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Alles Gute für 2020!

Wir wünschen viel Glück, Gesundheit und alles erdenklich Gute für 2020! Und auch im Neuen Jahr nicht vergessen: Comics, Comics, Comics! Die Franzosen machen’s vor (wer sonst): 🇫🇷 BD 2020, Année de la Bande Dessinée 🇫🇷

Ein großes Dankeschön für die Zeichnung an Tillie Walden.

Zwischen-den-Jahren-Interviews VII: Posy Simmonds

Die mit zahllosen Auszeichnungen bedachte britische Illustratorin und Comickünstlerin Posy Simmonds gab uns im Herbst anlässlich der deutschen Ausgabe ihrer lang erwarteten neuen Graphic Novel „Cassandra Darke” dieses galante Interview. Sie sprach mit uns über Zeitungscomics, Charles Dickens, Gentrifizierung und die Auswirkungen des Brexits auf die Stimmung und die Farbgebung in ihrer Comic-Erzählung.

Mit diesem Gespräch verabschieden wir uns von den Zwischen-den-Jahres-Interviews auf dem Reprodukt-Blog und vom geschäftigen, aufregenden und zum Schluss auch unsagbar traurigen Jahr 2019. Wir hoffen, dass ihr euch unsere Bücher viel Freude bereitet haben und dass ihr auch für 2020 schon den einen oder anderen Titel im Auge habt.

Bis bald im Neuen Jahr – guten Rutsch!

Wie haben Sie Ihre Liebe zum Medium Comic entdeckt? Gab es da eine Übergangsphase zwischen Illustration und Comics, oder haben Sie sich immer schon für das Medium Comic interessiert? Was macht die Kunstform Comics aus, das Sie als Erzählerin anspricht?

Als Kind war ich ein großer Leser sowohl von Comics als auch von Büchern. Englische Comics und auch viele amerikanische. In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, gab es mehrere Familien aus der US Air-Force, die dort lebten (das war kurz nach dem Krieg). Jeden Samstag wurden die Kinder zu einer Air-Base gefahren und brachten jede Menge Comics mit, die sie später an mich weitergaben. Zuhause gab es jede Menge Ausgaben des „Punch“-Magazins, manche aus dem 19. Jahrhundert, manche aus den 1930ern. Ich liebte die Cartoons darin. In meinen frühen Zeichnungen gab es immer Menschen mit Sprechblasen.

In anderen Worten, mir gefiel schon immer die Kombination von Worten und Bildern. Es liegt eine filmische Qualität in einer Abfolge von Panels, aber anders als beim Film, der sich stetig vorwärts bewegt, erlaubt ein Bande Dessinée den Lesern über den Bildern zu schweben und sich vorwärts und rückwärts zu bewegen.

In meiner zeichnerischen Laufbahn habe ich immer primär für Zeitungen gearbeitet. Meine ersten beiden Graphic Novels („Gemma Bovery” und „Tamara Drewe”) wurden ursprünglich als Strip-Serien in The Guardian veröffentlicht. Als „Gemma Bovery“ in Frankreich in Form eines Buches veröffentlicht wurde, wurde mir klar, dass mein Format aus Sicht eines Comicpuristen seltsam textlastig wirken muss – eine Art Hybrid. Ursprünglich gab es eine simple Erklärung für den vielen Text: Ökonomie. The Guardian hatte das Format der Serie, die Anzahl der Episoden (100) und wie oft sie erscheinen würden (täglich), vereinbart. Es gab viel Handlung, die in jede Episode gequetscht werden musste und Text verbrauchte ganz einfach weniger Platz. Aber während ich arbeitete, entdeckte ich, wie Text und Bild zusammenarbeiten, oder verschiedene Dinge tun konnten. Wie beide gleichzeitig verschiedene Stimmen zeigen konnten: In einer Episode könnte etwa die Stimme des französischen Bäckers als Text, die Tagebuchstimme der Heldin als Handschrift, die Stimmen der gezeichneten Charaktere in Sprechblasen und meine Stimme als Illustrator/Kamera, eine allwissende Stimme, auftreten und Dinge offenbaren, derer sich der Protagonist nicht bewusst ist. Ich fand, dass die verschiedenen Stimmen sowohl den Charakteren als auch der Handlung Tiefe verleihen. In jeder Episode galt es eine Entscheidung zu treffen: Welcher Teil der Geschichte sollte in Text und welcher in Bildern erzählt werden? Ich fand, dass Bilder sich gut dafür eigneten, eine Szene zu etablieren, Beschreibung, Atmosphäre, für wichtige Szenen und Dialoge, für Charakter und für Stille – ich wünschte mir oft, es gäbe mehr Platz, um bestimmte Teile meiner Geschichte ausschließlich in Bildern zu erzählen. Text erschien mir gut geeignet, um wichtige Wechsel der Zeit oder Tonart einzuführen. Fließtext kann die Handlung voran treiben, aber auch als eine Art „Pause“ wirken, etwa nach einer handlungsreichen Sequenz mit vielen Panels oder Sprechblasen.

