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Zwischen-den-Jahren-Interviews V: Nicolas Mahler

Nicolas Mahler hatte ein geschäftiges Jahr 2018 – neben dem lakonischen Comicmonolog DAS RITUAL, der im November bei Reprodukt erschienen ist, illustrierte er Konrad Paul Liessmann,  adaptierte für die Reihe „Die Unheimlichen“ eine Gruselgeschichte von Elfriede Jelinek und veröffentlichte einen Band mit Überlebenstipps bei Suhrkamp. Nebenbei nahm er sich die Zeit, uns für eine Pressemappe für DAS RITUAL ein paar Fragen zu beanworten. Das Interview führte Felix Freigang. Viel Spaß dabei!

DAS RITUAL verneigt sich vor einer vergangenen Filmindustrie – dem japanischen Monsterfilm der ersten Stunde. Genauer: dem Spezialeffekte-Meister der Godzilla-Streifen Tsuburaya Eiji. Woher kommt deine Faszination für das Medium Film, und insbesondere für dieses Genre („Kaiju”)?

Ich habe in meinen Comics immer schon verschiedene Filmeinflüsse verarbeitet. Zuletzt habe ich für mein Buch DER FREMDE (Carlsen) die Stummfilme von Murnau als Inspiration genommen. Neben schwerer Filmkost habe ich mich aber immer schon für Genrefilme interessiert, und wenn man sich für Horror- und Monsterfilme interessiert, stößt man irgendwann auf die Godzilla-Filme. Die totale Künstlichkeit der Zerstörungsszenen und die inhaltliche Monotonie bei diesen Filmen hat mich immer schon angesprochen. Ich beziehe mich aber fast ausschließlich auf die japanischen Godzilla-Filme der 60er und 70er Jahre, mit dem Einsatz von Computereffekten endet auch mein Interesse an solchen Filmen.

Dein Buch gleicht einer lakonisch-kontemplativen, Zen-haften Seelenreise. Welche Weisheiten hält das RITUAL für die Lesenden bereit? Wie viel Zen steckt in „Godzilla”?

Es gibt eben KEINE Weisheiten. Ich wollte ein Buch ohne Aussage und Ziel machen, und ohne nennenswerte Handlung. Die Handlung in solchen Filmen unterscheidet sich ja immer nur rudimentär, es geht eher um das WIE. In meinem Buch habe ich mich deshalb auch auf die Zeitebenen, die Farbgestaltung und die Bewegungsabläufe konzentriert. Inspiriert ist das Buch auch durch eine Japanreise. In Japan ist dieses Nebeneinander von totaler Stille und totalem Lärm auffällig, das wollte ich in dem Buch widerspiegeln. Deshalb das Nebeneinander von Zen-Garten und Städtezertrampeln, das Nebeneinander von farbig und schwarzweiß.

Thomas Bernhard, Frank Wedekind, Robert Musil, und zuletzt Elfriede Jelinek – das sind nur einige der Autoren, deren Werke du adaptiert und vor allem verdichtet hast. Ausgangspunkt waren jeweils ihre Prosaarbeiten. DAS RITUAL hat keinen Text zur Grundlage. Wie hast du dich der Erzählung genähert?

Ich habe mir viele der Godzilla-Filme, besonders die der 70er Jahre, angesehen, und Szenen daraus verfremdet übernommen. Ausserdem gibt es viele schöne Fotos von den Dreharbeiten mit Tsuburaya, wo er und die Monsterdarsteller zwischen Miniaturbauten zu sehen sind, bei der minutiösen Planung der Zerstörung dieser Bauten. Ich bin hier also hauptsächlich vom Optischen ausgegangen, im Unterschied zu den Literaturadaptionen der letzten Zeit, wo natürlich der Text am Anfang stand.

Wenn dein Protagonist am Ende sagt „Nichts davon gehört mir”, dann ist das ein Satz, den viele Comiczeichner, die für den internationalen Markt zeichnen, vor allem in den USA und Frankreich, auch kennen werden. Wie wichtig ist es für dich als Autor, die Rechte an deinen Zeichnungen/Texten zu haben? Wie empfindest du den Umgang mit Urheberrechten in der Comicbranche?

