Blog Jonathan Büning am 27. Juli 2019

Elke Renate Steiner über „LOVE MIGRATION“ und mehr

Als Praktikant bei Reprodukt hat man zahlreiche Gelegenheiten mitzuwirken, auszuhelfen und spannende Persönlichkeiten kennenzulernen. So hatte ich das Vergnügen Elke Renate Steiner zu Ihrem neuen selbstveröffentlichten Comic „LOVE MIGRATION“ zu interviewen, und nun hier kurz vor dem Ende meines Praktikums und durch einen glücklichen Zufall pünktlich zum Berliner Christopher Street Day mit euch zu teilen. Wir unterhielten uns aber nicht nur über LGBTQ-Themen und ihre Erfahrungen mit Pride-Veranstaltungen in Russland, sondern auch über ihr gesamtes Schaffenswerk, was sie an jüdischer Geschichte fasziniert, ihren Werdegang vieles mehr.

LOVE MIGRATION ist das erste rein autobiographische Werk von Elke Renate Steiner und beschreibt die Geschichte ihrer Beziehung mit ihrer Frau Masha. Das Kennenlernen, die Schwierigkeiten einer Fernbeziehung und der Migration von Russland nach Deutschland, und den Schatten den die staatlich unterstützte Homophobie Russlands auf ihre Leben und die vieler Menschen wirft.

LOVE MIGRATION ist aber vor allem eines: ein unprätentiöser Ausdruck von Liebe, herzerwärmend ehrlich.


FRAGE: Neben Heften und Büchern veranstaltest du ja auch regelmäßig Comic-Workshops; was macht dir dabei Spaß?

Ich find es immer toll wenn Leute in meine Kurse kommen, die etwas wollen, die eine Idee haben wo sie hin wollen, was sie erzählen wollen. Zum Beispiel habe ich einen Teilnehmer, der ist sehr politisch und hat viele Ideen darüber, wie Menschen kommunizieren und sich missverstehen, und wie das verbessert werden könnte, und wie Comics da helfen könnten. Wenn Leute mit so einer Idee in den Kurs kommen, das finde ich immer sehr spannend. Mir geht es nie darum, ob jemand schon toll zeichnen kann; ich fange immer bei null an in meinen Kursen. Da können alle kommen die einen Stift halten können, sozusagen, und die zuhören können (lacht) – manchmal muss man auch lesen.

Und natürlich gibt es unterschiedliche Motive. Manche haben einfach grad Luft und wollen ein Hobby haben. Ich hab auch öfter mal tolle ältere Damen im Kurs, die haben jetzt endlich Zeit und machen, wozu sie Lust haben. Andere haben ein dringendes Bedürfnis, irgendetwas zu bannen, zu erzählen, für sich selber oder für andere. Das find ich immer schön, wenn jemand so eine Getriebenheit hat, oder den Wunsch, diese Werkzeuge des Comics wirklich zu gebrauchen für etwas – weil es echt machtvolle Werkzeuge sind.

Sowohl deine Arbeit, also was du so mit Workshops machst, als auch die ganzen Werke die du machst, Bücher wie Die anderen Mendelssohns und Love Migration, haben häufig einen sehr informierenden und lehrreichen Charakter. Auch LOVE MIGRATION fand ich interessant, weil du viel erklärt hast, und man nebenher auch was gelernt hat: Über Migration, über die Situation in Russland, und natürlich auch über dich. Und ich wollte fragen, ist das für dich eine persönliche Vorliebe oder auch so eine Art Prinzipiensache; dass du informierst und lehrst?

Dass ist glaube ich etwas, dass liegt mir im Blut. Meine Mutter ist Journalistin, mein Vater war auch Journalist. Meine Mutter ist jetzt pensioniert und schreibt aber immer noch gerne. Ich bin, glaube ich, mit dem Aufnehmen und Verbreiten von Informationen groß geworden und kann gar nicht anders. Das sitzt mir in den Knochen. Es ist nichts, was ich entschieden hätte, sondern einfach das, wo ich herkomme und was ich auslebe, auf meine Art. Dadurch, dass ich jetzt so eine private Geschichte erzähle, bin ich auf einem anderen Level gelandet, wo ich vorher eher mit Leidenschaft recherchiert habe. Natürlich berühren mich alle Themen die ich aussuche: sonst würd ich sie nicht aussuchen. Aber das ist doch sehr nah an mir, und war deshalb ein echter Sprung. Meine bisherigen Themen, deutsch-jüdische Geschichte, Literatur, das ist jetzt keinesfalls vorbei für mich. Da hab ich noch einiges vor.

