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Zwischen-den-Jahren-Interviews IV: Guillermo Corral

Heute und morgen wird es abenteuerlich bei den Zwischen-den-Jahren-Interviews! Wir lassen heute den spanischen Diplomaten Guillermo Coral, den Autor des Archäologie-Thrillers „Der Schatz der Black Swan”, zu Wort kommen. Und morgen den spanischen Comicstar Paco Roca, der anhand von Corrals Skript diesen wunderbar altmodischen Abenteuer-Comic gezeichnet hat. „Der Schatz der Black Swan“ basiert auf dem tatsächlichen „Black Swan Project“-Fall, die Bergung einer 1804 gesunkenen, mit Gold beladenen spanischen Fregatte durch ein US-Schatzsucher-Unternehmen und die anschließende Jahre lange gerichtliche Auseinandersetzung zwischen Spanien und den Schatzjägern. Guillermo Corral war als spanischer Diplomat in den USA an der vordersten Front des Gerichtsstreits. Im Interview spricht er mit uns über den reellen Fall und die fiktionalisierte Comicversion. Viel Spaß dabei!

Danke, dass du dir für dieses Interview Zeit genommen hast. Bevor wir mit Fragen über „Der Schatz der Black Swan“ anfangen, könntest du uns ein bisschen von dir erzählen? Wie kamst du zum Schreiben und welche Rolle spieltest du in dem Gerichtsfall rund um das Black-Swan-Projekt?

Ich arbeite vorrangig als Diplomat, aber ich in bin auch als Autor tätig. Das bedeutet, ich sehe Dinge oft auch aus einer literarischen Perspektive. Als der Fund der Black Swan 2007 bekanntgegeben wurde, fing ich gerade an, als Berater für das Spanische Kulturministerium zu arbeiten. Von diesem Moment an war ich auf unterschiedliche Weisen in den Fall involviert, erst in Madrid bis 2010 und dann als Kulturattaché in der Spanischen Botschaft in Washington DC. Schließlich, nachdem wir den Rechtsstreit gewonnen haben, war ich es, der die Rückgabe und den Transfer des Schatzes nach Spanien organisierte. Damals machte ich einfach nur meinen Job aber ich kam nicht umhin zu denken, dass das gutes Material für ein Buch oder einen Film wäre.

Obwohl die Geschichte sich um Bergungsrechte dreht, hat sie viel gemeinsam mit einem politischen Thriller, mit verdeckten Drohungen, Korruption und mehr als nur ein paar dramatischen Momenten. Hast du jemals befürchtet die Geschichte könnte „ausgedacht” wirken?

Wer hat gesagt, da wäre etwas ausgedacht? Scherz beiseite, offensichtlich ist die Geschichte ein Abenteuer und keine Dokumentation. Wir fühlten uns frei, die Erzählung dementsprechend anzupassen. Trotzdem ist sie ziemlich nah an dem, was tatsächlich passiert ist. Manche Dinge sind ausgedacht, aber nicht unbedingt die unwahrscheinlichsten. Ich überlasse so etwas gern den Lesenden, weil es so einfach mehr Spaß macht.

Der Name „Indiana Jones“ wird auf den ersten Seiten erwähnt und an ihn denken vermutlich die meisten, wenn sie von Archäologen oder Schatzsuchern hören. Inwieweit unterscheidet sich diese Wahrnehmung von Helden von der Realität?

Paco und ich lieben das Flair klassischer Abenteuergeschichten. Auf der anderen Seite haben diese wenig mit der Realität zu tun. Sowohl ernsthafte Archäologie als auch Schatzsuche hat viel mehr mit Recherche zu tun als mit abenteuerlichen Erkundungen. Was jedoch bleibt ist die Aufregung der Entdeckung.

Die Relevanz von und der richtige Umgang mit Kulturgütern sind ein zentrales Thema in eurem Buch. War dies für dich ein persönliches Anliegen?

Auf jeden Fall. Schließlich sind Kulturgüter Zeugen unserer eigenen Geschichte. Man sollte sie nicht missachten oder vermarkten, als wären sie alltägliche Konsumgüter.

Der Fall der Black Swan zog sich über Jahre und erhielt internationale Aufmerksamkeit. Jetzt wo der Schatz wieder in Spanien ist, was glaubst du, werden die Folgen dieser Gerichtsverhandlungen sein, sowohl in juristischer als auch in kultureller Hinsicht?

In juristischer Hinsicht wurde ein wichtiger Präzedenzfall für die Regulation der Aktivitäten von Schatzsuchern geschaffen. Firmen müssen mittlerweile viel vorsichtiger sein und mit Regierungen zusammenarbeiten und nicht einfach ihr eigenes Ding machen wie moderne Piraten. In kultureller Hinsicht wurde zumindest in Spanien das Interesse an Unterwasser-Archäologie wieder geweckt. Heutzutage haben wir dafür ein nationales Zentrum und einen Aktionsplan, was es beides vor dem Fall nicht gab.

Gab es einen bestimmten Moment während der Verhandlungen um das Black-Swan-Projekt, der dich dazu inspirierte „Der Schatz der Black Swan“ zu schreiben?

Zum ersten Mal in die Schatzkammer in der Hochsicherheitseinrichtung zu kommen war ein sehr besonderer Moment. Wie eine Szene aus einem Film…

Du hast bisher noch nicht für einen Comic geschrieben. Warum wurde „Der Schatz der Black Swan“ als Graphic Novel umgesetzt und welche Beziehung hast du zu dem Medium?