Viele Ihrer Bücher orientieren sich frei an Werken der klassischen Literatur wie Flauberts „Madame Bovary“ im Fall von „Gemma Bovery”. War „Cassandra Darke” von anderen Werken inspiriert?

„Cassandra Darke” orientiert sich frei an „Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte“. Wenn ich durch London lief, wurde mir immer bewusster, dass die reichen Gegenden reicher (glitzernde Geschäfte, riesige Limousinen, Häuser, die mehrere Millionen kosten) und die Armen ärmer (mehr Bettler und Obdachlose auf der Straße, das Fehlen von erschwinglichen Wohnmöglichkeiten, Essensausgaben für Bedürftige) wurden. Die Schere zwischen Arm und Reich erinnerte mich an das dickensianische London. Ich las die Weihnachtsgeschichte erneut und verbannte sie dann in eine Schublade – ich wollte davon nicht zu sehr beeinflusst werden. Natürlich ist Cassandra Darke eine Version von Dickens‘ Scrooge…

Der Charakter Cassandra Darke ist eine Kunsthändlerin, die ein wohlhabendes, aber einsames Leben in den vermögenderen Teilen Londons führt. Inwiefern war die Entwicklung dieses Charakters verschieden von den vorherigen und welche Herausforderungen stellten sich?

Die Heldinnen der beiden anderen Bücher waren beide jung, und selbst wenn auch nicht unbedingt durchgängig sympathisch, sexuell begehrenswert und hatten ihr Leben vor ihnen (obwohl im Fall von „Gemma Bovery” ihr Leben frühzeitig endet, was sie zu einem tragischen Charakter macht). Cassandra Darke ist dick, gemein, unhöflich und im Winter ihres Lebens, mit wenig ausgleichend wirkenden Charaktereigenschaften. Allerdings hatte ich für sie vorgesehen eine Form von Ausgleich im Lauf der Handlung zu finden… Nicht die sentimentale Erlösung über Nacht, wie bei Scrooge, sondern ein Sinneswandel, der zu ihrem Charakter passt.

Cassandra, die zynische, arglistige Kunsthändlerin und Nicki, die naive Möchtegern-Künstlerin mit politischer Motivation… Mit Ihren beiden weiblichen Protagonistinnen scheinen Sie sowohl auf die ältere, etablierte, als auch die junge, rebellische Kunstszene und -Welt abzuzielen. Was sind Ihre Erfahrungen mit der Londoner Kunstwelt und welche Aspekte davon spiegeln Cassandra und Nicki?

Ich gehe zu Kunstausstellungen in London und anderen Orten des Vereinigten Königreichs, ich gehe zu privaten Ausstellungen und kenne ein paar Künstler. Ich habe auch Museen und Gallerien in Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland besucht. Cassandra repräsentiert die alte Schule, die bei Kunstwerken Wert auf Kunstfertigkeit, Präzision und ästhetischen Inhalt legt. Diese Werte, besonders Kunstfertigkeit, spielen für Nicki keine große Rolle.