Was du jetzt gerade meintest, dass es bei LOVE MIGRATION jetzt was ganz anderes ist, also so autobiografisches, statt Biografien über andere Menschen. War der Schaffensprozess dabei ein anderer; hast du da etwas Neues entdeckt oder gelernt?

Ja! Das fing ja eigentlich als etwas Privates an. Das war geplant als ein kleines, persönliches Geschenk für meine Frau, und wurde dann ein richtiges Heft. Und dann ein dickeres Heft, und dann irgendwann hätte es ein Buch werden können, wenn ich das Angebot der Druckerei besser gelesen hätte (lacht). Und jetzt ist es halt ein dickes Heft geworden. Ich mache keine Bücher für Zielgruppen. Ich mach es immer so, das ich selber, meine Freunde und die Leute deren Kritik ich schätze – dass die das gut finden was ich mache. Und das ist jetzt nicht anders, da es ja für Mascha ist.

Das erste Mal, dass ich selber in einem meiner Comics vorkomme, das war 2013. Da hab ich in Dresden bei dem wunderbaren Projekt „VOT KEN YOU MACH – Jüdische Identitäten in Europa Heute“ in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Dresden und der Jüdischen Gemeinde Dresden, ganz kleine Biografien gezeichnet, oder Ansätze zu Biografien. Dafür habe ich vier Leute zu Gesprächen getroffen, Russische Juden und Jüdinnen, sogenannte „Kontingentflüchtlinge“, die nach Deutschland, hier speziell nach Dresden, gekommen sind. Da hatte ich plötzlich das Gefühl: ich kann ja gar nicht so tun, als wäre ich nicht da, als wäre ich neutral oder eine unberührte Zuhörerin. Deshalb habe ich angefangen, mich selber mit hinein zu zeichnen. Das war für mich ein Riesenschritt, dass ich mich selber zeige, und wie ich durch meine Anwesenheit alles beeinflusse. Ich entscheide, wie ich am Ende meine Interviewpartner_Innen zeichne: das ist ja eigentlich eine Frechheit. Deshalb schien mir das angemessen, auch im Comic selbst dazu zu stehen.

Das Recherchieren fällt also weg; bei VOT KEN YOU MACH waren es die Gespräche, in denen alles gesagt wurde, was ich verwendet habe. Und bei „Love Migration“ musste ich eigentlich gar nicht recherchieren, außer dass ich mich natürlich mit den Leuten auseinandergesetzt habe, die darin vorkommen. Mascha war natürlich ganz nah am Prozess. Ich habe mit den Leuten vom Side-By-Side LGBT International Film Festival St. Petersburg kommuniziert, weil ich ja deren Logo und alles zeige, und sie Teil unserer Geschichte sind. Ohne Side-By-Side hätten wir uns wohl nie getroffen! Sie haben mir sehr wertvolle Kritik gegeben. Ich habe daraufhin Sachen geändert. Das war ganz toll, dafür bin ich sehr dankbar. Die konnten mir direkt was sagen. Bei vorherigen Comics hatte ich die Situation: die Leute, die ich gezeichnet habe, waren lange tot und konnten sich nicht mehr wehren. Das ist natürlich nochmal was anderes. Ich habe auch bei diesen Comics natürlich versucht, so redlich wie möglich zu arbeiten, mich so nah, wie ich kann, heran zu recherchieren. Und ich bitte auch immer Leute um Kritik, die Ahnung vom jeweiligen Thema haben. Das brauche ich ganz dringend bei Sachthemen oder historischen Themen. Bei Love Migration bin ich selber Teil der Geschichte, es war quasi in Echtzeit.

Du hast ja gerade erwähnt dass Mascha sehr nah am Prozess dran war, und die Erzählperspektive von LOVE MIGRATION wechselt ja auch immer zwischen dir und deiner Frau (und der Katze): Wie sehr, oder auf welche Arten, waren die beiden an dem Projekt beteiligt?