Ich bin ein sehr visueller Mensch. Selbst wenn ich schreibe, denke ich oft zuerst in Bildern. Außerdem bin ich schon seit meiner Kindheit ein begeisterter Comicleser. Diese Geschichte mit versunkenen Schätzen, modernen Piraten und Spionen hat alle Elemente eines Comics meiner Kindheit, vor allem „Tim und Struppi”. Einen Comic zu schreiben war daher von Anfang an eine klare Entscheidung.

Paco Roca hat schon mehrere selbst verfasste Graphic Novels veröffentlich, in denen es sowohl um persönliche als auch politische Geschichten geht. Wie kam es zu eurer Kooperation?

Wir trafen uns in Washington DC. Ich war für das spanische Kulturprogramm zuständig und wir luden Paco ein, seine Arbeit dort vorzustellen. Wir verstanden uns vom ersten Moment an und als ich ihm erzählte, ich hätte eine gute Geschichte für eine Graphic Novel, zeigte er sich interessiert. Ich schickte ihm einen ersten Entwurf und er mochte ihn. Von da an war unsere Kooperation ziemlich einfach.

Gab es etwas, dass dich am für Comics schreiben oder an der Zusammenarbeit mit einem Künstler besonders überrascht hat?

Tatsächlich waren wir beide überrascht, wie einfach es war, zusammenzuarbeiten. Paco ist ein großartiger Künstler und Erzähler. Wir verstanden uns blendend, und letztlich fühlen wir uns beide zu 100% verantwortlich für das ganze Buch. Es war eine große Freude und ein wahres Abenteuer.

Das Interview führte Jonathan Büning. Übersetzt wurde es von Andrea Cisnado.

Zwischen-den-Jahren-Interviews III: Andreas Michalke

Eines der letzten Reprodukt-Bücher in diesem Auslausmodell von einem Jahr war Andreas Michalkes „Der analoge Mann“. Der Band sammelt die gleichnamigen Comicstrips und illustrierten Kolummen aus der Berliner Wochenzeitung Jungle World, in der Andreas Michalke seit Jahren seinen Alltag im Berliner Kiez Kreuzberg dokumentiert. Für eine schicke digitale PDF-Pressemappe sprach Andreas mit uns über über die Unmittelbarkeit von
autobiografischen Comics, die Vorteile der Gentrifizierung („Die machen uns den Kiez schön!“)
und die Vorzüge von Underground-Comicheften gegenüber Graphic Novels. Viel Spaß mit dem 3. der Zwischen-den-Jahren-Interviews!

Lieber Andreas, danke, dass du dir ein bisschen von deinem analogen Tag für uns abknappst und dieses Interview machst. Kannst du uns zum Einstieg ein bisschen über deine Anfänge als Comiczeichner erzählen. Wie bist du zum Zeichnen gekommen?

Ich habe viel zu spät angefangen, Comics zu zeichnen. Die besten Comiczeichner werden richtig gut, weil sie in der Frühpubertät sozial verkrüppeln und Comics ihr Fluchtmedium werden. Leider habe ich meine Kindheit relativ gut angepasst überstanden und dann erst Anfang der 80er aus Langeweile angefangen zu zeichnen. Meine ersten Comics veröffentlichte ich als 16jähriger in einer Schülerzeitung, die wir selbst gegründet hatten und die wir vor dem Schultor verkauften.
Comics sind immer noch das einzige Medium, in dem du Text und Bild unmittelbar und ungefiltert selbst gestalten und veröffentlichen kannst. Außerdem ist das gleichzeitige Schreiben und Zeichnen eine besondere Art des Nachdenkens, die zu ganz eigenständigen Ergebnissen führt, die kein anderes Medium so zusammenführen kann.

Im gewissen Sinne bist du mit „Der analoge Mann“ zu deinen Ursprüngen als Comiczeichner zurückgekehrt: Mit der Heftreihe „Artige Zeiten“ (1991-97) und der Comicerzählung „Smalltown Boy“ (1999) hattest weit vor der autobiografischen Welle in den Nuller Jahren Geschichten aus deinem Alltag und deinem Leben erzählt. Was, denkst du, macht den Comic so attraktiv fürs autobiografische Erzählen?

Mir ging es in meinen Comics immer um die größte mögliche Unmittelbarkeit, Ehrlichkeit und Authentizität. Seltsam anachronistische Kategorien, die ich nicht aufgeben möchte. Ich finde es sehr schön, über Comics mein Leben festzuhalten. Es ist wie öffentlich Tagebuch schreiben. Eine coole Sache und wegen der notwendigen Indiskretion des Autobiografischen nicht ganz ungefährlich. Daran hat sich in dreißig Jahren nichts verändert.Der titelgebende „analoge Mann“ ist dein Comic-Alter-Ego. Was kannst du uns über diesen Mann, was kannst du uns über dich erzählen? Wofür steht das Attribut „analog“ für dich?

Ich bin tatsächlich dieser analoge Mann mit dem Hut. 53 Jahre alt, Swing-Tänzer, Schallplattensammler, Hausmann und Comiczeichner. Ich bin sowohl Drinnen- als auch Draußenmensch. Introspektiv und Extrovertiert. Stillarbeiter und Tanzsportler. Asozial und dann wieder Übersozial. Widersprüche, die eigentlich gar nicht auszuhalten sind.

