Blog Andrea Cisnado am 19. Mai 2020

Buchtipps aus dem Homeoffice #19: “RPM”

von Lea Hübner

Wieder ein Musik-Comic, den ich mir im Laden gegriffen habe: Der im Regal unscheinbare Buchrücken trägt das Kürzel “RPM” (revolutions per minute); es findet sich kein Titel oder sonstiger schriftlicher Zusatz auf dem Buchdeckel, auf dem drei Gestalten und ihre Köpfe sowie einige Utensilien, zentral eine Vinyldisc, zu sehen sind; es gibt auch keinen Text auf der Rückseite – da allerdings lässt sich unschwer erkennen, dass es sich bei den bunten Bildchen um Plattencover handelt, nur haben die darauf Abgebildeten, im Stil der Zeichnerin Martina Lenzin, eben Gesichter mit Schnäbeln.

Worum geht es hier, was ist gemeint? Der Klappentext gibt einen Einstieg:

Die Geschichte, die im London Anfang der achtziger zu Beginn der Thatcher-Ära spielt, wird in der Retrospektive erzählt – eine junge Frau interviewt Jahre später die gealterten Protagonisten: Fanzinemacher und Musikproduzent Tin und die Musiker*innen Jane und John, die zu einem Hausbesetzerkollektiv-Projekt gehörten und die ersten waren, die bei Tin herausgebracht wurden.

Ähnlich wie in „Rembetiko“ von David Prudhomme, hier vorgestellt am 30. März, verhandelt “RPM” Performance und Konsum von Musik: Was passiert mit der Freiheit der Künstler*innen, sobald sie einen Vertrag eingehen, bei einem Indie-Label oder auch bei einem Major, was macht dabei den Unterschied? Und was will überhaupt eine Aufnahme und deren Verkauf, wenn es nicht um einen Verdienst gehen soll, sondern darum, Musik zu leben, mit geilen Auftritten vor dem Publikum. Zudem schildert Lenzin die beklemmende politische Atmosphäre des kalten Kriegs, den Rückzug des Sozialstaats und zunehmendem Fremdenhass in den Achtzigern, sowie die Vereinnahmung subkultureller Räume, Denkweisen und Errungenschaften durch das System – so gut wie alles weiterhin aktuell.

In dynamischen Schwarz-Weiß-Zeichnungen erzählt Martina Lenzin von Arbeit, die etwas bewegt und von Akteur*innen, die von der Freude sprühen, es so zu machen, wie es nicht die Verhältnisse bedient sondern im eigenen, kollektiven Sinne Gesellschaft gestaltet. Post-Punk – das Wilde und das Geistige wirken hier in komplexen Bedingungen reflektiert zusammen, so empfinde ich die Geschichte von Lenzin vermittelt, mit einer Mischung aus direktem Eintauchen in die Aktion und analytischer Rückschau.

Ein Buch, das anregt, schon Gedachtes und Gelebtes wieder aufzugreifen. Ein Buch zum Musik heraussuchen, Träumen und Erinnern, findet die Verfasserin dieses Beitrags, die Comicübersetzerin ist und einmal pro Woche im Reprodukt-Store arbeitet.