Ein anderer Aspekt von „Cassandra Darke” sind die Themen Gentrifikation, bezahlbarer Lebensraum und soziale Unterschiede. Cassandra lebt in Chelsea in einer Straße voller Villen, die größtenteils leer stehen. Als sie am Ende zum Lowbridge Road Distrikt fährt, sind die sozialen Unterschiede so markant, dass es wirkt, als wäre sie zu einem anderen Planeten gereist. Welche Rolle spielen diese Probleme in den aktuellen politischen Debatten (besonders im Hinblick auf den Brexit) im Vereinten Königreich?

Wie ich schon sagte, es gibt eine schwerwiegende soziale Kluft zwischen Arm und Reich. Das Sparprogramm der Regierung nach 2008 hat viel dazu beigetragen, besonders durch die Einsparungen im Sozialwesen. Der Brexit hat das Land noch weiter gespalten: Remainers vs. Leavers, die „Elite der Metropole“ gegen die, die Faragisten „die kleinen Leute“ nennen, schottischer Nationalismus gegen Westminster… und so weiter – Ich kann mich an keine depressivere und wütendere Atmosphäre erinnern (ich stimmte für den Verbleib in der EU).
Ich begann „Cassandra Darke” vor dem Referendum in 2016 zu schreiben. Ich glaube meine düsteren Gefühle über das Ergebnis sind in die dunklen, winterlichen Farben und Atmosphäre des Buchs gesickert.

Obwohl „Cassandra Darke” sicherlich eine düsterere Geschichte ist, ist sie nicht humorlos. Wie wichtig ist es dir, Humor in Geschichten wie diese zu bringen?

Sehr wichtig. Humor und Ironie können Ideen oft besser veranschaulichen, als trockener Sermon. Auch glaube ich nicht, dass Leser gerne belehrt werden.

Das Interview führte Franz Himmighofen.

Zwischen-den-Jahren-Interviews VI: Sascha Hommer

Der Hamburger Comickünstler Sascha Hommer zählt zu den wichtigsten Stimmen der deutschen Comiclandschaft. 2006 debütierte er bei Reprodukt mit „Insekt”, einer verstörenden Fabel über Rassismus und Ausgrenzung. Mit seinem neuen Projekt „Spinnenwald” kehrte er 2019 wieder in fantastische Gefilde zurück. Der Comic erzählt von (im wahrsten Sinne des Wortes blindem) Glauben, Überwachung und Erwachsenwerden. Für unsere Pressearbeit gab uns Sascha dieses sympathische Interview. Viel Spaß mit dem vorletzten Zwischen-den-Jahren-Interview! Morgen dürft ihr euch noch auf die großartige Posy Simmonds freuen, und dann ist Sense mit 2019 …!

Dein Debüt „Insekt” war eine Geschichte, die ein reales Thema in einer fiktiven Welt aufgreift und behandelt. Nach „Insekt” hast du vorrangig autobiografisch geprägte Bücher geschrieben. Mit „Spinnenwald” kehrst du nun zu deinen fantastischen Wurzeln zurück. Was hat dich dazu bewegt?

Ich habe über die Jahre ganz unterschiedliche Bücher gemacht. Die beiden Bände „Im Museum” (2008, 2010) waren Sammlungen von Comicstrips, „Vier Augen” (2009) hatte tatsächlich einen klar autobiografischen Hintergrund. „Dri Chinisin”  (2011) war eine Sammlung von Adaptionen von Texten der leider mittlerweile verstorbenen Hamburger Schriftstellerin Brigitte Kronauer, und „In China” (2016) war dann eine Reisereportage. Insofern lässt sich vielleicht eher sagen, dass ich mit jedem neuen Buch versucht habe, auch eine andere Form des Erzählens zu erproben. Ich denke aber ebenfalls, dass „Spinnenwald” wieder näher bei der Erzählhaltung aus meinem Debüt anzusiedeln ist. Ich wollte nach der sehr recherchelastigen Arbeit an „In China” wieder ein Buch machen, das etwas freier zu entwerfen ist. Letztlich ist es dann eine Geschichte geworden, die sich sogar noch mehr als „Insekt” auf eine magische Welt einlässt, in der die Regeln unseres Alltagslebens aufgehoben sind.

