Blog Filip Kolek am 28. Dezember 2017

Zwischen-den-Jahren-Interviews II: Riad Sattouf

Im Frühjahr 2017 erschien mit ESTHERS TAGEBÜCHER: MEIN LEBEN ALS ZEHNJÄHRIGE der erste Band eines neuen Comic-Langzeitprojekts des Franzosen Riad Sattouf. Seine Protagonistin, die zehnjährige Esther, gibt es wirklich. Sie ist die Tochter eines befreundeten Ehepaares. Sie erzählt Sattouf regelmäßig über ihr Leben, ihre Familie, ihre Freundinnen und den Schulalltag, und Sattouf erzählt ihr Leben nach, in tagebuchartigen One-Pagern. Jedes Jahr wird ein neuer Comicband erscheinen (Band 2 ist bei Reprodukt für März 2018 geplant) – die LeserInnen werden in den kommenden Jahren Esther beim Erwachsenwerden begleiten.

Für die Pressearbeit zum ersten Band traff uns Riad Sattouf für ein sehr sympathisches Interview, das wir euch hier jetzt präsentieren. Viel Spaß dabei!

9783956401183Danke Riad, dass Du Dir die Zeit nimmst, mit uns über Dein neuestes Buch zu sprechen. Die Episoden in ESTHERS TAGEBÜCHER basieren auf wahren Begebenheiten und Erzählungen von einem kleinen neunjährigen Mädchen namens Esther. Kannst Du uns ein wenig über Esther erzählen? Wie habt ihr euch kennengelernt und wie sah eure Zusammenarbeit aus?

Bei meiner Arbeit an DER ARABER VON MORGEN dachte ich viel an meine Kindheit in Syrien zurück. In dieser Phase traf ich die kleine Tochter eines Freundes. Sie war neun und ein ziemlich normales Mädchen, das in Paris lebt – ganz anders als ich, der im nahen Osten aufgewachsen ist. Das hat mich interessiert. Esther hat keine Probleme – jedenfalls keine augenfälligen. Ihre Eltern lieben sich, sie sind weder besonders reich noch besonders arm, sie ist hübsch und gut in der Schule. Sie begann mir über ihr Leben zu erzählen. Sie ist erst neun Jahre alt und hat sehr bestimmte Vorstellungen darüber, in welche Kategorien Menschen eingeteilt werden können. Es gibt hässliche Menschen, schöne Menschen, berühmte Menschen… Es war interessant zuzuhören. Als wäre sie eine Reisende und würde mir von den Streifzügen durch ihre Kindheit erzählen. Also kam mir die Idee, einen Comic daraus zu machen. Ich begann sie wöchentlich anzurufen oder zu treffen und kleine Geschichten aus ihren Erzählungen zu machen. So hat es angefangen.

Esther3

ESTHERS TAGEBÜCHER soll ein Fortsetzungsprojekt mit insgesamt 8 Folgen werden, die jährlich erscheinen. Du planst, Esther durch ihre Jugend hinweg zu begleiten, bis sie eine junge erwachsene Frau ist. Was erhoffst Du Dir von einem solchen langfristigen Projekt? Befürchtest Du, dass Esther als Teenager keinen Bock mehr haben könnte und Dir abspringt?

Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Wenn sie 16 Jahre alt ist, wird sie vielleicht Punk und rebelliert oder so. Aber momentan denke ich nicht an solche Eventualitäten. Sie erzählt mir einfach ihre Geschichten. Wobei, eigentlich sind es keine Geschichten. Sie erzählt mir etwas aus ihrem Leben und ich mache kleine Geschichten daraus. Zum Beispiel frage ich sie, welche neue Band sie gerade hört und dann spricht sie mit mir über Musik. Oder sie erzählt mir von hippen, neuen Marken. All die Kinder und Teenager lieben Marken, und so lerne ich von ihr auch etwas über diese Welt. Es war mir wichtig dieses Comicprojekt so langfristig anzulegen, weil es mich interessiert zu sehen und zu zeigen, wie sich moralische Ansichten und Werte über die Jahre entwickeln. Als ich Esther kennenlernte, meinte sie zum Beispiel, sie hasst hässliche Jungs. Und letztens hat sie mir erzählt, dass hässliche Jungs auch intelligent sein können. Aber trotzdem ist sie in die gut aussehenden Jungs verknallt. Solche Sachen sagen, denke ich, viel über unsere Gesellschaft aus. Ich stelle mir immer vor, wenn es ein Atominferno gäbe und Außerirdische auf die verwüstete Erde kämen, dann würden sie meine Comics finden und denken: „Aha, So haben die Menschen damals also gelebt?!“ Das ist mein Ziel, eine Momentaufnahme der Gesellschaft. Das ist nicht sehr bescheiden, ich weiß. Tut mir Leid, es ist prätentiös, aber das ist es, was ich hier versuche.