Ich hab mit den Urheberrechten kein Problem, weil ich ja nicht für Konzerne arbeite. Prinzipiell möchte ich immer so viel Kontrolle wie möglich über meine Arbeit. Ich hab ja als Selbstverleger angefangen, da ist das ganz normal alle Rechte zu besitzen. Der Protagonist in meinem Buch hat alle Rechte an seiner Arbeit allerdings abgegeben, besitzt also nichts. Das passt auch gut zu der „Zen-Stimmung“ des Buches.

Wenn du jetzt eines Tages aus dem einen oder anderen Grund auf 100 Meter anwächst und den Drang verspürst, durch eine Großstadt zu stampfen, welche Stadt würdest du dir für deine Zerstörungsorgie aussuchen?

Ich würd mir auf jeden Fall zuerst die Autobahnen vorknöpfen, egal wo.

Zwischen-den-Jahren-Interviews IV: Bastien Vivès & Catherine Meurisse

Heute zwei Quickies: zwei französische ComickünstlerInnen, die uns für ihre Pressemappen jeweils drei Fragen beantwortet haben. Bastien Vivès stillte unsere Neugier anlässlich des Erscheinens seiner viel gepriesenen Sommererzählung EINE SCHWESTER. Und Catherine Meurisse durften wir kurz in Sachen OLYMPIA IN LOVE löchern. Beide Interviews führte Felix Freigang.

Bastien – vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses kurze Interview nimmst. EINE SCHWESTER erzählt von einem „rites de passage“, dem Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter. Kannst du uns etwas zum Entstehungshintergrund von „Eine Schwester“ erzählen. Wie bist du zu der Geschichte gekommen?

Der Übergang ins Erwachsenenalter hat mich schon immer sehr fasziniert. Das ist aber auch ein Thema, das bereits hunderte Male in Literatur, Comics und Filmen behandelt wurde. Wegen der emotionalen Herausforderungen, die mit dieser Lebensphase einhergehen, wird sie häufig mit irgendeiner Form von Gewalt assoziiert. In EINE SCHWESTER wollte ich das Gegenteil zeigen, dem Übergang ins Erwachsenenalter eine „süße Note“ verleihen. Die Geschwister-ähnliche Beziehung zwischen Antoine und Hélène eignet sich perfekt dazu, um diese Zäsur in der Entwicklung darzustellen… Während ich an dem Buch gearbeitet habe, stellte ich mir einfach die Schwester vor, die ich zwar selbst nie hatte, mir aber immer gewünscht habe. Es ist keine autobiografische Geschichte – ich habe das nie erlebt. Aber ich wollte für den Leser und mich eine Geschichte schaffen, die sich wie eine Erinnerung an etwas anfühlt, das man nie erlebt hat.

Der 13-jährige Antoine lernt durch die drei Jahre ältere Hélène die Verlockungen sexueller Begierden kennen. Zeitgleich haben die beiden ein nahezu geschwisterliches Verhältnis zueinander. Was hat dich an der Beziehung zwischen Antoine und Hélène besonders fasziniert?

Zwischen Antoine und Hélène ist nicht Liebe das bestimmende Gefühl. Im Gegenteil: Liebe existiert für die beiden gar nicht. Antoine ist zu jung, um zu lieben und Hélène ist an anderen Jungs interessiert. Als klar war, dass ich in meiner Geschichte nicht von „Liebe“ erzählen möchte, konnte ich jene sanfte Zuwendung und Zärtlichkeit in den Vordergrund rücken, die meiner Meinung nach der Kern geschwisterlicher Beziehungen ist.

War es eine Herausforderung, eine Geschichte wie EINE SCHWESTER zu erzählen, ohne in die Klischeefallen anderer Coming-of-Age-Stoffe zu tappen?

Alle Leben gleichen sich, Geschichten tun dies meiner Meinung nach auch. Ich erzähle Geschichten, die meiner Fantasie entspringen, Geschichten die nicht der Wirklichkeit entsprechen wahrscheinlich würde sich ein 16-jähriges Mädchen von einem 13-jährigen Kind niemals angezogen fühlen. Meine Aufgabe besteht jedoch darin, das Unwahrscheinliche möglichst plausibel zu machen … Das ist der Punkt, ab dem Geschichtenerzählen zu einer harten, aber lohnenden Arbeit wird.

