Blog Filip Kolek am 28. Juli 2021

“Ich zweifle nicht an M. Night Shyamalans Aufrichtigkeit” – Pierre Oscar Lévy (“Sandburg”) im Interview

Morgen läuft “Old” (Link zum Trailer), der neue neue Film des einstiges Hollywood-Wunderkinds M. Night Shyamalan an, der 1999 mit seinem Debütfilm “The Sixth Sense” einen wahren Popkultur-Meilenstein geschaffen hat. Es folgten “Unbreakable” und “Signs” – beides veritable Hits. In den Nuller hatte sich der Hype um Shyamalan und seine “Twists” am Filmende allerdings ein wenig abgenutzt und seine Karriere kränkelte. Mit dem Low-Budget-Horrorfilm “Split”, den Shyamalan selbst finanzierte, feierte er 2017 sein künstlerisches und kommerzielles Comeback. Nachdem er 2019 mit “Glass” die Fortsetzung zu “Split” ablieferte, machte er sich auf die Suche nach neuen Projekten und stieß auf die Comicerzählung “Sandburg” von Pierre Oscar Lévy und Frederik Peeters, die 2010 auf Französisch und 2013 auf Deutsch bei Reprodukt erschienen ist (und seit ewigen Wochen in einer schicken Neuausgabe vorliegt). Der Comic fiel ihm im wahrsten Sinne des Wortes in den Schoß: er war ein Geschenk seiner Tochter zum Vatertag. Shyamalan war von Lévys und Peeters’ Comic so beeindruckt, dass er sich zusammen mit Universal Pictures gleich die Filmrechte sicherte. Gedreht wurde – u.a. mit Gael García Bernal (“Y tu mamá también”) – im Sommer 2020 zwischen der zweiten und dritten COVID-Welle.

Bei Reprodukt herrscht schon große Vorfreude auf den Film. Um uns und euch die Wartezeit zu vertreiben, haben wir über Sommer verteilt mit den beiden Machern von “Sandburg” gesprochen, dem Filmregisseur Pierre Oscar Lévy, der “Sandburg” ursprünglich selbst als Filmprojekt ersonnen hatte, und den Westschweizer Comickünstler Frederik Peeters. Die Interviews führte unsere Qualitätspraktikantin Marie-Hélène Schmit – vielen Dank, Marie!

Heute präsentieren wir euch das Gespräch mit Pierre Oscar und morgen zum Premieretag folgt das Interview mit Frederik. Wir wünschen viel Spaß!

Lieber Pierre, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Interview genommen haben. Sie arbeiten sehr erfolgreich als Regisseur und Produzent. Ebenso erfolgreich ist Ihre Graphic Novel „Sandburg“, die in mehrere Sprachen übersetzt und nun auch verfilmt wurde. Wie kam es zu diesem Projekt?

Ich habe zu danken, für Ihr Interesse an mir und meiner Arbeit. Zunächst, Erfolg ist natürlich relativ. Auf Papier sieht mein Lebenslauf aufregend aus, aber auf jedes realisierte Projekt kamen unzählige Absagen, berufliche Dürreperioden und geplatzte Träume. Ich habe stets versucht, in meinen Arbeiten die Fakten des Lebens – ob poetisch oder realistisch – in Geschichten zu übersetzen; keine leichte Aufgabe in einer neoliberalen Welt, die auf Einseitigkeit, Lügen und Faktenleugnung aufgebaut ist. Der Klimawandel, zum Beispiel, ist seit 1947 bekannt. Ich bin 1955 geboren und interessiere mich seit 1968 für dieses Thema. Als ich als junger Filmemacher Projekte vorschlug, die sich mit Artensterben und der Klimakrise beschäftigten, schlug man mir die Tür vor der Nase zu. Als ich gemerkt habe, dass trotz Auszeichnungen auf renommierten Festivals die großen Aufträge ausblieben, habe ich gelernt, andere Wege in der Industrie zu beschreiten. Und jetzt, seit ich mir einen Namen gemacht habe, werden die Hindernisse noch größer …

Aber Sie wollten ja über “Sandburg” mit mir sprechen … Die Idee zu dem Stoff hatte ich schon vor sehr langer Zeit gehabt. Zunächst war “Sandburg” ein Drehbuch für einen Kurzfilm. Der Gedanke war, mit einer Gruppe von Schauspieler*innen an einem Strand zu drehen und dann Jahr für Jahr zur selben Jahreszeit für kurze Drehs dorthin zurückzukehren. Als ich mit dem Vorhaben hausieren ging, war die Antwort immer die gleiche: “Zu teuer, zu aufwändig.” Natürlich war das Drehbuch damals in den 1980ern noch was anderes wie der Comic, den Sie heute in den Händen halten. Aber es war die gleiche Parabel: Ich wollte den Zuschauer*innen begreiflich machen, dass man den langsamen Verfall der Erde durch Klimawandel und die Zerstörung der Biodiversität nicht sinnlich wahrnehmen kann, er aber trotzdem passiert. Heutzutage ist es offensichtlich, und immer weniger Akteure der politischen und kulturellen Arena können diese Tatsache abstreiten. 

Auf Fred bin ich rein zufällig gestoßen. Mein Buchhändler hatte mir seinen autobiografischen Comic “Blaue Pillen” empfohlen. Ich habe das Buch noch am selben Tag gelesen und zwei Tage danach habe ich die Filmrechte erworben. Aber dann ging es sich nicht, und acht Jahre später musste ich das Projekt aufgeben. Frederik Peeters und ich sind Freunde geworden, und ich habe ihm gesagt: „Es tut mir sehr leid, ich habe es nicht geschafft, dein Buch zu verfilmen, aber es wäre es toll, wenn du eine Geschichte zeichnen würdest, für die ich die Story geschrieben habe.“ Und so nahm alles seinen Lauf …

Wie ging es dann weiter mit Frederik Peeters? Hat er dann sofort zugesagt? Wie lief die Zusammenarbeit ab? 

