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Neue Ausschreibung für den Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung

Die Berthold Leibinger Stiftung hat erneut den Comicbuchpreis ausgeschrieben. Der mit 20.000 Euro dotierte Preis wird für einen herausragenden Comic in deutscher Sprache vergeben. Neben den Preisträger:innen erhalten die Finalist:innen ein Preisgeld in Höhe von 2.000 Euro. 

Die Arbeit darf bis zur Preisverleihung im Mai 2023 nicht publiziert, ihre Fertigstellung aber absehbar sein. Neben dem Preisgeld erhält das prämierte Werk im Literaturhaus Stuttgart und im Literarischen Colloquium Berlin eine Ausstellung. Bis zum 30. Juni 2022 können nun Bewerbungen eingereicht werden. Eine Veröffentlichung des Bandes vor der Frist führt zur Disqualifizierung des Bewerbers.

Weitere Informationen unter: www.leibinger-stiftung.de

Die Preisträger:innen der Jahre 2021 und 2022 sind Sheree Domingo und Patrick Spät mit “Madame Choi und die Monster” (2022) sowie Mia Oberländer mit “Anna” (2021). 2020 gewann Reprodukt-Künstler Max Baitinger mit “Sibylla”.

Interview mit Peer Meter: »Effigie – Das Gift und die Stadt«. Der Fall Gesche Gottfried kommt ins Kino

Lieber Peer, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, mit uns zu sprechen. Am 20. Januar erscheint der Spielfilm »Effigie – das Gift und die Stadt« im Kino, für den du das Drehbuch geschrieben hast. Darin geht es um die Serienmörderin Gesche Gottfried, die in Bremen Anfang des 19. Jahrhunderts 15 Menschen tötete, indem sie ihre Opfer mit Arsen vergiftete. Seit vielen Jahren beschäftigst du dich in unterschiedlichen Arbeiten mit dem Fall – 2010 ist in Zusammenarbeit mit Barbara Yelin die Graphic Novel »Gift« bei Reprodukt erschienen. Wie bist du auf den Fall der Gesche Gottfried aufmerksam geworden?

In meiner Heimatstadt Bremen ist das Thema Gesche Gottfried ja immer präsent. Genau wie Fritz Haarmann in Hannover. Wir wachsen sozusagen damit auf.
1988 gelangten die während des Zweiten Weltkriegs zusammen mit zahlreichen anderen Bremer Archivalien ausgelagerten Gesche-Gottfried-Akten überraschend zurück nach Bremen. Da sich kein Historiker dafür interessierte, habe ich begonnen, jene Akten auszuwerten; übrigens eine Arbeit, die sich über einen Zeitraum von vielen Jahren erstreckte. Die beiden Bände haben immerhin einen Umfang von beinahe zweitausend Seiten.

Der Fall Gesche Gottfried ist vor allem auch ein rechtshistorisches Phänomen: Vor Gericht berief sich die Verteidigung auf die Schuldunfähigkeit der Frau, weil sie psychisch krank gewesen sei – scheiterte jedoch mit dieser Strategie. Schließlich wurde sie öffentlich hingerichtet. Was findest du an der Geschichte so faszinierend, dass du den Fall seit vielen Jahren in unterschiedlicher Form beleuchtest?

Die Frage nach dem seltsamen Handeln von Gesche Gottfrieds Verteidiger Friedrich Leopold Voget ist in wenigen Sätzen nicht zu beantworten. Er hatte damals zwei Bücher über den Fall publiziert, worin er eine streckenweise erlogene Sicht auf die Ereignisse und auf Gesche Gottfried gibt. Ich habe unter anderem nachgewiesen, dass er die Gerichtsakten teilweise grob verfälscht wiedergegeben und sogar eigenes hinzugedichtet hat. Meine Auswertung der Prozessakten brachte eine Fülle von neuen Aspekten ans Licht. Insbesondere den Versuch des Bremer Bürgertums, eine Mitverantwortung an den furchtbaren Taten zu verschleiern. Die Giftmordserie hätte aufgrund zahlreicher Hinweise aus dem Umfeld Gesche Gottfried bereits Jahre vor ihrer Verhaftung aufgedeckt werden müssen. Viele der Morde, vor allem aber sämtliche Giftgaben in nicht tödlicher Dosis, hätten verhindert werden können, wäre den Warnungen vor Gesche Gottfried und vor ihrem Unglückshaus, in dem die Menschen an den immer gleichen schweren Vergiftungssymptomen sterben, Beachtung geschenkt worden.
Dies zu korrigieren, die Sichtweise auf diese Frau in ein gerechteres Licht zu setzen, aber auch die verlogene Rolle des Bremer Bürgertums zu entlarven, war die eigentliche Antriebsfeder, mich mit der Auswertung der so lange verschollen geglaubten Prozessakten über so viele Jahre zu beschäftigen.

Wir sollten allerdings niemals außer Acht lassen, dass wir mit Gesche Gottfried eine gefährliche Serienmörderin vor uns haben, die in rücksichtsloser Härte gegen ihre Mitwelt vorgegangen ist.

Kannst du uns etwas über deinen Rechercheprozess zu dem Fall erzählen?

Ich wohnte damals in der Nähe des Bremer Staatsarchivs und habe mich dort jeden Vormittag für zwei Stunden mit den Akten beschäftigt. Man darf sich das nun nicht so vorstellen, dass alles wohlgeordnet vor einem liegt. Vielmehr liegt es wie Kraut und Rüben durcheinander; eben so, wie es Tag für Tag dem Gericht zugegangen war. Zudem ist alles in alter Handschrift geschrieben, die ich mühsam entziffern musste. Eine Sisyphusarbeit. Aber spannend, sehr spannend, weil beinahe jeden Tag neues ans Licht kam.

Wie ist es nun zu dem Film gekommen? Gab es die Idee, aus dem Stoff ein Drehbuch zu schreiben, schon länger?

Ja. Als unsere Graphic Novel »Gift« erschienen war, hatte ein Regisseur eine einjährige Option auf eine Verfilmung erworben. Aus dem Projekt wurde allerdings nichts. Später bestand von anderer Seite Interesse an einer deutsch-französischen Co-Produktion. Allerdings ist auch dieses Projekt nie realisiert worden.
Die Vermittlung zu Udo Flohr, dem Regisseur von »Effigie«, geschah durch meinen Agenten Henning Ahlers, der sehr gut in der Filmbranche vernetzt ist.

Wie war die Zusammenarbeit mit Udo Flohr? Ihr habt auch zusammen am Drehbuch gearbeitet, oder? Erzähl uns etwas über den Schreibprozess: Ging das schnell, weil du schon länger an dem Stoff gearbeitet hattest?

Schnell ging es nicht. Udo hatte zuerst die Idee, aus meinem Theaterstück »Die Verhöre der Gesche Gottfried« ein filmisches Kammerspiel zu machen. Aus dieser Idee haben wir im Laufe der Zeit gemeinsam den Plot für »Effigie« entwickelt. Auf dieser Grundlage habe ich dann das Drehbuch geschrieben.
Da die Dreharbeiten vorgezogen wurden und mir bei einem anderen Projekt der Abgabetermin im Nacken saß, hatten wir eine Co-Autorin mit ins Boot geholt, die mir einen Handlungsstrang abnehmen sollte. Letztendlich habe ich ihre Szenen aber doch selbst geschrieben.

Warst du bei den Dreharbeiten selbst vor Ort? Falls ja – hast du vielleicht eine Anekdote vom Filmset für uns?

Ich bin der Meinung, dass ein Autor an einem Filmset nicht zu suchen hat. Diese Sichtweise mag sehr hart klingen und womöglich Kollegen empören. Aber ich meine, sobald das Drehbuch abgeliefert ist, ist die Arbeit des Autors an dem Film beendet und andere übernehmen. Es ist übrigens an einem Filmset auch todlangweilig. Die Leute haben da völlig falsche Vorstellungen.
Es ist während der Dreharbeiten zweimal passiert, dass Udo mich am Abend anrief, weil er für den nächsten Tag eine zusätzlich Szene benötigte. Dies war zum Beispiel bei der Eröffnungsszene auf der Brücke der Fall. Er hatte sie am nächsten Morgen pünktlich vor Drehbeginn vorliegen.

In beiden Fällen – Graphic Novel und Film – wird die Geschichte der Gesche Gottfried aus der Perspektive einer Frau erzählt, die neu in die Stadt kommt. In der Graphic Novel ist es eine junge Schriftstellerin, die nach Bremen reist, um eine Reisebeschreibung zu verfassen. Im Film ist es eine junge Gerichtsprotokollantin. Was war dir wichtig daran, dass die Geschichte von einer Erzählerin vorgetragen wird?

Ich wollte unbedingt aus der Perspektive einer Frau erzählen, weil ich nur so eine unmittelbare Nähe zu der Situation der Frauen in jener Zeit bekomme.

Im Film wie in der Graphic Novel setzt du dich auch mit dem Verhältnis zwischen der Gesellschaft und ihren weiblichen Mitgliedern auseinander. In der Graphic Novel heißt es, »dass eine Frau zu geistiger Arbeit nicht bestimmt« sei und im Film erkundigt sich ironischerweise Gesche Gottfried bei der eintreffenden Gerichtsprotokollantin Cato Böhmer, warum das Gericht denn eine Frau schicke. Du zeichnest in beiden Arbeiten auch ein ambivalentes Bild von Schuld und Verantwortung einer Täterin, die in einer Welt lebte, die Frauen dem Mann unterordnete. Warum ist dir dieser Aspekt an dem Fall so wichtig?

»…die Frauen dem Mann unterordnete« verharmlost die aus heutiger Sicht doch schockierende Situation der Frauen in der damaligen Zeit ganz erheblich. Einer Frau blieb es damals versagt, ein eigenständiges Leben zu führen. Sie wurde vielmehr in eine vorgeformte Lebensbahn gezwängt, aus der sie sich nicht befreien konnte.
Gesche Gottfried zum Beispiel blieb ja, obgleich hochintelligent, jede höhere Schulbildung versagt. Darum wundert sie sich in unserem Film, dass es einer Frau durchaus möglich ist, zu studieren.

Für mich trifft die Interpretation Fassbinders in seinem Theaterstück »Bremer Freiheit« exakt den Punkt. Ich sehe ebenfalls in Gesches Handeln so etwas wie ein Aufschrei, was historisch gesehen natürlich nicht zu halten ist. Aber wir haben ja keine Doku über den Fall der Gesche Gottfried gemacht, sondern einen Spielfilm, der freie Interpretationen nicht nur zulässt, sondern nachgerade fordert.