Du lebst in Berlin Kreuzberg. In deinen Comics erzählt du darüber, wie sich der Kiez nach und nach verändert. Wie nimmst du diese Wandlung wahr? Welche Rolle spielen Getrifizierung und Verdrängung für dich im Privaten und für dich als Erzähler?

Ich lebe seit 22 Jahren in Kreuzberg. Hier wird fleißig gentrifiziert, ein Ende ist aber schon abzusehen. Dann werden nur noch wohlhabende, linksliberale Familien hier wohnen. Ich freu mich schon, die machen uns alles so schön hier. Ohne Scheiß, Bergmannkiez ist echt der geilste Kiez hier!

Ein weiteres Thema, das sich durch deine analogen Strips zieht, ist die türkische Community in Berlin: Autocorsos für Deniz Yücel, AKP-wählende Frisöre … Du bist ein Türkei-Fan, richtig? Du bist vernetzt mit vielen Zeichner*innen aus der Türkei, vor einigen Jahren hast du mit „Mamba“ eine Comiczeitung herausgegeben, die inspiriert war von türkischen Zeitschriften wie „Uykusuz“. Was fasziniert dich an dem Land und seiner (Sub-)Kultur?

Ich war 2005 zusammen mit der Jungle World zum ersten Mal in Istanbul. Seitdem habe ich gute Freunde dort. Zuletzt waren meine Freundin und ich im September da. Aber eigentlich fahren wir nie nach Istanbul, sondern nach Beyoglu, oder Cihangir, dem Kreuzberg von Istanbul. Der konservative Rest interessiert mich genauso wenig wie Berlin-Zehlendorf. Mich inspiriert und bewegt die progressive Türkei, die trotz aller Repression sehr lebendig und nicht unterzukriegen ist.

Und natürlich ist Musik immer wieder ein zentrales Thema – aus den Punk- und Hardcore-Konzerten deiner frühen Comics sind Swing- und Jazzabende geworden. Aber die Liebe zur Subkultur ist geblieben. Welche Rolle spielen Musik und Vinyl in deinem Leben?

Musik und Schallplatten spielen eine sehr große Rolle in meinem Leben. Ich weiß, dass Spezialistentum die meisten Leute nervt, aber ich kann nur überzeugend über Sachen schreiben, die mich interessieren. Ich versuche also die Beschäftigung mit Dixieland Jazz oder türkischem Twist in meinen Comics auf ein Minimum zu beschränken. Ab einem bestimmten Alter wird es sowieso unmöglich, den Musikgeschmack mit irgend einer anderen Person deckungsgleich zu kriegen.

Du warst einer der ersten deutschen Comiczeichner im Portfolio von Reprodukt. Als du in den 1990ern anfingst, Punk-inspirierte Comics zu zeichnen, war die deutsche Comicszene noch recht übersichtlich. Wie nimmst du die Comicszene in Deutschland heute wahr? Was hat sich alles getan? Was muss noch getan werden?

Ich war nicht „einer“ der ersten deutschen Comiczeichner bei Reprodukt, ich war der erste deutsche Comiczeichner, den Reprodukt-Verleger Dirk Rehm unter Vertrag nahm und der erste deutsche Comiczeichner, der ein nennenswertes autobiografisches Werk produziert hat. Ich glaube, vor mir hat Dirk gar nicht darüber nachgedacht, deutsche Comiczeichner zu verlegen. Es gab ja auch keine Zeichner, die nur annähernd so gut waren wie die amerikanischen Alternative-Leute. Ich war nicht gut, dafür aber frech. Indie- oder Undergroundcomics wirkten in den 90ern viel unmittelbarer als Graphic Novels heute. Hefte wurden schnell produziert und konnten sowohl stilistisch als auch inhaltlich schneller Akzente setzen, Heftserien sogar tiefer gehen und länger wirken. Graphic Novels sind zu langsam, zu teuer und zu elitär. Wenn ich heute 20 wäre, würde ich wahrscheinlich nicht umständlich Comics zeichnen, sondern einen Youtube-Kanal machen und Texte und Zeichnungen auf Facebook oder Instagram veröffentlichen. Trotzdem sind manifeste analoge Medien unschlagbar. Ich kann immer noch jeden Laptop-DJ mit einer Platte übertrumpfen und jeden Blogger mit einem Buch.

Zwischen-den-Jahren-Interviews II: Roxanne Moreil & Cyril Pedrosa

Demonstrationen und ziviler Ungehorsam gehören in Frankreich quasi zum guten Ton. Auch im Comic – man denke da nur an ein gewisses namenloses gallisches Dorf …  Der französisch-portugiesische Zeichner Cyril Pedrosa („Portugal“, „Drei Schatten“) und die Autorin Roxanne Moreil haben die unter Emmanuel Macron neu entfachte Lust der Gallier, äh Franzosen, an Revolten und politischem Widerstand in eine opulente Fantasy-Erzählung gegossen. Der erste Band des Zweiteilers „Das Goldene Zeitalter“ (Band 2 wird bei uns ganz ohne Gewähr für Ende 2020 anvisiert) ist im Frühjahr diesen Jahres erschienen. Roxanne Moreil und Cyril Pedrosa erzählen von einem fiktiven Königreich, in dem sich die Untertaten erheben und für eine gerechtere Welt kämpfen. Auf dem Comicfestival Angoulême haben sich die beiden mit meiner ehemaligen Kollegin Katja Schmitz-Dräger zusammengesetzt und über ihre politische Comicfabel gesprochen. Viel Spaß beim Interview!