Die Geschichte von Albi und Dan ähnelt einer klassischen Heldenreise, zumindest zu Beginn …

Ich habe mich tatsächlich bewusst an der Heldenreise orientiert. Wie eigentlich immer in meinen Büchern gibt es aber ein trügerisches Element, das sich erst bei der Lektüre offenbart. Ich will meine Leser*innen mitnehmen auf eine Reise ins Unbekannte.

Religion ist auch ein Thema mit dem „Spinnenwald” sich auseinandersetzt, in Form der Mythen und Legenden, die sich die Menschen der Felsen erzählen. Sie spenden Hoffnung, aber verklären auch den Blick auf die Realität, in der sich die Menschen der Felsen befinden. Welchen Stellenwert nimmt Glauben für dich als Erzähler ein?

Viele Methoden, Wahrnehmung kollektiv zu standardisieren, zum Beispiel religiöse Überlieferungen, funktionieren über Storytelling. Es ist nicht egal, welche Geschichten wir erzählen, denn sie prägen unser Bewusstsein und haben reale Folgen. Insofern denke ich, dass man Geschichten daraufhin überprüfen muss, welche Werte und Weltbilder sie vermitteln, und die Diskussion auf dieser Grundlage führen.

Die Legenden tragen auch dazu bei der Welt von „Spinnenwald” eine Geschichte zu geben, die vor die der Protagonisten greift. Wie gehst du bei der Kreation so einer Fantasy-Welt vor? Womit fängst du an?

Ich hatte eine Grundidee, wohin der Plot führen soll, und habe die Welt davon ausgehend entwickelt. Die Erfindung der Figuren erfolgte eher intuitiv, und die Ausarbeitung der Details konnte dann Stück für Stück folgen. Wie eigentlich immer wenn ich eine längere Erzählung umsetze bleibt alles recht lange im Entwurfsstadium. Gleichzeitig müssen einige Zeichnungen ausgeführt werden, „als ob“ sie bereits fertige Zeichnungen wären, um den Umgang mit den Figuren zu erproben und die Szenarios aus der Zeichnung heraus stärker zu akzentuieren. Stück für Stück schält sich so eine Welt heraus, die nach eigenen Regeln funktioniert. Zusätzlich versuche ich mir konstant Feedback zu holen vom Verlag und von Kolleg*innen, denn umso länger man an so einem Projekt arbeitet, umso schwieriger wird es eine gewisse Betriebsblindheit zu vermeiden.

Welche Filme oder Bücher haben dich zu „Spinnenwald” inspiriert? Hattest du Vorbilder beim Worldbuilding?

Am meisten haben mich der Manga „Nausicaä“, die TV-Serie „Fraggle Rock“, der Kinofilm „Drachenzähmen leicht gemacht“ sowie verschiedene Mangas von Osamu Tezuka geprägt. In meiner Welt werden diese Einflüsse dann zu einer insgesamt vielleicht eher düsteren Collage arrangiert.

Du hast ursprünglich bei Anke Feuchtenberger an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft studiert und lehrst dort nun selbst, hast das Magazin “Orang” mit herausgegeben, bist Teil der Organisation des Comicfestivals Hamburg. Vom Student zum Lehrer: Wie siehst du diese Entwicklung, und wie hat sich die Comic-Szene um dich herum, oder durch dich, verändert?

