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Vernissage: Mawil-Werkschau und 30 Jahre Reprodukt in der Galerie Neurotitan

„Kannst du das nochmal an der Fensterbank anbringen?“, sagt er zu mir und hält mir ein Stück Pappe und eine fast leere Rolle Kreppband ins Gesicht. „Du bist doch gut in so was.“ Mein Blick wandert zwischen der Pappe und der Fensterbank hin und her. Säufzend mache ich mich ans Werk, während um mich herum die letzten hektischen Vorbereitungen zur Ausstellung getroffen werden, die in fünf Minuten ihre Türen öffnen soll und ich darüber nachdenke, ob es eigentlich positiv gemeint ist, wenn dem Praktikanten im Comicverlag das Label „gut“ im Fach Klebebandprovisorien verliehen wird. Hätte man das nicht lieber gehört, als es um die letzte Pressemappe ging, die es vorzubereiten galt?! Doch nun knie ich vor einer Fensterbank in Berlin-Mitte und schneide an einem Pappkarton herum.

Seit Dienstag sind wir hier, ein kleine Verlagsgesandtschaft, die sich in Ausstellungsgestaltung versucht und dem erfahrenen Künstler zur Seite steht, der uns Amateuren ins Sachen Galeriebau mit routinierten Handgriffen in den Schatten stellt. Der erfahrene Künstler ist Berliner Comicurgestein Mawil. Gemeinsam wollen wir einen Monat lang die Galerie Neurotitan< im Haus Schwarzenberg (Rosenthaler Straße 39, 10178 Berlin) mit einer 30-Jahre-Jubiläumsausstelung bespielen. Während der Ausstellungsveteran die letzten Tage im vorderen Teil der Galerie gekonnt gebastelt, geklebt und geschnippelt hat, ist hinten regelmäßig Team „Wasserwaage“ mit Team „Pimaldaumen“ aneinander geraten.

Doch irgendwie klappt es jetzt doch: Die letzten Handgriffe sind getan und jemand ruft: „So, ich mache jetzt auf! Die Leute stehen auch schon bis unten in den Hof.“ Ein paar Augenblicke später herrscht munteres Treiben um uns herum und wir sind ein wenig überwältigt, aber vor allem sehr glücklich angesichts der vielen Besucher*innen. Als schließlich der erste Programmpunkt, eine Mawil-Lesung der Neuerscheinungen „Mauer Leiter Bauarbeiter“ und „Die Power-Prinzessinen-Patroullie“ beginnt, drängt sich eine bunte Mischung aus Comicnerds, alten Weggefährten und natürlich Mawil-Fanclub von jung bis alt um die kleine Galerie-Bühne. Niemand scheint bemerkt zu haben, dass eins der Bilder von Nicolas Mahler ein wenig schiefer hängt als die anderen und auch wir beginnen, diesen Auftakt zu genießen. Erstmals können wir uns so richtig über die Ausstellung freuen und über die tollen Programmpunkte, die in den kommenden Wochen folgen werden und zu denen natürlich auch die Leserschaft dieses Blogs herzlich eingeladen ist!

Ein (zu) kurzer Besuch auf dem Comicfestival Hamburg

Da reist man aus dem Norden in die große Hauptstadt, um das lang ersehnte Verlagspraktikum anzutreten nur um wenige Tage später zurück nach Hamburg zu fahren… ganz schön umständlich.

Aber ich falle mit der Tür ins Haus und habe vergessen mich vorzustellen: ich bin Lukas und der Neue hier. Für die nächsten Monate freue ich mich, ganz viel Comicverlagsluft schnuppern zu dürfen. Dafür bin ich extra nach Berlin gezogen, um im Hause Reprodukt an vorderster Front mitzuerleben, wie feinste Comicliteratur entsteht. Endlich Berlin! Endlich „was-mit-Medien“! Hauptstadt der Republik, Hauptstadt des deutschen Comics. Wer was mit Comics machen will, muss da hin, haben sie gesagt. Und was mache ich am ersten Wochenende?! Zurück nach Hamburg fahren. Doch dazu habe ich allen Grund: in der Hansestadt öffnet das 15. Comicfestival Hamburg seine Pforten, und das lasse ich mir natürlich keinesfalls entgehen!

