Blog Hannes Martin am 14. Februar 2021

Interview mit Max Baitinger (“Sibylla”) zum 400. Geburtstag von Sibylla Schwarz

Am heutigen Sonntag, dem 14. Februar 2021, jährt sich zum 400. Mal der Geburtstag von Sibylla Schwarz. Geboren 1621 in Greifswald, mitten in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges, begann sie schon als Kind damit, Gedichte zu verfassen, die für ihr Alter außergewöhnlich tiefgründig und ausgeklügelt waren. Leider starb sie bereits im Alter von 17 Jahren an der Ruhr. Im 17. Jahrhundert als wohl bedeutendste Barockdichterin betrachtet, geriet Sibylla später weitestgehend in Vergessenheit.

Max Baitinger, Autor und Zeichner von BIRGIT (Reprodukt), HEIMDALL und RÖHNER (beide Rotopolpress), arbeitet zurzeit an einer Graphic Novel über Sibylla Schwarz. Darin verbindet er das Leben und Werk des Wunderkindes mit seiner ganz eigenen Betrachtung ihrer Person. Im vorigen Jahr wurde Max Baitinger für SIBYLLA bereits mit dem Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung ausgezeichnet. In der Begründung der Jury hieß es: “Gewitzt und gekonnt beginnt er ein Erzählgerüst aus verschiedenen Ebenen zu konstruieren, das von bemerkenswerter grafischer Stärke zeugt.”

Anlässlich des 400. Geburtstages von Sibylla Schwarz habe ich mit Max Baitinger über sein aktuelles Projekt und die Person Sibylla gesprochen.

Vielen Dank, Max, dass du dir die Zeit nimmst, mit uns über dein aktuelles Projekt SIBYLLA zu reden. Dein nächstes Buch dreht sich um das Leben von Sibylla Schwarz, einer deutschen Barockdichterin, die früh gestorben und heute eher unbekannt ist. Wie bist du auf Sibylla Schwarz aufmerksam geworden? Warum hast du gerade sie zum Zentrum deines neuen Projektes gemacht? Was fasziniert dich so an ihr?

Bertram Reinecke, der Sibyllas Gesamtwerk neu auflegt, hatte mir vorgeschlagen, eine Graphic Novel über sie zu machen und ich habe ihm keine Hoffnungen gemacht. Barocke Lyrik war (und ist) mir fremd und angesichts der zeitintensiven Arbeit suche ich mir meine Themen lieber selber. Aber ihre Lebensumstände haben mich schon fasziniert. Sie wurde nur siebzehn Jahre, hat diese ausschließlich im dreißigjährigen Krieg verbracht und ein umfangreiches Werk hinterlassen. Allem voran musste ich auch über die Ironie der Geschichte lachen: sie soll “das erste kompromisslos feministische Gedicht” überhaupt verfasst haben, wurde die “pommersche Sappho” genannt und nur von Männern verlegt und erforscht (fast). Und da sitze ausgerechnet ich mit ein paar anderen Kerlen am Tisch beim Bier und plane eine Graphic Novel. Das war der Auslöser. Es geht also um Sibylla und was aus ihr gemacht werden soll.

Wie verlief deine Recherche zu Sibylla?

Bertram hat mich an den Sibylla Schwarz e.V. in Greifswald verwiesen, wo ich Walter Baumgartner, Monika Schneikart und Michael Gratz kennengelernt habe, die zu Sibylla forschen. Mich hat vor allem interessiert, welche Perspektive die drei auf Sibylla haben. Von ihnen habe ich auch die reproduzierte Originalausgabe der Gedichte erhalten, sowie Aufsätze über Sibyllas Werk. Aber ich bin damit nicht systematisch vorgegangen sondern habe eher einzelne Aspekte aus Werk und Gesprächen herausgegriffen, die ich zu Schwerpunkten meines Buches gemacht habe.

Welcher Eindruck von Sibyllas Person entstand bei dir während deiner Recherche?

Für mich war Sibylla vor allem zur falschen Zeit am falschen Ort. Mir scheint, sie war hochbegabt. Verfasste schon mit vierzehn-fünfzehn Jahren die überlieferten Sonette während sie in einem Umfeld lebte, dass nicht viel für ihre Begabungen übrig hatte. Mir gefällt, mit welcher Liebe sie Beziehungen zu ihren Mitmenschen pflegte, indem sie jene in ihre Kunst mit einbezog.

Über Sibyllas Leben ist relativ wenig bekannt und einige Angaben widersprechen sich auch. Wie bist du mit diesen Lücken in ihrem Lebenslauf bei deiner Arbeit zurechtgekommen?

Die Lücken haben mir die Arbeit erst ermöglicht. Gäbe es eine ausführliche Biografie über Sibylla Schwarz, stünde mein Buch unter dem Anspruch, “authentisch” zu sein. So ein Buch würde ich nicht machen wollen.

Sibylla hat sich seinerzeit als Dichterin aktiv gegen eine von Männern beherrschte Domäne widersetzt. Denkst du, dass sie und ihre Gedichte heutzutage wieder stärker in den Fokus gerückt werden sollten? Wie groß ist Sibyllas Einfluss auf die Nachwelt?

Ich möchte vor allem diesen nötigen Widerstand in den Fokus rücken. Und die Kritik an Männerdomänen ist ja heute noch angemessen. Ich wollte ihr auch außerhalb Barock-Lyrik-interessierter Kreise mehr Aufmerksamkeit ermöglichen. Das hat sie verdient. Mir scheint, sie hat ihr kurzes Leben lang nur Gegenwind gehabt und trotzdem einen Umgang damit gefunden.

Du vermischt in dem Buch die Dokumentation deines Arbeitsprozesses mit Episoden aus Sibyllas Leben. Wieso hast du diese Erzählweise gewählt?

Die Textebene des Buchs gibt meine und andere gegenwärtigen Stimmen wieder. Die Bildebene folgt Sibylla. Ich wollte ihr die Möglichkeit geben, sich als Figur zu entfalten und parallel dazu Gedanken zu dem Buch selber zu äußern um unsere Perspektive auf Sibylla zu hinterfragen. Das Zusammenspiel dieser Ebenen hat den Reiz für mich ausgemacht. Mal scheinen es ihre eigenen Gedanken zu sein, mal widersprechen sie ihrem Handeln. Für mich gehört das zu dieser Arbeit dazu: Es ist Sibylla. Und sie ist es nicht.

Vielen Dank für das Gespräch, Max!

“Sibylla” von Max Baitinger erscheint im Herbst 2021 bei Reprodukt.

Mehr von Max Baitingers Arbeit könnt ihr auf www.maxbaitinger.com und auf seinem Instagram-Account @maxbaitinger sehen.