2001 habe ich begonnen in Hamburg zu studieren, und seit etwa 2006 bewege ich mich professionell im Bereich der Comics. Die deutsche Comicszene ist seither durch den beständigen Einfluss japanischer Comics und den Erfolg der Graphic Novels insgesamt vielfältiger geworden. In der Öffentlichkeit gibt es heute sehr viel mehr Wertschätzung für Comics, was auch das Verdienst mutiger Verleger*innen ist. Im Bereich der Graphic Novels und der Comics aus dem Hochschulumfeld durfte ich diesen Prozess mitgestalten durch meine Arbeit für Verlage und Festivals sowie als Kurator und Künstler. Ich hatte als Student das Glück, mit dem Verlag Reprodukt und der Hochschullehrerin Anke Feuchtenberger auf ein Umfeld zu stossen, das meine Talente fördern und gemeinsame Projekte umsetzen wollte. Die große Unterstützung und Solidarität von der ich profitieren durfte, versuche ich heute im Rahmen der Festivalorganisation und der Hochschullehre weiterzugeben.

Die meisten jungen Comic-Zeichner*innen erzählen historische oder autobiografisch geprägte Werke. Genre-Comics wie Science Fiction und Fantasy sind eher spärlich vertreten. An der HAW unterrichtest du nun selbst eine neue Generation von Comic-Schöpfer*nnen. Was ist deine Sicht auf den Nachwuchs und gibt es Themen, die heute behandelt werden und mit der sich deine Generation nicht befasste?

Diversität ist ein Thema, das heute viel präsenter ist als früher. Diese Auseinandersetzung ist gesamtgesellschaftlich präsent und schlägt sich an der Hochschule ebenso in den Bereichen Animation, Game Design und Kinderbuchillustration nieder. Besonders im Bereich Comic findet man hier häufig auch einen autobiografischen Einschlag, aber grundsätzlich werden da auch jede Menge anderer Formate und Genres bespielt, etwa Fantasy, Science Fiction, Slice of Life usf. Historische Stoffe sehe ich derzeit dagegen nicht als Schwerpunkt, ausser vielleicht in Verlagsprogrammen und in Besprechungen der Zeitungen. Diejenigen aktiven deutschen Zeichner*innen, deren Arbeiten ich aktiv verfolge, etwa Max Baitinger, Michel Esselbrügge, Aisha Franz, Anna Haifisch, Kathrin Klingner, Marijpol oder Alice Socal, haben ganz eigene Erzählansätze, die in der Regel nicht so leicht in eine Schublade zu stecken sind.

Danke für das Gespräch!

Das Interview führte Jonathan Büning.

Zwischen-den-Jahren-Interviews V – Paco Roca

Paco Roca ist ein alter Bekannter bei den Zwischen-den-Jahren-Interviews auf dem Reprodukt-Blog, u.a. 2013 mit „Der Kopf in den Wolken“ und 2015 mit „Die Heimatlosen“. Für sein neues Buch „Der Schatz der Black Swan“, einen packenden, stets charmanten Juristerei-Thriller um Bergungsrechte, historische Artefakte und kulturelle Identität, nahm er sich auch wieder die Zeit, für unsere PDF-Pressemappe ein Interview zu geben, über seine Zusammenarbeit mit Autor Guillermo Corral, “Tim und Struppi” und seine Bemühungen, das Abenteuergenre gegen den Strich zu lesen. Viel Spaß dabei! Und wer’s verpasst hat: Guillermo Corral, der die Ereignisse von „Black Swan“ selbst miterlebt hat, hat uns gestern Rede und Antwort gestanden.


Bei den meisten deiner vorherigen Comicprojekte warst du Zeichner und Autor in Personalunion. Diesmal bist du „nur“ Illustrator. Wie kam die Zusammenarbeit mit Guillermo Corral zustande, hat er dich angesprochen, oder umgekehrt?

