Blog Filip Kolek am 17. März 2020

Buchtipps aus dem Home-Office #1: “Quai d’Orsay”

Lebenszeichen aus dem home office. Die Reprodukt-Crew ist, wie der gefühlte Rest der Welt, im Küchentischbüro, zwischen Abwasch, Akkord-Mailschreiben und Hiobsbotschaften-am-Telefon-entgegennehmen. Eine der Myriaden von Hiobsbotschaften war der gestrige Beschluss, dass ab heute alle Geschäfte, damit natürlich auch alle Buchhandlungen bundesweit, geschlossen bleiben*, auf unbestimmte Zeit. Für uns als unabhängigen Verlag, der sich in den letzten Jahren mit viel Verve, kreativer Energie und vor allem Hartnäckigkeit Platz und Aufmerksamkeit im stationären Buchhandel erkämpft hat, wird in den kommenden Wochen ein Großteil unserer Absatzmöglichkeiten wegbrechen. Da stehen wir wahrlich nicht alleine da, aber spooky ist das natürlich schon.

(*Kleiner Edit, Stand 18. März: In einigen Bundesländern werden Buchhandlungen als systemrelevant angesehen und geöffnet gelassen. Aktuell sind für NRW, Berlin und Sachsen-Anhalt Ausnahmen vorgesehen, siehe. Das kann sich natürlich schnell ändern …)

Aber nichts genaues weiß man nicht, deshalb machen wir erstmal erhobenen Hauptes aus den eigenen vier Wänden weiter. Zumal bis auf weiteres der Online-Versand funktioniert. Für alle anderen, die in den kommenden Wochen auch innerhalb der eigenen vier Wände ausharren, am besten noch mit unterbeschäftigten Kita- oder Schulkindern, wollen wir jetzt jeden Tag gegen 16 Uhr einen Lesetipp unters Volk bringen. Schaut mal, welche eurer Kiez-Buchhandlungen Online- und/oder telefonischen Bestellservice anbieten. Unterstützt eure Buchdealer in schwierigen Zeiten und deckt euch für die einsamen Coronazeiten mit Lesestoff ein. Und falls eure regionale Buchhandlung nicht liefert – der Reprodukt-Onlineshop ist auch noch bis auf weiteres für euch da!

Also, jeden Nachmittag ein neuer persönlicher Buch/Lesetipp von euren freundlichem Reprodukt-Personal. Den Anfang macht die Presseabteilung mit einer Graphic Novel, die nach längerer Absenz aus den Buchregalen seit Anfang des Jahres wieder erhältlich ist:

“Quai D’Orsay – Hinter den Kulissen der Macht” von Abel Lanzac und Christophe Blain aus dem Jahre 2012.

Der Name “Abel Lanzac” steht übrigens noch auf dem Cover, aber inzwischen dürfte man den Autor auch schon bei seinem richtigen Namen nennen: Antonin Baudry. 2012, als das Buch erschienen ist, war die wirkliche Identität von Baudry noch ein Staatsgeheimnis, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Baudry arbeitete noch für den französischen Staat, als Kulturattaché in der französischen Botschaft in Washington D.C. Zuvor war er u.a. als Redenschreiber für den französischen Außenminister Dominique de Villepin tätig, nach dem er die Hauptfigur seiner Whistleblower-Comicerzählung “Quai d’Orsay” gestaltet hat. Tatsächlich war es einigermaßen kompliziert, Lanzac/Baudry für Interviews zum Buchrelease zu bewegen. Er hat nur einige wenige gegeben, und dann nur unter strikter Geheimhaltung. Kaum ein halbes Jahr später hat er sich dann auch schon selbst geoutet. Und zwar stilecht bei der Preisverleihung zum “Besten Album des Jahres” auf dem Comicfestival Angoulême.