Die Graphic Novel »Gift« ist Teil einer Trilogie. Neben der mit Barbara Yelin bei uns, sind zwei weitere Graphic Novels bei Carlsen erschienen: »Haarmann« mit Isabel Kreitz und “Vasmers Bruder” mit David von Bassewitz. Hast du auch zu den anderen beiden schon Drehbücher in Planung?

Ja. Und für »Haarmann« habe ich die Drehbücher sogar bereits fertiggeschrieben. Sie sind als Miniserie von fünf Folgen zu sechzig Minuten angelegt. Durch Corona liegt dieses Projekt allerdings derzeit auf Eis.
Es sind zudem noch einige Comicszenarios vorhanden, die ich Anfang der zehner Jahre geschrieben habe. Diese Arbeiten sollen sukzessive zu Filmdrehbücher umgearbeitet werden. Da ich es selbst allerdings zeitlich nicht schaffe – ich arbeite derzeit an einer Romantrilogie, die mich voll einnimmt – bin ich für jene Drehbücher auf der Suche nach einem Co-Autor bzw. einer Co-Autorin.

Lieber Peer, vielen Dank für das Gespräch.

Der Gratis Comic Tag ist zurück – und Reprodukt mit zwei Titeln wieder dabei!

Nachdem er im letzten Jahr pandemiebedingt leider ausgesetzt hat, ist der Gratis Comic Tag zurück. Am Samstag, den 14. Mai 2022 könnt ihr wieder aus einer schmucken Auswahl an Comics, Manga und Graphic Novels wählen und kostenlose Hefte beim Comicbuchladen eures Vertrauens erhalten. Mit dabei sowohl Titel für große wie kleine Liebhaber:innen der graphischen Literatur.

19 Comicverlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz produzieren eigens für diesen Tag mehr als 30 verschiedene Hefte, die sich Leser:innen kostenlos in den teilnehmenden Läden mitnehmen können. Die Auswahl ist groß: Von Manga über Superhelden, frankobelgische Abenteuer, Disney bis zu Independent Comics – hier ist für jede und jeden was dabei.

Auch Reprodukt ist in diesem Jahr wieder mit von der Partie und gleich zweimal vertreten:

Große Leser:innen können sich auf einen Teil der beliebten “Donjon”-Reihe freuen, “Donjon Antipoden +10.000 – Rubeus Khan”. Nach der Reise mit der Armee der Schädel zu den Ursprüngen von Terra Amata gibt es ein neues Abenteuer am anderen Ende der Antipoden. Joann Sfar, Lewis Trondheim und Vince nehmen die Leser:innen mit in eine weitere wahnwitzige Geschichte des “Donjon”-Universums.

Für junge Leser:innen im diesjährigen Programm Drew Weings “Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo”. In Charles’ Zimmer spukt es! Ein Glück dass ihm Monstervermittlerin Margo Maloo zur Seite steht. Gemeinsam stellen sich die beiden den Geister- und Monsterwesen, die in Schränken und unter Betten ihr Unwesen treiben. Ein großer Lesespaß für Kinder ab 8 Jahren.

Viele Händler:innen veranstalten am Gratis Comic Tag noch weitere Aktionen wie Signierstunden mit Comic-Künstler:innen, Ausstellungen, Wettbewerbe, Zeichenkurse, zusätzliche Sonderangebote. Den 14. Mai 2022 solltet ihr euch daher schon einmal ganz dick im Kalender anstreichen!

In Kürze könnt ihr hier herausfinden, welcher Comichändler in eurer Nähe mit dabei ist. Schon jetzt findet ihr hier alle Titel des diesjährigen Gratis-Comic-Tag-Programms.

Zwischen-den-Jahren-Interviews VII: Mawil

Und … das war’s … Das Jahr 2021 … Und die Zwischen-den-Jahren-Interviews, die wir mit einem echten Highlight abruden. 2021 konnten wir uns nach etlichen Jahren wieder über ein neues Projekt von Reprodukt-Haus-und-Hofzeichner Mawil freuen – und zwar gleich doppelt: mit den zwei Kinderbüchern „Power-Prinzessinnen-Patrouille” und „Mauer, Leiter, Bauarbeiter” gab Mawil seinen Einstand als Kinderbucherzähler. Und im November durfte Mawil drei Wochen lang in der Berliner Galerie „Neurotitan” Exponate aus seinem 3o-jährigen Schaffen als Comiczeichner ausstellen – für uns alle war die Mawil-Schau der absolute Höhepunkt des Jahres.

Viel Spaß mit dem letzten Interview – kommt gut ins Neue Jahr!

P.S. Unter dem Interview gibt es als kleines Jahresausklangspräsent ein exklusives Preview auf Mawils neues Kinderbuch „Papa macht alles falsch”, das März 2022 erscheinen wird.

Lieber Mawil, dein letztes Buch war eine kleine Sensation: Als erster deutscher Comiczeichner durftest du den einsamen Cowboy Lucky Luke zeichnen. Diesen Sommer ist der Comic sogar auf Französisch erschienen und steht damit in einer Reihe von Dutzenden von Bänden von Größen wie Goscinny, Morris, Achdé und anderen. Wie war das für dich, an so einem Ausnahmeprojekt zu arbeiten?

Ja, „Lucky Luke sattelt um”, war auf jeden Fall was Besonderes, da hatte ich erst mal gehörigen Respekt als kleiner ehemaliger Fan-Boy. Das Buch ist ja inzwischen bereits in Dänemark, Schweden, Norwegen, Italien, Portugal und den Niederlanden erschienen, aber wegen Corona sind dort alle Ausstellungen, Release-Events und Comicfestivals ausgefallen. Jetzt geht der Rummel endlich wieder los, und über Frankreich freue ich mich natürlich ganz besonders, aber es gibt noch viele andere Comics, die jetzt auch endlich wieder live präsentiert werden wollen, und da ist man dann in Frankreich nur einer von vielen. Aber ich komme gerade von einem sehr netten Festival in Amadora (Lissabon) zurück und hatte dort gut zu signieren.

„Lucky Luke sattelt um”, „Kinderland”: Deine letzten Comics richteten sich an ein All-Ages- oder jugendliches Publikum, mit „Power-Prinzessinnen-Patrouille” und „Mauer, Leiter, Bauarbeiter” hast du nun deine ersten richtigen Kindercomics vorgelegt. Wie kam es zu diesen Projekten? 

Natürlich waren das die eigenen Kinder und die vielen Bücher, die seitdem bei uns rumliegen. Und dann kostet so ein kleines Buch mit ein paar Doppelseiten-Illus genauso viel wie eine Graphic Novel. Wer will denn da noch 100 Seiten mit je 6, 7, 8 Panels vollmalen?

War das für dich eine Herausforderung, für ein sehr junges, relativ klar abgestecktes Publikum zu texten? Was sind für einen Erzähler die Vor- und was die Nachteile, wenn man rein für Kinder und nicht wie bei „Kinderland” für eine breitere Leserschaft erzählt? 

Ich muss gestehen, dass ich die Bücher in erster Linie für die armen übermüdeten Erwachsenen gemacht habe, die sich Abend für Abend durch „Bobo muss ins Bett“ quälen müssen (Gibt‘s das überhaupt?). Die sollen auch mal was zu lachen haben. Und dann gefällt‘s hoffentlich auch den Kleinen.

Erzähl uns doch ein bisschen über die beiden Bücher. Wenn man die Bauarbeiter und die Prinzessinnen im Buchhandel liegen sieht, wird einem wohl erst mal die Farbgebung auffallen: blau und pink. Die klassischen Gender-Farben sind hier aber nur eine große, verschmitzte Nebelkerze – das Jungs- und Mädchen-Schema wird hier gehörig auf den Kopf gestellt… 

Die ursprüngliche größenwahnsinnige Idee war ja, das ultimative Kinderbuch zu machen und dort wirklich ALLE Kinderbuch-Themen und -Figuren reinzuprügeln, nur leider fehlte dazu die passende Geschichte. Aus irgendeinem Grund hab ich irgendwann angefangen, Bob dem Baumeister so einen Hipsterbart anzumalen und ihn in eine Liebesgeschichte zu stecken, und es hat einfach Spaß gemacht, und die Prinzessinnen sind dann als Gegenpart fast von allein entstanden.

Mir ist natürlich klar, dass ich das ganze Gender-Thema damit nicht wirklich weiterbringe, indem ich einfach nur die Klischees mal umdrehe, aber ich bin sehr gespannt auf irritierte Amazon-Rezensionen, und mein Sohn mag schon mal die Prinzessinnen lieber als die Bauarbeiter – wegen der Drachen.

Du machst mit Kinderbüchern weiter, munkelt man… 😉 Kannst du uns verraten, auf welche coolen Kids-Bücher wir 2022 freuen können?

Während Corona fielen alle Lesungen, Workshops und Veranstaltungen weg, ich saß ungewohnt regelmäßig im Atelier und musste mich effektiv vor der nächsten großen „Graphic Novel“ drücken. Dabei sind dann als Übersprunghandlung eine Handvoll Konzepte für Kinderbücher entstanden, die hoffentlich peu à peu die nächsten Jahre umgesetzt werden. Im Frühjahr kommt im gleichen Format wie die Prinzessinnen und Bauarbeiter ein Buch mit dem vielversprechenden Titel „Papa macht alles falsch”.

Dein Einstand als Kinderbuchautor ist aber nicht das Einzige, was dich gerade umtreibt: Ab dem 6. November wird in Berlin in der Galerie Neurotitan eine große Werkschau von dir gezeigt. Anlass ist der 30. Geburtstag deiner Comiczeichnerkarriere. 1991 also nahm alles seinen Anfang, richtig? Kannst du uns etwas über deine Pioniesarbeit erzählen? Was war das für ein Comic? Und wird man ihn auch in der Ausstellung sehen? 

Bei den Pionieren hab ich nicht so viel gearbeitet, aber meine Eltern haben neben den üblichen Kinderzeichnungen auch ein kleines Heft aufgehoben, angeblich von 1984, namens „Der Roboter und der Engel“ (wahrscheinlich inspiriert durch katholische und zukunftsgewandte sozialistische Erziehung), und diese beiden erleben da erste kleine Abenteuer auf mehreren Seiten. Anfang der 90er hab ich Illus und Comics für diverse Ostberliner Schülerzeitungen und die katholische „Kirchenjugendszene” gemacht, bis dann unser Jugendseelsorger Kaplan „Käptn“ Höhle auf die Idee kam, im Gemeindebüro auf dem neu angeschafften Westkopierer die ersten 35 Hefte meiner „Crowers“-Geschichten zu vervielfältigen. Die durfte ich dann im Freundeskreis verschenken/tauschen/verkaufen, und so fing im Prinzip alles an.