Liebe Catherine Meurisse – für OLYMPIA IN LOVE haben Sie das Musée d‘Orsay kurzerhand in ein Hollywood an der Seine verwandelt. Wie ist das Projekt entstanden und wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Ich wurde vom Musée d‘Orsay angefragt, einen Comic über das Museum zu machen und habe diesen Auftrag mit großer Begeisterung angenommen. Die Themen Kunst und Literatur waren stets präsent in meinen Büchern und ich fühlte mich sehr geehrt, mich nun einem bestimmten Museumsraum zuwenden zu können, in seine Sammlungen einzutauchen und ihn auf diese Weise zu ehren. Die Idee, eine Art musikalische Komödie zu machen, kam mir, als ich das große Glasdach in der zentralen Halle des Museums näher betrachtete. Dort kann man die Silhouetten der BesucherInnen in einer Umgebung wahrnehmen, die starke Assoziationen zur Architektur New Yorker Gebäude weckt, besonders zu den eisernen Treppenaufgängen, die das Stadtbild prägen. Ich hatte sofort das Plakat von „West Side Story” vor Augen! So entschied ich mich, eine Art „West Side Story” im Musée d‘Orsay zu erzählen: Die Jets sollten die etablierten, akademischen Maler und die Sharks die Impressionisten sein. Ausgehend von dieser Idee war es ein Leichtes, den richtigen Rhythmus und Humor für diese Geschichte zu bestimmen…

Ihre heldenhafte Muse – Manets Olympia – ist eine integre und idealistische Person, die antritt, die starren Traditionen der europäischen Kunstwelt mit einem Bewusstsein der „Moderne” zu konfrontieren. Was motiviert die Olympia in Ihrer Geschichte?

In der westlichen Malerei sind in der Regel Männer die Maler, Frauen die Musen oder Modelle. Im Musée d‘Orsay gibt es unter 20.000 Malern nur eine Hand voll Frauen: Berthe Morisot, Rosa Bonheur und Mary Cassatt. Ich wollte die Bedeutung von Frauen in den Vordergrund stellen, ein bisschen Feminismus in die Kunstgeschichte bringen, und tradierte Codes umkehren. In OLYMPIA IN LOVE stehen Frauen im Mittelpunkt: naiv oder opportunistisch, nackt oder angezogen – sie sind diejenigen, die den Takt sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne angeben.

OLYMPIA IN LOVE ist voller Referenzen zu Gemälden des mittleren bis späten 19. / frühen 20. Jahrhunderts. War es schwierig, eine Geschichte um diese Bilder herum zu konstruieren?

Es fiel mir ehrlich gesagt gar nicht schwer, denn das Musée d‘Orsay und seine Bilder waren mir bereits sehr vertraut. Ich habe sogar mit 19 mal als Aufsicht für einen Sommer dort gearbeitet und kannte das Museum dementprechend gut! Aber auch schon zuvor habe ich viel Zeit in den Räumlichkeiten verbracht und über die Jahre eine sehr persönliche und emotionale Bindung zur Topographie des Ortes aufgebaut. Um schließlich OLYMPIA IN LOVE zu schreiben und zu zeichnen, musste ich lediglich meine Erinnerungen abrufen…

Zwischen-den-Jahren-Interviews III: Alessandro Tota & Pierre van Hove

Und weiter geht’s! Das heutige Interview ist bereits früh im Jahr entstanden – auf dem diesjährigen Comicfestival Angoulême traf die Reprodukt-Redakteurin Wiebke Helmchen Autor Alessandro Tota und Zeichner Pierre van Hove, um über ihre Comicerzählung DER BÜCHERDIEB zu sprechen. Tota und van Hove haben einen vergnüglichen Schmähroman über die Pariser Literatenszene der 1950er geschaffen, der den Leser auf manch eine falsche Fährte führt. Im Interview sprechen die beiden über das Spiel mit Fiktion und Realität, ihre Faszination für das Paris der 50er Jahre und ihre Geschichte zwischen Lettrismus, Situationismus und der Ästhetisierung des Alltäglichen. Das Gespräch wurde von Claudia Sandberg aus dem Französischen ins Deutsche übertragen und von Felix Freigang für die Pressemappe überarbeitet.

