Blog Filip Kolek am 28. Juni 2019

Auf einen Plausch mit Moki

Anfang des Jahres machten sich die zwei Reprodukt-Qualitätspraktikantinnen Lotte und Andrea auf den Weg ins Atelier der enigmatischen Berliner Künstlerin Moki, um ihr bei der Arbeit über die Schulter zu schauen und in Hinblick auf die Veröffentlichung ihres neuen Buchs „Sumpfland” (Video-Trailer) auf den Zahn zu füllen. Sie sprachen mit ihr über ihre Sicht auf die Welt und wie diese in ihre Figuren und ihre Erzählungen einfließt, über ihre Zusammenarbeit mit dem Hamburger Musiker Lambert, ihre liebsten Studio-Ghibli-Filme und und und … Viel Spaß bei dem Gespräch!

Wie bist du zu Reprodukt gekommen?

Ich bin durch Sascha Hommer und Arne Bellstorf, die 2006 in ihrem damaligen Verlag KIKIPOST mein erstes Buch „asleep in a foreign place“ (Kritik bei jetzt.de) veröffentlicht haben, zu Reprodukt gekommen.

Wer ist dein Lieblingsautor bei Reprodukt?

Zu Beginn meines Studiums der bildenden Künste an der HfbK in Hamburg ist mir „Die Fabrik” von Geneviève Castrée in die Hände gefallen. Das hat mich aufgrund seiner Uneindeutigkeit beeindruckt. Gerade habe ich „The Artist” und „The Artist: Der Schnabelprinz” von Anna Haifisch gelesen. Die Comics fand ich als Malerin sehr erheiternd, da sie wunderbar mit den Klischees spielen und viele Verweise herstellen. „Ein Sommer am See” von Jillian und Mariko Tamaki ist wahnsinnig gut gezeichnet!! Das sollte man sich unbedingt ansehen – und na klar alle Mumins-Bücher von Tove Jansson …:)

Kannst du uns einen Einblick in deinen Alltag als Comiczeichnerin gewehren? Hast du bestimmte Zeitroutinen?

Ich kann mich gut in meinem Atelier konzentrieren. Deshalb arbeite ich vorzugsweise dort und nur abends Zuhause. Früh morgens und spät abends habe ich häufig einen guten Flow und kann auch anspruchsvollere Aufgaben gut bewältigen.

Was ist die Idee hinter deiner Graphic Novel „Sumpfland”? Wofür steht der Titel?

Bei einem Sumpf stelle ich mir eine Landschaft vor, die etwas oder jemand verschlucken und in sich aufnehmen kann. Ein Sumpf erscheint möglicherweise wie eine Wiese. Es gibt Bereiche, auf denen der morastige Boden so dicht mit Wurzeln überwuchert ist, dass man wie auf einem Wasserbett laufen kann. Aber dann gibt es auch die Stellen, an denen der Schlamm blubbert und man langsam in die Tiefe gezogen werden kann, wenn man einen falschen Schritt macht. Es handelt sich um eine Allegorie zu der Welt, die wir erfahren. Mein Comic besteht aus mehreren Geschichten die ineinander verwoben sind. Er handelt von Komplexität. Kausale Zusammenhänge sind für die Protagonisten der Geschichten nicht immer offensichtlich. Gut und Böse sind Bewertungen, die ausgelotet werden müssen.

Inspiriert von der Erzählstruktur des Romans „Kafka am Strand” von Haruki Murakami habe ich mich bewusst für diese rhizomatische Erzählweise entschieden, da ich das Gefühl habe, sie kann die reale Welt besser wiedergeben als eine stringente Struktur. Das ist mir deshalb wichtig, da die Wahrnehmung von Realität unser Feedback beeinflusst: „Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie so, wie wir sind.” (Anaïs Nin). Wenn wir wissen, dass viele Bewertungen standpunktabhängig sind, lösen sich Kategorien wie Gut und Böse auf und ein spannungsreiches Verhältnis entsteht. Ambivalenz und Diversität erhalten Einzug und fordern unser schwarzweißes Denken heraus.