Wie war das als angehender Comic-zeichner Ende der 1990er Jahre in Berlin? Kannst du dich an deine Anfangszeit erinnern? Gab es schon eine Szene, in die man sich wie ins gemachte Nest fallen lassen konnte, oder musstet ihr alles noch aufbauen? 

Glücklicherweise bin ich in Berlin Mitte aufgewachsen, denn ich war immer eher der zurückhaltendere Chäracter und wurde meist von anderen Leuten angeschubst. So saß z. B. neben mir im Religionsunterricht der Andreas „AHA“ Hartung, der erste andere Comiczeichner, den ich traf, der mich mit in seinem neu gegründeten Comicmagazin „Epidermophytie“ abgedruckt und zu den ersten Comic- und Fanzinefestivals mitgenommen hat. Außerdem war bei uns um die Ecke die „Comicbibliothek Renate“, heute immer noch die einzige ihrer Art, in der ich alle Comics der Welt lesen und auch meine eigenen Hefte auslegen konnte. Damals gab‘s ja noch kein Internet, und es war ein Riesenereignis, wenn man mal jemanden getroffen hat, der jemanden kannte, der dein Heft auf irgendeinem WG-Klo entdeckt hatte. Später nach der Schule kam dann noch die Kunsthochschule Berlin dazu, eine neue Comicclique namens „Monogatari“ u. a. mit Jens Harder, Ulli Lust und Tim Dinter und vielen neuen Einflüssen, und dort in Semesterprojekten haben wir uns dann zum ersten Mal mit länger zusammenhängenden Geschichten beschäftigt.  

In 30 Jahren sammeln sich bestimmt viele potenzielle Exponate an. Was wird in der Ausstellung alles zu sehen sein und war es schwierig, hier eine Auswahl zu treffen?

Ja, voll! Wir haben leider kein Geld für einen professionellen Kurator, und das Neurotitan ist groß, daher folge ich dem bewährten Ausstellungsprinzip „Masse statt Klasse“.

Ich hab mich die letzten zwei Wochen durch Massen von Skizzen, Storyboards, Drucken, Unikaten, Jugendsünden und Frühwerken gewühlt, das ganze Atelier ist voll mit Papier, und ich kann einfach nichts wegschmeißen. Immer denkt man, vielleicht freut sich noch mal jemand drüber. Also falls jemand irgendwelche Seiten kaufen will, meldet euch schnell, bevor ich das ganze Zeug in einem spontanen Anfall verbrenne.

 Und zum Schluss, was würdest du dem nächsten Mawil, der mit 14 Jahren seine ersten Comics in Umlauf bringen will, raten und mit auf dem Weg geben?

Wahrscheinlich ist es heute um einiges einfacher, seine Sachen per Instagram in die Welt zu jagen, aber das wissen die 14-Jährigen von heute sicher besser als ich.

Zwischen-den-Jahren-Interviews VI: Alessandro Tota

Recht spät im Jahr erschien dieses Kleinod aus Italien, das in gossenpoetischer Manier von der lost generation der 1990er erzählt, von jungen Leuten, die im krisengebeutelten Italien arbeits- und antriebslos durch den Alltag und vor allem die Nächte stolpern: „Fratelli” von Alessandro Tota.

Mit dem italienischen Zeichner und Autor sprach unser Volontär Lukas. Viel Spaß bei dem Gespräch und bis morgen zu unserem – Kinder, wie die Zeit verfliegt! – letzten Zwischenjahrsinterview!

Lieber Alessandro, wir freuen uns sehr, dass du dir die Zeit nimmst, mit uns zu sprechen. Dieser Tage erscheint bei Reprodukt mit „Fratelli” eine deiner ersten Graphic Novels, die 2011 in Italien erschienen ist. Könntest du uns ein wenig über deinen Einstieg in die Comicszene erzählen? Als „Fratelli” 2011 herausgekommen ist, warst du ja schon einige Jahre in der italienischen Comiclandschaft aktiv …

Wie viele Autoren habe ich mit der Veröffentlichung von Kurzgeschichten begonnen. In meinem Fall hatte ich das Glück, an der Gründung der Zeitschrift Canicola mitzuwirken, die in Angoulême den Preis für den besten alternativen Comic gewann. Dann zog ich nach Paris, wo ich bei verschiedenen Verlagen (Cornelius, Dargaud, L‘Ecole des Loisirs, Futuropolis) veröffentlichte, Comiczeichnen unterrichtete und als Drehbuchautor mit einigen Produktionsfirmen zusammenarbeitete. Mein Hauptinteresse gilt nach wie vor den Comics, sowohl jenen für Erwachsene als auch den Kindercomics, die ich sehr liebe und die mir geholfen haben, meine Arbeitsweise zu verfeinern. Für mich sind Comics die stärkste der narrativen Ausdrucksformen.

Der erste Teil von „Fratelli” entstand schon 2007. Und der zweite, „Ein gebrochenes Versprechen“, ist aus dem Jahr 2011. Wie kam es zu dieser doch recht langen Pause?

Als ich an „Fratelli” arbeitete, gab es noch keine italienischen Comics, die sich mit der Generation der Neunziger auseinandersetzten. Also habe ich versucht, diese Geschichten ausgehend von meinen eigenen Erfahrungen zu erzählen. Damals gab es nicht viele Bücher über die Neunzigerjahre, wahrscheinlich war diese Zeit noch zu nah. Inzwischen beginnt man, sie zu historisieren, aber für mich war es damals autobiografisches Material, und ich wollte versuchen, dem eine Form zu geben. Die Idee war, eine „Landschaft“ zu schaffen, die von verschiedenen Figuren bevölkert wird. Den ersten Teil habe ich für eine Anthologie geschrieben, die eine bestimmte Seitenzahl nicht überschreiten durfte. Den zweiten Teil habe ich deshalb erst später geschrieben. Auf „Fratelli” folgten zwei weitere Bücher, „Charles“ und „Estate“ (beide Titel sind bislang nicht auf Deutsch erschienen, Anm. d. Red.), die das Werk über meinen Geburtsort Bari vervollständigten.

Die Handlung von „Fratelli” spielt in den 1990er-Jahren. Könntest du uns ein bisschen über die wirtschaftliche und politische Realität dieser Zeitspanne in Italien erzählen? Wie exemplarisch sind die Figuren für die damalige Generation? Inwieweit würdest du sagen, ließen sich Parallelen zur aktuellen Lage in Süditalien bzw. Südeuropa ziehen?

Für mich, der ich 1982 geboren wurde, waren die 1990er-Jahre das Jahrzehnt vor 9/11, den Unruhen in Seattle und dem Aufkommen der Anti-Globalisierungsbewegung. Das war meine Teenagerzeit. Die Welt war wirklich sehr schlecht, aber man spürte noch nicht die Weltuntergangsstimmung, die man jetzt in den Großstädten spürt. Ich kenne die sehr unterschiedliche Situation an verschiedenen Orten: Bari, Bologna und Paris. In Paris sind die Phänomene viel stärker spürbar, in den Provinzen ist alles harmloser und langsamer. In den Neunzigerjahren in Bari zu leben, bedeutete vor allem abgeschnitten zu sein – aber dadurch hatte man auch eine gewisse Sicherheit, während man versuchte, seine eigenen Träume zu verwirklichen. Es gab kein Internet und keine Handys. Wir jungen Leute waren uns nicht bewusst, dass die Welt an der Schwelle zu einer Revolution stand. Es gab die Provinz, Langeweile, viele Drogen und eine Menge verschwendeter Energie. Meine Figuren repräsentieren nicht die Mehrheit meiner Generation, sie repräsentieren Randgruppen. Die Gründe für ihr Unbehagen und ihre Unzufriedenheit sind jedoch immer noch mit dem großen Ganzen verbunden. Es war eine Situation von „wir gegen alle“, nur dass „alle“ sich einen Dreck um uns scherten, sie sahen uns nicht einmal.

Eine deiner Figuren ist der junge Student Claudio. Er liebt Romane und Lyrik und sticht damit unter den anderen Figuren hervor. Erzähl uns etwas über ihn. Warum war es dir wichtig, jemanden mit so einem Hintergrund einzubauen?

Claudio ist einer der letzten Söhne des 20. Jahrhunderts. Für ihn kommt die Rettung aus den Büchern. Für ihn sind Baudelaire, Bukowski und Vonnegut nicht bloß Autoren aus der Vergangenheit, sie sind lebendig. Gleichzeitig ist seine Lebenswirklichkeit folgende: Er wohnt in einer Stadt, die nichts zu bieten hat, in der auch die Beziehungen zu den Menschen sehr rau sind und in der man jeden Tag auf der Straße mit einem Kampf rechnen muss. So sehr diese Situation als Abenteuer empfunden werden kann, so sehr wird sie auf Dauer zur Belastung und es entsteht der Wunsch, ihr zu entfliehen. Claudio taucht in diese Welt ein und fühlt sich von der Straße angezogen, genau wie die Schriftsteller, die er bewundert. Er ist auf der Suche nach Vorbildern und findet sie schließlich in Büchern, die zum Filter werden, durch den er die Wirklichkeit sieht. Das Problem ist, dass man sich in den Problemvierteln aufhält und Gefahr läuft, verletzt zu werden. Die Beziehung zur Literatur steht auch im Mittelpunkt von „Charles“, meinem zweiten Buch der Reihe, in dem die Jungen in Bari einem selbst ernannten Charles Baudelaire begegnen.

In „Fratelli” hast du mit in Schwarz-Weiß gehaltenen Strichzeichnungen und Schraffuren gearbeitet. Warum hast du dich für diesen Stil entschieden?

Die Geschichte gibt immer den Stil vor. Das Schwarzweiß und die für Underground-Comics typischen Kreuzschraffuren waren für diese Geschichte die notwendige Sprache. Man darf nicht vergessen, dass Underground-Comics, Crumb, Shelton, in den Neunzigerjahren noch eine lebendige Sprache waren, bevor das Internet und das digitale Zeichnen aufkamen. Ich habe angefangen, als Farbdruck noch teuer war!

In „Der Bücherdieb” geht es um einen Hochstapler, in „Fratelli” überlegen die Brüder, ein Gemälde zu fälschen. Würdest du sagen, du hast eine besondere Faszination für diese Themen und „zwielichtigen“ Figuren? Was findest du an solchen Figuren spannend?

Ich habe eine Schwäche für die Kleinganoven. Ich verabscheue die Schwerverbrecher, Spekulanten und Gewalttäter, aber wie kann man einen Jungen nicht lieben, der ein Buch von Baudelaire stiehlt, weil er kein Geld hat, um es zu kaufen? Da, wo ich herkomme, gab es keine Bibliotheken!