Ja also die Katze hat sich immer draufgesetzt (lacht). Und mir beim Zeichnen Gesellschaft geleistet. Mascha hat tatsächlich von Anfang an drauf geguckt, wir haben auch drüber gesprochen gemeinsam, wie weit wir gehen wollen. Das ist so ein Level, wir geben vieles Preis, aber natürlich nicht alles. Das haben wir sehr eng abgestimmt. Mascha hat mir auch die Farben gegeben; ich bin ja nicht so eine Bunte. Meine anderen Comics sind oft schwarz-weiß oder haben nur eine Farbe. Und so habe ich Mascha gefragt, welche Farben die Städte für sie haben, in denen wir uns aufgehalten haben: Helsinki, Moskau, St Petersburg, Berlin. Sie hat mir gesagt: Moskau ist golden und grau, St. Petersburg ist hellgrau und golden und blassblau, Berlin ist sonnig gelb und hellgrau, und Helsinki ist blau-weiß. Da bin ich sehr froh drüber, das ist wirklich Maschas Stimme, die da spricht.

Und sie hat die Party organisiert, bei der wir das Buch vorgestellt haben, im Panda-Theater in Berlin-Prenzlauer Berg. Ich war so beschäftigt damit, das Heft fertigzukriegen, ich hab das kaum gemerkt, wie sie die ganze Zeit organisiert hat, telefoniert und gemailt. Und dann war plötzlich die Party, und sie hatte die gemacht! Das war so toll, denn so eine Präsentation ist wichtig, da hab ich ja drauf hingearbeitet. Als wir den Party-Termin vereinbart hatten, wusste ich: ich muss da fertig sein – mindestens 7 Tage zum Drucken brauche ich, und dann… im Grunde steckte Mascha da nicht nur bildlich von vorne bis hinten mit drin. Und wir witzeln auch schon über den nächsten Band. Es ist viel passiert seitdem.

Genau da wollte ich auch nochmal fragen. Du hast das ja als erstes Kapitel bezeichnet, an einer Stelle.

Ja „ein erstes Kapitel“, ein erstes weil es ja doch überwiegend meine Sicht ist.

Was überlegst du denn, oder was überlegt ihr denn, für den zweiten Band, oder den zweiten ersten Band?

Im Moment ist es noch so, daß wir mal sagen diese und jene Geschichte fehlt, und wir machen mal eine „extended version“. Aber mit diesem Ende dieses Heftes ist ja das erste Kapitel insofern zuende, als wir zusammen angekommen sind. Und von da können wir loslegen, und das haben wir. Sie hat vor allem losgelegt: sie hat ja eine tolle Karriere im Gange und ist Programmiererin bei Babbel+. Sie hat ein dreimonatiges, intensives Programmier-Bootcamp gemacht hier in Berlin, bei der Spiced-Academy. Das war ein richtiger Ausnahmezustand und super spannend. Mascha ist auch vom Herzen so eine Programmiererin, so eine Optimiererin, und Programmieren passt einfach gut. Bei dem Buch ist sie ja so „die Frau der Comiczeichnerin“, die gerade ankommt. Dabei macht sie längst ihr eigenes Ding, und da würde ich gern nochmal mehr erzählen. Also, das zweite Kapitel würde wohl da anfangen, wo sie mit den Hufen scharrt, diesen Kulturschock durchlebt und bewältigt, und dann lostobt. Da gibt es inzwischen viel zu erzählen.

Was hat dir denn beim Zeichnen des Heftes am meisten Spaß gemacht?

Die Gesichtsausdrücke! Ich hab ja bei dem Buch das Gefühl, dass ich plötzlich alles umgesetzt habe, was ich jahrelang den Leuten in meinen Workshops gepredigt habe. Ich hab immer schön meine historischen Sachen gemacht – und den Leuten in den Workshops erzählt: „Zeichnet eure persönlichen Geschichten! Zeichnet emotional! Wie fühlt sich die Figur? Macht es möglichst einfach!“ Und plötzlich hab ich all diese Tricks angewandt. Weil es so ein persönliches Thema ist, war ich in Gefahr, auszuufern oder Angst zu kriegen. Ich hab irgendwie gedacht, „Ich muss mir Grenzen setzen“ und hab mir dann Zettel übern Schreibtisch geklebt: „Hauptsache verständlich! Muss nicht schön sein!“ Da hab ich dann jeden Tag drauf geguckt, wie in einem meiner eigenen Workshops. Das hat mich sehr glücklich gemacht, es hat funktioniert, ein richtiger Workshop-Prozess.

