Blog Andrea Cisnado am 22. Februar 2019

Einblicke in die Reprodukt-Bibliothek: „Alien“ von Aisha Franz

In meinem ersten  Blog-Beitrag hatte ich mir vorgenommen, noch tiefer in der Schatzkiste des Reprodukt Verlags zu wühlen: Diesmal möchte ich Euch einen Einblick in die Graphic Novel Alien“ von Aisha Franz geben. Es handelt sich hierbei um Aisha Franzs Abschlussarbeit ihres Studiums der Visuellen Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel und ihre erste Reprodukt Publikation – wow, Hut ab für dieses tolle Debüt!

Erst vor ein paar Tagen wurde bekannte geben, dass Aisha Franzs Graphic Novel „The Shit is Real“ für den L.A. Book Prize nominiert wurde – Herzlichen Glückwunsch für diese Normierung, das gesamte Reprodukt Team drückt schon ganz fleißig die Daumen! Letzte Woche habe ich die Gelegenheit bekommen mit ihr ein Interview über ihren Alltag als Berliner Comic Zeichnerin zu führen. Das gesamte Interview könnt ihr im März auf unserem Blog finden. Ich konnte dadurch einen sehr schönen Einblick in ihre Werke erhalten und entschied mich letzten Endes eine kleine Review über ihr Debüt zu schreiben, vor allem wegen ihrem zunächst ruhigen und schlicht scheinenden Zeichenstil. Hinter den mit Bleistift gezeichneten Szenen in Schwarzweiß steckt eine spannende Momentaufnahme aus dem Alltag einer alleinerziehenden Mutter und ihren zwei Töchtern. Die gewählte Panelstruktur ist mit vorwiegend zwölf Panels pro Seite einheitlich. Der Fokus liegt hierbei meistens auf den Gesichtern, um die Emotionen der Figuren einzufangen. Durch die Bleistiftzeichnung erhält die Geschichte eine interessante melancholische Atmosphäre, die meiner Meinung nach die gegenwärtige Stimmung der Familie unterstreicht.

Aisha Franz widmet jeder Hauptfigur gleich mehrere Seiten, um deren Situation und Probleme zu beschreiben. Dank dessen konnte ich mich gut in die Gefühlssituation der Figuren hineinversetzen. Die alleinerziehende Mutter hat ihre erste Tochter sehr jung bekommen und musste zu diesem Zeitpunkt ihr gesamtes Leben umwerfen. Im Verlauf der Geschichte blickt sie mit Hilfe von Flashbacks auf verschiedene Momente in ihrer Jugend zurück – Beispielsweise wie sie dem Vater ihres Kindes erzählt, dass sie schwanger ist. Im Verlaufe der Erzählung wird sie immer wieder von ihrem Alter Ego heimgesucht, der ihr vorlebt, wie das Leben verlaufen wäre, wenn sie das Kind nicht geboren hätte. Mit der Figur des Alter Egos schafft es die Autorin, die Verzweiflung und die schwierige Lebenslage der Mutter hervorzuheben.

Jede*r, der/die die Pubertät durchlebt hat, kennt das: Der Körper verändert sich, ganz großes Gefühlschaos, die Eltern verstehen dich einfach nicht. Eine gleichzeitig aufregende und anstrengende Lebensphase – Man ist kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen. Diese turbulente Zeit fängt Aisha Franz meiner Meinung nach sehr gut ein. Die jüngste Tochter, die gerade in die Pubertät kommt, fühlt sich in ihrem eigenen Zuhause „allein“ und scheint anfangs sehr traurig. Eines Tages trifft sie zufällig auf eine seltsame Gestalt aus einer fremden Galaxie – ein Alien, mit dem sie nur über Gestiken kommunizieren kann. Dieses mysteriöse Wesen spiegelt den Zustand des Mädchens wider. Durch das Alien schafft es Aisha, ein fantastisches Element in die Realität einzubinden, welches die Geschichte außergewöhnlich macht.

Ihre ältere Schwester befindet sich in einer ganz anderen Lebenslage: erste Beziehung, erste sexuelle Erfahrungen und die erste Liebe. Nach dem sie die Schule abgeschlossen hat, befindet sie sich nun in einer Selbstfindungsphase, in der sie unabhängiger sein möchte und sich dadurch von ihrer Mutter sowie ihrer Schwester distanziert. Ebenso hier findet sich eine surreale Ebene wieder, die mir sehr gut gefallen hat. Aisha Franz illustriert in wenigen Panels eine ganze verniedliche Kinderwelt, in die die ältere Schwester flüchten möchte.

Traurig, mitzuerleben, dass alle drei Figuren eine kleine Krise durchlaufen und dennoch nicht wirklich miteinander reden. Eine für mich mitreißende Coming-Of-Age-Geschichte, in der gleich drei Generationen widergespiegelt werden, jeweils verknüpft mit einen Realitätsbruch: Mutter – Alter Ego, älteste Tochter – niedliche Kinderwelt, jüngsten Tochter -Alien. In jeder dieser Lebensphasen wird man mit anderen Hürden konfrontiert. Das Ende – welches ich Euch jetzt natürlich nicht verraten werde – zeigt einen Lichtblick in der sonst kummervollen und ernsten Erzählung. In meinen Augen sehr gelungen, die Moral von der Geschichte: Auch wenn der nächste Schritt unüberwindbar scheint, es geht weiter und man wird auch diese Hürde bezwingen.

Je mehr Werke ich lese, desto mehr entfacht sich meine erst vor kurzem entdeckte Comic-Leidenschaft. Ich freue mich schon sehr, Euch auf diesen Weg weiterhin mitzunehmen und weitere Einblicke in die Reprodukt Bibliothek zu geben. Aus dem Reprodukt-Büro wünsche ich Euch ein tolles Wochenende mit spannenden Lesestunden!