Ich traf Guillermo Corral in Washington auf einem Filmfestival, wo ich meinen Film „Arrugas“ (Filmadaption von „Kopf in den Wolken“) vorgestellt habe. Damals war Guillermo Kulturattaché der spanischen Botschaft. In einem Gespräch erzählte er mir, dass er eine Geschichte hätte, die als Comic gut funktionieren könnte – ein Kommentar, den ich wirklich schon sehr oft gehört habe. Ich weiß ehrlich gesagt nie, wie ich aus diesen unangenehmen Situationen herauskommen soll, da es sich meistens um Geschichten handelt, die ich nicht machen möchte bzw. nicht zu meinem Comicstil passen.
Dennoch ging ich mit Guillermo mittagessen. Dabei erzählte er mir die wahre Geschichte hinter dem Odyssey-Fall und dem Schatz der versunkenen Mercedes. Ich kannte die Hintergünde schon aus der spanischen Presse. Was mich wirklich ermutigt hat, daraus einen Comic zu machen, ist, dass Guillermo als Diplomat im Auftrag des spanischen Auswärtigen Amtes mit dem tatsächlichen Fall betraut war. Er war am Nachforschungsverfahren, dem juristischen Prozess und an der Überführung des Schatzes nach Spanien beteiligt.

Wie weit warst du als Zeichner in die Entstehung der Geschichte mit eingebunden und wie hat sich die Zusammenarbeit mit Guillermo Corral gestaltet?

Da ich normalerweise nicht mit anderen Comicautoren arbeite, bat ich Guillermo, kein Storyboard zu schreiben, sondern einen Fließtext, den ich dann in Comicsprache umwandeln konnte. Ich dachte, dass sich die Geschichte dadurch mehr als Teil meines Oeuvres anfühlen würde. Ausgehend von Guillermos Text haben wir zusammen weiter am Comic gearbeitet, indem wir der Geschichte Details hinzufügten und änderten. Diese Zusammenarbeit hat so gut funktioniert, dass daraus eine enge Freundschaft entstanden ist.

Wie präsent waren die diplomatischen und juristischen Verwicklungen um die Black Swan in der spanischen Presse?

Sehr – es handelte sich ja um den größten Schatz, der je auf dem Meeresgrund gefunden wurde. Das war ein großes Ereignis in Spanien, da dieser wertvolle Schatz geborgen werden konnte und Teil des spanischen Kulturerbes blieb. Bevor das Schatzsucherunternehmen Odyssey den Fall verlor, hatte ich außerdem einen Dokumentarfilm gesehen, der deren Perspektive aufzeigte und ihren Standpunkt verteidigte.

Die Bergung und der folgende Rechtsstreit berührt viele verschiedene Thematiken: wie mit verschollenen Kulturgütern zu verfahren ist, wo und wann die Rechte des Staates enden oder auch wie mit Seegräbern umgegangen wird. Was hat dich besonders am dem Stoff interessiert?

Normalerweise sind wir es gewohnt, dass in Schatzgeschichten die Protagonisten Archäologen sind wie Indiana Jones oder Abenteuerer wie Tim und Struppi … Diese Geschichten sind romantische Projektionen – und stehen unbewusst auch für Kunstraub und der Plünderung anderer Kulturen. Die Museen in London, Berlin, etc. sind voll mit wertvollen Exponaten, die aus Ländern wie Ägypten stammen. Zur Kolonialzeit war das normal, heutzutage ist das erfreulicherweise nicht mehr üblich. Die wertvollen Schätze sind Teil des Erbes eines Landes. Sie helfen uns, die Vergangenheit zu rekonstruieren. Sie sind nichts, womit man handeln sollte. In diesem Comic ging es darum, die Geschichte auf den Kopf zu stellen. Helden aus Beamten und Anwälten zu machen, die normalerweise nicht in diesen Geschichten auftauchen, und wenn doch, die Rollen der “bösen Jungs” übernehmen.

Mit „Die Heimatlosen” hattest du bereits vor wenigen Jahren einen umfangreichen, historischen Stoff umgesetzt, für den du viele Nachforschungen angestellt hast. Wie hat sich die Recherche bei „Der Schatz der Black Swan” im Vergleich zu „Die Heimatlosen” gestaltet?

