Blog Filip Kolek am 16. Februar 2020

“Alle Geschichten sind in meinem Leben verankert” – Interview mit Hubert

Vergangenen Donnerstag ist im Alter von nur 49 Jahren der französische Comicautor und Kolorist Hubert Boulard („Petit”, „Fräulein Rühr-Mich-Nicht-An“) gestorben. In seinen Erzählungen verhandelte der umtriebige und scharfsinnige Szenarist, ob in Märchenform oder in autobiografischen Stoffen, stets Themen wie soziale Missstände, Familie und Identitätssuche. Ein Gespräch mit Hubert über sein Werk konnte ebenso spannend, unterhaltsam und aufschlussreich sein wie seine Comicgeschichten. 2015 gab er uns zum Erscheinen seiner modernen Fabel “Petit – Riesen wie Götter” (mit Zeichner Betrand Gatignol) ein ausführliches, charmantes Interview, das wir an dieser Stelle wiederveröffentlichen. Auf dem Reprodukt-Blog finden Sie einen Nachruf von Michael Groenewald, der in unser aller Namen von Hubert Abschied nimmt.

Sie haben Ihre Comic-Karriere als Kolorist für andere Künstler begonnen, bevor Sie anfingen, selbst Geschichten zu schreiben. Können Sie uns von den Anfängen Ihrer Arbeit mit Comics erzählen?

Ich bin eigentlich durch Zufall in der Welt der Comics gelandet. Ich habe Kunst studiert und war auf dem besten Weg, mein Glück als Künstler zu versuchen. Ich kreierte konzeptuelle Installationen, machte meinen Abschluss, doch in dem Moment wurde mir klar, dass ich das Milieu der zeitgenössischen Kunst verabscheute. Etwas spät! Also begann ich, einen Roman zu schreiben, aber da ich ein leidenschaftlicher Leser war, nahm ich das Ganze wohl ein wenig zu ernst. Das Gewicht der großen Schriftsteller erdrückte mich, und was ich produzierte, war zu viel des Guten. Während meines Studiums hatte ich mich mit Yoann (dem aktuellen „Spirou”-Zeichner) angefreundet, der in England schon etwas im Deadline-Magazin veröffentlicht hatte, und durch ihn habe ich den Comic wiederentdeckt. Als Kind las ich viele Comics, alles von den Schlümpfen bis zu Fred und Tardi, aber in meiner Familie waren Comics verpönt, sodass ich dann irgendwann damit aufhörte und sie ebenfalls verschmähte. Er hat mir gezeigt, was damals aktuell war, die Amerikaner (Frank Miller, Alan Moore, etc.), L’Association, Cornélius, … Es war ein regelrechter Schock für mich, als ich entdeckte, dass sich dort mein Geschmack zeitgenössischer Kunst mit dem verband, was ich an Romanen mochte. Viel später hat Yoann mich überzeugt, mich im Kolorieren am Computer zu versuchen, da ich mich mit Photoshop gut auskannte, und mich gebeten, ihm eine kleine Geschichte zu schreiben. Ich fing also an und habe seither nicht mehr aufgehört. Da ich trotz allem nicht gut drüber informiert war, was damals sonst noch produziert wurde, ging ich sehr spielerisch an die Sache heran, und das hat meine Schreibblockaden vollkommen gelöst. Außerdem stellte ich fest, dass ich lieber im Team arbeite, was im Vergleich zur Arbeit allein die gleichen Vorteile hat wie der Dialog im Vergleich zum Monolog. Ich finde es bereichernder, meine Ideen mit jemandem auszutauschen, anstatt nur mit mir selbst zu reden! Der Comic hat das große Glück, ein beliebtes, leicht zugängliches Medium zu sein, das nicht verstaubt ist. Man kann darin noch Dinge ausprobieren und seine Grenzen austesten, es ist nicht alles schon gesagt.

Petit“ ist Ihre erste Zusammenarbeit mit dem Zeichner Bertrand Gatignol. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande? Und können Sie uns einen Eindruck von Ihrer Zusammenarbeit geben? Gibt es eine strikte Trennung zwischen Text und Bild, oder entwickeln Sie die Geschichte gemeinsam?