Wie kam es zu diesem Projekt – wer hatte die Idee, wie habt Ihr dafür zusammengefunden? Gab es die Idee schon länger?

Roxanne Moreil: Also, eigentlich war der Anfang eher zufällig: Cyril hatte nach „Jäger und Sammler“ keine großen Projektpläne mehr. Und in diesem Moment der Offenheit fing er an, im Zug von Paris nach Nantes eine Figur in sein Notizbuch zu zeichnen, eine Prinzessin, kriegerisch angehaucht. Diese Zeichnung haben wir uns dann angeguckt und angefangen, uns auszudenken, was dahinterstecken könnte: das Leben dieser Figur, ihre Abenteuer. Das hat super gut funktioniert und hat uns gepackt. Und so haben wir uns entschlossenen, diese Geschichte zusammen weiterzuschreiben.

Cyril Pedrosa: Ich hatte mal versucht, Roxanne davon zu überzeugen, eine Story über die Geschichte der Linken in Frankreich zu machen, und Roxanne sagte: Nein, das wird langweilig… Aber tatsächlich sind die beiden Themen dann ziemlich schnell doch wieder zusammengetroffen. Das heißt, bei dem, was wir uns zusammen anhand der Zeichnungen ausgedacht hatten – die Abenteuer und Wendungen, die dieser Figur widerfahren könnten – haben wir auch sofort gemerkt, dass wir auch Lust hatten, noch Politik dort reinzumischen, und dass das auch sehr, sehr gut funktionierte. Und das hat dazu geführt, dass wir, als der Zug schließlich in Nantes ankam, uns gesagt haben: diese Geschichte schreiben wir zusammen.

Also habt ihr das von Anfang an zusammen entwickelt?

RM: Ja, als wir dann zurück waren und weiter zusammen an der Geschichte gearbeitet haben, haben wir die Geschichte quasi mündlich geschrieben, indem wir diskutiert haben, und uns natürlich Notizen gemacht, aber es war wirklich wie, wenn man sich gegenseitig eine Geschichte erzählt. Und so haben wir auch noch ziemlich lange weiter gearbeitet, bevor wir wirklich in eine Schreibphase übergegangen sind.

Das heißt, die Geschichte war zuerst da, und danach hast du angefangen zu zeichnen?

CP: Ja. Wir haben die ganze Geschichte fertiggestellt, weil wir anfangs nicht vorgesehen hatten, zwei Bücher zu machen. Wir wollten, dass es eine einzige Erzählung wird. Und bevor die nicht als Ganzes geschrieben war, habe ich praktisch nicht angefangen zu zeichnen. Ich habe gegen Ende angefangen, ein kleines bisschen zu zeichnen, weil dann nur noch ein paar letzte kleine Dinge zu klären waren. Als wir etwa ein Jahr damit verbracht hatten, diese Geschichte voranzubringen, und sie dann wirklich fertig war – da habe ich dann zum Zeichenstigt gegriffen. Und da fingen auch die Probleme an (lacht), weil es schwierig war, die richtige Richtung für die Zeichnungen zu finden. Ich habe eine erste Version der Bilder gemacht, und dann haben wir gemeinsam diskutiert und uns gesagt: vielleicht muss man vielleicht noch ein anderes grafisches Vokabular finden – eine andere Art, die Geschichte zu zeichnen. Und das war dann die zweite Etappe unserer Arbeit: herauszufinden, wie man die Märchenhaftigkeit des Ganzen erzählen kann.

Das wollte ich fragen: War es eine friedliche Zusammenarbeit?

CP: Wir haben uns nicht viel gestritten. (lacht)

RM: Nein, es lief wirklich flüssig. Wir hatten beide gleichzeitig wirklich Lust, eine echte Abenteuergeschichte zu machen, eine richtige Saga – und zugleich war uns die politische Botschaft ein wichtiges Anliegen. Da war es praktisch, zu zwei an der Story zu arbeiten. Wenn es zum Beispiel mal zu sehr in die Abenteuerrichtung ging, und wir den Kern der Geschichte darüber ein bisschen vergessen haben – dann gab es immer den anderen, der sagte: Oh, darauf müssen wir achten… Und umgekehrt. Das war sehr bereichernd.

War es von Anfang an klar, dass es dieses mittelalterliche Setting und den Look haben würde?

CP: Ja. Wir haben uns von Anfang an gesagt, dass die Verortung von dieser Geschichte in dieser Epoche das Mittel war, die Idee der Utopie so zugänglich wie möglich zu machen. Dass es so am einfachsten wäre, den Leser akzeptieren zu lassen, dass die Welt sich verändert, dass man sie beeinflussen kann. Und sehr schnell war auch klar, dass wir auch diese Bilderwelt aufgreifen würden – weil sie so reich ist, weil sie anschlussfähig in der kollektiven Vorstellung ist, und gleichzeitig eben auch ein überraschendes Moment hat, weil in dieser Geschichte Fantasie möglich ist; es gibt Magie… Aber es ist eine Magie – und das ist ein bisschen speziell, weil es mit dieser Mischung aus Märchen und Politik zusammenhängt -, die von dem politischen Kern getragen wird. Alle Magie in dieser Geschichte kommt aus der Fähigkeit der Menschen, zu handeln, Privilegien in Frage zu stellen, die Welt zu verändern, etc.