Als Pressesprecher ist “Quai d’Orsay” für mich in feinster Erinnerung: Es war eines der ersten Schwerpunkt-Projekte, die ich 2012, als ich zum Reprodukt-Team dazustieß, betreut habe. Inkl. Top-Secret-Autor, wunderbar! Im Herbst/Winter 2012 erschienen mit “Blast” von Manu Larcenet, “Berichte aus Russland” von Igort und der erste Band unserer losen Robert-Crumb-Reihe “Nausea” weitere Schwergewichte, die bis heute nachhallen, aber die Politsatire über französische und europäische Außenpolitik war es, die uns in diesen Monaten auf Trab hielt. Mindestens so sehr auf Trab, wie Alexandre Taillard de Vorms, der fiktive französische Außenminister in “Quai d’Orsay”, seinen Hofstab aus Redenschreiber*innen, Berater*innen und hauptberuflichen Speichelleckern auf Trab hält. Das Alter Ego von Lanzac/Baudry ist der junge Redenschreiber Arthur Vlaminck, der 2003 kurz vorm Ausbruch des 2. Irakkriegs (wobei aus dem Irak im Comic ein fiktionales arabisches Land wird) in den Beraterstab des streitbaren und charakterstarken Außenministers stößt: “Ich brauche ein Team, Arthur. Ein Kommando. Entschlossene Leute. Immer in Bewegung. Rund um die Uhr. Ein Kommando.” In atemlosem Stakkato-Stil fegt de Vorms durch das Amt am Quai d’Orsay, verteilt Aufträge und Inspirationsbröckchen in knappen Soundbites und verbreitet Hektik und das unbedingte Gefühl, an etwas Großem teilzuhaben (man muss dafür nur auf Privatleben und die eigene Persönlichkeit verzichten). Nur für Kritik nimmt sich der dauergestresste Außenminister mehr Zeit. Seine Waffe ist der grellgelbe Stabilo-Stift, der im Buch eine prominente Rolle einnimmt. Ohne Rücksicht auf Verluste “stabilosiert” er Reden, Bücher, Briefe, ausgedruckte Mails. Wie ein Trüffelschwein fördert er aus jedem Text den Essenzgedanken heraus (“Steht bei Heraklit. Ich hab’s stabilisiert!”). Der brillante Christophe Blain, der dieses Frühjahr bei den Kollegen von Egmont den Kult-Cowboy Blueberry neu erfinden darf, übersetzt diesen wahnwitzigen Aktionismus in seine stets überzeichnete, sehr körperliche Comicoptik.

Es wirkt wie eine Mischung aus Max Linder, Charles Chaplin und modernem Ausdruckstanz, wenn de Vorms mit vollem Körpereinsatz und wilder Gestikuliererei seinen Mitarbeitern seine politische Vision zu vermitteln versucht. Es steht schließlich auch viel auf dem Spiel – Frankreich versucht mit Hilfe der Deutschen eine amerikanische Militärintervention im Nahen Osten zu verhindern (wer erinnert sich noch an die “Freedom Fries”?). “Quai d’Orsay” ist heute – 8 Jahre später und einen irren amerikanischen Präsidenten weiter – eine Art Zeitdokument über die Krise der Internationalen Diplomatie nach dem 11. September, ein bizarrer Blick in die Hinterzimmer der Macht, in den Eitelkeiten und Aktionismus die Geschicke der Welt lenken und eine herrliche Dialog-Komödie, die die Macht und die Wunder der Sprache feiert.

Dieses schwergewichtige Buch würde ich euch also für die Pandemie-Lesewochen ans Herz legen. Ich bin gespannt, was sich die Kolleg*innen in den kommenden Tagen für euch aussuchen.

Falls ihr euch “Quai d’Orsay” wirklich anschafft, oder auch ein anderes Reprodukt-Buch, lasst es uns mit einem Lese-Schnappschuss auf Instagram oder Facebook wissen, das würde uns in der sozialen Isolation ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Ein letztes Schmankerl hätte ich noch für euch. Eines der wenigen Interviews, die Antonin Baudry, noch in vollem Inkognito-Modus – 2012 – gegeben hat, war für unserer Pressedossier. Das Gespräch veröffentlichen wir in voller Länge an dieser Stelle. Viel Spaß dabei! #jetzterstrecht!

„Quai d’Orsay“ basiert auf Ihren Erfahrungen als Mitarbeiter des französischen Außenministeriums unter Dominique de Villepin. Warum haben Sie sich entschieden, Ihre Geschichte in Form eines Comics zu erzählen?

