Blog Filip Kolek am 6. April 2020

Buchtipps aus dem Home-Office #16: “Donjon”

Puha, hoffentlich habe ich mich da nicht verhoben! Im wahrsten Sinne des Wortes … Für den heutigen Buchtipp aus dem Home-Office habe ich nicht einen, sondern gleich 36 Comicbände aus dem Regal gezogen. Zusammen füllt die “Donjon”-Reihe von Lewis Trondheim (“Ralph Azham”) und Joann Sfar (“Sokrates der Halbhund”) einen ganzen IKEA-Kallax-Kubus aus und verursacht beim Hochheben Leisten- und Nabelbrüche.

1998 erschien der allererste Band von “Donjon”: “Das Herz einer Ente”. Lewis Trondheim war damals dank der Kolleg*innen von Carlsen in Deutschland bereits bei etlichen Comic-Fans auf dem Radar. Ein Jahr zuvor hatte Carlsen den ersten Band von “Herr Hases haarsträubende Abenteuer” veröffentlicht, wenig später folgten seine Kindecomicreihen “Der kleine Weihnachtsmann” und “Monströse Geschichten” und bei Reprodukt die wortlose Comicstory “Die Fliege” (deren animierte Version übrigens eine Zeit lang in “Die Sendung mit der Maus” lief). In Frankreich werkelte Trondheim zu diesem Zeitpunkt schon aber ein gutes Jahrzehnt daran, die frankobelgische Comicszene neu zu erfinden. 1990 hatte er mit Mitstreitern wie Jean-Christophe Menu, David B. und Patrice Killoffer den Autorenverlag L’Association gegründet, der mit Büchern wie Marjane Satrapis “Persepolis oder “Die Heilige Krankheit” von David B. zu den Wegbereitern der Graphic-Novel-Welle in Europa zählte. Viele der Zeichner, die sich Jahre später am “Donjon” versuchen durften, stammen aus der Autorenriege oder aus dem Umfeld von L’Association. Darunter eben auch ein gewisser Joann Sfar, der mit gerade mal Mitte 20 seine ersten Gehversuche als Comiczeichner wie “Noyé le poisson” oder “Le Borgne Gauchet au centre de la Terre” bei L’Association verlegen durfte. 2001 schrieb und zeichnete Sfar übrigens das erste Album der Reihe “Die Katze des Rabbiners”, die ihm auch international zum Durchbruch verhalf.

Sfar und Trondheim verband schnell eine enge Freundschaft, die beiden teilten nicht nur ihre Liebe zu Comics und phantastischer Literatur, sondern auch einen schnellen Strich und eine schier grenzenlose kreative Energie. Beide hatten Ende der 1990ern schon ein beachtliches Oeuvre zusammengezimmert, das in den Folgejahren über sämtliche Genres und Verlagshäuser wuchern sollte. Heute ist sowohl Trondheims als auch Sfars Werk beim besten Willen kaum fass- und überschaubar; Hunderte von Alben, Graphic Novels, Webcomics, Strip-Sammlungen, etc. hat jeder der beiden geschaffen, als Zeichner und als Autor. In Sfars Fall sind sogar mehrere Romane darunter …

Ich spekuliere mal, dass Trondheim und Sfar Ende der 1990er, als sie sich an ihre erste gemeinsame Zusammenarbeit “Donjon” machten, noch nicht den aberwitzigen epischen Ansatz von 300 angeblich geplanten Bänden im Sinn hatten. Band 1 “Das Herz einer Ente” wirkt zumindest noch fast ein wenig bescheiden in seinem Unterfangen, in erster Linie Fantasy-, Rollenspiel- und Computergame-Tropen aufs Korn zu nehmen. Dem 90er-Jahre-Computerspiel “Dungeon Keeper” nicht unähnlich befindet man sich bei “Donjon” auf der anderen Seite der klassischen Fantasy-Narration: nicht auf der Seite des “Dungeons and Dragons”-Helden, der sich durch monsterverseuchte Katakomben metzelt und sich an den herumliegenden Artefakten bereichert, sondern auf der der Geschäftsleitung des Dungeons, der wie ein schwarzes Loch abenteuerlustige Helden aus der ganzen Welt anlockt und ins Verderben stürzt. Von den Schätzen und magischen Waffen der massakrierten Helden werden Gehalt der Dungeon-Monster, neue fiese Fallen und bestimmt auch virales Marketing finanziert. Ein florierendes Unternehmen von frühkapitalistischer Bosheit. Der Jeff Bezos des Donjon ist der Wärter, ein kleiner pfeiffenrauchender Strippenzieher, seine rechte Hand ist der Drachenkrieger Marvin, eine Art Monster-Vorarbeiter und Fixer aller Probleme und der Protagonist der Reihe ist Herbert, ein mittelalterlicher Praktikant, der Unglück magisch anzuziehen scheint. Die Welt ersonnen haben Lewis Trondheim und Joann Sfar zusammen, die Zeichnungen stammen aber aus Trondheims Feder, der in seinen Geschichten fast ausschließlich auf Tierfiguren zurückgreift (in seinen autobiografischen Geschichten ist er selbst stets ein Adler). Diese Optik werden all die “Donjon”-Zeichner, die im Laufe der nächsten 20 Jahre in Trondheims Fußstapfen treten werden, natürlich auch übernehmen.