Vor drei Jahren habe ich das Atelier gewechselt und Bertrand kennengelernt, der dort gerade sein vorangegangenes Buch „Pistouvi“ beendete, ein kleines Meisterwerk. Da wir beide die Arbeit des anderen mochten, begannen wir über eine Kollaboration zu reden. Eine schlaflose Nacht vorher entstanden die ersten Grundzüge für eine neue Geschichte: Das Fundament für „Petit“ war gelegt. Allerdings hatte ich zunächst eine „mehrstimmige“ Erzählung im Sinne, in der Petit nur eine von vielen Figuren war. Es wäre ein Buch mit 600 Seiten Umfang geworden! Erst im Gespräch mit Bertrand entstand die Idee, sich auf Petit zu konzentrieren und die jeweilige Geschichte seiner Vorfahren in einzelnen, illustrierten Märchen zu erzählen. Die Thematik des Buches sprach ihn an, aber er war ein wenig erschrocken über das hohe Maß an Arbeit, das sich daraus ergab, vor allem, was die aufwändigen Hintergründe anbelangt. Dennoch ist er nicht davor zurückgeschreckt, die Dinge anzugehen. Im Folgenden gab es mehrere Schreibphasen, in denen ich meine Arbeit Bertrand zum Lesen gab und seine Anmerkungen berücksichtigte. Bei der Zusammenarbeit mit einem Zeichner ist mir wichtig, dass er mit Muße auch an der Ausarbeitung der Geschichte beteiligt ist, sich mit ihr wohl fühlt. Als Bertrand die Welt von „Petit“ entwarf, sprachen wir zwischendurch immer wieder über die bereits feststehenden Seiten, bei denen wir den Eindruck hatten, dass ihnen der richtige Ton noch fehlte. Um es kurz zu machen, unsere Zusammenarbeit gestaltete sich großartig. An Bertrand ist so besonders, dass er sehr nah am Text bleibt: Er visualisiert das geschriebene Wort. So brutal, grausam und schrecklich die Szenen, die ich geschrieben habe, auch waren… Bertrand filtert nicht, er macht es einfach! Unsere Verleger mussten uns manchmal an unsere ursprüngliche Intention erinnern, nämlich dass wir ein lesenswertes Buch machen wollen und keines mit der Altersfreigabe 18. Wir haben nichts an der Geschichte geändert, aber das Artwork an einigen Stellen angepasst.

Wie ist die Idee für „Petit“ entstanden?

Die Idee dafür entstand aus einem persönlichen Hintergrund, der mit meiner Familie zusammenhängt. Meine Mutter wurde schwer krank und die Zunge langsam locker. Viele Familien haben Geheimnisse und was ich erfuhr, lieferte mir Antworten auf viele Fragen, die ich mir vor allem während meiner Psychotherapie gestellt hatte. Dort suchte ich nach dem Ursprung einiger Probleme, einiger Neurosen, doch ich hätte lange in meinen Erinnerungen suchen können, da nicht in meinem Leben der Schlüssel zu ihnen verborgen lag, sondern bei den vorangegangen Generationen. Plötzlich hatte ich den fürchterlichen Eindruck, trotz meiner ständigen Revolte einer bewussten Manipulation zum Opfer gefallen zu sein und bekam Zweifel, dass mein freier Wille überhaupt noch vorhanden war. Aus dieser ersten Intuition heraus entstand „Petit“. Doch anstatt eine rein biografische Erzählung zu schreiben, hatte ich Lust, Biografisches mit einer Gothic-Geschichte zu kombinieren (wie „Die Handschrift von Saragossa“). Aus diesem Genre habe ich vieles als Jugendlicher gelesen. Die Idee zu einer Dynastie von Riesen kurz vor ihrem Untergang erschien mir perfekt, um über dieses Thema zu reden, vor allem, weil ich es so visuell greifbar machen konnte.