RM: Aber am Ende kamen auf der visuellen Seite die Mittelalter-Referenzen Stück für Stück: es gab einen Besuch im Musée de Cluny, zu einem Zeitpunkt, als Cyril noch ganz am Anfang der Recherche für die grafische Umsetzung war, und da waren mittelalterliche Ausstellungsstücke, die ungeheuer farbig waren, und im Grunde superpoppig. Und das hat das Buch sehr beeinflusst, aber wir sind nicht direkt von da losgegangen und haben das als unsere Inspiration festgelegt, sondern haben erst mal das Buch als Ganzes versucht abzuschätzen, und die einzelnen Szenen, die ja ziemlich unterschiedlich sind.

Habt Ihr Euch viel Bildmaterial aus der Zeit angesehen?

CP: Ich glaube, Roxanne hatte eigentlich mehr den Reflex, in diesem Bereich zu recherchieren, und noch mehr Bilder zu finden. Ich hatte eher die Tendenz, bei meinen eigenen grafischen Referenzen anzufangen, also davon auszugehen, was ich schon gemacht hatte, was ich gut kann… Und so war es wirklich sehr bereichernd, dass Roxanne immer wieder kam und sagte: Du musst dir das hier angucken, das passt super zu der Geschichte. Roxanne hat auch sehr darauf gedrungen, bestimmte Elemente der Erzählung aufzulockern – zum Beispiel Figuren zu verwenden, die sich vor einem Hintergrund durchs Bild bewegen, was der Geschichte eine ganz spezielle Atmosphäre verleiht, und die Art und Weise verändert, wie man sie lesen kann.

Die Geschichte nimmt ja Bezug auf einige historische oder literarische Figuren. In Deutschland wird man vermutlich Jeanne d’Arc wiedererkennen, aber darüber hinaus vielleicht nicht so viel – glaubt Ihr, es geht nichtfranzösischen Leser*innen was verloren, ohne diesen Hintergrund?

CP: Nein, ich glaube, das ist nicht besonders wichtig.

RM: Wir haben damit angefangen, zunächst ein paar Vorbilder anzuschauen, zum Beispiel Thomas Müntzer, oder die Volksaufstände in Deutschland. Das war Teil der ursprünglichen Recherche, aber dann haben wir uns sehr schnell klargemacht, dass wir überhaupt keinen historischen Bericht machen wollen, sondern dass wir das Ganze neu denken müssen. Und zwar vor allem, weil wir überhaupt keine religiösen Elemente in der Geschichte haben wollten, wir wollten keine Religion. Das hat uns zu schaffen gemacht; wir wussten nicht so recht, wie wir es anfangen sollten – und ab diesem Punkt konnten wir aber wirklich erfinden, und konnten uns unser eigenes Mittelalter ausdenken. Und so gibt es zwar ein bisschen Jeanne d’Arc in der Figur der Tilda, es gibt etwas mittelalterlichen Gesang, es ist insgesamt sehr nah an einer Fabel oder einem Märchen – aber wir haben keine besonders spezifischen historischen oder literarischen Vorbilder.

CP: Nein, das hat keine Bedeutung für das Verständnis der Erzählung oder ihrer Bedeutung. Es ist wirklich eine Fantasie des Mittelalters in Europa – ja, europäisch ist es schon, und vielleicht ist es darum für Menschen in den USA oder so schwieriger, weil es nicht so viele Assoziationen hervorruft, aber andererseits bin ich da gar nicht sicher, denn mittlerweile gehört es doch zur kollektiven Vorstellung, mit „Herr der Ringe“ und Ähnlichem. Und letztlich ist das ja eine genauso imaginäre Welt wie diese hier.

Und wo wir gerade von Referenzen reden – es gibt ja aktuell relativ viel feministische Literatur und feministische Comics. War euch die feministische Komponente in eurer Geschichte wichtig?

RM: Ja, denn ich arbeite gerade an einer Ausstellung über feministische Comics in Nantes, mit 50 Comicautorinnen. Und so hatte ich nicht wenig recherchiert zum Platz der Frauen im Comic, über weibliche Figuren im Comic, und wie sie dargestellt werden. Das sind noch große Herausforderungen, auch wenn inzwischen viele Frauen Comics machen, und die darin einen sehr feministischen Ansatz verfolgen. Das finde ich super – und das ist auch schon die Geschichte. Aber in jedem Fall wollten wir von Anfang an die Figur der Tilda nicht als eine Heldin anlegen, die eine unrealistische Fantasie ist, sexy und naiv. Sie sollte eigenständig und von vielen Widersprüchen geformt sein, wie ein männlicher Held auch. Und dann gibt es ja noch diese Frauengemeinschaft, die versteckt im Wald lebt – auch das ist von vielen Ereignissen aus unserer Umgebung beeinflusst. Zum Beispiel war da gerade Nuit debout aktuell. Ich weiß nicht, wie bekannt das ist? Das ist eine große soziale Vereinigung in Frankreich, unabhängig von politischen Parteien, die, besonders in Paris, jeden Abend gegen Änderungen im Arbeitsrecht protestiert hat. Das war gerade, als wir an der Geschichte schrieben, und es hat uns viel über Gruppen nachdenken lassen, die in ihrer Zusammensetzung eben nicht gemischt sind, und was das für ihre Dynamik bedeutet. Da ging es um Momente, die exklusiv Frauen vorbehalten sind, um frauenfeindliche Politik – das hat uns alles sehr inspiriert.