Die Rollenspiel-Persiflage hat nach ein, zwei Alben ausgedient und Trondheim und Sfar worldbuilden sich in den nächsten Jahren wie die Weltmeister ein eigenes episch wildes Fantasy-Universum zurecht, das auf unzähligen Zeitebenen spielt. Weil Joann Sfar auch mal den Zeichenstift schwingen wollte, seine apokalyptischen Ideen aber nicht mit der Haupthandlung kollidieren sollten, wurden seine Geschichten kurzerhand in eine endzeitliche Zukunft der “Donjon”-Welt versetzt und fingen bei der Albennummerierung 101 an. Herbert von Vaucanson, den Sfar und Trondheim in der Hauptreihe (die man jetzt “Zenith” titulierte), zum klassischen Fantasy-Helden mit magischem Schwert, dunkler Vergangenheit und einer Prinzessin zum Ehelichen aufbauten, war in Sfars Zukunftsversion (“Donjon Abenddämmerung”) zum “Großen Khan” mutiert, einem Darth-Vader-mäßigen Bösewicht, der Terra Amata (so hieß jetzt die Welt, auf der “Donjon” spielt) tyrannisiert. Zeitgleich machten Sfar und Trondheim eine dritte erzählerische Front in der Vergangenheit von “Donjon” auf: die Reihe “Morgengrauen”, vom virtuosen Comiczeichner Christophe Blain (“Isaak der Pirat”) in Szene gesetzt, spielt Jahre vor der Gründung des Donjons und erzählt in kapitalismuskritischen Noir-Stories von einem jungen Wärter, alias Hyazinth de Cavallère, der in einem Großstadtmoloch durch Intrigen, Sex und allerlei Meuchelmorde so richtig amtlich verdorben wird. Die “Morgengrauen”-Bände wurden einfach ins Negative durchnummeriert und fingen bei -99 an.

Das augenzwinkernde Spiel mit den Zeitebenen und Albennummerierungen hatte den wunderbaren Effekt, dass selbst, als die satirischen Elemente immer mehr in den Hintergrund traten und die Serie ernster und auch grausamer wurde, das Konzept an sich schon eine Satire des selbstverliebten Größenwahns von Fantasy-Standardwerken wie “Der Herr der Ringe” und “Das Spiel von Feuer und Eis”, die stets auf Tausende von Seiten angelegt waren, blieb. Nun – “Donjon” war auf 300 Alben angelegt, fing bei -99 an und erzählte seine wild wuchernde Erzählung zeitgleich auf drei Zeitebenen, die jeweils aus 100 Alben bestehen sollten. Das soll mal George RR toppen! Ist aber natürlich Quatsch – nie im Leben hatten die zwei die Absicht, die 300 Alben-Spannbreite vollzumachen. Stattdessen spielen sie mit dem Erzählkonzept “Fragment”: die “Morgengrauen”-Geschichten spielen auf den Zeitebenen -99, -98 und -97, und dann springt die Serie einfach zu -84 und lässt alle Ereignisse dazwischen aus. In der dystopischen Zukunft gibt es auch einen Zeitsprung, von 106 auf 110. Der Lesespaß liegt darin, die Lücken in den Erzählungen selbst zu füllen. Zum Teil schließen die Leerstellen die beiden Maestros aber auch selber: ab 2001 erschien die Reihe “Donjon Monster”, mit One-Shot-Abenteuern, die kreuz und quer über die “Donjon”-Zeitachse verteilt spielen und jedes von einem anderen verdienten französischen Zeichner illustriert wird. Darunter eben auch “L’Association”-Gründer Jean-Christophe Menu, Killofer und Stanislas.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird es tricky, den Überblick im “Donjon”-Universum zu behalten. Bis heute sind zwölf “Donjon Monster”-Bände erschienen, die auf allen drei Zeitachsen und darüber hinaus spielen, sechs “Zenith”-Bände, fünf “Morgengrauen”-Geschichte, acht “Abenddämmerung”-Episoden und dann noch fünf “Donjon Parade”-Bände, zu denen ich hier noch gar nichts geschrieben habe, um euch und mich nicht noch mehr zu verwirren. (Ach, so kompliziert ist es nicht – die “Parade”-Geschichten spielen zwischen Zenith 1 und 2 und sind in erster Linie funny, fast schon kindgerecht, aber nur fast …)

