Blog Mira Schleinig am 25. Februar 2020

“Alles ist wahr und alles ist erfunden.” – Interview mit Martin Baltscheit

Im Februar ist mit „Ben und Teo – Zwei sind einer zu viel“ ein neues Kinderbuch von Martin Baltscheit im Verlg Beltz & Gelberg erschienen. Die jungen Leser*innen können darin die Zwillinge Ben und Teo auf ihrem Abenteuer in eine Parallelwelt begleiten, die ihnen ein magischer Spiegel eröffnet. Illustriert wurde diese Erzählung für Kids ab 8 Jahren von der immens talentierten Berliner Zeichnerin Sandra Brandstätter (“Paula – Liebesbrief des Schreckens”). Martin und Paula planen schon weitere Abenteuer von Ben und Teo – und zwar nicht nur als Kinderbuch, sondern auch in Comicform. Pi mal Daumen im Frühjahr 2021 wird bei Reprodukt ein “Ben und Teo”-Kindercomic erscheinen, natürlich ebenfalls von Sandra Brandstätter in Szene gesetzt. Nicht nur deswegen haben wir Martin Balscheit einige Fragen zum Leben mit Zwillingen, Schriftstellerdasein und natürlich über sein neues Buch gestellt.

Wir bedanken uns bei Martin für seine blitzgescheiten Antworten, bei den Kolleg*innen von Beltz & Gelberg fürs Zurverfügungstellen von Leseexemplaren und Bildmaterial und bei Sandra für einen allerersten Work-in-Progress-Schnappschuss auf den kommenden “Ben und Teo”-Comic.

Lieber Martin, dieser Tage erscheint mit “Ben und Teo – Zwei sind einer zu viel”” ein neues, sehr persönliches Buch von dir im Beltz & Gelberg-Verlag. Die Protagonisten Ben und Teo und ihre Eltern sind an deiner eigenen Familie angelehnt. Wie kam es zu der Idee, ein Kinderbuch über deine eigenen Kinder zu schreiben?

11 Jahre Zwillinge sind schon mal ein Buch wert. Familienprojekt. Reflektion. Großer Spaß.

Wie viel von den echten Ben und Teo stecken in den Buch-Versionen? Haben sie beim Entwickeln der Geschichte mitgeholfen?

Die Jungs sind der Anlass und meine schärfsten Kritiker. Sie haben alles gelesen und Details mitbestimmt. Unser Leben ist die Vorlage. Die Wirklichkeit ist das Sprungbrett für die Phantasie. Alles ist wahr und alles ist erfunden. 

Geschwister und ganz besonders Zwillinge, werden ja oft miteinander verglichen und aneinander gemessen. Wer besser in der Schule, oder beim Sport oder beim Klavierspielen ist. Gibt es deswegen manchmal Streit? Wünschen Ben und Teo sich manchmal, keine Zwillinge zu sein? Und wie viel Platz ist für die Entwicklung individueller Vorlieben und Persönlichkeit, wenn man immer eine Doppeleinheit ist?

Zwillinge sind zuerst einmal wie normale Geschwister. Sie teilen sich den Wunsch nach Aufmerksamkeit, Einmaligkeit und müssen sehen wo sie bleiben im Miteinander, Gegeneinander und sind wie alle Menschen immer auf der Suche nach dem was wir „Selbst” nennen. Eineiige Zwillinge jedoch haben das Glück jemanden zu kennen, der tendenziell wie sie selber denkt. Das ist ein unbestreitbarer Vorteil.

Als Vater von Ben und Teo kommst Du selbst auch immer wieder in der Geschichte vor. Wie war es, sich durch die Augen der eigenen Kinder zu beschreiben? Hast Du etwas neues über Dich gelernt? 