CP: Ja – und ich glaube, wir haben in dem Buch auch versucht, ein bisschen zu zeigen, wie Emanzipationsbewegungen sich nähren. Das ist natürlich der Fall gewesen in der Geschichte unserer Länder, aber hier war auch interessant, zum Beispiel in der Figur des Bertil, der seine eigene Position hinterfragt, der einem Herrn dient, und dann miterlebt, wie die Frauen sich von dieser gesellschaftlichen Ordnung selbst emanzipieren. Denn das ist ja Tatsache: die feministischen Bewegungen haben die linken Bewegungen mit vorangetrieben, und umgekehrt – durchaus auch manchmal mit Konflikten und Widersprüchen. Aber das hat uns sehr gut gefallen, dass das so ein Weckruf für eine männliche Figur war, zu entdecken, wie diese Frauen da zusammenleben.

Gibt’s eigentlich von Band 2 schon Neuigkeiten?

RM: Cyril hat angefangen, die ersten 50 Seiten zu zeichnen. Die Story war schon vorher komplett fertig. Es war eigentlich als ein Buch angedacht; erst später haben wir entschieden, es in zwei Bände zu teilen – weil es einfach sehr, sehr lang war.

CP: Der Band soll März 2020 erscheinen. Aber ich bin ein bisschen hintendran mit den Zeichnungen. Ich müsste es bis Ende des Jahres fertigstellen; ich habe ein Jahr insgesamt…. Aber ich habe noch 150 Seiten zu zeichnen. Ich möchte es natürlich gerne fertigkriegen – in jedem Fall wird es nächstes Jahr, ob nun März oder September. Aber es ist noch viel Arbeit – denn das Zeichnen dauert sehr lang; das Schreiben hat schon lang gedauert, aber die Technik hier ist sehr aufwändig, und für Band 2 gibt es noch viele komplexe Dinge zu zeichnen: Krieg, überall Soldaten… Schlösser…

RM: Action.

CP: Action. Und darum dauert es lange.

Ja, so sieht es auch aus. Und noch eine Frage zur Kolorierung: die machst du am Computer?

CP: Ja, am Computer, aber ich arbeite mit zwei Sidemen – und –women. Ich habe allein angefangen, aber nach einer Weile ist mir klargeworden, dass es einfach wirklich lange dauern würde, und ich vermutlich längst tot wäre, bevor ich das fertigkriege; das wären einfach Jahre und Jahre. Ich habe dann sehr schnell zwei Leute gefunden, die mir helfen, Claire Courrier, eine junge Frau, die im Animationsfilm arbeitet, und Joran Treguier, ein junger Comiczeichner. Sie haben mir bei Band 1 sehr geholfen, und da ich noch kaum mit dem Kolorieren angefangen habe, denke ich, dass sie auch bei Band 2 mitarbeiten werden, und so arbeiten wir zu dritt. Ich habe sogar ein bisschen mit meinem Sohn gearbeitet – das war wie eine kleine Kolorationsfabrik zu Hause; es war sehr niedlich.

RM: Studio Pedrosa.

CP: Ganz genau – Studio Pedrosa.

Danke für das Gespräch!

Das Gespräch wurde von Katja Schmitz-Dräger geführt und übersetzt.

Zwischen-den-Jahren-Interviews I: Lewis Trondheim

Gab es jemals ein Jahr bei Reprodukt ohne Lewis Trondheim? Kann mich nicht entsinnen… 2019 wurde das Jahr sogar von dem überwältigend produktiven französischen Zeichner, Autor und Verleger eingeläutet, die Buchversion seines Instagram-Comicnarrativs „Die neuen Abenteuer von Herrn Hase: Das verrückte Unkraut“ erschien wenige Tage nach Neujahr, kaum dass Trondheim seine 365-Seiten/Tage-Erzählung auf Instagram beendet hatte. Ein komplettes Jahr lang, vom 1. Januar bis 31. Dezember 2018, hatte Lewis Trondheim jeden Tag eine Seite seines wortlosen „Herr Hase“-Abenteuers auf Instagram veröffentlicht. Für die Reprodukt-Presseabteilung gab er im Vorfeld der deutschen Veröffentlichung dieses symphatische Interview. Wir wünschen viel Spaß dabei!

Ach ja – und willkommen zurück bei den Zwischen-den-Jahren-Interviews auf dem Repro-Blog! Wie gehabt werden wir an dieser Stelle jeden Tag bis Silvester ein Interview veröffentlichen, das im Laufe des turbulenten Jahres für eines unserer Pressedossiers entstanden ist.

Lieber Lewis Trondheim, Ihr neues Projekt „Die neuen Abenteuer von Herrn Hase: Das verrückte Unkraut“ hat eine ganz besondere Entstehungsgeschichte. 2018 haben Sie täglich eine Seite erstellt und diese online auf Ihrem Instagram-Account veröffentlicht. Welche Rolle spielt Social Media und insbesondere Instagram in Ihrem Leben als Künstler und Verleger?