Beispielsweise gibt es in „Sumpfland” die Figur POPOV, der mit seinem Kumpanen ZKE Pfeile und Bogen schnitzt. Sie schießen in die Luft. Sie sehen nicht, was mit den Pfeilen geschieht, ob und wo sie landen, ob sie jemand oder etwas treffen oder gefunden werden. Jedoch in den anderen Geschichten haben diese Geschosse Effekte: Die ELSTERN bauen mit ihnen und bringen sie dann zu ICHI, einem Waldgeist, der sie als Pinsel verwendet. Ein anderer Pfeil triff ein Tier tödlich, was die frisch verliebte OCRE erbost. So wie ich immer mehr verstehe, wie meine alltäglichen Handlungen die Welt verändern (Antropozän & Klimawandel), so verwoben und undurchsichtig falten sich die Stränge der Erzählung. Sie zeugen davon, wie schwer es ist, die Wirkung von Effekten vorherzusehen. Kann ich die Folgen meiner Verhaltensweisen überhaupt abschätzen? Ändert das Wissen über Kausalzusammenhänge mein Verhalten oder mach ich trotzdem weiter wie bisher?

„Sumpfland” handelt in seinen vielen kleinen Geschichten von großen Gefühlen: von Krankheit und Tod (BLUB), von Familie und Kommunikation (ALDI & PUFFI), von Liebe (OCRE), von kindlicher Unbeschwertheit (ICHI) von Politik und Systemkritik (FORMWANDLER), von Einsamkeit und Sinnsuche (GIANT), von Kreativität und Transformation (ELSTERN), von Freundschaft und Naivität (POPOV & ZKE).

Woher nimmst du die Vorlagen für deine Bilder?

Für Malereien verwende ich Bilder aus dem Netz oder ich mache selbst Fotos. Für Comics zeichne ich aus dem Kopf, sehe mir aber für den Bildaufbau Kompositionen an. Ich zitiere gern Figuren, z.B. finden sich  oft Hatifnatten (spargelartige Wesen aus den „Mumins”-Geschichten von Tove Jansson) in meinen Landschaften, sowie Rußmännchen oder auch Waldgeister (aus „Chihiros Reise ins Zauberland” & „Prinzessin Mononoke“ von Studio Ghibli). Es gibt auch Figuren, die mich über lange Zeit begleiten und sich langsam verändern. MUNGU war z.B. anfangs mager und eher traurig gestimmt. In der letzten Geschichte, in der er vorkommt, ist er wonnig rund und ziemlich ausgeglichen und entspannt. Hingegen POPOV und ZKE lernen einfach nichts hinzu. Sie handeln mit wenig Weitblick und sterben eigentlich in jeder Geschichte selbstverschuldet.

Welchen Charakter hast du in deinem Comic „Wandering Ghost” am liebsten gezeichnet?

Es gibt in der Geschichte ein Wesen, das sich verwandelt. Erst ist es klein und flauschig – über Nacht verwandelt es sich in einen großen hageren Fuchs. Zur Zeit zeichne ich tatsächlich am liebsten ‚Formwandler‘. Das sind Figuren aus meinem neuen Comic „Sumpfland“ – reduziert dargestellte Tintenfisch ähnliche Figuren.

Gibt es eine Figur in einem deiner Comics, die dich selbst darstellt?

Ich glaube, es finden sich persönliche Charakterzüge oder Eigenschaften in fast allen meiner Figuren. Mal ist das expliziter, wie in meiner Kurzgeschichte „Tellerwäscher”, in der ich über meinen Job als Spülkraft berichte. Ein anderes Mal ist es weniger offensichtlich, wenn z.B. eine glibberige Blase langsam mutiert und stirbt.