Zwischen-den-Jahren-Interviews V: Elína Brasliņa

Eine kleine Premiere in diesem Jahr war der charmante Kindercomic „Mimi, Jakob und die sprechenden Hunde“ von Elína Brasliņa: unser erster Comic aus dem Baltikum, genauer gesagt aus Lettland. Die lettische Kinderbuchillustratorin, die auch beim (fast) gleichnamigen Trickfilm die komplette grafische Gestaltung übersah, erzählt – nach einem bekannten lettischen Kinderbuch – von einem ordentlich meinungsstarken Hunderudel und zwei aufgeweckten Kindern, die in dem Rigaer Viertel Maskačka einem Immobilienhai in die Parade fahren.

Das lesenswerte Interview mit Elína Brasliņa führte unser ehemaliger Prakti und frischgebackener Volontär Lukas. Viel Spaß beim Lesen und (ihr kennt den Text!) bis morgen an dieser Stelle.

Liebe Elina, könntest du uns eingangs ein bisschen über dich erzählen? Wie kamst du zum Zeichnen? Und welche Rolle spielte der Comic für dich bislang als Illustratorin/Erzählerin?

Ich habe schon immer gerne gezeichnet. Mein Vater ist Maler und meine Mutter war Kunsthistorikerin, also war ich von klein auf von Kunst umgeben. Aber dass ich mit dem Zeichnen meinen Lebensunterhalt verdienen wollte, wurde mir erst klar, nachdem ich vorher vier Jahre lang Französisch für meinen Bachelor-Abschluss studiert hatte. Also schrieb ich mich an der Lettischen Kunstakademie ein, begann noch während des Studiums als Illustratorin zu arbeiten, machte einen Bachelor- und einen Master-Abschluss und habe diese Entscheidung nie bereut. In der lettischen Verlagslandschaft fangen Comics gerade erst an präsent zu sein, vor allem dank des Verlags „Liels un mazs“ (Anm. d. Red. Kinderbuchverlag aus Riga) und des Indie-Comicverlags „kuš!“. Als ich klein war, gab es nur Micky-Maus-Comics, die uns meine Eltern nicht kaufen wollten. Aber als Teenager mochte ich Manga und Anime, und seit Kurzem tauche ich in die Welt der Graphic Novels ein. Das ist definitiv ein Medium, das mich interessiert!

Für das deutsche Publikum scheint Lettland geografisch, aber auch künstlerisch weit entfernt. Nur wenige Bücher aus Lettland werden auf Deutsch übersetzt. Wie ist das umgekehrt für dich? Wie sehr fühlst du dich als Teil der europäischen Kinderbuch- und Illustrator*innen-Szene? Arbeitest du primär für den lettischen Markt oder bist du international vernetzt?

Ich arbeite in erster Linie für den lettischen Markt, obwohl ich in den letzten vier Jahren begonnen habe, ein wenig zu expandieren und Bücher für britische, irische und Schweizer Verlage zu illustrieren. Auch wurden einige der lettischen Bücher, die ich illustriert habe, im Ausland veröffentlicht. Und vor allem die Bücher, die ich zusammen mit Lawrence Schimel (Anm. d. Red. US-amerikanischer Schriftsteller) gemacht habe, zwei Pappbilderbücher über LGBTQ-Familien, „Bedtime, not playtime“ und „Early one morning“, haben international viel Aufmerksamkeit erregt und werden bald in fast 20 Ländern veröffentlicht. Lettland war leider auch noch nie Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, aber wir bewerben uns für 2025. Mal sehen, wie es läuft!

Was zeichnet die lettische Kinderbuch-Landschaft aus? Gibt es Entwicklungen, Themen und Trends, die „typisch lettisch“ sind?

Da bin ich mir nicht sicher. Ich denke, bei uns war es vielleicht ein bisschen anders, als Lettland noch Teil der Sowjetunion war und es nicht so viele westliche Einflüsse gab. Es gibt Künstler*innen einer älteren Generation, die diesen inzwischen retro wirkenden Stil bis zu einem gewissen Grad beibehalten – nicht zuletzt, weil sie hauptsächlich mit traditionellen Medien arbeiten und sich an einen gewissen Realismus halten usw. Aber die jüngere Generation von Illustrator*innen ist sicherlich Teil einer globaleren Gemeinschaft – vielleicht weil wir alle auf Pinterest und Instagram nach Inspiration suchen (lacht). Ich bin mir also nicht sicher, wie ein typisch lettischer Trend aussehen würde, aber ich denke, für ein so kleines Land mit einem so winzigen Markt haben wir eine große Vielfalt an Stilen und Herangehensweisen und können sicherlich mit anderen Künstler*innen auf europäischer Ebene mithalten!

Der Kindercomic „Mimi, Jakob und die sprechenden Hunde“ basiert auf einem Animationsfilm, der wiederum ein bekanntes lettisches Kinderbuch als Vorlage hatte. Kannst du uns etwas über den Film verraten? Wie bist du damals zu dem Projekt gekommen und welche Rolle hattest du inne? Was hat dich an dem Projekt gereizt?

Ich war die Hauptzeichnerin und Szenenbildnerin für den Trickfilm. Nachdem Reinis Pétersons, der Illustrator des Kinderbuchs „Die Geschichte der Moskauer Vorstadt“ von Luīze Pastore, auf dem der Film basiert, die Rolle nicht übernehmen konnte, kontaktierte mich Edmunds Jansons, der Regisseur. Ich fühlte mich erst sehr überfordert und hätte fast Nein gesagt, aber Edmunds hat mich freundlich überredet, es doch zu versuchen. Das war eine ganz schöne Herausforderung, die mich einiges an Nerven und Tränen gekostet hat, mir aber auch half, über mich selbst hinauszuwachsen. Ich habe knapp drei Jahre lang an dem Film gearbeitet und am Ende alle Figuren, alle Requisiten und alle Hintergründe fast ganz allein entworfen. Es war eine der intensivsten Arbeiten, die ich je gemacht habe. Ich glaube, ich habe Blut geleckt, denn ich arbeite bereits an einem anderen Animationsfilm mit demselben Studio und demselben Regisseur.

Erzähl uns etwas über diesen Transformationsprozess. Wie wurde der Film zu einem Comicbuch?

Der Comic war ursprünglich als Teil der Marketingkampagne für den Film selbst geplant – die Produzenten wollten, dass ich bestehendes Material dafür verwende, damit es schneller fertig wird. Ich habe aber sofort gemerkt, dass das nicht gut aussehen würde. Also habe ich mir damit sechs Monate Zeit gelassen, zuerst ein Storyboard für den Comic entworfen, mich mit Sanita Muižniece beraten, die mir bei den Texten geholfen hat, und dann das Ganze bis auf ein paar bestehende Hintergründe von Grund auf neu gezeichnet.

Wie unterscheidet sich die Arbeit für einen Animationsfilm von der Arbeit für einen Comic? Gibt es narrative Elemente, die man besser in einem Comic ausdrücken kann als in einem Film und umgekehrt?

Ich denke, es ist schwer, die beiden zu vergleichen. Comics genauso wie Animationsfilme sind schon ziemlich große Projekte – Letztere durch die Zusammenarbeit mit einem Team vielleicht noch größer. Die Herausforderungen sind dabei sehr unterschiedlich: Wenn man an einem Film arbeitet, hat man eine Reihe von Zuständigkeiten. Die Arbeit kann sich zwar ein wenig wiederholen, aber dafür muss man sich nicht um das Ganze kümmern. Bei einem Comic trägt man alleine die ganze Verantwortung, vor allem wenn man zeichnet und schreibt – damit muss man umgehen können. Bei einem Comic ist eine gewisse „Ökonomie des Ausdrucks“ gefordert, man muss mit einer begrenzten Anzahl von Panels und Seiten haushalten. Jedes Bild muss sozusagen „einschlagen“, eine Wirkung haben, die Erzählung vorantreiben. Ich habe während der Entstehungszeit nur an diesem einen Comic gearbeitet, der eine Adaption von einer schon bestehenden Geschichte ist. Ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie es ist, an einer eigenen Geschichte zu arbeiten – aber ich hoffe, dass ich das eines Tages tun werde!

Zentrales Thema im Comic ist der Bau eines Wolkenkratzers im historischen Stadtviertel Maskačka in deiner Heimatstadt Riga, der das Bestehende zu verdrängen droht. Könntest du uns ein wenig über das echte Riga und die echte Maskačka erzählen? Wie relevant sind Themen wie Verdrängung, steigende Mietpreise und Luxussanierungen für die Bewohner*innen von Riga und speziell der Maskačka. Sind das aktuelle politische Debatten in Lettland, die „Mimi, Jakob und die sprechenden Hunde“ für junge Leser*innen aufgreift und erzählt?

Die Maskačka, wie sie in dem Zeichentrickfilm dargestellt wird, ist sicherlich eine vereinfachte, kinderfreundlichere Version des tatsächlichen Stadtteils. In der realen Maskačka gibt es eine Reihe von charmanten Holzhäusern, die mit Wohnhäusern durchsetzt sind. Wie in den meisten Städten sind einige Häuser in einem erbärmlichen Zustand, und ganz klar gibt es Armut und Obdachlosigkeit. Wenn auch vielleicht weniger als früher ist das Leben in der Maskačka mit einem gewissen Stigma verbunden. Daneben hat sich ein Trend zur Gentrifizierung entwickelt: Hier und da entstehen schickere Wohnhäuser, oft an überraschenden Orten. Ich denke, es wäre schön, wenn wir mehr in die Instandsetzung und Erhaltung bestehender Gebäude investieren würden, anstatt sie abzureißen und neue zu bauen, die häufig nicht zum historischen Charakter des Viertels passen – ich freue mich immer, wenn ein altes Holzhaus in der Maskačka oder anderswo einen neuen Anstrich erhält. Außerdem fände ich es schön, wenn die Kommune mehr Mittel in die Außenbezirke und nicht nur in das Stadtzentrum investieren würden, um sie für Menschen und Unternehmen attraktiver zu machen.

Du lebst selber in Riga, oder? Hast du ein persönliches Verhältnis zur Maskačka? Warst du zur Vorbereitung für deine Zeichnungen vor Ort? Gibt es Charakteristika des Viertels, die es dir als Zeichnerin leicht gemacht haben, seine Essenz einzufangen?