Hierzu möchte ich vorab eine kleine Anekdote erzählen. Bereits 1993 führte ich eine spannende Unterhaltung mit dem französischen Comic-Zeichner Philippe Dupuy. Er hatte sich vorgenommen, ein Jahr lang täglich ein Bild zu zeichnen – schon damals hat es mich in den Fingern gejuckt. Dieses Szenario wiederholte sich Anfang letzten Jahres. In einem ähnlichen Gespräch hat der französische Comic-Zeichner Guillaume Bianco mir erzählt, dass er sich als Vorsatz für das neue Jahr 2018 vorgenommen hatte, täglich ein Panel zu zeichnen. In diesem Zuge habe ich mir gedacht, dass es nun endlich an der Zeit sei, dass ich auch ein solches Projekt in die Hand nehme. Daraus entstand „Die neuen Abenteuer von Herrn Hase: Das verrückte Unkraut“. Ich schaute in mein Regal auf der Suche nach einem noch jungfräulichen Skizzenbuch und fand ein kleines Moleskine-Notizbuch für Aquarell, das ich schon vor vier Jahren gekauft hatte.
Ich setzte mich hin, öffnete es und nahm einen Stift in die Hand. Dann dachte ich zwei Sekunden lang nach und überlegte, was ich zeichnen wollte. Ich entschied mich spontan dafür, Herrn Hase bei einem Spaziergang zu zeichnen. Für mich war es ein guter Antrieb, diese täglichen Zeichnungen auf Instagram zu posten und daraus meine eigene Challenge zu starten. Am nächsten Tag nahm ich mir wieder mein Notizbuch und zeichnete ein weiteres Panel. Am dritten Tag genauso. Jedoch wurden mir bereits am vierten Tag die Grenzen dieser selbst auferlegten Herausforderung bewusst. Ich spürte, dass es nicht so einfach sein würde, jeden Tag eine Idee für eine Illustration zu finden. Und da Herr Hase schon seit drei Tagen herumspazierte, konnte ich mir genauso gut eine Geschichte ausdenken. Ich blieb bei der Idee, keinen Text zu verwenden, weil ich ziemlich viele nicht Französisch sprechende Follower habe und die Idee einer universalen Erzählkunst sehr mag. In der Hinsicht ist Instagram eine gute Motivationsstütze, jedoch würde ich mir wünschen, dass es eine App gäbe, die sich komplett der Kreation von Online-Comics widmet. Bedauerlicherweise ist man gezwungen, Instagram, Facebook oder Twitter zu nutzen. Gleichzeitig muss ich ehrlich gestehen, dass ich ein bisschen traurig über das Ende meines individuellen Instagram-Projekts bin.

Wie war es für Sie, Ihre Arbeit online über Instagram zu teilen und welches Feedback haben Sie zu Ihren Beiträgen erhalten? Hatte das Feedback Ihrer Leser einen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Geschichte?

Ich war mir von Anfang sicher, dass ich zum Schluss aus dem Projekt ein Buch machen möchte. Daher widmete ich meine Aufmerksamkeit eher dem Leseerlebnis im Buch, als dem täglichen Posten auf Instagram. Deshalb entschied ich mich relativ schnell „jeden Tag eine Zeichnung zu posten”, anstatt „eine Zeichnung pro Tag anzufertigen”. Selbstverständlich habe ich dennoch immer versucht, so zu arbeiten, dass die Geschichte auf Instagram unvorhersehbar bleibt. Wenn man Leser hat, die 24 Stunden haben, um zwischen zwei Panels nachzudenken, ist es besser, man schafft es immer wieder, sie zu überraschen. Ein- oder zweimal hat die Interaktion mit den Lesern reingespielt. Beispielsweise waren viele meiner Follower erfreut, als Richard auftauchte. Ich hatte nicht vor, ihn lange dabei bleiben zu lassen, da Richards Figur von seinen dummen Kommentaren lebt. Stumm war das eine Herausforderung für mich. Da die Leser aber so erfreut waren und mir das eine andere Perspektive und Neuerung gegenüber den alten „Herr Hase“-Alben ermöglichte, habe ich ihm einen größeren Platz eingeräumt.

Die Seitenanzahl ihrer Geschichte war ja von früh an gesetzt: 356 Seiten für 356 Tage im Jahr. Aber wie war das mit dem Plot? Wie früh war Ihnen klar, wohin sich die Story entwickelt? Wie viel war geplant und wie viel ergab sich spontan?

Grundsätzlich fällt es mir leichter an Sequenzen zu arbeiten, um den Überblick zu behalten. Das heißt, gleich mehrere Panels hintereinander zu zeichnen. Wenn ich mich einmal warm gezeichnet habe, kann ich nicht mehr aufhören. Nichtsdestotrotz gibt es andere Tage, an denen ich einen kleinen Durchhänger habe und mich nicht so aufs Zeichnen konzentrieren kann. Außerdem bin ich öfters auf Comicfestivals oder im Ausland, wo ich nicht immer genügend Zeit und Ruhe habe, um zu zeichnen. Damit die Geschichte nicht darunter leidet, wurde mir schnell bewusst, dass ich mir vorab einen ungefähren Geschichtsverlauf ausdenken muss. Wenn man sich einen Plot ausdenkt, ist es schwierig, seine Arbeit ständig zu unterbrechen. Obendrein wollte ich direkt im Anschluss an die 365 Tage die Buchversion im Januar 2019 veröffentlichen. Also musste ich schon Anfang November fertig werden, um die Termine für die Druckerei einzuhalten.„Die neuen Abenteuer von Herrn Hase: Das verrückte Unkraut“ ist ein narratives Experiment – täglich über ein Jahr nur ein Panel pro Seite und das ganz ohne Text und Dialoge. Wie schwierig war es, eine Geschichte nach all diesen „Regeln“ zu erzählen? Ich denke, eine besondere Herausforderung war es, Richard und Herrn Hase zu skripten, die ja sonst viel von den launigen, sarkastischen Wortwechseln leben.