Der Araber von morgen Band 1 von Riad SattoufWelche Ähnlichkeiten erkennst Du zwischen Deiner und Esthers Kindheit? Was haben Esther und der kleine Riad aus DER ARABER VON MORGEN gemein?

Bei Esther – und ich denke die allermeisten Kinder sind so – spielt alles Sinnliche eine sehr große Rolle. Im Gespräch mit einem Erwachsenen ist es beispielsweise sehr selten, dass man darüber spricht wie jemand gerochen hat oder wie etwas geklungen hat. Bei Kindern geht es ständig um Geräusche, Gerüche, Geschmäcker… Sie sind wie Tiere. Als ich klein war, war ich so, und Esther ist es auch. Sie sagt mir häufig Sachen wie: „Dieser Junge aus
meiner Klasse riecht so übel.“, oder: „Mein Klassenzimmer riecht, als hätte jemand die Wand mit… soundso gewaschen.“ Mir gefällt ihre sinnliche Art die Welt wahrzunehmen und zu beschreiben. Eine weitere Ähnlichkeit ist die starke Trennung von Mädchen und Jungen. Esther geht auf eine Privatschule mit vielen reichen Kindern in Paris, ich bin in einem sehr armen syrischen Dorf nahe Homs aufgewachsen. Trotzdem ist es scheinbar überall dasselbe: Jungs spielen mit Jungs, Mädchen spielen mit Mädchen. Jungs spielen Fußball und Mädchen spielen… ähm… andere Spiele.

Und wo liegen Deiner Meinung nach die größten Unterschiede zwischen einer Kindheit heutzutage und vor 30 Jahren?

Esther ist besessen von Spitzentechnologie. Es ist immer sehr wichtig, wer das neueste iPhone hat. Das war bei mir natürlich ganz anders. Es gab keine Technologie. Das ist der größte Unterschied, denke ich.

In Deinen Beobachtungen in DER ARABER VON MORGEN scheinst Du viele Probleme und Ursprünge der neueren Entwicklungen im Nahen Osten zu beschreiben. Wenn der kleine Riad uns Einblick in die arabische Welt der 80er gibt, was erzählt uns Esther über Frankreich im Jahr 2017 und über mögliche zukünftige Entwicklungen?

Uh, eine sehr ambitionierte Frage… Sehr kompliziert. Wann immer ich versuche etwas zu analysieren oder zu generalisieren, werden meine Antworten etwas schwach… Es fällt mir schwer, meine Kindheitserinnerungen an Syrien mit der heutigen Situation in Beziehung zu setzen. In DER ARABER VON MORGEN erzähle ich einfach meine Geschichte. Vielleicht kann man das Heute mit der damaligen Situation vergleichen, in der Annahme, dass es eine vorrevolutionäre Situation war beziehungsweise ist, weil die soziale Schere immer weiter aufgeht und es so viel Ungleichheit gibt. Aber hätte mich jemand vor 10 Jahren gefragt, ob sich die Situation in Syrien ändern wird, hätte ich sicherlich Nein gesagt… Der Gedanke, dass Ursachen für zukünftige Entwicklungen im Comic bereits erkennbar sind, ist interessant. Aber das muss der Leser selbst weiterdenken. Es ist jedenfalls nicht meine Absicht Prognosen zu machen.

Esther

Wie wurde der erste Band von Esther selbst aufgenommen?

Während ich an dem Comic arbeitete, war sie nicht wirklich interessiert am Projekt. Sie liest keine Comics und es hat sie einfach nicht besonders interessiert. Aber als das Buch herauskam, gab ich ihr ein Exemplar, das sie las, und es hat ihr sehr gefallen. Sie meinte: „Ja, ich mag es, weil Esther ist irgendwie ich, aber irgendwie auch nicht. Das ist lustig.“ Sie hat mir auch gestanden, dass sie in echt mehr „schlimme Worte“ benutzt als im Comic. Für den Comic hab ich tatsächlich versucht, die Anzahl Schimpfwörter zu begrenzen.