Ja – ich bin tatsächlich näher an die Maskačka gezogen, als ich mit der Arbeit an dem Film weitgehend fertig war, und fahre jetzt regelmäßig mit der Straßenbahn durch das Viertel. Ich war ein- oder zweimal zu Recherchezwecken dort, habe aber meistens – sehr unromantisch, dafür sehr effizient – Street View bei Google Maps benutzt. Was die Charakteristika betrifft, so gab es für mich mit der Holzarchitektur, den gepflasterten Straßen, der Straßenbahnlinie 7, dem Maskačka-Gartenpark und den „bunten Bewohnern“ einige Referenzpunkte, um das Viertel für das Publikum erkennbar zu machen.

In einer neueren Arbeit von dir geht es um Marketing – auch dieses Thema hast du für Kinder illustriert. Wie gehst du an so eine Arbeit heran?

Das Buch „Ting! Wie Marketing die Welt verführt“ (Anm. d. Red.: erschienen 2020 beim Helvetiq Verlag Basel/Lausanne) ist ein Gemeinschaftswerk von Cary Steinmann und Laura Simon, und sie hatten für die meisten Illustrationen bereits wunderbare Ideen, auf die ich dann aufbauen konnte. Der Stil, den ich für das Buch gewählt habe, wurde von den „Corporate Designs“, der Unternehmens-Bildsprache, inspiriert, die wir heute fast überall sehen. Zum Beispiel diese vektorbasierten, geometrischen, bunten Figuren mit leicht übertriebenen Proportionen in den sozialen Medien. Ich habe dann meinen eigenen Stil mit schrulligen Details hinzugefügt, um den Lesern hoffentlich mehr Spaß zu bereiten.

Jakob – eine der beiden Hauptfiguren des Comics – möchte einmal Architekt werden wie sein Papa. Er zeichnet bzw. malt sehr viel, und dabei wird das, was er gezeichnet hat, Wirklichkeit. Das scheint mir eine Metapher zu sein für die kreative und narrative Kraft des Zeichners, speziell des Comic-Mediums… War das für dich als Kind auch so? Und hat das Zeichnen immer noch diese magische Komponente für dich?

Die Macht der Fantasie kommt auch im Original bei Luīze Pastore zum Ausdruck. Jakob stellt sich eine riesige Flut in Riga vor und ein großes Schiff, das die Hauptstraße der Stadt hinunterfährt. Das ist ein sehr eindrucksvolles Bild, das mir im Gedächtnis geblieben ist. Im Buch war das etwas nuancierter und metaphorischer, wenn ich mich richtig erinnere. Edmunds, der Regisseur, hat es dann im Film etwas deutlicher gemacht – als ob Jakob wirklich glaubte, er hätte magische Kräfte. Und ich glaube, da ist etwas Wahres dran. Zeichnen (und Animieren, Filmemachen, Schreiben und bis zu einem gewissen Grad jede Form des künstlerischen Ausdrucks) ist eine Art Magie, die Fähigkeit, die Bilder, die man in seinem Kopf sieht, mit anderen zu teilen und so deren Fantasie anzuregen. Das fühlt sich manchmal an wie eine besondere Kraft, vor allem, wenn die Bilder genauso – oder sogar besser – werden, als ich sie mir vorgestellt habe.

Am Ende der Geschichte wird dann doch noch gebaut – aber nicht mehr nach den Vorstellungen des Immobilienhais Raffke, sondern nach den Plänen von Jakob. Hast du das Gefühl, dass man Kinder mehr bei der Gestaltung unserer Städte und unseres Miteinanders entscheiden lassen müsste? Wie wichtig ist für dich die „Kinderperspektive“ in der Stadtplanung?

Ich denke, es ist auf jeden Fall wichtig, die Perspektive der Kinder in diesen Fragen zu berücksichtigen – und ich freue mich, dass dies zum Beispiel beim Bau von Spielplätzen auch geschieht. Mein eigenes Viertel in Riga, Kengarags, ist trotz seines „schlechten Rufs“ recht familienfreundlich und hat eine Reihe von Spielplätzen in fußläufiger Entfernung von unserem Haus. Oder ich denke an die Bemalung von Kindergarten- und Schulgebäuden durch Künstler und Kunststudenten. Auch als Erwachsene würde ich gerne mehr Farbe in der Stadt sehen (z. B. in Form von Wandmalereien), und ich würde mir wünschen, dass die Stadt fußgänger- und fahrradfreundlicher und dadurch sicherer für Kinder und alle anderen wird.

Zum Schluss eine kleine wie entscheidende Frage: Bist du ein Hunde- oder ein Katzenmensch? Hast du selber Haustiere, die sich in der Geschichte wiederfinden?

Ich bin auf jeden Fall ein Hundemensch, obwohl ich auch gerne mit Katzen kuschle – wenn sie mich lassen. Ich hatte in meinem Leben zwei Hunde, eine französische Bulldogge namens Theo, die vor vielen Jahren verstorben ist, und einen Golden Retriever namens Bonnie, die das Baby der Familie war, bis unser richtiges Baby auf die Welt kam (und die jetzt widerwillig lernt, eine große Schwester für sie zu sein). Ursprünglich wollte ich einen Golden Retriever in die Gruppe der sprechenden Hunde aufnehmen, aber wie der Regisseur feststellte, hatten wir bereits einen Mops, einen Chihuahua und zwei Afghanische Windhunde. In diesem Rudel von Streunern war wirklich kein Platz mehr für weitere reinrassige Hunde – also wurden die anderen als Mischlinge neu gezeichnet. Aber Bonnie taucht im Film als Hintergrundfigur auf.

Zwischen-den-Jahren-Interviews IV: Matthias Lehmann

Eigenproduktionen liegen einem natürlich immer doppelt und dreifach am Herzen, vor allem, wenn sie uns schon so lange begleiten wie Matthias Lehmanns Debüt „Parallel”, das diesen Herbst bei Reprodukt erschienen ist. Ganze sieben Jahre arbeitete der Leipziger Comickünstler an seinem Erstlingwerk, unterstützt vom Reprodukt-Lektor Michael Groenewald. Dass sich die viele Arbeit gelohnt hat, stand für uns außer Frage, aber wir haben uns natürlich sehr gefreut, dass die Resonanz seitens Presse und Leser*innen auch sehr enthusiastisch ausfiel. Das Sahnehäubchen: Kurz vor den Feiertagen kürte eine 30-köpfige Kritiker*innen-Jury „Parallel” auf Platz 1 der Comic-Bestenliste des Winterquartals.

Mit Matthias Lehmann haben wir für die Pressearbeit auch ein ausführliches Interview geführt. Wir wünschen euch viel Spaß bei diesem Q&A und lesen uns morgen wieder an dieser Stelle, oder?

Lieber Matthias, herzlich willkommen in der Reprodukt-Family. Wir freuen uns schon sehr auf dein Debüt als Zeichner und Autor in Personalunion. Bevor wir über deinen lange erwarteten Erstling sprechen, erzähl uns doch erst ein bisschen über dich. Wie bist du auf den Comic gekommen? Und was bedeuten dieses Medium und seine vielfältigen Möglichkeiten für dich als Erzähler?

Dass ich mich für Comics interessiert habe, kam ganz plötzlich mit 16 Jahren. Ich habe mir aus einer Laune heraus ein Batman-Heft gekauft und fand, was darin zu sehen war, so faszinierend, dass ich begann, Panels daraus abzuzeichnen. Schnell begann ich, eigene Figuren und Geschichten zu entwickeln. Die enorme Vielfalt des Comics macht es dabei für mich aus. Alles ist möglich: von Comics komplett ohne Text zu Comicseiten, auf denen nur Text und kein Bild zu sehen ist, bis hin zu der Tatsache, dass das Medium aus dem Buchformat heraustritt und andere Medien tangiert, wie zum Beispiel Musik und Film. Außerdem macht die Bilderzählung eine sprachübergreifende Kommunikation möglich.

In „Parallel” erzählst du auf fast 500 Seiten die Geschichte eines homosexuellen Mannes, Karl Kling, der nach dem Zweiten Weltkrieg mehrfach versucht, sich selbst und seine Wünsche zu verleugnen und ein bürgerliches Leben zu führen, was dazu führt, dass er sich und andere verletzt und enttäuscht. Erzähl uns etwas zur Recherche. Wie kamst du auf diese Erzählung und was hat dich an dem Stoff so interessiert, dass du ihn in der Ausführlichkeit mehrere Jahre verfolgt hast und auserzählen wolltest?

Bei einem Gespräch mit meiner Freundin über unsere Großeltern erzählte sie mir, dass ihr Opa homosexuell gewesen sei. Trotzdem war er zweimal verheiratet. Mich interessierte die Spannung, die wohl in ihm gewesen sein muss. Diese große Divergenz zwischen Kopf und Herz. Ich sprach also als erstes mit der Tochter von Karl. Durch ihre Erzählungen, Fotos und Dokumente, die sie noch von ihm besaß, konnten wir gemeinsam recht viel seines Lebensweges nachverfolgen. Die Sache mit dem Schwulsein war zeit seines Lebens ein offenes Geheimnis. Innerhalb der Familie wurde darüber nicht gesprochen. Somit musste ich sein schwules Leben mit Hilfe von Literatur, Dokumentationen und einem Zeitzeugen rekonstruieren.

Was kannst du uns über deine Hauptfigur verraten? An welcher Stelle in seinem Leben steht er, als wir ihn kennenlernen?

Zu Beginn der Geschichte steht die Hauptfigur vor einem neuen Lebensabschnitt. Er geht in Rente und verliert seinen geliebten Beruf, der ihm Zugehörigkeit in eine Gesellschaft gegeben hat, die er über sein Privatleben nicht bekommen hat. Er lässt sein Leben Revue passieren und sucht nach Gründen, warum seine Tochter den Kontakt zu ihm abgebrochen hat.

Wie exemplarisch siehst du Karl Klings Geschichte, seine Angst vor Einsamkeit und seine Selbstsabotage für die Schicksale von vielen homosexuellen Männern und Frauen im Nachkriegsdeutschland? Was sticht für dich an seinem Leben heraus?

Wenn ich anderen Menschen erzählte, mit welcher Geschichte ich mich gerade beschäftigte, konnte ich öfter den Satz hören: „So jemanden kenne ich auch.“ Oft aus der Familie. So gesehen ist die Geschichte von Karl eine, die es wohl in Deutschland zu Tausenden gegeben hat. Natürlich jede mit ihren eigenen Facetten. Homosexualität im Nachkriegsdeutschland stand nach wie vor unter Strafe, wobei der Paragraph 175, der vor 1945 galt, einfach übernommen wurde. Was wirklich heraussticht, kann ich nicht sagen. Er war eigentlich ein ganz normaler Mann aus der Arbeiterschicht, der in Ruhe sein Leben leben wollte. Er war kein Held, der für die Rechte von Homosexuellen einstand, sondern versuchte eher mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, das beste aus seiner Situation zu machen.