Als ich im Außenministerium anfing, kamen mir die Menschen um mich herum vom ersten Moment an wie Superhelden vor. Jeder hatte eine andere Supermacht: Einer konnte in die Zukunft sehen, ein anderer konnte augenblicklich die Gegebenheiten jeder beliebigen Situation erfassen, ein dritter konnte uns alle zum Lachen bringen, wenn wir wegen einer Krise extrem angespannt waren, usw. Anstatt diese Sichtweise zu verfälschen, entschied ich mich, ihr treu zu bleiben. Deshalb wollte ich meine Geschichte in Form eines Comics erzählen. Ich habe auch noch eine andere Erklärung: Als ich klein war, musste ich meinem Vater versprechen, dass ich niemals professionell Comics schreiben würde – er war derjenige, der mich in die Welt der Comics einführte, und dann bekam er wahnsinnige Angst vor der Leidenschaft, die ich dafür entwickelte. Wie dem auch sei, ich musste mein Versprechen einfach brechen. Reiner Ödipuskomplex – wenn auch in fortgeschrittenem Alter. Jetzt müssen Sie sich nur noch eine der beiden Erklärungen aussuchen. Oder wäre das nicht die Aufgabe Ihrer Leser?

Der Hauptteil des Comics befasst sich mit der Irakkrise und den UN-Debatten vor dem Einmarsch der USA. Wie viel davon ist tatsächlich so geschehen?

Die Mechanismen sind alle real. Die Details sind alle verändert und zusammengefasst. Je mehr man die Wahrheit sagen will, desto mehr muss man alles erfinden. Das habe ich bei der Arbeit an diesem Buch gelernt.

Was hat Sie dazu bewogen, wichtigen Konfliktländern wie dem Irak und dem Kongo fiktive Namen zu geben?

Nicht jeder tippt auf die gleichen Länder als Inspiration für das Buch. Aber das ist nicht der Hauptgrund. Der Hauptgrund ist, dass „Quai d’Orsay“ keine Dokumentation sein will, sondern die Wahrheit zeigen will – sagen wir, die relative Wahrheit meiner Sichtweise. Und um diese bestimmte Art der Wahrheit zu erreichen, die ich darstellen wollte, brauchte ich die Fiktion. Es klingt paradox, aber um die Wahrheit zu enthüllen und sichtbar werden zu lassen, eignet sich Fiktion manchmal besser als eine Dokumentation oder genaue Aufzeichnungen exakter Details. Erfundene Namen – für Länder wie auch für Personen – zeigen einfach, dass wir uns im Reich der Fiktion befinden. Und damit geben sie mir die Freiheit, die ich brauche.

Sie zeigen, wie verheerend sich die Arbeit in der Politik auf persönliche Beziehungen und das Privatleben auswirkt: Arthur verliert seine Verlobte, der Minister und seine Mitarbeiter verbringen Weihnachten auf Geschäftsreisen … Was ist so faszinierend an diesem Lebensstil, dass die politischen Akteure bereit sind, so viel von ihrem Privatleben zu opfern?

Ich persönlich bemühe mich immer noch, meine Verlobte nicht zu verlieren … Aber im Ernst. Die Politik ist ein sehr wettbewerbsorientierter Sport. Es kann nur einen Sieger geben, und sehr oft hat er für seinen Sieg jahrzehntelang gekämpft. Das Paradox ist, dass politische Macht reine Fiktion ist: Je näher man ihr kommt, als desto leerer stellt sie sich heraus. Aber trotzdem scheint Macht eine Leidenschaft zu sein. Frankreich ist vom griechischen Erbe geprägt: „Der Mensch ist ein politisches Tier“, sagte Aristoteles, und er hatte recht. Die Leidenschaft, die Stadt und die Welt zu verbessern, ist sehr inspirierend. Ich hoffe, dass viele aufrichtige und inspirierte Menschen der Politik in Europa treu bleiben. Ohne sie würden wir ins Chaos stürzen – das kann uns zwar auch mit ihnen passieren, aber so besteht zumindest noch Hoffnung.

Im Zentrum von „Quai d’Orsay“ steht die Figur des Außenministers Alexandre Taillard de Vorms. Er ist ein überlebensgroßer Politprofi und wird manchmal als Darth Vader oder Minotaurus dargestellt. Wie viel vom echten Dominique de Villepin steckt in dieser Figur?