Lange Schlange vor dem Stadtteilzentrum Kölibri, Ausgangspunkt für Besucher:innen – man müsse etwas auf die Personenanzahl achten, erklärt die nette Frau am Eingang und bittet kurz zu warten – man kennt das inzwischen, Pandemie und so. Ich und meine Begleitung treten einige Schritte zurück auf den Gehweg und vertreiben uns die Zeit mit der Ausstellung, die praktischerweise im Schaufenster aushängt. Beim Comicfestival in Hamburg ist man krisenerprobt: als im vergangenen Jahr die Corona-Pandemie ausbrach plante man kurzerhand um und rief den Panel Walk ins Leben. Schaufenster von Ladenlokalen, Cafés und Galerien wurden zu Ausstellungsflächen, die Straße zum Festivalgelände. Abenteurer:innen, die alle Stationen erkundeten, belohnte die Comicsafari mit diversen Stickern zum Sammeln, die sich in kleinen Schachteln an den Schaufenstern fanden. Auch dieses Jahr ist das wieder so. Wir stehen also vor der Tür und sind doch mittendrin.

Aber auch innen lohnt der Besuch, wie wir wenig später erfahren. Das Kölibri gleicht einer Schatzkiste, bestückt mit allem, was das Comicherz begehrt: ob Comicband oder -heft, Zines, Drucke in klein und groß, Sticker, Postkarten und Ausmalcomicbücher. Neben Comicverlagen präsetieren hier auch Studierende und Selbstverleger:innen allerlei Kunstfertigkeiten, die zum Stöbern und Staunen einladen.

Von hier spazieren wir weiter und landen schließlich in der Wohlwillstraße. Nach einem Besuch bei Strips&Stories, der Comicbuchladen, den man auf diesem Festival natürlich nicht auslassen darf, einer kurzen Pause im benachbarten Kaffee Stark (während der wir unpassenderweise eine große Apfelschorle trinken) schauen wir uns die Ausstellung von Joe Joe Kessler im Art Store St. Pauli an. Jutta Bauer und Tanja Esch stellen ein paar Meter weiter aus. Die gemeinsame Arbeit der beiden Illustratorinnen lässt uns herzlich lachen und so wünschen wir uns schließlich, wir hätten mehr Zeit mitgebracht.

Doch nach dem Festival ist vor dem Festival. Bis nächstes Jahr darf diese Pandemie dann hoffentlich vorüber sein, aber klar ist, ob mit oder ohne Panel Walk: wir kommen wieder!

Mawil-Werkschau in der Galerie Neurotitan , Berlin – 6.-28. November

1991, zwei Jahre nach dem Mauerfall, legt ein comicbegeisterter Ostberliner Schüler seine ersten Comicseiten auf den Kopierer der Evangelischen Kirchengemeinde, greift zum Tacker und verteilt anschließend seine DIY-Comichefte an Freund*innen und Familie. Heute, 30 Jahre später, zählt Markus “Mawil” Witzel zu den profiliertesten und umtriebigsten Comiczeichner*innen der jungen deutschen Szene. Zusammen mit FlixReinhard Kleist oder Isabel Kreitz hat er Anfang der Nuller Jahre die deutsche Comiclandschaft erneuert und entscheidend geprägt. Seither ist Mawil mit seinen oft autobiografischen, kunstvoll krakeligen und stets pointierten Comicerzählungen eine treibende Kraft der deutschen Comicszene.

Seinen Durchbruch hatte Mawil 2003 mit der bittersüßen Schlussmachmär “Wir können ja Freunde bleiben”. Die Darstellung (s)einer Kindheit in Ostberlin am Vorabend des Mauerfalls, “Kinderland”, erhielt 2015 beim Comic-Salon Erlangen den “Max und Moritz”-Preis als “Bester deutschsprachiger Comic”. 2019 durfte er als erster deutscher Comiczeichner den alterslosen Cowboy “Lucky Luke” in Szene setzen. Über ein Jahrzehnt veredelten seine opulent gestalteten Comic-Strips die Sonntagsausgabe des Berliner Tagesspiegels. Hier konnte er Monat um Monat mit viel hintersinnigem Witz und einer unbändigen Lust am Erzählen der Kunstform Comic neue Facetten entlocken. 2021 wurde Mawil als erster aus den Neuen Bundesländern stammende Künstler mit dem renommierten Wilhelm-Busch-Preis für satirische und humoristische Zeichenkunst und Versdichtung geehrt.

Die “Mawil-Werkschau” zeigt Originalzeichnungen, Objekte, Skizzen, Veröffentlichtes und Verworfenes, Erinnerungsstücke und andere Arbeiten aus drei Jahrzehnten seines Schaffens. Präsentiert wird die Ausstellung von Mawils Berliner Verlag Reprodukt, der ihn seit bald 20 Jahren verlegerisch begleitet und in diesem Jahr ebenfalls 30-jähriges Jubiläum feiert.