Die Arbeit als Künstler funktioniert so: Ich versuche die Welt zu verstehen, um mich zu begreifen. Oder mich kennenzulernen, um die Welt zu verstehen. Jedes Projekt sollte den Künstler voranbringen. Seine Erkenntnisse sollen für den Leser greifbar und hilfreich sein. Denn das sollten Künstler tun: Werke schaffen, die Erkenntnis, Trost und Klarheit im Betrachter schaffen, die er im Alltag oft nicht findet, weil er zu sehr mit Pflichten beschäftigt ist. Über den tröstenden Effekt hinaus, sollte Kunst aber auch inspirieren. Bin ich in der Arbeit inspiriert, überträgt sich der Funke auch auf den Leser.

Im Buch verwendest Du einen recht turbulenten Sprachstil, mit knappen Sätzen und vielen kreativen Wortkombinationen. Ist das die Energie deiner Jungs, die sich in deiner Sprache niederschlägt? Wie gehst du also Autor vor, was Erzähltempo und Sprachstil anbelangt?

Ich kenne die Ungeduld meiner Jungs und ihre Lesegewohnheiten. Sie wollen nicht gelangweilt sein. Wir Schriftsteller schreiben Zielgruppengenau. Das heißt, auch wenn wir in der Arbeit das Unbewusste zulassen, ist im Ergebnis nichts zufällig. Eigene Vorlieben, der Stoff und die Zielgruppe sind die Instrumente der kleinen Literaturmusik.

“Ben und Teo” richtet sich an junge Leser ab acht Jahren. Welche Herausforderungen gibt es für dich als Autor, wenn du für diese Altersgruppe schreibt? Was muss man dabei beachten?

Nicht über und nicht unterfordern. Keine Jugendsprache, die altert zu schnell. Ein zeitloses, klares Sprachkunstwerk erschaffen. Beschreiben, nicht erklären. Tiefe zulassen. Kompliziertes einfach erzählen. Mehrere Ebenen der Gedankenwege. Ein Kind muss nicht alles sofort und auf einmal verstehen, manche Erkenntnisse dürfen auch später kommen.“Ben und Teo” ist als Reihe angelegt und zwar nicht nur als Jugendbuchreihe, sondern auch in Graphic-Novel-Form. Mit der Illustratorin Sandra Brandstätter ist für 2021 ein “Ben und Teo”-Kindercomic geplant. Kannst du uns ein bisschen über das Gesamtkonzept verraten? Warum wolltest du zusätzlich zu den Romanen die Abenteuer von Ben und Teo auch als Comic erzählen?

Ich liebe Comics. Alles ist möglich. Und mit Sandra sind die Möglichkeiten unendlich. Da lassen sich Dinge erzählen, die ich in Prosa gar nicht erzählen kann. Der Comic spricht eine eigene Sprache. In Sandras Arbeiten spielen Rhythmus und Geschwindigkeiten in anderen Dimensionen, das kann ich bei aller Sprachverknappung nicht leisten. Was für ein Tempo! Was für ein Humor. Was für eine Wärme. Ich bin sehr dankbar.

Kannst du uns ein bisschen über deine Kollaboration mit Sandra erzählen? Wie lief eure Zusammenarbeit beim Kinderbuch ab, und in wie weit ändert sich dieses Zusammenspiel, wenn du statt Romanseiten ein Comicszenario für sie schreibst?

Zusammenarbeit ist kollegial, umkompliziert und für mich ein Wunder. Da ist stets mehr zu sehen, als im Szenario zu lesen ist. Für mich ist das pures Glück. Ich will mal nicht zu hoch greifen, aber Goscinny wird sich nicht anders gefühlt haben, als er die Zeichnungen seines Freundes Uderzo gesehen hat.

Darfst du uns schon ein bisschen anteasen, worum es in dem “Ben und Teo”-Kindercomic gehen wird? Wir erzählen es auch niemandem weiter … 🙂

Die große Suche der Söhne nach ihrem verlorenen Vater.

Hand aufs Herz: Verwechselst Du Deine Zwillinge gelegentlich?

Nein. Natürlich nie.

Danke für das Gespräch Martin und viel Erfolg mit “Ben und Teo”!

Am 20. März wird Martin Baltscheit übrigens “Ben und Teo – Zwei sind einer zu viel” in Köln im Rahmen der lit.kid.cologne vorstellen. Infos.