Blog Andrea Cisnado am 30. März 2020

Buchtipps aus dem Home-Office #12: Rembetiko

Lea Hübner, Comicübersetzerin: Heute komme ich in den Genuss eines Buches mit einem Flair, der einen Kälte und Schnee draußen vergessen lässt und in eine andere Zeit und Welt führt, über die ich hier Erstaunliches erfahre.

David Prudhomme (vom selben Autor: Rein in die Fluten, Einmal durch den Louvre) bekennt in der Vorrede: „Ich bin kein Grieche, geschweige denn Musiker, ich habe schon seit geraumer Zeit nicht mehr geraucht.“ Doch diese Geschichte – eine der Figuren hat tatsächlich gelebt – wollte erzählt werden und mit Rembetiko gelingt ihm ein mitreißender Musik-Comic. Er transportiert virtuos die rauschhafte Lebensart einer Rembetikogruppe, deren Musik einerseits überaus gefragt, andererseits verflucht wird. Überaus gewitzt behaupten sie sich, trotzen ihrer Verfolgung und leben ihre Musik. Wohlmöglich zieht mich augenblicklich daran die Kombi „Widerstand und Lebensart“ besonders an.

Hintergrund der Geschichte ist der Verlust Smyrnas 1922, Auslöser dafür, dass anderthalb Millionen Orthodoxer, die seit Generationen in Kleinasien gelebt haben, nach Griechenland emigrieren, wo sie sich großteils in Vorstadtslums ansiedeln. Verschiedene Lebensweisen und Einflüsse treffen aufeinander, auch in der Musik – der Rembetiko entsteht.

Die Handlung spielt 1936 in Athen: Vor seiner Entlassung nach sechs Monaten Gefängnis bekommt Markos vom Rembetiko-geneigten Direktor ein Update zur immer angespannteren Situation seit kurz zuvor der faschistische Diktator Metaxas an die Macht gekommen ist.

Prudhomme erzählt in schönen Schnitten: Was der Gefängnisdirektor beschreibt, ist das, was Markos’ Freunden, die vor dem Gefängnis auf ihn warten, in dem Moment widerfährt.

Die Gruppe hat Witz und schnelle Beine. Auf Action folgt aber gleich wieder Muße. Markos und die Freunde nehmen den Faden dort auf, wo er vor dessen Zeit im Knast verloren gegangen war und bald schmieden sie Pläne für das Konzert am Abend.

Auch die verbleibende Zeit bis dahin will genutzt sein und was sich da anbietet, liegt auf der Hand.

An trüben Tagen auf jeden Fall eine Freude ist zu sehen, wie Prudhomme die Stimmung der Szenen der Geschichte zu den unterschiedlichen Uhrzeiten herstellt: ob im Schatten verwinkelter Gassen, im Innern von Kneipen und finsteren Spelunken oder im Dunkel ihrer Hinterzimmer, auch was im Freien des Lichts der Nacht geschieht, all das ist bei Prudhomme von der Beleuchtung her fantastisch getroffen. Hier zeigt sich mir ein Zeichner, der meisterhaft mit sämtlichen Nuancen des Lichts umgehen kann.

Das Konzert der Rembetiken wird legendär. Es geht ordentlich zur Sache und dabei fasziniert mich, dass das Buch dennoch weit davon entfernt ist, einfach Gangsterklischees zu bedienen.

So wird konkret Performance und Konsum von Musik verhandelt – wäre denn bei einem „verfolgten Genre“ eine Platte nicht die Chance? Aber was bedeutet eine Aufnahme und deren Verkauf? Man weiß nicht mehr, vor wem und für wen man eigentlich spielt. Studioaufnahme und Export bedeuteten Verlust an Selbstbestimmung und Folklorisierung.

Schließlich sollte die Übersetzungsleistung von Ulrich Pröfrock, der, wie gewohnt, den Ton genau trifft und auch die 14 Zeilen Verse am Schluss wunderbar und ebenso gereimt in Deutsch aufleben lässt, nicht unerwähnt bleiben, findet Übersetzerin Lea Hübner, die starke Comicraucherin, äh –verbraucherin ist, und einmal pro Woche im Reprodukt-Store hinter der Ladentheke steht.