Programm:

6. November, ab 16 Uhr: Vernissage, inkl. Comiclesung von Mawil
11. November, 19 Uhr: Michael Meier liest aus “Das Inferno”
17. November, 19 Uhr: Mawil & friends – Mawil im Gespräch mit Andreas Hartung, Jens Harder und Naomi Fearn, Moderation: Lars von Törne (Der Tagesspiegel)
20. November, 16 Uhr: Mawil-Comiclesung für große und kleine Kinder
25. November, 19 Uhr: Max Baitinger liest aus “Sibylla”
28. November, ab 16 Uhr: Finissage, adventliches Signieren und Glühweintrinken

Neurotitan Gallery, Rosenthaler Str. 39, D-10178 Berlin
www.neurotitan.de

„Tove“: Ein Film über Tove Jansson und die Anfänge der Mumins

“Tove” (2020) ist ein Film der finnischen Regisseurin Zaida Bergroth, der seine Deutschlandpremiere auf dem Filmfest München 2021 feierte.

Das biographische Drama konzentriert sich auf das Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Es zeigt Tove Janssons Leben als Künstlerin, ihre Anfänge als Malerin und erzählt von ihrem Durchbruch als Schriftstellerin und Schöpferin der Mumins. Der Film bildet dabei aber keine reine Erfolgsgeschichte ab. Er zeigt, wie Tove Jansson Enttäuschungen erlebt und berichtet von ihren ambivalenten Gefühlen dem Erfolg der “Mumins” gegenüber, von ihrem Selbstbild einer gescheiterten Künstlerin. Der Film ist auch eine Liebesgeschichte, in der Tove ihre Liebe zu Frauen entdeckt. Aber mit der Liebe kommt auch der Herzschmerz — und in der Liebe wie im Leben läuft nicht alles so, wie sie es sich gewünscht hat…

Zu der Besetzung des Films zählen unter anderem Alma Pöysti (Tove Jansson), Krista Kosonen (Vivica Bandler) und Shanti Roney (Atos Wirtanen). Hier findet ihr den deutschsprachigen Trailer zum Film. „Tove“ wird am 18. November in Deutschland in die Kinos kommen.

Der sehenswerte Film stellt Tove Jansson als Menschen in den Mittelpunkt, die Zuschauer:innen erleben sie nicht nur als Schöpferin der Mumins, sondern auch als Frau, Künstlerin und Schriftstellerin. Dabei macht der Film unbedingt auch Lust darauf, sich mit dem Werk dieser bemerkenswerten Künstlerin auseinanderzusetzen: Es gibt viel zu entdecken im Mumintal!

Anna Haifisch im Museum der bildenden Künste Leipzig

Anna Haifisch hat im Mai 2021 nicht nur den Max-und-Moritz-Preis für die „Beste Comiczeichnerin“ gewonnen, sondern wurde auch mit dem 14. Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung ausgezeichnet.

Traditionell erhalten Preisträger*innen des LVZ Kunstpreises eine Ausstellung im Museum der bildenden Künste Leipzig:

Anna Haifischs Einzelausstellung wird vom 9.März bis zum 3. Juli 2022 im MdbK Leipzig zu sehen sein.

Bei Reprodukt sind „The Artist“ und „The Artist 2: Der Schnabelprinz“ bereits erschienen, der abschließende dritte Band der Reihe, „The Artist 3: Ode an die Feder“ (übersetzt von Marcel Beyer), erscheint im Oktober.

15. Comicfestival Hamburg

Am ersten Oktober-Wochenende (1.-3. Oktober) geht das Comicfestival Hamburg bereits in die 15. Runde! Eine Verlagsmesse im Kölibri und zahlreiche Ausstellungen machen es möglich, bekannte und noch nicht bekannte Künstler*innen und ihre Werke kennenzulernen. Im Fokus des Festivals stehen dabei wie gewohnt neue Comics, Graphic Novels und narrative Zeichnungen mit besonderem künstlerischen Blick.

Gäste sind unter anderem Anna Haifisch, Marc Boutavant, Antonia Kühn und Carolin Walch. Anna Haifisch zeigt außerdem den abschließenden dritten Band ihrer „The Artist“-Reihe, der bei Reprodukt im Oktober erscheinen wird.

(Quelle)

Comicfestival Hamburg
Kölibri
Hein‒Köllisch‒Platz 12
D-20359 Hamburg
comicfestivalhamburg.de