Alessandro und Pierre – vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für dieses Interview genommen habt. Wann hattet ihr die Idee für DER BÜCHERDIEB? Wie kam es zu diesem Projekt?

Pierre van Hove: Das war zeitgleich zu unserem Kennenlernen in einem Atelier, das Alessandro und ich mit anderen teilten. Wir wussten sofort, dass wir zusammenarbeiten wollten, obwohl wir uns noch nicht kannten. Doch da wir einen ähnlichen Geschmack hatten, sind wir ziemlich schnell auf ein Thema gekommen. Ursprünglich wollten wir etwas über das Beat Hotel machen, das ein Pariser Hotel war, das von bestimmten Persönlichkeiten der Beat Generation frequentiert wurde.

Alessandro Tota: Genau. Darauf war ich zufällig gestoßen. Im Beat Hotel haben u.a. Allen Ginsberg und William Burrough gelebt, auch Jack Kerouac ist dort gewesen. Für einige war es die Zwischenstation auf ihrem Weg in den Orient, nach Marokko. Von dieser Idee sind wir dann aber schnell wieder abgekommen, weil wir keine Berühmtheiten wie Kerouac zeichnen wollten. Und dann tauchte Pierre eines Tages mit diesem Buch im Atelier auf, das „La tribu“ heißt und von den Erinnerungen eines ehemaligen Lettristen handelt [Anm. d. Übersetzerin: Jean-Michel Mension: „La tribu“, Paris: Allia, 1. Aufl. 1998; dabei handelt sich um gesammelte Gespräche von Jean-Michel Mension, Gérard Berréby und Francesco Milo über die Lettristische Internationale und die Anfänge der Situationistischen Internationale]. Wegen dieses Buches haben wir begonnen, uns für das Paris der 50er Jahre zu interessieren, und damit war DER BÜCHERDIEB geboren. Diese Entdeckung ist also Pierre zu verdanken.

PvH: In „La tribu“ ging es um den Lettrismus, eine heute recht bekannte Bewegung. Das war die radikalste Avantgarde-Bewegung, die es nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat. Zu einem Zeitpunkt also, als der Surrealismus bereits eine altmodische und aussterbende Bewegung war. Im Grunde führt der Lettrismus die Hauptgedanken des Surrealismus weiter, hat aber einen politisch und ästhetisch radikaleren Inhalt.  Wir haben uns entschieden nicht das Leben realer Figuren zu behandeln, sondern uns von diesem Umfeld inspirieren zu lassen, um zwar einen konkreten historischen Inhalt zu haben, den wir aber mit völlig erfundenen Protagonisten zum Leben erwecken konnten.

AT: Das Interessante ist, dass diese künstlerische Bewegung einem kleinen auserwählten Kreis vorbehalten war. Wenige, sehr junge Leute – wir sprechen von 18 bis 22 Jahren – die im Bruch mit der Gesellschaft lebten. Sie standen in vollständiger Opposition zu der bürgerlichen Gesellschaft und den vorangegangenen Avantgarden. Sie waren gegen alles und jeden. Das war eine außergewöhnliche Ausgangslage für eine Erzählung.

Ihr seid beide Zeichner und habt vor diesem Buch Projekte im Alleingang realisiert. Wie habt ihr entschieden, wem bei diesem Comic welche Aufgabe zufällt, also wer das Szenario schreibt und wer dieses zeichnerisch umsetzt?

PvH: Für mich war es das erste Mal, dass ich einen Comic gemacht habe. Aber warum mir dieser Part zugefallen ist? Ich weiß es nicht. Hättest du das Buch nicht auch zeichnen können?

AT: Ich denke nicht. Der Vorteil an der Arbeit zu zweit ist, dass man seine Ideen sofort in der Diskussion überprüfen kann. Bei allen Anfangspassagen haben wir in dem Moment, als Pierre eine Seite zeichnete, gleichzeitig darüber gesprochen. Normalerweise kommt ein Szenarist mit seinem Comicskript daher und der Zeichner setzt es dann um. In unserem Fall schrieb ich ein Storyboard, das sich Pierre anschaute. Dann diskutierten wir darüber und er veränderte es dann aktiv, mitunter in erheblichem Maße. Also, selbst wenn man sagt: Comicskript von Alessandro Tota und Zeichnungen von Pierre Van Hove, waren diese beiden Bereiche in Wirklichkeit stark gemischt.

