Blog Dirk Rehm am 11. Februar 2020

Claire Bretécher (1940-2020)

In den Sechziger und Siebzigerjahren, mitten im gesellschaftlichen Umbruch, ist auf den Fotos der Redaktionskonferenzen von “Pilote” immer eine einzige, umwerfend schöne junge Frau inmitten einer Anzug tragenden Herrenriege zu sehen: Claire Bretécher ❤️

Unter der Führung von René Goscinny begannen die Bandes Dessinées Mauern einzureißen. Plötzlich wurden Comics auch von erwachsenen Leser*Innen akzeptiert, und trotzdem blieb Claire Bretècher über lange Jahre die einzige, die eine weibliche Perspektive auf gesellschaftliche Strömungen und das Bild der Frau offenbarte. Erst Mitte der Siebziger wurden mit dem Aufkommen von Zeitschriften wie “Métal Hurlant” oder später “À Suivre” weitere Foren für weibliche Stimmen geschaffen – Florence Cestac, Chantal Montellier und Nicole Claveloux folgten ihrem Beispiel. Dennoch sollte es bis in die 2010er-Jahre dauern, dass die Geschlechter bei der Produktion von Comics ein ausgeglicheneres Verhältnis erlangten – der Verdienst von Claire Bretécher.

Auch für die deutsche Comicszene hatte ihr Werk weitreichende Bedeutung: Nicht nur Franziska Becker oder Marie Marcks, die für “Emma” und “Brigitte” zeichneten, sind jemals ganz aus Claire Bretéchers Schatten getreten. Auch in den Zeichnungen von Ralf König leuchtet der nervöse, eilige Strich seines unverkennbaren Vorbilds bis heute durch.

Redaktion von “Pilote”, Ende der Sechzigerjahre | Foto von Claire Bretécher: © 2008 Rita Scaglia / Dargaud