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Comics machen: Übersetzung

Zum Internationalen Übersetzertag 2020 heute ein Beitrag, den unser lieber Freund und Kollege, der 2011 verstorbene Kai Wilksen, über seine Arbeit als Übersetzer und die besonderen Anforderungen bei der Übertragung von fremdsprachigen Comics ins Deutsche im Jahre 2009 verfasst hat.

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Comics machen: Übersetzung

Schon ein kurzer Blick auf die graphische Literatur in anderen Sprachen macht deutlich, dass es die Comicfreunde ziemlich gut haben, die Englisch und Französisch lesen können. Für alle anderen gibt es zum Glück immerhin mehr und mehr Übersetzungen.

Seit einigen Jahren übersetze ich jetzt Comics, zunächst nur sporadisch, mit den Jahren immer mehr und mittlerweile in einem Umfang, dass es zum wichtigsten Teil meiner Arbeit geworden ist. Aktuell übersetze ich für Reprodukt, Carlsen, den avant-verlag und ab und zu für Cross Cult unterschiedlichste Comics aus dem Französischen (unter anderem von Lewis Trondheim, Christophe Blain, Manu Larcenet, Joann Sfar, David B. und Blutch), habe früher aber auch für andere Verlage gearbeitet und auch aus dem Englischen übertragen. Unterschiedlichste Comics: Der Reiz und die Herausforderung meiner Arbeit liegt vor allem in der nun wirklich großen Bandbreite der Bücher – von Killoffers intellektuellen Spiegelfechtereien (“Sechshundertsechsundsiebzig Erscheinungen von Killoffer“) zum konventionellen Genre-Album (zum Beispiel “Die Lichter des Amalu“, Carlsen oder “Ich bin Legion“, Cross Cult), von Joe Matts drastischer “Peepshow“ (Edition 52) zum zart-philosophischen “Kleinen Prinzen“, von der dokumentarischen Seriosität in Ho Che Andersons “Martin Luther King“ (beide Carlsen) zum manchmal übermütigen Klamauk einiger “Donjon“-Bände.

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Bei all diesen so gegensätzlichen Büchern (oben zu sehen: eine Szene aus Frederik Peeters “Blaue Pillen”) ist es das Wichtigste, den jeweils richtigen Sound zu treffen. Der Übersetzer wird zum Chamäleon, das sich die Sprache, den Geist, na ja, die Welt des jeweiligen Comics möglichst genau anzuverwandeln versucht. Dabei gibt es – ich denke, ähnlich wie beim Film – zwei entscheidende Unterschiede zu klassischen Literaturübersetzungen: zum einen die Dominanz der Dialoge, zum anderen die Einschränkung durch den vorgegebenen Platz.

Zum einen gilt es also sehr genau darauf zu achten, wie die Figuren sprechen. Im “Skorpion“ (Carlsen) reden die Gestalten zum Beispiel wie in einem alten Mantel-und-Degen-Film, “Der kleine Christian“ verwendet dagegen den typischen Jargon von Kindern und Jugendlichen in den 70er-Jahren, “Blotch – Der König von Paris” (avant-verlag) befleißigt sich wiederum häufig eines ausgesprochen gestelzten Stils und das Personal in “Aya” (Carlsen) unterhält sich in einem hinreißenden afrikanischen Französisch, dem man sich in der Übersetzung allenfalls annähern kann (zum ersten und einzigen Mal habe ich bedauert, dass Deutschland so früh seine Kolonien verloren hat…).

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Kennzeichnend für die meisten aktuellen Autorencomics ist jedoch der Gebrauch einer lebensnahen Umgangssprache: Die Autoren schreiben so wie sie sprechen. Selbst die Figuren des 18. Jahrhunderts in “Isaak der Pirat” oder in “Insel Bourbon 1730” sondern keine Worthülsen à la Alexandre Dumas ab, sondern reden wie (heutige) Menschen aus Fleisch und Blut. Dummerweise ist die Alltagssprache sowohl im Französischen als auch im Englischen sehr viel reicher an eigenen Ausdrücken und Wörtern als im Deutschen. Um den richtigen Ton zu treffen, muss man also einen Weg zwischen der blutleeren deutschen Hochsprache und einem vulgären Slang zu finden versuchen. Sehr viele dieser Dialoge lassen sich daher nicht Wort für Wort übertragen.