Pierre, wie kamst Du dazu, Comiczeichner zu werden?

PvH: Wie alle, habe ich Comics gelesen, als ich klein war. Mein Fall ist etwas speziell. Ich will diese Arbeit eigentlich erst seit wenigen Jahren machen. Ich hatte aufgehört zu zeichnen. Eine Zeit lang machte ich etwas anderes. Aber ich habe wieder dazu zurückgefunden. Na ja, alle Kinder lesen als Jugendliche Comics im Bett und danach hören einige damit auf, so wie ich. Ich bin nach 10, 15 Jahren zufällig wieder dazu gekommen. Es war wunderbar, Alessandro kennenzulernen, der mir die Energie dazu gegeben hat. Ich dachte, dass es unmöglich wäre, dass es für mich zu spät wäre mit Comics anzufangen.

AT: Was ich besonders an Pierres Zeichnungen mag, ist, dass sie der Comictradition verhaftet sind und gleichzeitig etwas in ihnen steckt, das nicht alltäglich im Comicgeschäft ist. Und vor allem sind sie sehr konkret: Wenn er eine Szene zeichnet, schafft er ein Bild, dem ich glaube. Ich glaube das, was ich in seiner Zeichnung sehe. Er bringt in meinem Gehirn etwas zum laufen. In all seinen Zeichnungen, selbst in seinem Skizzenbuch hat er diese Fähigkeit. Damit kann ich arbeiten. Diese Sprache verstehe ich immer und das versteht sich nicht von selbst, schließlich stammen wir nicht aus demselben Land. Ich bin Italiener und Pierre ist Franzose. Wir haben sehr unterschiedliche Laufbahnen hinter uns und es gibt einen kleinen Altersunterschied zwischen uns. Für uns war es überraschend, dass wir so gut als Team zusammenarbeiten konnten und das im Grunde vom ersten Tag an. Wir hatten nie Schwierigkeiten. Dabei hatte ich damals gerade mein zweites Buch fertig. Es war ein Independent-Comic im strengsten Sinne des Wortes. Ein Comic, der in keiner Weise die klassischen Regeln des Genres beachtet. Und dennoch hat es mit unserer Zusammenarbeit sofort ohne Probleme geklappt. Selbst als wir unser Projekt vorgestellt haben, hat man uns in der Szene sofort verstanden und das Buch gut aufgenommen.

Was waren die historischen Vorbilder für die literarischen Gruppen, die im Comic auftauchen? Könnt ihr ein wenig über die Recherchearbeit erzählen, die ihr geleistet habt, um das Setting der Geschichte im Paris der 50er Jahre möglichst realistisch zu gestalten?

PvH: Wir haben viel recherchiert. Wie wir vorhin sagten, war es interessant, auf realer historischer Grundlage Protagonisten zu entwerfen, die so nicht tatsächlich existiert haben oder eher die Verschmelzung mehrerer realer Personen darstellen. Das bedeutet, jemand, der diese Zeit gekannt hat, kann in einer erfundenen Figur Personen wiedererkennen, die wirklich existiert haben. Das interessante an dem Skript war auch, diese zwei Realitätsebenen zu mischen: eine historische und eine rein fiktionale Realität.

AT: Wir haben etliche Ausflüge in Bibliotheken gemacht, denn jede Pariser Bibliothek verfügt über ein Regal mit Büchern über die Stadtgeschichte. Ich erinnere mich, wie wir einmal in die Bibliothek hinter dem Atelier gingen. Wir haben uns die Bücher zu den Stadtvierteln, die uns interessierten, angeschaut, um etwas über deren Entwicklung zu erfahren. Uns war wichtig, dass alles – die Materialien, ein Café, die Kleidung – authentisch ist, ohne dass die Erzählung davon überladen wäre. Es sollte sehr dezent sein, und trotzdem möglichst genau – fast dokumentarisch. Außerdem haben wir viele Bücher gelesen, die wir nicht direkt in der Erzählung verarbeitet haben, die jedoch unsere Vorstellung des Handlungsortes geprägt haben. Für mich ist „Der Bücherdieb“ eine Komödie mit Abenteuerelementen. Wobei man sich die Frage stellen muss, ob das möglich ist in der Literaturwelt im Paris der 50er Jahre. Wir glauben, ja, denn es war eine Epoche großer Konflikte. Es gab einen großen Konflikt zwischen den Generationen, einen Konflikt zwischen der alten und der neuen Avantgarde, zwischen den Künstlern und den Bürgerlichen, zwischen den Marxisten und dem Staat. Es war eine Epoche großer Kämpfe auf allen Ebenen. Für uns war das ein perfekter Hintergrund für die Abenteuer unseres Anti-Helden Daniel Brodin.

