Blog Klara Groß am 2. April 2020

Buchtipps aus dem Home-Office #14: Arsène Schrauwen

Ich arbeite schon länger als Herstellerin aus der Ferne von Zuhause aus (und bin noch dazu aktuell in Elternzeit), das Gefühl der sozialen Abgeschiedenheit reißt mich also etwas weniger aus dem Alltag als viele andere. In fünf Jahren als Herstellungsleitung mit Berliner Büroalltag durfte ich aber zuvor zahlreiche schöne, schräge, lustige und auf vielen Ebenen spannende Buchprojekte betreuen.

Ein Buch, das mir persönlich besonders am Herzen liegt, ist „Arsène Schrauwen“ von Olivier Schrauwen von 2016.

1947 reist Olivier Schrauwens Großvater Arsène in eine nicht näher bezeichnete afrikanische Kolonie. Dort plant sein Cousin die Stadt von morgen, eine moderne Utopie inmitten der Wildnis.

Arsène ist überwältigt von der geheimnisvollen neuen Umgebung; er war tagelang auf einem Schiff um hier anzukommen, doch nun traut er sich nicht, sich umzusehen. Ja, er traut sich nicht mal zur Toilette zu gehen, geschweige denn vor seinen Bungalow zu treten…

… denn auf der Schiffsreise hatte ihm ein alter Mitreisender von Gefahren wie dem „Elefantenwurm“ und den „Leopardenmenschen“ berichtet und nun gilt es Arsène sich zu schützen.

Er verharrt zunächst in selbstgewählter Isolation voller Fantasien (wobei die empirische Notwendigkeit und Nützlichkeit – anders als in unserer aktuell außergewöhnlichen Lage – stark zu bezweifeln ist) und traut sich erst nach einer längeren Weile nach Draußen.

Gequält von Dschungelfieber, Trinksucht und auch einer stark entflammenden Liebe zu Marieke, der Ehefrau seines Cousins, erlebt Arsène seine weitere Reise wie im Rausch.

Ist dieses bizarre Land noch Realität oder längst unberechenbare Wahnvorstellung?

Es ist überwältigend, mit welcher Leichtigkeit Olivier Schrauwen Realitätsebenen verschmelzen lässt, bzw. Bilder nutzt, um die Wahrnehmung des Protagonisten spürbar zu machen. So setzt er konkret ins Bild, was parallel auf textlicher Ebene als schriftliche Metapher erzählt wird und spielt gekonnt mit den blinden Flecken eines Menschen, der auszog um die Welt zu erkunden und dann doch in seiner eigenen Suppe schwimmen bleibt…

“Arsène Schrauwen” ist nicht nur einer meiner Lieblingscomics, sondern für mich eins der besten Bücher überhaupt. Es ist zeichnerisch und erzählerisch ganz große Comic-Kunst in einem wunderschönen Buch, das ich nach wie vor gerne verschenke (wenn auch nur an Menschen, die etwas mit schrägem Humor und absurden Geschichten anfangen können).

Zum Abschluss noch ein paar Anekdoten aus dem herstellerischen Nähkästchen:

“Arsène Schrauwen” ist zwar eine Lizenzproduktion (also eine Übersetzung – die Ausgaben auf Flämisch und US-Amerikanisch lagen bereits vor, als wir unsere Ausgabe produzierten). Aber ich hatte trotzdem das Vergnügen, nicht mit einem Lizenzverlag oder einer Agentur, sondern direkt mit dem Autor zusammen zu arbeiten, der in Berlin lebt und sich selbst um das Lettering kümmerte. Direkt mit Autor*innen zu arbeiten und Besonderheiten von Büchern persönlich klären zu können, ist immer ein ganz besonderes Vergnügen!

Olivier Schrauwen besitzt einen eigenen Risographen, mit dessen Hilfe er sein Lettering aus einer Mischung aus digitalen und analogen Schritten so erstellt, wie es jetzt aussieht.

● Das Cover, der Innenteil sowie Vor- und Nachsatz (= die Doppelseiten, mit denen der Buchblock vorne und hinten im Cover fixiert wird) sind drei unterschiedliche Papiersorten mit je anderer Struktur, die aber die gleiche Farbigkeit haben. Darauf wurde besonders geachtet. Fühlt mal!

● Die Druckfarben im Innenteil sollten den Druckfarben der US-amerikanischen Ausgabe entsprechen. Da dort aber Papier mit einer anderen Farbigkeit genommen wurde, wäre das Ergebnis mit den ursprünglichen Bezifferungen der Pantonefarben nicht treffend gewesen – und unsere Partner*innen der Druckerei Balto in Vilnius haben das Rot und das Blau extra für uns so angemischt, dass es passt. Einmalig!

● Der Kollege der Druckerei, der „Arsène Schrauwen“ betreute, war so stolz auf das Ergebnis, das er es bei einer allgemeinen Runde über Produktionserfolge seinen Kolleg*innen präsentierte. Einige von ihnen waren jedoch erstmal überrascht, da sie dachten, dass es sich bei der Verschiebung der Schrift auf dem Cover z.B. um einen Fehler handeln müsse. Unser Kollege Dainius Grigaitis klärte dann amüsiert auf, dass alles richtig gemacht wurde und genau so umgesetzt wurde wie gewünscht. Wir hatten den richtigen Mann an unserer Seite! Vielen Dank an dieser Stelle nochmal (leider arbeitet er mittlerweile nicht mehr dort).

In unserem Blog aber natürlich jetzt keine Woche Pause machen, morgen kommen ja schon die nächste Empfehlung sowie eine neue Episode ARIOL auf Euch zu!