Blog Jutta Harms am 14. Juli 2016

Geneviève Castrée (1981-2016)

Am vergangenen Wochenende ist unsere Autorin Geneviève Castrée im Alter von nur 35 Jahren gestorben. Sie hat gegen ihre aggressive Krebserkrankung mit großer Kraft gekämpft. Wir sind sehr traurig darüber, dass sie diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Geneviève hat nach der Diagnose mit ihrer Entschlossenheit der Krankheit aber noch einiges an wertvoller Zeit mit ihrer kleinen Tochter und ihrem Mann abgerungen.

Kurz vor dem Reprodukt25-Fest am 18. Juni hat uns ein Umschlag mit einem kleinen Fanzine erreicht, in dem Geneviève mit berührender Offenheit und stellenweise sogar mit Humor über ihre Situation berichtet. Sie hat es wirklich geschafft, auch noch unter den widrigen Bedingungen der schweren Erkrankung, zu zeichnen und zu schreiben, damit ihre FreundInnen auf der ganzen Welt Nachricht von ihr haben.

Diese enorme Energie und Willensstärke haben uns schon bei unserer ersten Begegnung mit Geneviève beeindruckt. Wir haben sie das erste Mal auf dem Internationalen Comicfestival in Angoulême 2001 getroffen. Gerade war ihr erster Comic bei dem kanadischen Lyrik- und Comicverlag L’Oie de Cravan erschienen, der die versammelte internationale Szene der Indie-Verlage begeisterte. Geneviève war achtzehn Jahre und alle sprachen über das neue Talent, das so unverhofft in Angoulême aufgetaucht war.

Es gelang uns dennoch, einen Termin mit ihr zu ergattern. Wir lernten eine sehr junge und selbstbewusste Zeichnerin kennen. Und wir hatten Glück. Sie war bereit, einen Comic für uns zu machen. Nicht einverstanden hingegen war sie mit dem Vorschlag, eine deutschsprachige Ausgabe von ihrem Debut „Lait frappée“ herauszubringen. Sie wollte für jeden Verlag ein neues, eigenes Buch machen. Für uns zeichnete sie den wortlosen Comic „Die Fabrik“, der im Jahr 2002 erschien und über Last Gasp auch in den USA ausgeliefert wurde.

Seiten aus Ausgeliefert_innen_ohnetext

In den Jahren danach begegneten wir Geneviève auf Festivals, verfolgten ihre vielseitige Arbeit als Musikerin und Zeichnerin, bis sie uns anbot, die deutsche Ausgabe von „Susceptible“ herauszubringen. Sie war mittlerweile aus guten Gründen von dem Vorsatz abgerückt, für jeden Verlag ein anderes Buch zu zeichnen.

„Ausgeliefert“ ist 2013 erschienen. Geneviève sagte darüber, es sei ihr irgendwann bewusst geworden, dass sie endlich ihre eigene Geschichte erzählen müsse. Das Trauma ihrer lieblosen Kindheit aufzuarbeiten, erschien ihr notwendig, um darüber hinweg zu kommen und sich weiter zu entwickeln. Auch um den Mut aufzubringen, eines Tages eine eigene Familie gründen zu können.

Wie groß war daher unsere Freude, als Geneviève uns von der Geburt ihrer Tochter unterrichtete! Und wie herb der Schock, als wir nur kurz darauf von ihrer Erkrankung erfahren haben. Wir sind sehr traurig darüber, dass es Geneviève nicht vergönnt ist, ihre Tochter Agathe aufwachsen zu sehen. Das ist einfach nicht richtig!
Wir vermissen Geneviève und denken an Phil und Agathe Elverum.

– Jutta Harms und das ganze Team von Reprodukt