Gab es beim Zeichnen auch schwierigere Momente?

Ja-ha! Und zwar gab es diesen einen Moment… ich hatte immer die allerersten frühen Stunden des Tages für das Buch reserviert und danach alle anderen Sachen gemacht. Und ich habe der Einfachheit halber in DIN A4 gezeichnet. Wir machen das in den Workshops auch so, und das ist so schön leicht zu handhaben. Nachdem ich die Hälfte der Seiten geinkt hatte, dachte ich plötzlich: Eigentlich möchte ich das in DIN A3 machen, wie sonst auch; die richtigen Sachen sind doch immer ein bisschen größer. Hab ich so gelernt, hab´ ich immer so gemacht. Also habe ich angefangen, alles nochmal neu auf DIN A3 zu zeichnen. Wie sonst auch. Ich habe sehr schnell gemerkt, dass es nicht gut geht, und dann eine Weile festgesteckt. Dazu kam, mein ganzes Leben hatte sich ja verändert, ich war vorher immer Single und habe meiner Arbeit gelebt. Jetzt sind wir zu zweit, und es gab da auch viel Behördenzeug zu erledigen…. das kommt ja auch im Comic vor. Wir waren – und sind – immer gut beschäftigt. Ich musste mich also insgesamt etwas neu strukturieren. Und als ich dachte, „jetzt mach ich diesen Comic aber richtig, und richtig groß“, da hätte ich mich fast an der Sache verschluckt. Die Entscheidung für DIN A4 war gut – zwar ökonomisch, alles ein bisschen raff, aber das bin total ich.

Was ist denn jetzt dein nächstes Projekt, zeichentechnisch?

Ein Projekt steht fest, ein kleines Heft zur Geschichte der Evangelischen Samariter-Kirchengemeinde in Berlin-Friedrichshain. Die haben eine äußerst spannende Geschichte. Dort haben zum Beispiel zu DDR-Zeiten die berühmten Blues-Messen stattgefunden, da traf sich die Friedens-und Oppositionsbewegung, Rainer Eppelmann war Pfarrer. Da darf ich wieder mal wunderbar recherchieren, eine schöne Auftragsarbeit.

Ansonsten hab ich mir für dieses Jahr vorgenommen, mich erst mal wieder zu sortieren. Ich bin wirklich grade etwas atemlos und hab ganz viel Nacharbeit, Fertigstellung von Projekten, Postproduktion sozusagen, die ich vernachlässigt habe. Ich habe glücklicherweise gut zu tun. Im Moment also erst mal Aufräumen, „Love Migration“ weiter verschicken, gucken, wo ich es noch präsentieren kann.

Und ein bisschen Kommunikation machen. Zum Beispiel werde ich in meinen Workshops jetzt öfter nach Newslettern gefragt, „Wann ist der nächste Kurs? Schickst Du uns eine Mail, wenn wieder ein Workshop stattfindet?“. Und ich hab überhaupt keine vernünftige Liste. Da sind einige auf Papier, einige elektronisch gespeichert, einige hier, einige da. Da gibt es viel zu sortieren.

Danach dann hab ich noch mehr kleine Ideen, für Hefte, für Bücher. Tja, wenn ich alle Comics mache, von denen ich träume, dann müsste ich wohl recht alt werden. Ich bin ja nicht so schnell. Ich beschäftige mich weiter intensiv mit deutsch-jüdischer Geschichte, und da habe ich auch noch einiges vor: Auf jeden Fall „Die anderen Mendelssohns“ Band 3. Da bin ich vorerst am Sammeln. Für „Die anderen Mendelssohns“ Band 2 habe ich 11 Jahre gebraucht – das möchte ich nicht zwingend in der Länge wiederholen. Aber es ist eine schöne Geschichte: ich bin so dankbar, dass Reprodukt da dran geblieben ist, dass Jutta Harms mich da die ganze Zeit unterstützt und ermutigt hat. Das ist echt toll, und ich erzähle das gerne in Workshops und auch anderswo. Es verschafft vielen Leuten eine Art Erleichterung. Manche produzieren ja wie die wahnsinnigen Bücher, und dann gucken Leute da drauf und denken „Das werd ich nie schaffen, da fang ich gar nicht erst an.“ Und wenn ich dann komme mit meinen elf Jahren… dann heißt es „Das kann ich vielleicht doch, die ist ja auch noch da“. Ich bin ganz froh, dass ich jetzt dieses Heft gemacht habe, weil ich mir, glaub ich, auch selbst etwas bewiesen habe und jetzt etwas freier an Sachen herangehen kann.