PvH: Das Abenteuer ist sehr zentral für alle Lettristen und die Menschen dieser Epoche allgemein. Es sind die Nachkriegsjahre. Die Menschen waren müde. Sie hatten schmerzhafte Jahre erlebt, doch es gab nun eine Generation junger Menschen, die den Krieg nicht miterlebt hatten, weil sie damals noch sehr klein und deswegen keine Akteure waren. Diese konnten mit dem Wunsch der vorangegangenen Generation, sich auszuruhen, nichts anfangen. Also versuchten sie, Leidenschaft in ihr alltägliches Leben zu bringen. Das war der Knackpunkt bei den Lettristen und später das, woraus die Situationisten entstanden sind: der Anspruch, Abenteuer und Leidenschaft in den Alltag zu bringen. Das sind Themen, die vom Dadaismus und dem Surrealismus der 1930er Jahre herrühren und in dieser Epoche, nach dem Krieg, wieder aktuell werden.

Euren Protagonisten Daniel Brodin kann man nicht gerade als Helden der Herzen bezeichnen. Er ist ein Heuchler und lässt sich opportunistisch durch die Geschichte treiben. Andererseits beeindruckt seine Spontaneität und sein Mut, sich dem Lauf der Dinge hinzugeben. Was denkt ihr selbst von eurem Protagonisten?

PvH: Ich finde, dass er nicht genügend Haare auf dem Kopf hat. Mich persönlich hat das gestört. Alessandro wollte unbedingt, dass er eine Glatze hat. [Alessandro lacht.] Er ist ein Anti-Held, eine Figur die zwischen den anderen Figuren steht, jemand, der passiv in Situationen gerät, der niemals aktiv sein Handeln bestimmt. Er ist eine sehr biegsame Figur, die all den anderen Protagonisten ermöglicht, mehr Tiefe zu haben.

AT: Ich sehe Daniel Brodin anders. Man sollte nicht vergessen, dass er ein Jugendlicher ist. Er ist 19 Jahre alt. Wenn er älter aussieht, dann weil die Menschen damals älter aussahen. Wenn man sich die Fotos der Leute von damals anschaut, würde man sie älter schätzen. Sie sehen immer aus, als wären sie 25 Jahre alt und dann sind sie nur 19, weil sie immer in Anzug und Krawatte zur Universität gingen. Man könnte von Daniel behaupten, dass er ein Opportunist ist, aber Daniel ist sehr aufrichtig was seine Liebe zur Poesie und zur Literatur betrifft. So aufrichtig wie jemand, der von einer Frau besessen ist und er macht viele fragwürdige Dinge für diese Liebe, aber es ist eine aufrichtige Liebe. Vielleicht ist es die Liebe eines Verrückten. Ja, er ist scheinheilig. Er hängt sein Mäntelchen nach dem Wind. Er ist nicht Herr der Situation. Die Tatsache, dass er nicht Herr der Situation ist, dass er versucht sich mit mehr oder weniger komischen Einfällen aus der Situation heraus zu retten, das macht ihn sympathisch. Er ist kein Siegertyp, er wird niemals gewinnen. Aber er wird sich dessen niemals bewusst. Er ist wie er ist und versucht mit dem zu leben, was ihm die Natur gegeben hat. Er ist kein Genie. Was soll er tun? Er hat auch ein Recht auf ein bisschen Abenteuer.