„Parallel” spielt nicht nur in der Nachkriegs-BRD, sondern auch mehrere Jahre in der DDR kurz vor dem Mauerbau. Dabei spielen die politischen Verhältnisse und Unterschiede weder für dich als Erzähler noch für Karl Kling eine Rolle. Die homophobe Stimmung in der Gesellschaft scheint in Ost und West die gleiche zu sein …

Seit Ende der 50er Jahre waren homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen in der DDR straffrei. Das war natürlich ein Fortschritt gegenüber der BRD, den man wahrscheinlich als progressiv betrachten kann. Aber das nützte den Betroffenen recht wenig, wenn Homosexualität in der Gesellschaftlich trotzdem geächtet war.

In beiden Systemen wurde Homosexualität genutzt, um politische Gegner zu beschädigen. In der BRD gab es seit Mitte der 60er Jahre einen gesellschaftlichen Wandel, der sich durch weniger Verurteilungen bemerkbar machte. Aber der Paragraph bestand nach wie vor, erst 1994 wurde er ersatzlos aufgehoben.

In den letzten Jahren war in der Rezeption von Kunst die Debatte über kulturelle Aneignung und die soziale Stellung des/der Künstler*in in Bezug auf ihr Thema nicht unwichtig. Hast du als heterosexueller Mann damit gehadert, als Erzähler in die Haut eines schwulen Mannes zu schlüpfen und sein zerrissenes Innenleben zu imaginieren? Wie bist du mit diesem Widerspruch umgegangen? Und ist das überhaupt ein Widerspruch?

Ich bin mir bei der Frage selbst sehr uneins. Einerseits denke ich, dass ich nicht auf dem Rücken einer Gemeinschaft Geschichten erzählen möchte, zu der ich keinen Zugang habe. Andererseits wäre ich sehr limitiert, wenn ich nur Geschichten aus meiner Lebenswirklichkeit erzählen würde. Wobei meine Lebenswirklichkeit sich ja auch immer mit der anderer überschneidet. Wir existieren ja nicht losgelöst voneinander. Vielleicht kommt es auch ein bisschen darauf an, wie man erzählt. Deshalb war es mir wichtig, homosexuelle Menschen in den Entstehungsprozess mit einzubeziehen.

Ich habe eingangs von „Parallel” als deinem Debüt geschrieben, aber das war ein bisschen geflunkert. Vor einigen Jahren ist schon ein Comic von dir erschienen, eine Biografie des Malers Claude Monet, den du nach dem Szenario von Kunsthistorikerin Mona Horncastle gezeichnet hast. „Parallel” ist aber dein buchlanger Einstand als Autor. Mich würde jetzt an dieser Stelle – „Parallel” ist ja ein stark dialoggetriebenes Buch – die Szenaristen-Arbeit interessieren. Wie bist du als Autor herangegangen, um ein so umfangreiches und dialoglastiges Skript in den Griff zu bekommen?

Ich habe versucht, sehr strukturiert vorzugehen. Das heißt, ich habe mir alle Szenen, die mir wichtig sind, auf kleine Zettel geschrieben und vor mir ausgebreitet. So hatte ich alle Szenen im Blick und konnte ihre Reihenfolge durch Verschieben leicht ändern. Da es zwei Zeitebenen gibt, die ineinander verschachtelt sind, war das notwendig. Als die Reihenfolge feststand, begann ich, die Szenen mit Dialogen und Handlung zu füllen. Bei diesem Schritt hat mir mein Lektor Michael sehr geholfen, da ich, was das Schreiben anging, noch sehr unerfahren war. Wir befanden uns im ständigen Austausch, stellten uns Fragen zu den Figuren und deren Beweggründen, warfen Szenen wieder raus und fügten woanders Szenen ein. Ich hatte in den Jahren davor schon einige kürzere Comics geschrieben, aber so ein langes Buch ist natürlich etwas ganz anderes. Da fiel es mir schon manchmal schwer den Überblick zu behalten.

Und natürlich interessiert uns auch der grafische Part. Deine Figuren bestehen oft aus sehr flüchtigen Linien, die erst durch die verschiedenen Graustufen an Gewicht und Kontur erhalten. Es gibt Szenen, da scheint sich Karl Kling aufzulösen und mit dem Hintergrund zu verschmelzen. Du arbeitest rein digital, oder? Könntest du uns mehr über deinen Stil und deinen Strich in „Parallel” erzählen?

Dieser Comic ist bis auf Teile des Storyboards digital entstanden. Was mir die Möglichkeit gegeben hat, sehr locker zu arbeiten. Das heißt, ich habe über das Storyboard getuscht, ohne die Vorzeichnung groß auszuarbeiten. Was ich mir auf Papier nicht getrauen würde, da ein Tuschefehler auf Papier sehr viel mehr Arbeit nach sich zieht als ein Tuschefehler bei Photoshop. Außerdem fand ich, dass das Flüchtige und Verschmelzende gut zu der Geschichte passt. Karl Kling versteckt sich oder passt sich an.

Heutzutage erscheint es geradezu absurd, dass anti-homosexuelle Gesetzgebung in Deutschland bis in die 1990er hinein bestand hatte – so viel hat sich in Sachen LGBTQ-Rechte seither getan … Ist das Thema von „Parallel” deiner Meinung nach ein rein geschichtliches oder siehst du in der Geschichte von Karl Kling Parallelen zu heutigen Debatten und gesellschaftlichen Problemen?

Ich denke nicht, dass das Thema rein geschichtlich ist. Denn dieses Leben, das Karl geführt hat, führen immer noch Menschen – auch in Deutschland. Auch wenn sich in Sachen LGBTQ-Rechte und Akzeptanz viel getan hat, gibt es immer noch zu viele Vorbehalte, Ablehnung und konservative Kräfte, die gerne die Zeit wieder zurückdrehen würden. Das zeigt, alles Geschichtliche ist auch für die Gegenwart relevant. Das sieht man ja auch bei anderen Themen.

Du hast viele Jahre an „Parallel” gearbeitet. Brauchst du jetzt erstmal eine lange Pause, oder bist du schon mittendrin im nächsten Projekt? Worauf können wir uns als nächstes von dir freuen?

Was ich jetzt als größeres Comicprojekt machen werde, weiß ich noch nicht ganz genau. Aber ein paar Kurzgeschichten liegen bereits in der Schublade, die nun endlich gezeichnet werden können.

Zwischen-den-Jahren-Interviews III: Guy Delisle

Mathieu Sapin, Cyril Pedrosa, Riad Sattouf, Lewis Trondheim en masse – 2021 war das bei Reprodukt das Jahr der französischen (bzw. französischsprachigen) Superstars. Und einer der größten in Frankreich ist der Frankokanadier Guy Delisle, der vier Jahre nach der unbequemen Entführungsgeschichte „Geisel” endlich wieder ein neues Buch vorlegte. Vom Titel her spielte Delisle an seine extrem erfolgreichen Reisebände an, nur ging die Reise diesmal in die eigene Jugend: In „Lehrjahre” erzählt Delisle mit verschmitztem Humor, gerade der richtigen Prise Wehmut und einem Blick fürs Chaplin’eske der Fabrikarbeit von seinen/m Ferienjob(s) in einer gigantischen Papierfabrik im kanadischen Quebec.

Das Interview führte Marie-Hélène Schmit, die Sommer 2021 als Qualitätspraktikantin bei Reprodukt aushalf. Als französische Muttersprachlerin hatte sie die Ehre und die Freude, mit Guy in seiner Muttersprache zu skypen. Wir wünschen viel Spaß beim Interview, bis morgen an dieser Stelle!

Lieber Guy, deine neue Graphic Novel „Lehrjahre” erschien gerade zeitgleich auf Englisch und Deutsch. Und für beide Editionen machst du gerade Promotion. Das ist sicherlich nicht wenig Aufwand. „Lehrjahre” ist schon der zwölfte Comic von dir, der bei Reprodukt auf Deutsch erscheint. Hättest du dir zu Beginn deiner Karriere vorstellen können, solch einen internationalen Erfolg haben zu können?

Es stimmt, in Frankreich habe ich inzwischen beachtliche Auflagen, aber das war eine stetige Entwicklung und kam nicht über Nacht. Wenn man zum Beispiel meine Reisereportagen nimmt, von der ersten, also „Shenzhen”, haben wir zu Beginn bei L’Association 2000 Stück verkauft. Und das war schon ein Achtungserfolg. Es war schließlich mein erstes langes Projekt. Meinen Durchbruch hatte ich dann mit „Pjöngjang”. Zu dieser Zeit hatte der Markt für Independent-Comics begonnen, sich langsam zu öffnen. Wenige Jahre zuvor war Marjane Satrapis „Persepolis” erschienen und der Erfolg des Buchs öffnete anderen Comickünstler*innen die Türen. Mit der dritten Reisereportage „Aufzeichnungen aus Birma” wechselte ich zu einem großen Verlagshaus, Delcourt, und der Unterschied in den Verkaufszahlen war immens. Auf einmal erreichte ich komplett neue Käuferschichten und Verkaufszahlen, in die ein kleiner Verlag wie L’Association nicht vorstoßen kann. Mit „Aufzeichnungen aus Jerusalem” wurde meine Leserschaft noch größer. Das Buch wurde mit dem Grand Prix in Angoulême als „Bester Comic des Jahres“ prämiert. Und spätestens ab dem Zeitpunkt ist das explodiert. Danach gab es auch andere Bücher, aber die Reisebücher waren am erfolgreichsten.

In deinen Reiseberichten erzählst du von ungewöhnlichen Orten und außergewöhnlichen Erfahrungen. Dein neues Buch spielt aber nicht in einem fernen Land, sondern in deinem Heimatort, Quebec. Warum bist du erzählerisch in deine Jugend und in deine Heimat zurückgekehrt?