Ja, ich habe lange diesbezüglich gezögert. Eine „Herr Hase“-Geschichte in einem anderen Format und dazu noch komplett ohne Worte zu erzählen, erschien mir auf den ersten Blick als eine schlechte Idee. Meine Leser sind es gewohnt, dass ich unterschiedlichste Arten von Geschichten ausprobiere, mit unterschiedlichsten Stilen, aber nicht bei „Herrn Hase“. Ich habe versucht, eine Montage mit acht Panels pro Seite für ein Album im klassischen Format zu machen, aber das funktionierte überhaupt nicht. Ich merkte schnell, dass es für diese Art des Erzählens notwendig war, dass man beim Betrachten nur ein Panel nach dem anderen entdeckt. Mir war auch bewusst, dass einige Leser enttäuscht sein würden, dass es nicht die gewohnten Dialoge zwischen den Figuren gab. Also habe ich versucht, etwas anderes zu machen, eine besondere Atmosphäre zu erzeugen mit einem magischen Universum.

Haben Sie eine bestimmte tägliche Zeichnenroutine?

Eine richtige Zeichenroutine habe ich nicht. Mir ist es vor allem wichtig, Spaß bei der Arbeit zu haben und da ich Deadlines nicht ausstehen kann, vermeide ich es, unter Zeitdruck zu sein. Also arbeite ich immer im Voraus. Einen Vorteil hat das Ganze – und zwar ermöglicht es mir häufig, neue Projekte dazwischenzuschieben, wie zum Beispiel „Mohnblumen aus dem Irak” oder dieses neue Abenteuer von „Herrn Hase“.

Wir sind bereits sehr gespannt auf Ihre nächsten Projekte. Auf welche Abenteuerreisen werden Sie in naher Zukunft „Herrn Hase“ schicken? Könnten Sie uns einen kleinen Hinweis darauf geben?

Es wird eine Fortsetzung von „Eine etwas bessere Welt“ geben, in der Herr Hase und Richard über das Thema Laizismus diskutieren. Zudem habe ich schon eine Idee für den darauffolgenden Band.

Übersetzt von Claudia Sandberg

Jutta Harms (1962-2019)

Wir trauern um Jutta, unsere liebe Freundin, Kollegin und ein Leben lang Mitstreiterin in Sachen Comics, die gestern nach langer, schwerer Krankheit gestorben ist.

Seit den frühen Neunzigerjahren und ihrem Umzug von Hamburg nach Berlin hat sich Jutta für Reprodukt und unsere Autor*innen engagiert, Pressearbeit gemacht, Veranstaltungen organisiert, aus dem Englischen übersetzt, redaktionell gearbeitet und vieles mehr – gemeinsam haben wir lange Jahre den Verlag geführt und parallel dazu mit anderer Arbeit unseren Lebensunterhalt verdient.

Jutta war eine lustvolle Netzwerkerin, die nicht nur hierzulande viele enge Kontakte zu Zeichner*innen und Journalist*innen gepflegt, sondern darüber hinaus vor allem im europäischen Sprachraum den Austausch gesucht hat. Ihre Begeisterung – für das Comicfestival in Helsinki, das Fumetto in der Schweiz, Angoulême im winterlichen Frankreich – war ansteckend. Menschen kennen- und lieben zu lernen, das war für sie Antrieb für einen leidenschaftlichen Kampf für die Comics.

Und sie hat diesen Kampf gewonnen! Nicht nur sind Comics nun in der Mitte der Gesellschaft angekommen, sondern sie haben Leser*innen gefunden, die sie zu Beginn unserer Arbeit kaum mit der Kneifzange angefasst hätten. Der aktuelle Erfolg feministischer Comics ist nicht zu denken ohne die Comics von Julie Doucet, Debbie Drechsler oder Anke Feuchtenberger, die Jutta vor mehr als zwanzig Jahren übersetzt oder redaktionell betreut hat.

Immer war sie uneigennützig bereit für unabhängige Projektarbeit: Sie machte die Pressearbeit für die Zürcher Edition Moderne, leitete Führungen am Fumetto Comicfestival in Luzern, kuratierte Ausstellungen am Comic-Salon Erlangen, war engagiertes Vorstandsmitglied im Berliner Haus Schwarzenberg und zuletzt bei ExRotaprint im Berliner Wedding. Mit Das Sortiment betrieb sie viele Jahre lang ein Schaufenster für selbstverlegte Comics deutscher Autor*innen.

Jutta war forsch, streitlustig, energisch und mitfühlend, großherzig, selbstlos. Sie war stets solidarisch mit ihren Kolleg*innen und unseren Autor*innen und immer ganz bei der Sache. Eine bessere Freundin und Kollegin kann man sich nicht wünschen.

Jutta ist einmalig und unersetzlich. Wir vermissen dich.