2017 hast du mit dem Pianisten Lambert die Platte „Sweet Apocalypse“ (Kritik in der Berliner Zeitung) gemacht. Hast du dich in der Zusammenarbeit von der Musik inspirieren lassen?

Der Austausch mit Lambert war spannend und schön: Wir haben uns Skizzen, musikalische und grafische, hin und her geschickt und uns dadurch gegenseitig inspiriert. Da ich Synästhetiker bin, kann ich Musik auch als bewegte farbige Formen wahrnehmen. Das hat mir bei der Erschaffung von Bildwelten für die einzelnen Stücken des Albums geholfen. Es war wichtig für uns, dass sich ein ausgeglichenes aufeinander Eingehen bzw. auf das Medium des anderen entwickelt. So hat mal er mir eine Melodie geschickt und ich habe den Schnee darin gehört. Mal habe ich ihm ein Bild beschrieben, dass meiner Meinung nach zum Thema passt und er hat es vertont. Obwohl die Platte von der Apokalypse handelt, wirken die Klavierkompositionen auf mich romantisch und nicht ganz so düster wie die Malereien, die ich dazu angefertigt habe.

Bist du in deiner Freizeit viel in der Natur?

Ich bin auf dem Land groß geworden und habe deshalb einen engen Bezug zur Natur. Hier in der Stadt vermisse ich die Weite, den Horizont und das Dem-Wetter-ausgeliefert-sein. Im Alltag in der Großstadt vergesse ich, wie verletzlich und wie unbedeutend ich bin. Die Demut vor der Natur bereichert mich und sie macht mich dankbar für Dinge, die ich oft als selbstverständlich hinnehme. Ich schäme mich als Mensch zu einer Gruppe von Wesen zu gehören, die wie Parasiten die Basis, auf der sie leben, zerstören. Deren gesellschaftliches System nicht flexibel genug ist, auf veränderte Umweltbedingungen einzugehen.

Im Vorfeld des Interviews, habem wir uns einige Mails geschrieben. Und dabei ist uns aufgefallen, wie poetisch selbst so etwas alltägliches wie eine E-Mail von dir klingt.  Warum schreibst du deine E-Mails wie Strophen in einem Gedicht?

Ich finde es sowohl leichter so zu schreiben als auch leichter es so zu lesen bzw. zu verstehen. Ich schreibe auch grundsätzlich alles klein, wie es das Bauhaus 1925 propagierte.

Du hast ja schon eingangs das japanische Studio Ghibli als Inspiration erwähnt. Welche Ghibli-Filme magst du am meisten?

„Prinzessin Mononoke“, „Chihiros Reise ins Zauberland” und „Mein Nachbar Totoro” haben mich berührt und geprägt. Das Herausstellungsmerkmal ist die realistische Darstellung der Protagonisten: Statt sie wie leider oft in der westlichen Tradition in Gut und Böse aufzuteilen, finden wir in den Ghibli-Filmen gute als auch schlechte Eigenschaften in einem Charakter vereint (die Hexe Jubaba in „Chihiros…” kümmert sich liebevoll um ihr Baby, ist aber hart zu ihren Angestellten und nutzt sie für ihre Zwecke aus). Das ist unter dem Gesichtspunkt bemerkenswert, als dass man mit dieser ehrlicheren, holistischeren Weltanschauung gerade Heranwachsende davor bewahren kann, auf einfache, populistische Welterklärungsversche hereinzufallen. Komplexität, Diversität und Ambivalenz sind teil unserer Lebenswelt.

Wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen?

Persönlich wünsche ich mir die Genesung eines erkrankten Familienmitglieds. Für uns alle wünsche ich mir, dass wir uns den Herausforderungen unserer Zeit stellen und offen sind für Veränderung. „Der Brand eines Mietshauses gibt den Menschen die Gelegenheit, ihre Nachbarn kennenzulernen.” (Jerry Rubin)