Blog Filip Kolek am 27. Dezember 2017

Zwischen-den-Jahren-Interviews I: Daniel Clowes

ClowesKann man es schon eine Tradition nennen? In den letzten Jahren haben wir zwischen den Jahren auf dem Reprodukt-Blog Interviews veröffentlicht, die wir im Laufe des jeweiligen Jahres für unsere Öffentlichkeitsarbeit (vor allem für die PDF-Pressedossiers) mit unseren Künstlerinnen und Künstlern geführt haben. Und das wollen wir wieder machen. (Na, nennen wir das dieses Jahr noch „eine liebe Gewohnheit“ – und ab dem nächsten dann „Tradition“, einverstanden?)

9783956401190Den Anfang macht der US-Amerikaner Daniel Clowes, der 2017 gleich zweimal das Reprodukt-Programm bereichert hat. Im März erschien seine aktuellste Arbeit: das Low-SciFi-Zeitreise-Liebesdrama PATIENCE. Und im Mai folgte eine (hand-)geletterte Neu-Edition seines Misantrophen-Serials WILSON (dicht gefolgt von der Kino-Version mit Woody Harrelson in der Rolle des titelgebenden Miesepeters, die im Sommer in den Arthaus-Kinos lief: WILSON – DER WELTVERBESSERER).

Das folgende Interview entstand Ende Januar 2017 auf dem Comicfestival Angoulême, auf dem Daniel Clowes die französische PATIENCE-Ausgabe promotete und sich dankenswerterweise kurz für uns Zeit nahm.

Vielen Dank, Dan, dass Du mit uns über Dein neuestes Buch PATIENCE sprichst. Worum geht es in PATIENCE? Was hat Dich an der Idee des Zeitreisens interessiert?

Ich war nicht besonders interessiert an den wissenschaftlichen Mechanismen einer Zeitreise. Das übersteigt bei weitem mein physikalisches Verständnis. Mich interessierte das Reisen durch die Zeit eher als Metapher – als eine Möglichkeit Charaktere zu erkunden und zu erforschen, wie wir mit Erinnerung und unserer eigenen Vergangenheit umgehen. Für mich geht es in PATIENCE um diese kleinen Entscheidungen, die wir alle ständig treffen. Es geht darum wie die Aneinanderreihung dieser Entscheidungen uns entweder an Orte, die wir uns nie erträumt hätten, oder zu katastrophalen Enden führen kann.

PATIENCE ist offenkundig eine fiktionale Geschichte. Gab es einen Schlüsselmoment in Deinem Leben, der Dein Interesse an dem Gedankenspiel des Zeitreisens geweckt hat? Sind Deine Figuren an realen Menschen angelehnt?

Ja, vor einigen Jahren habe ich eine größere Retrospektive für eine Museumsausstellung zusammengestellt. Dabei sind mir Arbeiten in die Hand gefallen, an die ich viele Jahre lang nicht mehr gedacht hatte. Es entstand eine Art Dialog zwischen meinem alten Ich und meinem jungen Ich, in dem ich versuchte nachzuvollziehen, wie ich vom jungen zum alten Dan geworden war. Beide schienen mir sehr unterschiedliche Personen zu sein – mit nur wenigen Ähnlichkeiten. Das war die Grundidee zu PATIENCE: Zwischen einer jungen und einer älteren, sehr anderen Version einer Figur herumzureisen und sich darüber zu wundern, wie wir uns im Laufe eines Lebens verändern und zu ganz anderen Menschen werden. Alle meine Figuren basieren auf echten Menschen und Begegnungen. Die allermeisten sind aber keine Eins-zu-eins-Portraits, sondern eher eine Mischung mehrerer Leute. Wenn eine Figur sehr stark nach einer spezifischen Person geschrieben ist, muss ich die Haarfarbe und anderes verändern, sodass ich es glaubhaft abstreiten kann, sollte ich damit konfrontiert werden.

Patience-Auszug

Welche Entwicklung siehst Du selbst in Deiner Arbeit von EIGHTBALL bis PATIENCE? Nimmst Du Deine alten Arbeiten anders wahr, wenn Du sie heute anschaust, als damals als sie entstanden sind?

Ich versuche es zu vermeiden über meine eigene Entwicklung nachzudenken. Ich denke es ist irgendwie kontraproduktiv sich als Künstler aus dieser Perspektive zu betrachten. Eher sehe ich mich in der Mitte eines wilden Tornados – ein Ding der Unmöglichkeit da den größeren Kontext zu erkennen, der alles umgibt. Aber als ich an der EIGHTBALL-Anthologie arbeitete, hat es mich schockiert zu erkennen, wie viel Persönliches eingeflossen war, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es öffentlich thematisiert hatte. Es war viel persönlicher und emotionaler als ich es in Erinnerung hatte.

Was würdest Du als erstes tun, wenn Du die Gelegenheit hättest durch die Zeit zu reisen?

Darüber habe ich selbstverständliche viel nachgedacht. Und natürlich wäre es interessant sich in der Zeitgeschichte umzuschauen und zu sehen, ob Jesus gelebt hat und derartige Dinge… Aber ich musste feststellen, dass der stärkste Impuls für mich wäre, in meine eigene Kindheit zurückzureisen und zu sehen, wie sie wirklich war. Ich habe mein Leben lang versucht, mich an meine Vergangenheit zu erinnern, aber die Erinnerungen sind sehr vernebelt und unscharf. Also würde ich dem gerne nachgehen – obwohl das auch eine schreckliche Verschwendung der Gelegenheit wäre.

9783956400735Viele Deiner Comics wurden verfilmt – GHOST WORLD zum Beispiel und kürzlich WILSON. Hat Deine Erfahrung mit der Arbeit an Filmen etwas daran geändert, wie Du über Comics denkst?

Ja, es hat mir vor allem gezeigt, was ich an Comics habe. Einen Film zu drehen ist eine sehr kollaborative Angelegenheit. Ich schreibe im Prinzip nur eine Mustervorlage für einen Film, die andere dann ausfüllen. Jeder Regisseur würde einen komplett anderen Film daraus machen als jeder andere Regisseur. Wenn ich aber Comics zeichne, bin ich ein absoluter Gott. Ich habe ultimative Entscheidungsfreiheit über den gesamten Prozess und kann tun und lassen, was ich will. Ich gebe niemals etwas ab, mit dem ich nicht hundertprozentig zufrieden bin.

Bei so viel Kontrolle – spielt denn auch der Zufall eine Rolle in der Entstehung und Entwicklung einer Geschichte?

Auf jeden Fall, ja! Ich bemühe mich Geschichten intuitiv zu finden. Ich versuche beim Zeichnen nicht zu programmatisch zu sein und offen zu bleiben für diese magischen Ideen, die einen einfach anspringen während man arbeitet und das Gehirn damit beschäftigt ist, den Kosmos einer neuen Geschichte zu ersinnen.

Danke für das Gespräch!

Patience-Auszug1