Was hat dich denn eigentlich zu der jüdischen Geschichte gebracht?

Das ist wieder etwas Persönliches. Ich bin in Bremen mit der Evangelischen Landeskirche aufgewachsen, da gibt es gute Kontakte mit der jüdischen Gemeinde und auch muslimischen Verbänden. Es kommt dazu, dass ich mich als Teenager einer Freikirche angeschlossen hatte. Diese stammte ursprünglich aus der evangelikal-charismatischen, „pfingstlerischen“ Bewegung; ich würde sie heute als evangelikal bezeichnen. Das heißt sie nehmen die Bibel eher wörtlich. Ich habe mir damals zu Herzen genommen, dass „Israel der Zeiger an der Weltuhr Gottes“ ist und Jesus bald wiederkommt. Und dann die Welt zu ende ist und er die Leute mitnimmt, die zu ihm gehören. Und die anderen bleiben und verderben hier. Wir haben damals in unseren Bibelgruppen die Welt, verkürzt gesagt, so gesehen: „Tschernobyl bedeutet, morgen geht es los.“ Weil man das natürlich alles so in der Apokalypse des Johannes findet, wenn man sie so liest.

Weil Jesus Jude war, war da das Judentum ganz zentral. Wir haben in der Gemeinde alles, was mit dem Judentum zu tun hat, einfach geliebt, bewundert und verehrt, es gab da eine große Ehrfurcht. Zugleich sollten möglichst Juden missioniert werden, da ist natürlich immer ein Widerspruch. Und als ich mich aus dieser Gemeinde zurückgezogen habe – das hatte auch mit meinem Coming Out zu tun – da habe ich quasi das Ganze säkularisiert. Und dieses Gefühl, ich möchte zwar nicht konvertieren, aber mich annähern, etwas lernen, etwas bekommen, näher dran sein und verstehen – dieses Gefühl ist mir geblieben. Und dann gab es natürlich das journalistische Elternhaus und mein Interesse an Geschichte und auch Religion.
Ich hatte dann diese Gelegenheit, für ein halbes Jahr in Rendsburg im Jüdischen Museum und Dr. Bamberger-Haus zu leben, mit einem Stipendium. Ich hatte die damalige Direktorin Dr. Frauke Dettmer an meiner Seite, die mir die Geschichte der Rendsburger jüdischen Gemeinde nähergebracht und erklärt hat auf eine wunderbare Art, und mich in allem unterstützt hat. Da entstand mein erstes Buch „Rendsburg Prinzessinstrasse – die Geschichte einer jüdischen Kleinstadtgemeinde“, erschienen bei Edition Panel 2001. Das war sozusagen mein Einstieg. Auch dass ich plötzlich den Raum und die Ressourcen hatte, mich näher damit zu befassen. Das war noch bevor der Begriff und die Idee der Graphic Novel so populär wurde. Ich war da noch so ein bisschen die Komische, weil ich solche ernsten Themen hatte. Das ist ja heute nicht mehr komisch, und das finde ich gut.

Was waren das für Reaktionen die du damals gekriegt hast, als du anfingst?

Mir wurde ja tatsächlich noch gesagt: Wie kann man denn Comics über jüdische Geschichte machen, Comics sind doch witzig und jüdische Geschichte ist nur Holocaust. Und das ist natürlich eine furchtbare Verkürzung auf beiden Seiten. Das wurde mir durchaus öfter mal gesagt, und ich hab da echt blöde Sachen zu hören gekriegt. Aber natürlich hab ich mir dadurch auch eine kleine Nische geschaffen. Das ist es, womit ich mich beschäftige, wo Leute an mich denken, das hat natürlich was für sich.

Das Streiten um Anerkennung und Gleichberechtigung von Menschen mit LGBTQ-Identitäten ist ja ein wichtiger Teil eurer Geschichte in LOVE MIGRATION, und ganz grob gesagt, wie siehst du denn die Entwicklung hierzulande; wie fühlst du dich eigentlich?