Ihr habt in den letzten Jahren an einer Verfilmung von „Der Bücherdieb“ gearbeitet und seid jetzt auch an einem weiteren gemeinsamen Comicprojekt dran. Was könnt ihr uns über eure zukünftige Zusammenarbeit erzählen?

AT: Eine Produktionsfirma hat die Filmrechte von „Der Bücherdieb“ gekauft. Daher haben wir das letzte Jahr an der Kinoadaption unseres Comics gearbeitet. Das war viel Arbeit. Wir haben uns monatelang damit beschäftigt. Wir haben, zumindest was mich betrifft, unsere Figur noch mehr lieb gewonnen. Ich glaube, im Film wird er Haare haben. Daniel Brodin wird nicht glatzköpfig sein.

PvH: Mit unserem neuen Comicprojekt versuchen wir das genaue Gegenteil von diesem Buch zu machen. Es wird eher eine Art Science-Fiction-Geschichte, die im Weltall spielen wird, in einer Art großem Raumschiff. Sie wird Ende 2018 erscheinen.

Zwischen-den-Jahren-Interviews II: Max de Radiguès

Ein heimlicher Redaktionsfavorit im diesjährigen Herbstprogramm war unsere erste Veröffentlichtung des belgischen Zeichners und Verlegers Max de RadiguèsBASTARD. De Radiguès, der neben Sacha Goerg (ROSES LÄCHELN) zu den Mitbegründern des Brüsseler Autorenverlags L’Employé du Moi gehört, erzählt mit BASTARD einen kompromisslosen, wüstentrockenen Thriller über ein ausgekochtes Mutter-Sohn-Gespann auf der Flucht vor Gangstern und der Polizei. Die kleine, fiese Genreperle wurde auf dem Comicfestival Angoulême mit dem Prix de Lyceés ausgezeichnet. Das Interview mit Max de Radiguès für die Pressemappe führte Felix Freigang. Viel Spaß dabei!

Max – danke, dass du dir Zeit für dieses kurze Interview genommen hast. Bevor wir uns mit BASTARD beschäftigen – deinem ersten Buch, das in deutscher Sprache erscheint – lass uns deine Anfänge als Comiczeichner in den Blick nehmen. Woher kommt dein Interesse an dem Medium und woraus speist sich deine stilistische Inspiration?

Ich war eines jener Kinder, das Comics immer gezeichnet und gelesen hat. Als Teenager gab es eine Unterbrechung; ich wurde schlicht von Freunden, Skateboard fahren und Musik abgelenkt. Aber als ich 18 wurde und ein Studienfach wählen musste, womit ich später mal meinen Lebensunterhalt bestreiten sollte, kam ich zurück zu Comics und besuchte eine Kunstschule in Brüssel namens Saint-Luc. Ich war zwar ein miserabler Zeichner (mir fehlte einfach die entsprechende Ausbildung), aber es war dennoch eine großartige Schule. Durch meinen Skate-/Punk-Hintergrund hatte ich schnell Zugang zur Brüsseler Indie-Szene und begann, Zines zu produzieren. Als ich dann Teil eines Verlages wurde, fing ich mit der Arbeit an meinen ersten Büchern an. Ein paar Jahre später habe ich dann an einem Stipendienprogramm des Center for Cartoon Studies (Hartford, Vermont, USA) teilgenommen, was im Rückblick wie eine Offenbarung für mich war. In der Folge hatte ich mein „Coming-Out” als Zeichner und arbeitete seither an Comics. Der stärkste stilistische Einfluss lässt sich als eine Mischung aus traditionellen belgischen Comics (Hergé, Franquin, Peyo, Morris) und der franko-belgischen Indie-Szene der frühen 2000er beschreiben. Hinzu kommen noch eine Menge US-amerikanischer Zines.

BASTARD fühlt sich wie ein Thriller und Drama zugleich an, in dem eine rasante, action-getriebene Handlung mit einer starken Betonung von Charakterbeziehungen und -entwicklungen verwoben wird. Was hat dich angespornt, diesen Comic zu machen? Und warum spielt er in den Vereinigten Staaten?