Ich musste den Tatsachen ins Auge sehen. Solche aufwändigen, langfristigen Reisen – seien es welche für die Arbeit oder mit meiner Frau – wird es aller Wahrscheinlichkeit nach in meinem Leben nicht mehr geben. Und wenn man weniger erlebt, dann erinnert man sich mehr. Ich hatte in den letzten Jahren immer wieder Bilder aus meiner Jugend vor den Augen. Erinnerungen an die Zeit, als ich 16 oder 17 war und in der Papierfabrik gearbeitet habe. Irgendwie ist der Ort in meiner Erinnerung zu etwas Exotischem geworden. Als ich anfing, an dem Buch zu arbeiten, war es für mich in der Tat, als würde ich verreisen und die Leser*innen mitnehmen an einen Ort, den sie nie werden besuchen können. Ich kehrte auch wirklich dorthin zurück, um Fotos zu machen und Referenzmaterial zu besorgen. Ich hatte sehr klare Erinnerungen an die Zeit und die Leute, auch an die Gespräche, obwohl ich normalerweise kein sehr gutes Gedächtnis habe. Aber ich glaube, dass dieser Lebensabschnitt sich in meinem Gehirn gut eingeprägt hat. Ich habe mir Notizen gemacht, wie damals während meiner Reisen, nur dass ich sie dreißig Jahre später machte und dachte: „Genau, das ist passiert“, „Das war lustig“, „Der war ein seltsamer Typ“. Ich arbeitete wie bei meinen Reisebüchern, aber dieses Mal war die Reise in die Vergangenheit, und es freute mich sehr, nach Quebec zurückzukehren, weil ich von dort stamme. Es war auch aufregend, diese Fabrik zu zeichnen, weil sie von außen so schön ist.

Könntest du uns etwas über die Farbgebung in „Lehrjahre” erzählen? Du setzt eine Art Gelb-Orange als Zweitfarbe eine, vor allem bei der Figur von deinem Alter Ego. Was hat es damit auf sich?

Ursprünglich hatte ich geplant, das Buch in Schwarzweiß zu halten, aber dann habe ich ein bisschen experimentiert. Ich habe mich schließlich für diesen Orangeton als Zweitfarbe entschieden, weil er ein bisschen dieses Vintage-Feeling hatte. Er erinnerte mich an die alten Comics aus meiner Kindheit, die auch stets zweifarbig waren, orange und schwarzweiß. Die Farbe hat diese Siebzigerjahre-Anmutung, auch wenn der Comic in den Achtzigerjahren spielt. Und in der Fabrik war es immer warm, also musste es eine warme Farbe werden. Mit Blau zum Beispiel hat es überhaupt nicht funktioniert.

In einer Szene muss der junge Guy seine Angst überwinden, um eine Papierrolle zu wechseln, und er sieht das als einen symbolischen Moment, als einen Übergangsritus. Denkst du an andere Momente deines Lebens, die du als Übergangsritus betrachtest?

Ich würde sagen, dass der erste professionelle Job für einen Menschen so etwas wie ein Übergangsritus ist. Also als ich anfing, in der Animation zu arbeiten, war das ein wichtiger Übergangsmoment in meinem Leben. Ich denke, dass es in meiner Kindheit und Jugend viel klarere Trennungen zwischen dem Kindsein und dem Erwachsenenalter gab und solche Übergangsphasen deshalb umso bedeutsamer waren. Heutzutage sind diese Übergänge fließender und subtiler. Klar, an und für sich war die Arbeit in der Papierfabrik nichts Besonders, aber sie fiel in die Zeit, als ich an der Schwelle zum Erwachsenenalter war und mir über einige Dinge im Leben klar werden musste und wurde so auch zum Übergangsritus.

In dem Buch zeigst du schon ein großes Interesse bei Comics. Als du in der Animation anfingst, dachtest du schon, dass du danach zu Comics übergehen würdest?

Nein, eigentlich gar nicht. Damals, 1985-1987, waren Comics in Quebec noch in den Anfängen. Es gab einige Magazine, aber sich vorzustellen, dass man von Comics leben könnte, wenn man in Quebec lebt, war damals ziemlich illusorisch. Also habe ich das gemacht, was die meisten jungen Leute mit Zeichentalent machen: Ich habe Kunst studiert.

Ich habe dann schnell zur Animation gefunden, weil mir diese Art zu zeichnen viel mehr lag. Ich habe einen Zeichnungsstil, der nicht realistisch ist, sondern eher cartoon-artig. Da war Animation wie geschaffen für mich. Also habe ich erstmal versucht, mich auf diesem Feld zu etablieren. Für eine lange Zeit, während ich in der Animationsbranche arbeitete, habe ich Comics komplett aus den Augen verloren.

Comics kehrten erst wieder in Europa in mein Leben zurück. Ich hatte einige Zeit in Deutschland verbracht und an einem Animationsprojekt in Berlin gearbeitet. Dann zog in nach Frankreich und dort entdeckte ich dann nach und nach, dass inzwischen eine neue Art der Comickunst entstanden war: schwarzweiße, oft autobiografische Independent-Comics, vor allem um den Verlag L’Association herum. Diese Comics sprachen mich sofort an, sie waren von Künstler*innen in meinem Alter für Leser*innen in meinem Alter gemacht. Ich habe L’Association einige Kurzgeschichten geschickt und so nahm das alles seinen Lauf … Es war großartig, als junger Künstler veröffentlicht zu werden und mit so einem profilierten Verlagshaus und so tollen Leuten zusammenzuarbeiten. Aber ich muss auch gestehen, dass ich in den ersten Jahren kaum von meiner Arbeit leben konnte. Es hat einige Jahre gedauert, bis der Boom der Independent-Comics meine Arbeit so populär gemacht hat, dass ich mich nur auf das Comiczeichnen konzentrieren konnte. Nach dem Erfolg von „Persepolis” fanden viele Leute, die in ihrer Kindheit Comics gelesen haben und dem Medium dann den Rücken gekehrt haben, wieder zu Comics zurück. Und viele von ihnen stießen dann auch auf meine Comicreportagen. Wir sprachen ja vorhin von Übergangsriten und Umbruchphasen – nun, „Pjöngjang” war für mich so eine Zäsur: Zum ersten Mal dachte ich: „Das scheint wirklich zu funktionieren. Das ist kein Hobby mehr, ich könnte wirklich meinen Unterhalt mit Comics bestreiten.“

In der Papierfabrik, in der du in „Lehrjahre” arbeitest, gab es schalldichte Kabinen, in denen die Arbeiter dem Fabriklärm eine Weile entkommen konnten. Würdest du sagen, dass Comics für dich eine Art schalldichte Kabine sind, in der du dich Lärm des Lebens entziehen kannst?

Ja, tatsächlich ist das nicht unähnlich. Als Jugendlicher war ich ziemlich verschlossen und schüchtern. Und wenn ich zeichnete, dann entstand eine Sogwirkung. Ich tauchte komplett in die Zeichnung ein. Es war ein gutes, befreiendes Gefühl. Das ist sogar manchmal auch heute noch so. Beim Zeichnen erschafft man eine Welt und taucht in sie hinein. Das ist ein Gefühl, das alle Menschen, die zeichnen, empfinden, und es ist ein sehr angenehmes, fast kindliches Gefühl. Kinder zeichnen einfach aus purem Vergnügen, aus der Lust heraus, aus Strichen und Farben etwas zu erschaffen. Dieses Gefühl kann man sich auch als Erwachsener etwas bewahren.

In der Fabrik war der Lärmschutz natürlich nur einer von vielen Gründen für diese Kabinen. Ein anderer war die Klimaanlage. In der Fabrik war es brutal heiß. Das ist natürlich schwierig in einem Comic wiederzugeben – die Hitze, der Lärm und der Geruch. Die Sinneseindrücke in der Fabrik waren unbeschreiblich. Alles prallte auf dich ein. Man konnte dem auch in diesen Kabinen nicht wirklich entkommen, schließlich waren sie immer voller Menschen. Es kam selten vor, dass man darin wirklich Platz hatte und für sich war. Oft mussten wir sogar stehen, weil alle Sitzplätze belegt waren.

Hast du schon das nächste Projekt in der Pipeline?

Nein, nicht wirklich. Es gibt einige Ideen, mit denen ich herumspiele, aber ich zeichne auch einfach nur viel vor mich hin, aus der Freude am Zeichnen. Ich arbeite also an mehreren Projekten gleichzeitig und warte auf den Augenblick, bis eines von ihnen sich mir als neues Buch aufdrängt. Es ist so eine Art Wettbewerb der Ideen und ich warte noch darauf, welche von ihnen das Rennen macht.

Zwischen-den-Jahren-Interviews II: Mathieu Sapin

Es verspricht spannend zu werden: am 10. April 2022 sind wieder Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron, der 2017 François Hollande beerbt hat und als völliger Außenseiter überraschend in Élysée-Palast einzog, wird sein Amt verteidigen müssen. Herausforderer von links sind bislang recht profillos, die internationale Presse hat vor allem dem rechten Rand Aufmerksamkeit geschenkt.

Eine Prognose über den Wahlausgang wagte bereits Anfang 2021 der französische Comickünstler Mathieu Sapin, den wir für die Pressekampagne zum seinem neuen Buch, der Polit-Reportage „Comédie Française – Reisen ins Vorzimmer der Macht”, einige nicht minder investigative Interviewfragen schickten. „Comédie Française” beschreibt Sapins größtenteils glücklose Versuche, als zeichnender Journalist Emmanuel Macron vor die Flinte, äh Bleistift zu kriegen. Parallel zu seiner Zeit hinter den Kulissen der Macht erzählt Sapin die Geschichte des bekannten Dramaturgen Jean Racine, der im 17. Jahrhundert zum Hofberichterstatter Ludwigs XIV. wird, und stellt dabei die Frage: Was fasziniert Künstler an der Macht und den Mächtigen? Ob er die Frage in unseren Interview beantwortet, könnt ihr gleich selbst lesen. Und ob er mit seiner Wahlprognose richtig lag, werden wir alle am 10. April erfahren …

Viel Spaß beim Interview und bis morgen an dieser Stelle!

Lieber Mathieu, vielen Dank, dass du dir wieder die Zeit für uns nimmst. 2018 hatten wir schon einmal miteinander gesprochen, als die deutsche Edition deiner Comic-Reportage über Gérard Depardieu erschienen ist. Wie war eigentlich das Feedback auf den Comic in Frankreich? Wirst du noch oft darauf angesprochen? 

Ja, der „Gérard”-Comic war wirklich ein durchschlagender Erfolg und viele Leute haben mir erzählt, dass das Buch ihre Sicht auf den Schauspieler komplett gewandelt hat. Ich hatte schon mehrere Angebote, es als Kinofilm oder als Animationsserie umsetzen zu lassen. Das Buch war ein wichtiger Schritt in meiner zeichnerischen Laufbahn: Es hat mir unzählige Türen geöffnet, meine Arbeiten einem größeren Publikum bekannt gemacht, und ich habe während der Arbeit daran viel über mich gelernt. Und ja, ich werde noch viel mit dem Buch assoziiert – für die meisten Comic-Leser*innen bin ich „der Typ mit dem Buch über Gérard“.