Fred hat sich sich die Geschichte angehört und sie hat ihn neugierig gemacht. Er hat gesagt: „Schreib sie, aber wenn sie mir nicht gefällt, werde ich sie nicht zeichnen!“ Ich habe also das Szenario geschrieben und habe es ihm an einem Samstag geschickt; er hat es gelesen, seine Frau hat es gelesen, er hat es an seinen Verleger geschickt, und am Sonntag bekam ich einen Vertrag.

Fred hat darauf bestanden, dass er über die Bildkompositionen und das Tempo zwischen den Panels selbst bestimmen würde. Im Film wären das dann wohl die “Schnitte” – und das aus der Hand zu geben, war für einen Filmemacher wie mich natürlich ziemlich schmerzhaft. Aber ich wollte unbedingt, dass Fred den Comic macht. Das war mir wichtiger als kreative Kontrolle. Ich habe ihm Referenzmaterial zu dem Strand geschickt, an dem ich den Film drehen wollte, und er hat anhand der Fotos wunderschöne realistische Illustrationen gezeichnet, als wäre er selbst dort gewesen. Außerdem hat er mir ein paar Fragen gestellt zu meinen „Regieanweisungen“. Ich hatte zum Beispiel von einer „Geburtsszene wie in der religiösen Malerei“ geschrieben, also habe ich ihm einige Gravuren von Rembrandt geschickt. Ich war zutiefst berührt, als ich gesehen habe, welche Bilder er für die Worte in meinem Skript gefunden hat. Zuvor existierten die Bilder zu der Geschichte nur in meiner Vorstellung und dann haben Freds Zeichnungen diese ersetzt. Ich erinnere mich schon gar nicht mehr, wie ich mir vor dem Comic die Figuren und die Landschaften vorgestellt hatte. Das einzige, was Fred in meiner Story nicht gefiel, war das Märchen, das Kabyle erzählt. Ich habe Fred verschiedene Versionen vorgeschlagen, und am Ende hat er seine eigene Version geschrieben. Da ich dickköpfig bin, ist dies der Teil, den ich am Buch am wenigstens mag. Aber die Zusammenarbeit mit Fred war großartig, und er hat genau das geschaffen, was ich mir vorgestellt hatte.

Nun ist „Sandburg“ von dem amerikanischen Regisseur M. Night Shyamalan verfilmt worden. Was halten Sie von dieser Adaption?

Das sage ich Ihnen, wenn ich den Film gesehen habe, wozu ich noch keine Möglichkeit hatte. (Anm. der Red: Das Interview fand Ende Juni statt, ca. einen Monat vor dem internationalen Release des Films.) Ich wollte an der Adaptation mitwirken – es schien mir selbstverständlich – und ich habe lange in diesem Sinne verhandelt. Aber letztlich hatte ich mit der Filmversion nichts zu schaffen.

Was macht Ihrer Meinung nach eine gute Adaption aus, insbesondere wenn es um den Übergang von einem Medium zum anderen geht (wie in diesem Fall die Filmadaption eines Comics)?

Ich glaube, jeder Film ist ein Prototyp, jede Geschichte ist anders. Mein Motto ist, dass es nur eine Zutat bei der Entstehung eines Werkes gibt: Aufrichtigkeit. Ich zweifle nicht an M. Night Shyamalans Aufrichtigkeit.

Haben Sie sich gewünscht, dass sich der Film eng an den Plot und die philosophischen Struktur von „Sandburg“ hält, oder können Sie auch damit leben, dass sich die Adaption von der Vorlage entfernt?

Jeder Film, jedes Buch ist in erster Linie die Schöpfung der Leser*innen bzw. der Zuschauer*innen selbst. Ich würde behaupten, dass der/die Zuschauer*in mehr auf die Leinwand projiziert als der Regisseur selbst, deshalb will ich mir da kein Urteil anmaßen. Wenn ich etwas kreiert habe, dann gehört dieses Werk nicht mehr mir, und es soll sein eigenes Leben leben. Die Tatsache, dass diese Geschichte M. Night Shyamalan gefallen aht, ist für mich eine schöne Retourkutsche all jenen gegenüber, die meine Ursprungsidee für unverfilmbar hielten. Obwohl „Old“ sicherlich anders sein als das, was ich selbst gedreht hätte – entscheidend ist, dass es immer noch Filmkunst ist. 

“Sandburg“ liest sich ein bisschen wie ein Theaterstück: ein festgelegtes Figurenensemble in einem klar definierten, räumlich begrenzten Setting. Vor allem denkt man da an das existentialistische Theater eines Jean-Paul Sartre („Geschlossene Gesellschaft“) oder Samuel Beckett („Glückliche Tage“, „Warten auf Godot“, usw.). Würden Sie sagen, dass Beckett und/oder andere Dramatiker*innen einen Einfluss auf Sie gehabt haben?

Sie haben Recht. Ich freue mich sehr über Ihre Frage, dir mir tatsächlich 2010, als der Comic erschienen ist, niemand gestellt hatte. Ich sehe mich in dieser Tradition, auch wenn ein Comic im Vergleich zu einem ein Theaterstuck ein bescheideneres und kleineres Unterfangen ist. Ich glaube an das Scheitern wie Beckett, und wie Giacometti, der vor seinem Tod gesagt haben soll, dass wir alles „für nichts“ machen. Ich bin ganz auf Becketts Seite, wenn er schreibt: „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern“.