Dominique de Villepin, mit dem ich fünf Jahre zusammengearbeitet habe, hat mich zur Figur des Alexandre Taillard de Vorms inspiriert. Er ist ein übermenschlicher, ewiger Held, und ich schätze ihn sehr. Hm, ich glaube, die Darth-Vader-Metapher veranschaulicht eher unsere Beziehung zueinander. Aber der Minotaurus, tja …

Wie haben die diplomatischen Kreise in Frankreich auf „Quai d’Orsay“ reagiert?

Ich möchte nicht für sie sprechen, aber ich kann sagen, dass ich nur positive Energie und begeisterte Reaktionen von den französischen Diplomaten erhalten habe. Besonders wichtig war mir, dass sie alle die Authentizität der Darstellung in „Quai d’Orsay“ betont haben. Ich habe das Buch in gewisser Weise für sie geschrieben.

In Christophe Blain haben Sie einen kongenialen Künstler gefunden, um Ihre Geschichten zu visualisieren. Wie haben Sie beide sich kennengelernt, und wie ist „Quai d’Orsay“ entstanden?

Wir trafen uns durch einen Zufall, wie alle Welt, wie Diderot sagt … Wir haben uns in Spanien, in Madrid, kennengelernt und sind sehr schnell Freunde geworden. Anfangs hatte Christophe Bedenken: Leute in Anzügen zu zeichnen, klang nicht gerade spannend. Also versuchte ich, die Personen zu imitieren, um ihm zu zeigen, dass diese Leute echt witzig sein konnten. Das gefiel ihm, und wir trafen uns mehrmals, um über das Projekt zu sprechen. Wir wurden beide immer begeisterter. Ich erinnere mich, wie uns eines Tages klar wurde, dass wir nur noch diese eine Frage im Kopf hatten: Wann können wir anfangen? Und dann lief alles „Free’n’Easy“ – wie in dem Song von The Almighty. Wir lachten viel, weinten ein wenig und gestalteten das Ding. Gemeinsam mit Christophe an diesem Comic zu arbeiten, bleibt eine der besten Erfahrungen meines Lebens. Wir hatten wirklich Spaß daran und sind zusammengewachsen wie Brüder.

Die Figuren des Ministers de Vorms und seiner Mitarbeiter leben von ihren expressiven Erscheinungen und Bewegungen. Minister de Vorms zum Bespiel sieht aus wie ein olympischer Schwimmer, wenn er seine Gedanken erklärt und dabei wild mit den Armen herumrudert. Wie haben Sie gemeinsam mit Christophe Blain das Aussehen und die Gestaltung der Figuren entwickelt?

Wir haben Schritt für Schritt unsere eigene Methode gefunden. Wir arbeiten nie getrennt. Wir machen alles zusammen, bis wir ein gutes Storyboard haben. Zuerst erzähle ich eine Geschichte, Christophe macht sich Notizen, dann arbeiten wir an Ideen, Bildern, Inszenierung, Montage, usw. Wir beide lieben diesen Moment. Wenn wir ein komplettes Storyboard haben, lassen wir es ein wenig ruhen, bevor wir es ganz lesen, um zu sehen, ob wir noch etwas verbessern könnten. Wir hören nie auf, bevor wir nicht beide das Gefühl haben, dass es nicht mehr besser werden kann. Das Storyboard ist auch schon fast ein Comic: Wir zeigen es ein paar Leuten, um sicherzugehen, dass wir nicht total abgedreht sind und dass auch der Rest der Welt die Geschichte versteht. Und dann nimmt Christophe das Storyboard und beginnt zu zeichnen.

Wie wichtig sind auf Hochglanz polierte Schuhe in der internationalen Diplomatie tatsächlich?

Man sagt, die Länge einer Frauennase habe den Lauf der Welt verändert, und möglicherweise ist das der Grund, weshalb Diplomaten bei äußeren Details sehr vorsichtig sind. Ich bezweifle, dass der Glanz ihrer Schuhe jemals die Welt verändern wird, aber sie bleiben ein sehr gutes Mittel, um sie in einer Menschenmenge zu identifizieren.