Blog Filip Kolek am 1. Juli 2022

Interview: Lukas Jüliger spricht mit Schülerpraktikantin Charlotte

Gestern hat unsere Schülerpraktikantin Charlotte auf dem Repro-Blog über die aktuelle Lukas-Jüliger-Ausstellung in Berlin geschrieben, die wir uns vom Repro-Team zusammen mit ihr angeschaut hatten. Im Rahmen ihres Praktikums hatte Charlotte auch die Gelegenheit, den Comickünstler selbst zu treffen und ihm zu seiner Ausstellung, seinem Werdegang und seinem Werk einige Fragen zu stellen.

Viel Spaß also mit dem Interview mit Lukas Jüliger, und vielen Dank für deine Arbeit und Hilfe bei uns, Charlotte!

Wie kamst du zum Zeichnen? Und wann hast du die Liebe zum Comic entdeckt?

Das war, glaube ich, als ich noch ziemlich klein war. Mit fünf oder sechs Jahren habe ich die „Ninja-Turtles“ entdeckt und ein paar Jahre später „Tim und Struppi“. Und dann mit sieben in einem Schulaufsatz, in dem man über den späteren Berufswunsch schreiben sollte, stand: Ich möchte Comiczeichner werden.

Wie kamst du zu Reprodukt? 

Mein größter Wunsch seit ich klein war, war es, einen Comic zu veröffentlichen. Zu Reprodukt bin ich gekommen, als ich im ersten oder zweiten Semester meines Illustrationsstudiums war. Ich hatte Reprodukt eine 10-seitige illustrierte Kurzgeschichte geschickt, in der es um einen jungen Mann geht, der sich im Wald verbuddelt und zu einem rachsüchtigen Waldgott mutiert, der sich an der Menschheit rächt. Das fand der damalige Redakteur sehr gut und hat mich kontaktiert und gefragt, ob ich Stoff hätte für ein ganzes Buch. Meine Antwort: „Ja, natürlich.“ Ich fing mit der Arbeit an „Vakuum“ an und dann ging alles sehr schnell …

Woher nimmst du deine Ideen/Inspirationen für deine Bücher?

Von allem, das was irgendwie durch meinen Kopf wandert. Das können Gespräche sein, das kann Musik sein, das können Filme sein. Eigentlich alles an Kultur. Ich kann das gar nicht so genau benennen, manchmal sind einfach Ideen da. Manchmal kriege ich auch Ideen, indem ich mich einfach dazu zwinge, etwas zu schreiben, wenn ich mich mit meinem Skizzenbuch und meinem Notizbuch hinsetzte. Das ist eigentlich das Spannende an dem Prozess, dass ich das gar nicht so genau benennen kann, sondern das Vieles einfach so kommt. Daran erkenne ich, dass eine Geschichte gut wird, wenn einfach Ideen aus dem nichts kommen und die Geschichte fast ein Eigenleben entwickelt.

Finden Sie die Lebensweise, die „Earthboi“ in Ihrem Comic “Unfollow” vorlebt, richtig? Und wenn ja, könnten Sie sich vorstellen, dass so der Klimawandel gestoppt werden kann?

Ja, wahrscheinlich, oder? Ich glaube nur nicht, dass das alle Menschen machen würden. Ich weiß auch nicht, ob ich das gerne machen würde, so in der Natur, mit Ameisen, die einem auf dem Körper herumkrabbeln. Aber das alles ist natürlich eine utopische Vorstellung, die wenig überraschend ins Dystopische kippt. Wenn ich ehrlich bin, die meisten Menschen die sich fürs Aussteigertum entscheiden, sind meistens keine Menschen, mit den ich gerne rumhängen würde. Dadrunter gibt es viele Esoteriker oder Rechtsradikale. Aber ich bin mir sicher, dass es da einen Mittelweg gibt. Auf jeden Fall ist die zur Natur zugewandte, nachhaltige Lebensart die Antwort. Ich habe allerdings meine Zweifel, dass der Großteil der Menschheit sich dazu bewegen lässt. Oder was da genau die Wege wären, das irgendwie zu erreichen. Aber das ist eben das Tolle an der fiktionalen Erzählung, dass man das einfach so schreiben und sich so ein bisschen in den Utopien verlieren kann.

In „Unfollow“ und „Vakuum“ spielen Gerüche eine große Rolle. Warum ist das so? Und wie kann man im Comic eine Sinneswahrnehmung wir Gerüche am besten umsetzten?

Es gibt zwei Möglichkeiten, nicht-visuelle Sinneswahrnehmungen im Comic umzusetzen. Über die narrative oder über die zeichnerische Ebene, und ich habe mich für die narrative Ebene entschieden.