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Das liegt aber auch – und damit komme ich zum zweiten entscheidenden Unterschied zur Literaturübersetzung und zur besonderen Herausforderung meiner Arbeit – am eingeschränkten Platz. Deutsche Formulierungen sind in der Regel länger als ihre Entsprechungen im Englischen und auch im Französischen, und der Raum in Sprechblasen und Textkästen ist nun mal beschränkt. Häufig genug kommt es also vor, dass mir bei einem Satz gleich eine genau treffende Übersetzung einfällt, ich mir dann aber mehr oder weniger lange Gedanken darüber machen muss, wie ich die Aussage und den Tonfall in eine kürzere Form bringen kann. Beiläufige Unterhaltungen bereiten mir dabei oft mehr Kopfzerbrechen als längere Texte mit kompliziertem Satzbau und elaborierter Wortwahl. Solche langen Passagen schreibe ich wiederum manchmal schlicht ab und bastele an der deutschen Version so lange herum, bis sie in etwa gleich lang ist wie die Stelle im Original. Meist komme ich auch aus diesem Grund nicht umhin, mich vom Wortlaut zu lösen und etwas freier zu übersetzen.

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Besonders frei – und mit besonders großem Vergnügen – versuche ich mich naturgemäß an Wortspielen, Versprechern und Reimen, die ich im Rahmen des Kontextes neu erfinden muss. Als zum Beispiel “Der kleine Christian” ein französisches “Tintin”-Album statt “Le Sceptre d’Ottokar” (“König Ottokars Zepter”) “Le Spectre d’Ottokar” (wörtlich “Ottokars Gespenst”) nennt, galt es, den Titel eines deutschen “Tim-und-Struppi”-Albums zu finden, der ein Kindern unvertrautes Fremdwort enthält. So habe ich aus dem “Arumbaya-Fetisch” den “Arumbaya-Fisch” gemacht. In “Donjon 103: Armageddon” habe ich mir einen Spaß daraus gemacht, neue Krankheiten zu erfinden (siehe oben), und in “Blotch – Der König von Paris” habe ich in einem Kapitel gleich eine ganze Operette nachgedichtet.

Bei allen Freiheiten, die ich mir immer wieder erlaube, geht es mir, dem Chamäleon, jedoch selbstverständlich immer nur darum, dem Original so nahe wie möglich zu kommen. Wie bei Romanen, Sachbüchern oder Filmen gilt auch beim Comic: Einer guten Übersetzung merkt man nicht an, dass sie eine Übersetzung ist.

– Kai Wilksen

Ausstellung von Kathrin Klingner zum Comicfestival Hamburg

Vom 2. bis 4. Oktober 2020 könnt ihr euch im Rahmen des Comicfestivals Hamburg Arbeiten von Kathrin Klingner ansehen. Im Fokus stehen ihre beiden Graphic Novels “Katze hasst Welt” und ““Über Spanien lacht die Sonne”. Die Ausstellung findet in der Galerie LaDøns im Valentinskamp 39 statt. Vor Ort habt ihr außerdem die Möglichkeit, beide Bücher an unserem Reprodukt-Verkaufsstand zu erwerben. WICHTIG: Es besteht auch weiterhin eine Maskenpflicht und die Einhaltung eines Sicherheitsabstandes von 1,5 m!

Kathrin Klingner ist eine Hamburger Comiczeichnerin und -autorin. Ihre Werke behandeln die verschiedensten Absurditäten des Alltags mit einer gehörigen Prise Humor. Bei Reprodukt sind bisher von ihr erschienen: “Katze hasst Welt” und “Über Spanien lacht die Sonne”.

Comicfestival Hamburg 2020, Galerie LaDøns, Valentinskamp 39, D-20354 Hamburg
comicfestivalhamburg.de
Eintritt frei

Online-Lesung von Katja Klengel: “Girlsplaining”


Lesungen und Veranstaltungen sind aufgrund der Corona-Pandemie rar und nur eigeschränkt möglich. Doch ihr müsst nicht auf den Spaß verzichten! Ab dem 22.09.2020 um 17 Uhr könnt ihr Euch eine Lesung von Katja Klengel aus ihrem preisgekrönten Comic “Girlsplaining” online anschauen. Ihr findet das Video auf dem YouTube-Kanal der Kinder- und Jugendbibliothek der ZLB. Aber wartet nicht zu lange, denn die Lesung wird nur vier Wochen lang online verfügbar sein.

Warum haben wir vor dem Wort “Vulva” mehr Angst als vor “Voldemort”? Müssen wir uns wirklich für unsere Körperbehaarung schämen? Wieso werden im Schulunterricht hauptsächlich männliche Autoren gelesen? Und warum sind die Geschlechterrollen bei Kinderspielzeug in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stecken geblieben?

In “Girlsplaining” geht Katja Klengel diesen Fragen auf den Grund und schildert mit Humor und schonungsloser Offenheit ihre persönlichen Erfahrungen und vermeintlichen Unzulänglichkeiten – und was es für sie bedeutet, heute eine Frau zu sein.
Katja Klengel lebt als Comiczeichnerin und Drehbuchautorin in Berlin.

https://www.zlb.de/kalender-detail/kalender/girlsplaining-die-wohnzimmer-comiclesung.html