Blog Karl Will am 13. August 2019

Einblicke in die Reprodukt-Bibliothek: „Die Bluse“

Heyho, alle miteinander! Heute ein kleiner Blogeintrag von mir, dem Karl, dem neuen Qualitätspraktikant in der Reprodukt-Redaktion.

Meine Vorgänger*innen haben sich in der Vergangenheit durch die Reprodukt-Backlist gewühlt und an dieser Stelle rezensiert. Da möchte ich nicht nachstehen, habe mir aber für meinen Text eine recht aktuelle Graphic Novel ausgepickt:

„Die Bluse“ von Bastien Vivès, da ich schon etwas länger ein großer Bastien-Vivès-Fan bin. Eine kleine Spoiler-Warnung vorweg – wer vorab nichts über den Plot von „Die Bluse“ wissen mag, sollte das Buch schnell bestellen, lesen und dann meinen Beitrag lesen.

In „Die Bluse“ bringt der Franzose mal wieder so ein schönen leichten fliegenden Strich mit rein, den er diesmal teils noch reduzierter in die Gesichtszüge seiner Protagonisten zeichnet. In anderen Szenen wirken seine Tuschezeitungen dafür umso detaillierter. Wie immer gelingt Vivès ein erzählerischer Balanceakt: Seine Geschichte ist sehr gefühlvoll und authentisch erzählt, streckenweise aber auch fantastisch, überlebensgroß und artifiziell. Seine Geschichte dreht sich um die schüchterne Literaturwissenschaft Studentin Séverine. Séverine lebt ein sehr geordnetes Leben. Sie hat eine liebenswürdige Familie, einen langweiligen 0815-Nerd-Boyfriend, der sie kaum wahrnimmt, aber vermutlich Informatik studiert, wodurch der gemeinsame Lebensweg finanziell abgesichert wird. Ordentlich also.

Bis zu dem Lebensweisenden Moment, als sich die Tochter der Familie, bei der Séverine babysittet, auf Ihr T-Shirt übergibt. Séverine bekommt eine weiße Seidenbluse ausgeliehen. Das enge Kleidungsstück ändert komplett ihren Look und zugleich ihre Selbstwahrnehmung. Denn plötzlich wird die introvertierte, schüchterne junge Dame betrachtet, begafft, äußerlich wertgeschätzt. Nur aufgrund der Bluse. Eingangs wundert sie sich noch über die vielen unerwarteten Komplimente, u.a. von ihrem Professor, der sie vorher nicht beachtet hat. Eine wundersame, erotische Metamorphose beginnt. Neugierig wie ein Kind erkundet Séverine die aufreizende Wirkung ihrer neuen verführerischen Persönlichkeit. Sie bricht ohne ein Wort der Erklärung mit ihrem Lebenspartner, beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit einem Wildfremden, dem Cop Ali, lässt sich auf machtzentrierte Sexspiele in der Öffentlichkeit ein und landet mit dem Familienvater, dessen Bluse ihre Wandlung ausgelöst hat, im Bett. Die Bluse muss immer mit. Kein anderes Kleidungsstück kann ihr dieses Selbstvertrauen und die Kontrolle über ihr Leben geben.

Der Motor der Handlung ist Séverines Lustempfinden: je gieriger Séverine am Lebensnektar saugt, desto rasanter treibt Vivès den Plot und die Charakterentwicklung voran. Zwischenzeitlich fragt man sich, ob Séverine dieses Tempo durchhalten kann, ob ihr das Experiment nicht entgleitet. Die paranoiden Sprüche ihrer Polizistenaffäre Ali nehmen die spätere Entwicklung vorweg: „Es wird bald knallen“, gibt er mehrmals von sich. Er bezieht sich auf die politisch aufgeheizte Stimmung in Paris, wir wissen aber, dass das auch für Séverine gilt. Ein einziges Mal scheint Séverine innenzuhalten, ausgebremst zu werden – als sie ihr Ex zur Rede stellt. Dann schweigt sie wieder. Und man merkt wovor Séverine auf der Flucht ist. Dem Alltag. Der Unbedeutsamkeit. Schließlich explodiert Séverine – im wahrsten Sinne der Wortes: Sie gerät mitten in einen islamistischen Anschlag. Séverin überlebt, aber ihre Bluse ist hin. An diesem Punkt lässt Bastien Vivès die Leser*innen zappeln: kehrt Séverine in ihre alte Haut, in ihr altes Leben zurück? Oder geht sie ihren Weg weiter, auch ohne die Zauberbluse?

Bastien Vivès spielt hier mit pornographischer Ikonographie. Sein Zeichen- und Erzählstil erinnern an alte französische Filme, und genau so liest sich der Comic auch: wie ein emotionaler, tiefgründiger französischer Film. Im Großen und Ganzem hatte ich ein wenig gemischte Gefühle. Zu einem reißt einen die Story mit, und man erkennt durch kleine Nuancen, wie die Haltung der Charaktere in Gesprächen, ihre Wortwahl und Mimik, wo ehrlich kommuniziert wird und wo nicht. Dennoch ist es keine Geschichte einer emanzipierten Frau, eher eine Art Traumvorstellung von Bastien Vives, aber eine spannende.