Ich fühle mich privilegiert. Ich fühle mich an einem relativ sicheren Ort, hier in Berlin. Und so, wie ich groß geworden bin, glaube ich, ich habe da doch immer die besseren Karten abgekriegt. Ich lerne ja von Mascha, dass man durchaus mehr Schwierigkeiten haben kann. Und zum Beispiel war im Mai ja auch der CSD in Cottbus. Ich zeichne seit Jahren LIVE für den CSD Cottbus e.V. und begleite die Veranstaltungen und Prozesse. Und kurz nach dem CSD war die Europawahl, bei der hat die AFD leider eine Menge Prozente bekommen in der Lausitz. Die LGBTQ-Community muss da, online und analog, im Umkreis durchaus mehr diskutieren und sich auseinandersetzen – und der Umgangston ist rauer geworden.

Du beschreibst auch die starke, vom Staat ausgehenden Homophobie in Russland; ein Thema das in Deutschland selten breite Beachtung in der Öffentlichkeit findet. Was denkst du ist das wichtigste was die Menschen in Deutschland darüber wissen sollten?

Was ist das wichtigste? Das ist eine echt gute Frage, die würde ich natürlich am liebsten an Mascha weitergeben, weil die da viel mehr zu sagen kann. Die ist nur grad nicht hier.

Ich hab Besuche in Russland gemacht, ich höre von Maschas Erfahrungen und von den unseren russischen Freundinnen und Freunden. Mir fällt zur Illustration grad etwas ein: als ich eines der ersten Male beim Side-by-Side LGBT International Film Festival war, sind wir einmal nach dem Screening in eine Bar gegangen. Neben uns, ein paar Meter weiter, standen zwei Polizisten in voller Montur. Ich fragte in die Runde: „Ist dieser Polizist jetzt eigentlich Schutz für uns, oder muss ich mich fürchten?“ Die Antwort war: „Wir wissen das auch nicht immer“.

Im Heft erzähle ich von einer Bombendrohung vor einer Filmvorführung. Die Polizei kommt und sichert das Gebäude einerseits, andererseits blockieren sie es aber auch. Der Film konnte – in dem Moment – nicht gezeigt werden. In meiner privilegierten Situation hatte ich ja immer meinen schönen europäischen Pass dabei. Mir konnte nicht viel passieren, selbst wenn ich mich da durchgedrängelt habe, weil ich zu Mascha wollte.

Das ist tatsächlich ein Moment gewesen in dem ich mir meiner Privilegien sehr bewusst geworden bin, als ich anfing, beruflich nach Russland zu reisen, und dann auch später privat zu Mascha. Ich hab meinen europäischen Pass. Im schlimmsten Fall werde ich rausgeschmissen und wenn nicht, dann wird von hier jemand fragen, wo ich bin. Das hat mich fühlen lassen wie gut es mir geht.

2011 reiste ich zum ersten mal nach Russland, nach Jekaterinburg zu dem Projekt des Goethe-Instituts „RESPECT Internationale Comics“. Ich habe ein lesbisches Paar interviewt, und auch einen Comic über dieses Treffen gezeichnet. Die sagten mir: „Ja vor sieben Jahren, da gab es eine Love-Parade, und LGBT Leute gingen Hand in Hand auf der Straße“ – und von da an wurde es überhaupt erst zurückgedreht. Es gab also mal quasi einen Hauch gesellschaftliche Freiheit, und als ich anfing hinzureisen, da war es schlechter geworden. Das musste ich erst einmal kapieren, dass es nicht immer schlimm war und jetzt die Segnungen des Westens kommen und alles gut wird. Sondern dass es mal eine Hoffnung gab, sich zeigen und frei leben zu können, und dann ging es bergab, und die Propaganda-Gesetze kamen. Man denkt es sich immer alles so einfach, von hier ausgesehen. Ist es nicht.

Danke für das Gespräch!


Elke Renate Steiner ist bekannt für ihre Serie „Die Anderen Mendelssohns“ über die unbekannten schwarzen Schafe der Familie. Außerdem leitet sie zahlreiche Comic-Workshops, zeichnet informierende Comics, und dokumentiert Veranstaltung live in Comicform. LOVE MIGRATION kann man umsonst und signiert auf Elke Renate Steiners Website www.steinercomix.de bestellen.