« exakt den Punkt. Ich sehe ebenfalls in Gesches Handeln so etwas wie ein Aufschrei, was historisch gesehen natürlich nicht zu halten ist. Aber wir haben ja keine Doku über den Fall der Gesche Gottfried gemacht, sondern einen Spielfilm, der freie Interpretationen nicht nur zulässt, sondern nachgerade fordert.

Die Graphic Novel »Gift« ist Teil einer Trilogie. Neben der mit Barbara Yelin bei uns, sind zwei weitere Graphic Novels bei Carlsen erschienen: »Haarmann« mit Isabel Kreitz und “Vasmers Bruder” mit David von Bassewitz. Hast du auch zu den anderen beiden schon Drehbücher in Planung?

Ja. Und für »Haarmann« habe ich die Drehbücher sogar bereits fertiggeschrieben. Sie sind als Miniserie von fünf Folgen zu sechzig Minuten angelegt. Durch Corona liegt dieses Projekt allerdings derzeit auf Eis.
Es sind zudem noch einige Comicszenarios vorhanden, die ich Anfang der zehner Jahre geschrieben habe. Diese Arbeiten sollen sukzessive zu Filmdrehbücher umgearbeitet werden. Da ich es selbst allerdings zeitlich nicht schaffe – ich arbeite derzeit an einer Romantrilogie, die mich voll einnimmt – bin ich für jene Drehbücher auf der Suche nach einem Co-Autor bzw. einer Co-Autorin.

Lieber Peer, vielen Dank für das Gespräch.