Viele meiner Comics sind „charakterorientiert“ und die Emotionen der Figuren stehen normalerweise im Mittelpunkt der Geschichten. Eine Menge meiner Comics handelt von Teenagern, so dass ein Freund schon im Scherz sagte, dass ich so etwas sei wie der John Hughes der Comics. Als ich mit „Bastard” begann, nahm ich mir vor, mich von diesem Image zu befreien und einen Comic zu machen, der action-orientiert und gewalttätig sein sollte. Da ich aber stets wieder auf irgendeine Gefühlsebene abgleite, ist diese Geschichte jener Hybrid geworden, der beides beinhaltet: das, was ich immer und selbstverständlich tue, wenn ich an neuen Geschichten arbeite, aber auch den Versuch, das genaue Gegenteil zu erreichen. Er spielt in den USA, weil ich dort viel Zeit verbracht habe und eine tiefe Verbindung zu den Menschen und zur Landschaft verspüre. Außerdem wollte ich, dass meine ProtagonistInnen tagelang durch eine Art „Niemandsland” fahren. In Belgien durchquert man das Land ja in zwei Stunden, so dass es schwieriger gewesen wäre, das Landschaftsbild zu erzeugen, das ich schlussendlich in „Bastard” zeigen wollte.

Im Buch erwähnst du die Lektüren von Jim Dodge, Howard Fast und einigen anderen Autoren als Inspirationsquellen für die Darstellung desUS-amerikanischen Südwestens. Gibt es noch andere Quellen, die den Ton und die Stimmung von BASTARD beeinflusst haben?

Nein, die Bücher haben mich schon maßgeblich beeinflusst. Aber ich bin im Vorfeld auch von San Francisco nach Santa Fe gefahren. Vieles, was ich während dieser Reise gesehen und erlebt habe, ist in irgendeiner Form auch in das Buch eingeflossen. Ich habe zum Beispiel meinen Freund Alec Longstreth besucht, der zu dieser Zeit in Alameda lebte. Diese Roadtrips durch die USA haben bleibende Eindrücke hinterlassen.

Die Geschichte folgt dem Duo einer Frau und eines Jungen, die umgeben sind von Truckern, skrupellosen Mördern und hilfsbereiten Native Americans. Was hat dich an dieser Figurenkonstellation so fasziniert?

Zu Beginn stand die Beziehung zwischen der Mutter und dem Kind: Wie bewahrt man sich eine familiäre Beziehung, wenn man ein hartes, gefährliches Leben führt und nicht immer moralisch handelt? Die anderen Charaktere kamen hinzu während ich schrieb. Der Trucker sollte anfangs nicht wiederkehren, aber ich mochte ihn und beschloss, ihn wieder zu benutzen. Eine Entdeckung, die ich machte als ich durch die USA reiste, waren die Zeichnungen der Native Americans. Ich habe mich regelrecht in diese mitunter naiven, aber kraftvollen und bewegenden Zeichnungen verliebt. Außerdem lese ich auch viele Western-Geschichten und so war es für mich ganz selbstverständlich, Native Americans im Buch aufzugreifen.

BASTARD wurde ursprünglich als Zine mit Beiträgen verschiedener Comickünstler wie Sacha Goerg, Luke Pearson, Lewis Trondheim und vielen anderen veröffentlicht, die letztlich auch im Buch zu sehen sind. Wie sind diese Kollaborationen zustande gekommen?

„Bastard“ ist das dritte Buch, das ich zunächst in Form eines Zines realisiert habe, bevor ich es als vollständige Geschichte veröffentlichte. In den einzelnen Ausgaben der Zines hatte ich jeweils eine Gästeseite. Es ist eine großartige Möglichkeit, auf diese Weise mit Menschen zusammen zu arbeiten, deren Werke man schätzt. Es ist auch eine Möglichkeit, sich mit anderen ComiczeichnerInnen auszutauschen. In einem vorherigen Zine hatte ich übrigens auch zwei deutsche ZeichnerInnen zu Gast: Arne Bellstorf und Aisha Franz.

An welchen Projekten arbeitest du gerade, auf die wir uns freuen können?

Momentan arbeite ich am dritten und letzten Band einer Abenteuer-/ Fantasy-/ Romance-/ Mystery-Geschichte für junge Erwachsene namens STIG & TILDE. Sobald ich damit fertig bin, möchte ich auf jeden Fall ein neues Zine starten, vielleicht eine Science-Fiction-Geschichte.