Die Gerüche spielen in den zwei Comics eine große Rolle, weil ich finde, dass Gerüche sehr intensiv sein können. Zum Beispiel beim U-Bahnfahren. Auf der anderen Seite können bei mir Gerüche, ich denke, dass ist bei vielen Menschen so, einfach Erinnerungen loslösen. Man hat einen Geruch in der Nase und plötzlich ist man in einer ganz anderen Zeit und an einem anderen Ort. Das ist für mich absolut magisch. Und das können eben Gerüche wie keine andere Sinnesebene.

Wie kam es zu deiner Ausstellung? Und was zeigst du dort?

Ich zeige einen Weg durch meine Werke, ab „Vakuum“, über diverse freie Arbeiten, meinem zweiten Buch „Berenice“ und eben „Unfollow“. Das ganze über vier Räume verteilt, dazwischen viele freie Arbeiten und einen Raum, in dem ich meine animierten Zeichnungen in die dritte Dimension hole, indem ich alles mit verschieden Objekten ausgestattet habe. Das war ein enormer Spaß, nicht zuletzt, weil mir die Galerie ein Budget zur Verfügung gestellt hat, mit dem ich Gegenstände anschaffen, die ich mir sonst niemals kaufen würde, die aber irgendwie in meinen Zeichnungen auftauchen.
Im letzten der vier Räume hängen ganz bleiche Zeichnungen. Das war meine „bleiche Phase“, 2014 bis 2017. Da hatte ich mich eher der freien Kunst zugewandt und diese „undigitalisierbaren“ bleichen Zeichnungen angefertigt, die, weil man sie eben nicht einscannen kann, ich nicht wirklich mit der Welt teilen kann. Deswegen ist es in meinem Lebenslauf so eine graue Fläche, wo nichts ist. Aber es war schön, die jetzt endlich mal in einer Ausstellung zu zeigen.
Zu der Ausstellung gekommen, bin ich über die Leiterin der Galerie, die ich kenne und die ein großer Fan meiner Arbeit ist. Und als sie dort die Leitung übernommen hat, hat sie sich das groß auf die Fahne geschrieben, dass sie mal ein Lukas-Jüliger-Ausstellung machen will.

Ist es normal für einen Comiczeichner, dass seine Bilder oder Zeichnungen ausgestellt werden? Und wie wichtig sind Ausstellungen für Comiczeichner?

Ich glaub es ist schon oft so, dass Comicseiten ausgestellt werden. Ich war auch gerade auf dem Comic-Salon Erlangen, wo es auch viele Comic-Ausstellungen gibt. Für Comic-Interessierte ist es immer sehr interessant, die Originalseiten zu sehen, und für mich ist es auch irgendwie schön, weil viele von den Seiten, vor allem bei „Vakuum“, so unwahrscheinlich detailliert sind. So würde ich nie wieder arbeiten. Dieser Zeichenstil ist völlig selbstzerstörerisch und für mich total unökonomisch. Aber freue ich mich, diese Arbeiten noch mal öffentlich zeigen zu dürfen. So hat man das Gefühl, die Arbeit ist nur nur in das Buch geflossen, sondern hat auch darüber hinaus Wert. Die Ausstellung ist für mich eine Möglichkeit, einen Teilabschnitt meines Lebens noch mal zu erleben und Review passieren zu lassen. Das ist für mich persönlich als Künstler schon ziemlich toll.

Und jetzt noch zum Schluss: Welches von deinen Büchern magst du am meisten und warum?

Irgendwie lande ich immer wieder bei meinem zweiten Buch „Berenice“, weil es einfach so viel Spaß gemacht hat, es zu zeichnen. Es hatte auch nur 60 Seiten, im Gegensatz zu über 100 Seiten bei den beiden anderen. „Berenice“ basiert so grob auf einer Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe, die ich „frisiert“ habe. Und dieses narrative Grundgerüst zu haben und darauf meine eigene Erzählung zu bauen, hat einfach Spaß gemacht und ging auch relativ schnell. Während die beiden anderen Bücher, die ich natürlich auch liebe auf anderer Ebene, riesige Kraftakte waren. Und vor allem das erste Buch „Vakuum“ ist so wahnsinnig persönlich, dass ich mir das kaum noch ankucken kann. Deswegen, vom Kraftaufwand, Spaßfaktor und dem visuellen Ergebnis lande ich irgendwie immer wieder bei „Berenice“. Aber auf der anderen Seite, von der Message und der emotionalen Energie, ist es vielleicht „Unfollow“, auf das ich am stolzesten bin.
Eigentlich bin ich auf alle gleich stolz! Das ist ein bisschen so, wie wenn man als Elternteil gefragt wird: „Welches ist den Lieblingskind?“ Eigentlich darf man keinen Liebling haben.