Blog Andrea Cisnado am 24. März 2020

Buchtipps aus dem Home-Office #6: „Running Girl“

Eingefangen – RUNNING GIRL von Yi Luo

Heute ein Beitrag von Lea Hübner, Comicübersetzerin.

Warum passt dieses Buch, das ich mir aus spontaner Sympathie gegriffen habe, so gut in diese besondere Zeit? Weil kulinarische Genüsse eine der Freuden sind, die uns vergönnt bleiben, obwohl sich im Augenblick von Restaurantbesuchen nur träumen lässt? Weil es um Einsamkeit geht? Um Routine mit Einschränkungen, um Nähe ohne Berührung, Beziehungsleben per Chat und Telefon? Um Liebeskummer auf Entfernung …

Um all das geht es und all das ist derzeit brandaktuell, aber das Erscheinen von Running Girl liegt schon eine Weile zurück und das autobiografische Erstlingswerk von Yi Luo handelt vor allem von der Kunststudentin Li, die seit zwei Jahren in Deutschland lebt, in einem Asiarestaurant kellnert und zehntausende Kilometer von ihrem Freund getrennt ist, der in Shanghai wohnt und dennoch sehr präsent ist.

Vormittags Studium, abends Job und nachts Fernbeziehung. Rund um die Uhr aber: Fremd sein. Obwohl sie in China eine der besten in ihrem Sprachkurs war – Sprachschwierigkeiten (gottlob nicht auf der Arbeit, ein wenig Familienersatz für Li).

Einschränkung auch durch das enge Zeitkorsett, das, wie der Titel erahnen lässt, Lis Alltag bestimmt.

Mal durch die Stimme der Ich-Erzählerin, mal rein in Bildern erzählend, auch metaphorischen, vor allem aber dank der lebensnahen Dialoge, lässt sich mitvollziehen was Li erlebt und empfindet.

Mir gefällt der ruhige Ton dieser kurzen Geschichte, der Gang auf dem schmalen Grat – nicht zu viel versprochen, nicht zu viel verraten –, sowie die Aquarelltechnik mit ihrer stimmungsvollen Farbigkeit. Verankert im Alltäglichen, lädt das schmale Bändchen zu einem bereichernden Perspktivwechsel ein. Und trotz emotionaler Ladung hat die Lektüre eine zarte Leichtgkeit: Was ich aufnehme ist wie ein Einfangen und – wieder Freilassen. Eine Art Flüchtigkeit, wie sie bei einem Running Girl wohl auch kaum anders denkbar ist … Das Buch hat Charme, einen globalen Horizont und tut gut, findet die Verfasserin dieses Beitrags, die Comicübersetzerin ist und einmal pro Woche im Reprodukt-Store arbeitet.