Der Unterschied bei „Black Swan” zu „Die Heimatlosen” war natürlich, dass Guillermo alles miterlebt hat, was es zu erzählen gab, sodass für mich in diesem Sinne eine Menge Recherche wegfiel. Er hatte sogar Fotos vom Aufbewahrungsort des Schatzes in Florida. Meine Aufgabe war es nun, all diese Informationen realistisch darzustellen. Unabhängig davon reiste ich nach Washington, Madrid und schlich mich in das Kulturministerium, um die Orte zu sehen, an denen die Geschichte stattfand – bis eine Wache mich erwischte, wie ich auf dem Parkplatz fotografierte und mich rauswarf.
Im Allgemeinen ist es viel einfacher, eine Geschichte in der Gegenwart zu platzieren als in der Vergangenheit, wie beispielsweise im Fall von „Die Heimatlosen”. Die Geschichte von „Der Schatz der Black Swan” spielt zwar nicht ganz so weit in der Vergangenheit, aber in der Zwischenzeit sind mehr als zehn Jahre vergangen. Ich musste deshalb vorsichtig sein und beim Zeichnen auf Details wie die richtigen Handys und Automodelle achten. Glücklicherweise gab es so viel Archivaufnahmen zu dem Fall, dass man von fast allem Bilder finden konnte. Auf der Guardia-Civil-Website gibt es sogar ein Video, wie der Schatz vom Flugzeug zum Tresor gebracht wurde.

Das Cover von „Der Schatz der Black Swan” erinnert sicherlich nicht von ungefähr an „Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn”. Welchen Einfluss hatte der Comicklassiker von Hergé auf deine Arbeit an „Black Swan”?

Ich bin ein großer Fan von Hergés Abenteuern, allen voran von „Tim und Struppi”. Man könnte sagen, dass mein Strich sehr von Hergés “Ligne claire” beeinflusst ist. Und es ist klar, dass, wenn man in einem Comicbuch von der Bergung eines versunkenen Schatzes erzählt, einem als erstes „Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn” in den Sinn kommt. Guillermo, als guter Nachfahre der Belgier, wuchs auch mit „Tim und Struppi” auf. Und beiden war aber klar, dass wir mehr als eine Hommage an diese Figuren wollten. Die erwachsene Leserschaft sollte beim Lesen unseres Comics das gleiche Gefühl für Abenteuer verspüren wie damals als Kinder.

Neben Hergé gibt es einige weitere Anspielungen auf reale und fiktive Entdecker und Archäologen in „Der Schatz der Black Swan”. Welche Vorbilder, ob Comic, Roman oder Film, sind noch in eure Comicerzählung eingeflossen?

„Der Schatz der Black Swan” ist eine Geschichte nach wahren Begebenheiten, die primär in Büroräumen spielt. Insbesondere deshalb war es wichtig die Abenteuerlust zu erwecken. Der Schatz, Silber- und Goldmünzen, Karten, Seeschlachten sind ständig präsent…. All dies ist in anderen Abenteuergeschichten zu finden: „Die Schatzinsel“, die „Indiana Jones“-Filme, „König Salomons Schatzkammer“, Piratenfilm-Klassiker …

Woran arbeitest du aktuell? Ist nach einem so umfangreichen Projekt, bei du “nur” Zeichner warst, die Sehnsucht groß, wieder als Autor und Illustrator zu arbeiten?

Nach „Der Schatz der Black Swan” habe ich an einer Ausstellung für das IVAM Museum in Valencia gearbeitet: „The drawn one. Paco Roca“. Zurzeit schreibe ich an dem Storyboard für meinen neuen Comic. Diesmal wird es etwas Persönlicheres – mehr kann ich aber hierzu leider noch nicht sagen, ihr könnt gespannt sein. Ich hoffe, dass es bis Ende 2020 fertig ist.

Jutta – unbezahlbar!

Heute erscheint in der taz eine gezeichnete Erinnerung von Anna Haifisch, Max Baitinger und Christoph Kukla aka The Millionaires Club – mit besonderem Dank an Andreas Fanizadeh und Jens Uthoff!


Eine Trauerfeier für Jutta findet am Samstag, den 11. Januar um 16 Uhr in der ExRotaprint Kantine, Gottschedstr. 4, Berlin-Wedding statt.