Als Verleger werden wir immer gefragt, in welcher Reihenfolge die Serie zu lesen ist. Nun, man könnte natürlich chronologisch anfangen, bei -99. Aber ich finde, es macht mehr Spaß dem Entstehungsprozess zu folgen, schließlich ist die parodistisch-epische Bandbreite ihres Fantasy-Universum über die Jahre zusammen mit dem gigantischen Figurenensemble und den unterschiedlichen Zeitebenen und Plotstränge quasi organisch gewachsen. Figuren, die zunächst in der “Donjon”-Zukunft eingeführt werden, tauchen später in der Gegenwart als ihre jungen Pendants auf. Plotpoints, die sich Sfar und Trondheim für ihre düster-urbane Vergangenheit ausgeklügelt haben, spiegeln sich später in der Gegenwart und Zukunft wieder. Es ist ein wild-vergnügtes Erzählpuzzle, das großen Spaß beim Zusammenlegen macht (auch wenn man weiß, dass am Ende etliche Puzzlestücke fehlen werden und man das Bild niemals vollständig sehen wird). Ich würde also allen Neueinsteigern empfehlen, der Veröffentlichungsreihenfolge der Alben in Frankreich zu folgen (und als ob’s nicht kompliziert genug wäre: die Monster-Bände haben auf Deutsch eine andere Nummerierung, weil wir sie nicht der ursprünglichen Reihenfolge veröffentlicht haben) :

1998:
“Donjon 1: Das Herz einer Ente”, “Donjon 2: Der König der Krieger”

1999:
“Donjon -99: Das Hemd der Nacht”, “Donjon 101: Der Drachenfriedhof”

2000:
“Donjon 3: Die Prinzessin der Barbaren”, “Donjon Parade 1: Noch ein Donjon”

2001:
“Donjon -98: Ein Rächer in Bedrängnis”, “Donjon 102: Der Vulkan von Vaucanson”, “Donjon Parade 2: Der Weise aus dem Ghetto”, “Donjon Monster 1: Hans-Hans der Schreckliche”, “Donjon Monster 12: Das Auge des Riesen”

2002:
“Donjon 4: Missglückter Zauber”, “Donjon 103: Armageddon”, “Donjon Parade 3: Der Tag der Frösche”, “Donjon Monster 3: Die Hauptkarte”

2003:
“Donjon -98: Das Ende einer Jugend”, “Donjon Monster 4: Geheimsache Gerstensaft”, “Donjon Monster 6: Der schwarze Fürst”, “Donjon Monster 7: Der Sohn der Drachenfrau”, “Donjon Monster 8: Der große Herzensbrecher”

2004:
“Donjon Parade 4: Gören, Grünzeug und Geziefer”, “Donjon Monster 2: Die Armeen der Tiefe”, “Donjon Monster 11: Die schöne Mörderin”

2005:
“Donjon 104: Das fliegende Meer”

2006:
“Donjon 5: Hochzeit mit Hindernissen”, “Donjon -84: Nach dem Regen”, “Donjon 105: Die neuen Zenturionen”, “Donjon Monster 5: Die Ehre der Soldaten”

2007:
“Donjon 6: Der verlorene Sohn”, “Donjon Parade 5: Nubbeltechnik”, “Donjon Monster 10: Der Herr der Automaten”

2008:
“Donjon -84: Der letzte Ritter”, “Donjon Monster 9: Das Buch des Erfinders”

2009:
“Donjon 106: Bärendienste”

2014:
“Donjon 110: Hoher Septentrion”, “Donjon 111: Das Ende des Donjon”

Aber wenn ihr lieber der Universum-inhärenten Chronologie folgen wollt, hier die komplette Zeitleiste, die auflistet, auf welchen “Leveln” die Bände alle spielen:

Zwei Titel auf der Zeitleiste werden auch “Donjon”-Kennern unbekannt sein. Nachdem Sfar und Trondheim 2014 mit “Donjon 111” ihr irrwitziges Fantasy-Projekt für abgeschlossen erklärt haben, wurde es Anfang diesen Jahres in Frankreich wieder re-animiert. Und wir ziehen natürlich mit deutschen Übersetzungen nach. Herbst 2020 wird mit “Donjon 7: Jenseits der Mauern” die Haupthandlung fortgesetzt. Und mit “Donjon Antipoden” startet sogar noch eine neue Reihe, in der man in die extreme Vergangenheit und wohl auch Zukunft von Terra Amata reisen wird.

Den Zeitstrahl findet ihr in einem neuen “Donjon”-Übersichtsflyer, der dieser Tage in den Handel kommt und dem neuen “Ralph Azham”-Band beigelegt wird.

Und jetzt schleppe ich die Alben wieder ins Regal, aber diesmal Zeitebene für Zeitebene – das schont den Rücken …

P.S. Wer bis hierher gelesen und nicht gleich zu Facebook oder Spiegel Online weitergeklickt hat, wird für seine/ihre vorbildliche Aufmerksamkeitsspanne belohnt mit einer längeren “Donjon”-Leseprobe. Die ersten 13 Seiten aus “Donjon Parade 1: Noch ein Donjon”. Viel Spaß dabei!