Ich fand es bei der Lektüre von „Comédie Française” erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit du dich als Comickünstler in den hohen kulturellen und politischen Gefilden bewegst und wie anerkannt der Comic selbst im Élysée-Palast zu sein scheint. Da sind wir in Deutschland noch Jahrzehnte von weg … 

Ja, was den Comic anbelangt, hat Frankreich einen weiten Vorsprung. Die Comicbranche an sich ist schon wesentlich größer in Frankreich und dadurch auch zwangsläufig die Leserschaft. In Frankreich streitet niemand dem Comic die Kunsthaftigkeit ab. Es gibt viel beachtete Festivals wie das in der Stadt Angoulême, die von der Kulturwelt und der Politik wahrgenommen werden. Der Comic ist ein starker Wirtschaftszweig in der Buchbranche  und erreicht viele Menschen, bei weitem nicht nur Kinder. Was meine Rolle in dieser Welt anbelangt: Ich bin mir meiner privilegierten Position, die ich auch in der Comic-Reportage darstelle, bewusst, aber letztlich waren es einfach nur viele Zufälle, die es mir nach und nach ermöglichten, Zugang zu diesen politischen und kulturellen Zirkeln zu erlangen. Dem ganzen Buch liegt zum Beispiel der Zufall zugrunde, dass mit Emmanuel Macron zum ersten Mal ein Präsident im Élysée-Palast sitzt, der Comics liest. Diese bloße Tatsache hat mir schon einiges ermöglicht und ich habe sie natürlich zu meinem Vorteil genutzt.

Zu Beginn von „Comédie Française” hört man dich sagen, dass du die Schnauze voll hast von der politischen Arena. Dein letztes politisches Buch „Le Chateau” ist leider nie auf Deutsch erschienen. Könntest du uns ein bisschen erzählen, was du vorher schon für Erfahrungen mit der Politik gemacht hast? 

Vor „Gérard” hatte ich mal eine Comicreportage über die Tageszeitung Libération gemacht („Journal d’un journal”), für die ich sechs Monate in der Redaktion recherchiert habe. Anschließend habe ich zwei Comics über die Politwelt gemacht, „Campagne Présidentielle”, für die ich in die Wahlkampagne von François Hollande eingetaucht bin. Und später nach Hollandes Wahlsieg habe ich mich noch mal akkreditieren lassen und durfte ein Jahr lang (2014-15) den Alltag im Élysée-Palast aus der Nähe beobachten („Le Chateau”). In diese Zeit fiel auch der Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion. Während der Ereignisse war ich als Beobachter in Hollandes Umfeld. Es hat schon etwas Berauschendes, wenn man Wahlkampagnen und politisches Leben begleiten darf, speziell wenn es aus solcher Nähe geschieht. Aber es ist auch ziemlich kräftezehrend. Es ist ein intensives Leben, man ist ständig am Anschlag. Nachdem ich das mehrere Male mitgemacht hatte, wollte ich diesen Stress nicht mehr in meinem Leben und etwas Friedlicheres, Ruhigeres anpacken … 

Warum hast du deine Meinung geändert? 

Naja, das Leben macht eben die eigentlichen Pläne. 2017, während der letzten Präsidentschaftswahlen, packte mich wieder der Ehrgeiz. Ich war bei den Anfängen Hollandes dabei und als klar wurde, dass er so oder so das Amt niederlegen würde, wollte ich auch beim Ende seiner Präsidentschaft dabei sein. Quasi den Kreis schließen. Während dieser Zeit traf ich Macron. Ich hatte kein wirkliches Gefühl für diesen Menschen, als ich die Arbeit an „Comédie Française” aufnahm, aber das war das erste Mal, dass es einen Präsidenten aus meiner Generation gab, und ich wollte mehr über ihn erfahren.

Auf dem Cover von „Comédie Française” ist weit und breit kein Macron zu sehen, sondern nur dein Comic-Alter-Ego, wie es auf einem Flughafen zu der Präsidentenmaschine hetzt. So fühlt sich auch das Buch selbst an – wenig Macron und viel Mathieu Sapin, der versucht, Macron zu fassen zu kriegen … Würdest du sagen, dass „Comedié” eher ein Buch über das Scheitern einer Reportage ist?

Mein Buch sollte ein Versuch sein, zu verstehen, was im Kopf von jemandem wie Macron vor sich geht. Und wenn das das Ziel gewesen wäre, dann wäre die Mission tatsächlich fehlgeschlagen. Im Laufe der Arbeiten an dem Buch fing ich aber an, meine eigene Faszination mit der Macht und der Mächtigen zu hinterfragen. Warum wollte ich Emmanuel Macron wirklich treffen? Was zog mich zu ihm? Und da nahm das Buch eine andere Richtung an. Es ist kein Buch über Macron, den Politiker, sondern Macron, das Machtsymbol – es geht um die Faszination der Macht und die Beziehung zwischen Kunst und den Mächtigen. Und es geht darum, zu zeigen, dass zwischen diesen zwei Polen kein wirklicher Dialog möglich ist. Am Ende des Buchs habe ich der Kunst einen kleinen Sieg über die Macht gegönnt.

Und weil du das Cover angesprochen hast, das ist die Präsidenten-Falcon – und für mich ist dieses Flugzeug ein ebenso eindrückliches Symbol der Macht. Auf dem Bild sieht man, dass jemand in der Tür des Flugzeugs verschwindet, aber man sieht nur sein Bein. Es könnte Hollande sein oder Macron oder jemand anders. Das Flugzeug ist die Verkörperung dieser ganzen verrückten Politmaschinerie, die statisch und gigantisch und doch so flüchtig ist. Meine Cover sind auch in der Regel eine Hommage an Hergés Comicklassiker „Tim und Struppi”, der eine große Inspiration für meine eigene Arbeit war. Schließlich bin ich als Comic-Reporter auch eine Art moderner „Tim“ …

Der zweite große Erzählstrang des Buchs ist die Lebensgeschichte des berühmten französischen Dramaturgen Jean Racine, dessen Schaffen du im Buch nacherzählst und als eine Art historisches Spiegelbild zu deiner eigenen Reportage über Macron verwendest. Wie bist du auf diesen Aspekt gekommen? 

Auf die Idee kam ich, als ich irgendwann über den historischen Fakt gestolpert bin, dass Racine seine Theaterkarriere von heute auf morgen an den Nagel gehängt hat und ein Hofschreiber, ein „historiographe du roi“, geworden ist. Er war auf dem Höhepunkt seines schriftstellerischen Schaffens gewesen, und ich wollte verstehen, was ihn dazu gebracht hat, so eine verheißungsvolle Karriere aufzugeben. Also habe ich Racine als ein historisches Schattenbild zu meinem eigenen Unterfangen mit eingebaut. Ich hatte schließlich auch schon eine Karriere als Filmregisseur begonnen und sie eingefroren, um wieder Comics über einen mächtigen Politiker zu zeichnen. Ich wollte untersuchen, warum für Künstler reelle Macht attraktiver ist als Fiktion.

Racines späteres Schaffen im Dienste des Königs nahm keinen positiven Ausgang. Nach seinem Tod gingen alle seine Aufzeichnungen aus der Zeit in einem Hausbrand verloren. Wie schwierig war es für dich, diese Periode in seinem Leben einzufangen, ohne seine Texte zu kennen. 

Ich habe natürlich viel über Racines Zeit recherchiert, habe Biografien gelesen, Bücher, die sich mit dieser Zeitepoche auseinandergesetzt haben und Autor*innen wie Marie-Madeleine de La Fayette und Duc de Saint Simon, die viel über das höfische Leben unter dem Sonnenkönig geschrieben haben. Und nicht zuletzt habe ich versucht, mich in Racines Kopf hineinzuversetzen. Für Racine war das Schreiben für den König bedeutender als alles, was er als Theaterautor verfasst hatte.

Einen großen Teil des Spaßes an deinen Büchern macht dein hyperdetaillierter, mit visuellen Anekdoten und unzähligen Textinformationen angereicherter Erzählstil aus. Wie bringst du es zustande, dir so viele Details, Namen und Kleinigkeiten zu merken?

Ich habe meine eigene spezielle Technik, wenn ich mit meinem Notizbuch unterwegs bin. Ich schreibe viel stichpunktartig auf und zeichne kleine, grobe Skizzen vor Ort. Ich fotografiere auch und mache Videos – was sich halt in einem bestimmten Augenblick anbietet. Aber am wichtigsten ist immer noch das Gedächtnis. Wenn ich mich an die Arbeit mache, dann fange ich mit einem Storyboard an und versuche dabei, alles, was ich erlebt habe, so wahrheitsgetreu wie möglich wiederzugeben. Dort wo die Bilder selbst die Informationen oder auch den Witz nicht transportieren können, helfe ich mit kleinen Textverweisen nach.

2022 wird sich Emmanuel Macron wieder den französischen Wählerinnen und Wählern stellen müssen. Wie schätzt du seine Chancen ein? 

2017 war Macron ein wenig bekannter Außenseiterkandidat, heute kennt ihn natürlich die ganze Welt, und seine Politik und sein Charakter sind in Frankreich sehr umstritten. Seine große Stärke ist jedoch, dass er es geschafft hat, seine Opposition zu spalten und zu schwächen. Alle bis auf die Rechten, muss man leider hinzufügen. Seine einzige wirkliche Widersacherin wird wohl Marine Le Pen werden. Aber ich denke, dass er die Wiederwahl schaffen kann.

In Frankreich ist gerade dein neuestes Comicalbum erschienen, das du zusammen mit Joann Sfar als Szenaristen umgesetzt hast: „Le Ministère Secret”, eine extrem lustige Spionagegeschichte, in der die früheren französischen Präsidenten Hollande und Sarkozy als Teil einer Spezialeinheit die Welt retten müssen. Und du kommst auch wieder vor … Was kannst du uns über die Serie erzählen? Und wird Macron „Le Ministère Secret” auch beitreten müssen, falls er 2022 verliert? 

„Le Ministère Secret” war ein reichlich unerwartetes Projekt. Joann Sfar kam eines Tages mit der Idee auf mich zu, eine Geschichte mit meinem Comic-Alter-Ego zu erzählen, das schräge Abenteuer erleben soll. Ich bin diesmal nur der Zeichner, die Szenarios schreibt alle Joann. Und es fühlt sich schon seltsam an, mich selbst als Comicfigur in einer Geschichte zu zeichnen, die ich mir nicht selbst ausgedacht habe. Einige Elemente der Story basieren auf meinem Leben – mein Verhältnis zu Hollande, Teile meines Familienlebens, etc. Aber der Rest ist „fake news“ pur, mit Reptilienmenschen, Explosionen, tödlichen Viren und Trump. Ein großer Spaß! Gerade zeichne ich an Band 2. Und was Macron anbelangt – wir werden sehen …