Wie Ihr letztes Werk „Schönheit” ist „Petit“ ein modernes Märchen für Erwachsene, das in einem Fantasy-Setting aktuelle gesellschaftliche Themen behandelt. In beiden Büchern geht es um Figuren, die durch ihr „Anderssein“ und die Projektionen und Festlegungen ihrer Umwelt geprägt werden. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Das Thema Identität beschäftigt mich sehr, weil ich selbst lange nach meinem „wahren Selbst“ auf der Suche war! Die Identität eines Menschen setzt sich aus drei Teilen zusammen: Seinem wahren Selbst (oft ist er sich dessen gar nicht bewusst), seiner Selbstwahrnehmung und der Fremdwahrnehmung seiner Umwelt. Die Identität ist eine Form der Illusion, die immer wieder neu konstruiert wird. Ich glaube, die Tatsache, dass ich mir schon in jungen Jahren meines Andersseins bewusst wurde, meiner Homosexualität, und diese für mich selbst akzeptierte, hat mich sensibel gemacht für den Einfluss der Gesellschaft. Die Gesellschaft formt das Individuum und oft merkt dieses es gar nicht. Damit meine ich nicht nur den Gegenwind und die Ablehnung, die viele homosexuelle Menschen tagtäglich erfahren. Das betrifft auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft genauso wie die gesellschaftlichen Erwartungen an den Mann, die auf ihm lasten. Und dann ist da natürlich noch die Gewichtung der Familie. Wir sind keine eigenständigen Individuen, sondern bewegen uns in einer Gesellschaft, die uns ständig formt und beeinflusst.

Die Geschichte von „Petit“ kann als Allegorie gelesen werden: Die Oger als Herrscherkaste, die sich das „gemeine Volk“ im wahrsten Sinne des Wortes einverleibt. Ist dieses Bild ein historisches, das auf die französische Monarchie des 18. Jahrhunderts verweist? Oder kann man es auch auf heute übertragen – werden die Armen noch immer von den Reichen gefressen?

Es gibt mehrere mögliche Lesarten, dessen allegorische Ebene sich auf historische Fakten bezieht, aber nicht einzig und allein auf das 18. Jahrhundert Frankreichs. Es gibt Bezüge zu Louis XIV, zum aufgeklärten Absolutismus Frédérics II, zur Degeneration der Habsburger infolge jahrhundertelanger „Überzüchtung“… Doch gibt es eine Konstante, die sich durch unsere ganze bisherige Geschichte zieht: Während die „herrschende“ Klasse davon überzeugt ist, von Geburt an der Oberschicht anzugehören, vergisst sie, dass auch sie nur vom „einfachen Volk“ abstammt. Dass sie aus dem gleichen Fleisch und Blut ist wie die Allgemeinheit. Die föderalistische Aristokratie ist größtenteils verschwunden, doch es genügt schon, sich das Gerede der Liberalen über Sozialhilfe anzuhören, um zu erkennen, dass sich die Dinge kaum geändert haben. Die soziale Ungerechtigkeit wurde seit einem Jahrhundert nicht ein bisschen reduziert. Statt Blutadel, gibt es heute Wirtschaftsdynastien, die die Ressourcen der „Dritten Welt“ plündern und sich über dem Gesetz wähnen. In ihrer Weltsicht sind die Armen die Sozialhilfeempfänger, die Faulpelze, die nichts dafür tun, um ihre Situation zu ändern, obwohl die Würfel heutzutage doch schon vor der Geburt fallen. Man ist nicht weit entfernt von den berühmten (erfundenen) Worten Marie-Antoinettes: „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen.“ Die Form des Diskurses hat sich geändert, aber die Realität ist die gleiche geblieben.

In „Petit”geht es um die – vermeintlich – festgelegte Bestimmung des Individuums. In der Ständegesellschaft früherer Zeiten, in der die Menschen sozial durch ihre Geburt festgelegt waren, war das eine unüberwindbare Schranke. Inwiefern spielt familiärer Determinismus in der heutigen Zeit nach Ihrer Meinung eine Rolle?

Mich interessiert vor allem der Determinismus innerhalb einer Familie: Inwiefern determinieren die Familiengeschichte, das genetische Erbe und die Erwartungen der Eltern an ihr Kind das Individuum. Viele Eltern können es nicht lassen, ihre Wünsche und ihre Niederlagen auf ihre Kinder zu projizieren, wollen sie nach ihren Vorstellungen formen: „Wenn er/sie groß ist, wird er/sie diese und jene Ausbildung durchlaufen, diese und jene Hochzeit haben, diese und jene Karriere machen, diese und jene Religion ausüben…“ Sie machen sich auch nicht einmal Gedanken darüber, was für ein Typ Mensch ihr Kind ist und was es selbst für Wünsche und Bestrebungen hat. Diese Fremdprojektionen lasten auf dem Kind und beeinflussen seinen Werdegang. Und wenn die Vorstellungen der Eltern nicht kompatibel mit denen des Kindes sind? Wenn die Erwartungen der Eltern zu hoch sind, um vom Kind erfüllt zu werden? All das richtet sich natürlich nach den gesellschaftlichen Normvorstellungen. Wie sollte sich ein Mann oder eine Frau verhalten? Dieser ganze äußere Druck ist Teil der Erziehung, aber ist er wirklich notwendig und fördernd für die Entfaltung des Individuums?

Welche Rolle spielt die Großtante Desdeé in Ihrer Geschichte?

Auch Desdée, Petits „zweite Mutter“, seine Beschützerin, kann nicht umhin ihn nach ihren Vorstellungen formen zu wollen. Sie ist die Rebellin in der Familie, denn sie sympathisiert mit den Menschen, anstatt sie zu verzehren. Sie versucht Petit zu einem friedliebenden Geschöpf zu erziehen und seine gewalttätige Natur zu unterdrücken. Desdée ist, wie ihre verstorbenen Brüder, zu weit weg von ihrer Familie, um einen dauerhaften Einfluss auf sie haben zu können. Sie stellt sich der Tradition und der Ideale ihrer Blutsverwandten entgegen. Noch dazu ist sie eine Frau in einer paternalistisch strukturierten Welt: Werfen wir dazu nur mal einen Blick auf Emione, Petits Mutter. Obwohl sie die Intelligenteste ihrer Generation ist, kann sie sich keine andere Rolle vorstellen als die der Mutter.

Sie haben Graphic Novels geschrieben wie „La Ligne Droite“ und „Les Gens Normaux“, die gesellschaftliche Probleme wie den Umgang mit nicht heteronormativen Lebensentwürfen thematisieren und eher einen biografischen oder dokumentarischen Ansatz haben. Haben Sie Sorge, dass die Leser im Gegensatz zu ihren realistischen Büchern ihre phantastischen Stoffe eher als Entertainment lesen könnten und die „Moral von der Geschichte“ nicht mitnehmen?

Nein. Ich mache keinen Unterschied zwischen fiktionalen und autobiografischen Büchern, da beide in meinem Leben verankert sind. Letztendlich sind beide fiktional, beide mehr oder weniger realistisch und zeitgenössisch – beide entstehen auf gleiche Art und Weise. Übrigens sind „La Ligne Droite“ und „Les Gens Normaux“ ebenfalls Bücher, die Themen wie Familie und konstruierte Identität aufgreifen! Dem Feedback der „Petit“-Leser nach zu urteilen, schätzen diese die Tatsache, dass es sich um eine fiktive Geschichte voller überraschender Wendungen handelt. Sie sind berührt von dem Werdegang der Figuren, von ihrem erbitterten Kampf um einen Platz in der Welt. Ein Leser sagte zu mir: „In dieser Geschichte habe ich einige Dinge aus meiner eigenen Familie wiedererkannt. Vor allem Desdée erinnerte mich sehr stark an eine Tante von mir!“ Ich habe geantwortet: „Wir müssen also von derselben Familie abstammen!“ Obwohl die Figuren ein wenig monströs erscheinen, kann man sich ihnen dennoch nah fühlen: Bertrand und ich haben unsere Emotionen und unser Erlebtes verwendet, um den Figuren Leben einzuhauchen. Das macht die Geschichte lebendig. Im Grunde genommen ist es mir nicht so wichtig, ob die Leute eine Message daraus ziehen. Ich versuche nicht darauf abzuzielen. Hitchcock sagte einmal: „Wenn Sie jemandem eine Message vermitteln wollen, benutzen Sie dafür die Post.“ Es geht nicht darum, den Lesern eine Botschaft oder Moral aufzuzwingen, sondern etwas aus einem bestimmten Blickwinkel zu erzählen und Empfindungen zu teilen. Übrigens hat eine Geschichte für mich selbst immer mehrere Bedeutungen und so wird jeder Leser immer ein Stück weit seine eigenen Schlüsse daraus ziehen. Mir war es wichtig, bei dem Thema Familie das Gefühl zu erwecken, dass es sich um eine sehr viel komplexere Sache handelt, als man es aktuell aus den Mündern der Konservativen hört: Die Familie ist ein Schmelztiegel, in dem sich Liebe, Hass, Groll etc. vereinen… Das Familienideal gibt es nicht. Es handelt sich um den Menschen, also ist es kompliziert!